Einflussfaktoren auf den Bildungs(miss-)erfolg bei Migrantenkindern. Familiäre und schulische Kontextbedingungen im Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bildungssituation von Migrantenkindern in Deutschland
2.1 Die Entwicklung der schulischen Integration von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem
2.2. Was bedeutet Bildungserfolg?
2.3 Aktuelle Daten zur Bildungsungleichheit bei Migrantenkindern
2.4 Konsequenzen der Heterogenität

3. Einflussfaktoren auf den Bildungs(miss)erfolg bei Migrantenkindern
3.1 Familiärer und individueller Bildungskontext
3.1.1 Unterschiede in dem kulturellen und sozialen Kapital der Herkunftsfamilie
3.1.2 Sprachbeherrschung
3.1.3 Einreisealter und Rückkehrabsichten
3.2 Institutionelle Diskriminierung: Die Rolle der Schule und der Lehrkräfte

4. Zusammenfassung:

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Die Ergebnisse von internationalen Schulleistungsstudien, wie zum Beispiel TIMSS oder PISA, haben entscheidend dazu beigetragen, dass Schulleistungen wieder in den Blickpunkt der Bildungspolitik gerückt sind. Gerade unmittelbar nach dem PISA -Schock 2000, bei dem deutsche Schüler im internationalen Vergleich sehr schlecht abschnitten, waren Schulleistungen ein zentrales Thema. Grund genug waren die schlechten Ergebnisse, denn die deutschen Schülerinnen und Schüler zeigten im Entwicklungsstand von 15 Jahren in den naturwissenschaftlichen Fächern und Mathematik schlechtere Leistungen und hatten zudem Defizite in den Lesekompetenzen verglichen mit Gleichaltrigen aus den Nachbarländern. Ein Viertel der sogenannten „Risikoschüler“, deren Fähigkeiten am Ende der Schulzeit stark zurücklagen, wurden sogar als potentielle Analphabeten eingestuft und auch die Leistungen von besseren Schülerinnen und Schülern mit höherem Kompetenzniveau lagen hinter denen der Nachbarländer.1 Schulleistungen sind seitdem wieder zentrales Thema der Bildungspolitik und es kam sogar zu einer empirischen Wende, wonach die Leistungsfähigkeit des Schulsystems jetzt an objektiv messbaren Leistungen, genannt Output-Steuerung, gemessen wird.

Die Öffentlichkeit und die Politik sahen die Ursache für das schlechte Abschneiden Deutschlands in den Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Dies kann aber nicht der Grund für das unbefriedigende deutschlandweite Ergebnis sein, da weitere Einwanderungsländer wie Kanada oder Schweden sehr gut in dem internationalen Leistungsvergleich abgeschnitten haben.

Nichtsdestotrotz seien laut PISA schlechtere Schulleistungen und niedrigere Kompetenzniveaus bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Tatsache, die neue Herausforderungen auf dem Feld der Integrationspolitik bietet und dessen Ursachen das deutsche Bildungssystem versucht zu ergründen.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach den Faktoren, die eine Bildungsbenachteiligung bei Migrantenkindern beeinflussen. Da Leistungen immer aus den Aktivitäten eines Einzelnen entstehen, könnte man annehmen, dass individuelle Schülermerkmale den größten Einfluss auf die Schulleistung haben. Doch welche Rolle spielen das sozioökonomische und kulturelle Kapital der Herkunftsfamilie, die Sprachbeherrschung der Migrantenkinder oder die institutionelle Diskriminierung in der Schule? Welche dieser zuletzt genannten Faktoren wiegen am Schwersten bezüglich der Bildungsbenachteiligung?

Die vorliegende Arbeit fokussiert und vergleicht herkunftsspezifische und schulinterne Faktoren miteinander und versucht deren Bedeutung für den Bildungserfolg der Migrantenkinder herauszukristallisieren. Dazu wird zunächst die Bildungssituation von Migrantenkindern thematisiert, wobei auf die Entwicklung der schulischen Integration von Migrantenkindern, auf den Begriff „Bildungserfolg“, auf aktuelle Daten zur Bildungsungleichheit bei Migrantenkindern sowie die Konsequenzen dieser Heterogenität eingegangen wird. Anschließend widmet sich die Arbeit den Ursachen des negativen Bildungserfolgs bei Migrantenkindern, wobei hier der Schwerpunkt auf den Kontexteffekten Familie und Schule liegt, da diese einflussreiche Umwelten für Schülerinnen und Schüler darstellen.

Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, die diversen Faktoren der Bildungsungleichheit gegenüberzustellen und zu erörtern, welche eine größere Rolle im Bildungsweg ausländischer Schülerinnen und Schüler spielen und somit Ansatzpunkte zur Förderung bieten.

2. Die Bildungssituation von Migrantenkindern in Deutschland

2.1 Die Entwicklung der schulischen Integration von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem

Deutschland hatte lange Zeit das Selbstverständnis eines Nicht- Einwanderungslandes und es wurde davon ausgegangen, dass die Einwandererfamilien zeitnah wieder in ihre Heimat zurückkehren. Ausgehend von dieser Annahme wurden für die Kinder der einreisenden Gastarbeiter auch keine schulpolitischen Maßnahmen zur schulischen Integration getroffen.2 Trotz der gegenteiligen Annahme, hat sich Deutschland im vergangenen Jahrhundert zu einem der beliebtesten Einwanderungsländer entwickelt, was sich auch im Bildungswesen bemerkbar gemacht hat. Unter den 15-jährigen Schülerinnen und Schülern haben im Jahre 2006 jede, beziehungsweise jeder fünfte, unter den Viertklässlern bereits jede beziehungsweise jeder vierte und bei den Kindern unter fünf Jahren schon jedes dritte Kind einen Migrationshintergrund.3

Erst im Jahre 1964 kam es im deutschen Schulsystem zu einer integrativen Reformmaßnahme, in der die Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK), eine Ausdehnung der allgemeinen Schulpflicht auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erklärte. Durch speziell dafür organisierte Fördermaßnahmen wie Hausaufgabenhilfe oder Förderstunden sollte den ausländischen Schulkindern ein Anschluss an den regulären Schulunterricht ermöglicht werden.

Trotz aller Bemühungen der letzten Jahrzehnte sind dennoch Differenzen zwischen deutschen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund bezüglich ihres Schulerfolgs und ihren Bildungschancen zu verzeichnen, da ausländische Kinder erheblich schlechter im bundesdeutschen Bildungs- und Ausbildungssystem abschneiden als ihre deutschen Klassenkameraden. Zwar schien sich die Bildungssituation von Migrantenkindern in den 1990er Jahren zu verbessern, da eine positive prozentuale Entwicklung zugunsten von Migrantenkindern und ihren Schulabschlüssen (Realschulabschluss von 20 auf 44 Prozent ; Fachhochschulreife von 2 auf 8 Prozent ; Abitur von 4 auf 10 Prozent) zwischen 1983 und 1999 zu verzeichnen war, diese aber auch bei der deutschen Vergleichsgruppe ähnliche Züge annahm, weshalb eher von einem allgemeinen Trend auszugehen war als von einer wahrhaftigen Verbesserung der Bildungschancen für Migrantenkinder.4

In der politischen Agenda der 1990er Jahre wurde der Schulmisserfolg der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund jedoch nur indirekt thematisiert und keinerlei Ursachenforschung betrieben, obwohl „die interkulturelle Bildungsforschung auf die mangelnde Integrationsfähigkeit des deutschen Bildungssystems hingewiesen“5 hat. Erst mit den breit angesetzten Schulleistungsstudien Anfang 2000 beschäftigte sich die Agenda eingehend mit den Einflussfaktoren Ethnizität, soziale Herkunft und Geschlecht auf die Bildung. Seit den PISA -Studien ist die bildungspolitische Herausforderung der schulischen Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund vermehrt in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Die Beseitigung von Leistungsunterschieden zwischen verschiedenen Schülergruppen und des damit zusammenhängenden Schulerfolgs hat seitdem höchste Priorität auf der politischen Agenda der Bundesregierung.6 Es galt und gilt immer noch herauszufinden, wie sich ein Migrationshintergrund auf die Bildung, und die Bildung sich wiederum auf die Integration von Einwanderern und ihren Nachfahren auswirkt.7 Bei der Problematik der Bildungsbenachteiligung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund handelt es sich um eine junge Forschungsrichtung der deutschen Bildungsforschung bei der noch erhebliche Forschungslücken bestehen und teilweise ungenaue und widersprüchliche Forschungsergebnisse vorliegen.

2.2. Was bedeutet Bildungserfolg?

Der Bildungsbegriff in Deutschland ist funktionalistisch-instrumentell ausgerichtet und orientiert sich an globalen Kompetenzen, also Fähigkeiten die weltweit anwendbar sein sollen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Vereinheitlichung von bestimmten Lerninhalten sowie deren angemessene Vermittlung, wobei der Bildungserfolg eines Schülers in Form von schulischen Zertifikaten attestiert wird. Dieser Bildungsbegriff richtet sich zudem nach den gemessenen Bildungserfolgen, wie eine hohe Schullaufbahn mit guten Abschlüssen oder guten Testleistungen in bestimmten Fächern aus. Der Erfolg gilt dabei als das Resultat einer individuellen Leistung und wird extern vom Lehrer bewertet. Zusammengefasst meint der Begriff Bildungserfolg das Erreichen gewisser schulischer Kompetenzen die auch zukünftig nützlich sein sollen.8

2.3 Aktuelle Daten zur Bildungsungleichheit bei Migrantenkindern

Wie in dem vorangehenden Text bereits erwähnt, zeigen Jugendliche mit Migrationshintergrund im bundesweiten Vergleich schlechtere Schulleistungen als ihre deutschen Klassenkameraden, was auch zu Ungleichverteilungen in den Schulbesuchsquoten von weiterführenden Schulen führt. Ausgehend von diversen Befunden aus der Forschung ist eine Ballung an Nachteilen für ausländische Schülerinnen und Schüler gegenüber deutschen Schülern festzustellen, was sowohl in der vorschulischen institutionellen Betreuung als auch in den Bereichen der Primar- und Sekundarschulbildung der Fall ist.9

Diese Bildungsbenachteiligungen für ausländische Schülerinnen und Schüler lassen sich anhand weiterer zusammengefasster Daten verdeutlichen. Laut eines empirischen Befundes des Konsortiums Bildungsberichterstattung Deutschland, bekommen ausländische Kinder weniger vorschulische Betreuung und werden beim Schuleintritt überproportional häufig zurückgestellt im Vergleich zu ihren deutschen Altersgenossen.10 Weiterhin besuchten ausländische Kinder nach der Grundschule deutlich öfter eine Hauptschule und deutlich weniger eine Realschule oder ein Gymnasium als ihre deutschen Mitschüler.11 Im Schuljahr 2005/2006 besuchten beispielsweise nur 15 % aller deutschen Schülerinnen und Schüler eine Hauptschule, wogegen der Ausländeranteil bei 41% lag.12 Ein weiterer Befund des Konsortiums Bildungsberichterstattung zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund ein 1-3 Mal größeres Risiko haben die Klasse zu wiederholen.13

Die vorliegende Grafik illustriert die signifikante Überrepräsentanz ausländischer Kinder und Jugendliche an deutschen Haupt-und Förderschulen sowie deren Unterrepräsentanz an Gymnasien.

[...]


1 Britz, Lisa: Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien: Die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56491/schule-und-integration?p=0

2 Gomolla, Mechtild (2009): “Heterogenität, Unterrichtsqualität und Inklusion“. In: Fürstenau, Sara; Gomolla, Mechtild(Hrsg): Migration und schulischer Wandel: Unterricht. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, s. 27

3 Geißler,Rainer; Weber, Sonja: Migrantenkinder im Bildungssystem: doppelt benachteiligt. http://www.bpb.de/apuz/30801/migrantenkinder-im-bildungssystem-doppelt-benachteiligt?p=all Zitiert nach: Menges Winfried Bos u.a., IGLU 2006, Münster-New York 2007, S. 254; Oliver Walter/Päivi Taskinen, Kompetenzen und bildungsrelevante Einstellungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, in: PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.), PISA 2006, Münster-New York 2007, S. 346; Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Migrationshintergrund, Wiesbaden 2008, S. 60.

4 Vgl. Britz (wie Anm.1) http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56491/schule-und-integration

5 Vgl. ebd. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56491/schule-und-integration

6 Vgl. ebd. http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56491/schule-und-integration

7 Vgl. Gomolla (wie Anm.2) s.28

8 Becker,R. Lauterbach,W (Hrsgg).: Bildung als Privileg: Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften , s.258 [4. Auflg.]

9 Vgl: Becker; Lauterbach (wie Anm.8), s.14.

10 Vgl: Gomolla (wie Anm.2) (s.29)

11 Diefenbach, Heike:“Bildungschancen und Bildungs(miss)erfolg von ausländischen Schülern oder Schülern aus Migrantenfamilien im System schulischer Bildung“. In: Becker,R. Lauterbach,W.(Hrsgg) Bildung als Privileg: Erklärungen und Befunde zu den Ursachen der Bildungsungleichheit. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, s.225

12 Vgl: Gomolla (wie Anm.2) s.30

13 Vgl.ebd., s.30

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Einflussfaktoren auf den Bildungs(miss-)erfolg bei Migrantenkindern. Familiäre und schulische Kontextbedingungen im Vergleich
Hochschule
Universität Osnabrück  (Erziehungs- und Kulturwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V428989
ISBN (eBook)
9783668724167
ISBN (Buch)
9783668724174
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Familiärer Kontext, Einflussfaktoren, Schulleistungen
Arbeit zitieren
Claudia Rumms (Autor:in), 2015, Einflussfaktoren auf den Bildungs(miss-)erfolg bei Migrantenkindern. Familiäre und schulische Kontextbedingungen im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428989

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