Erklärungsmodelle für depressive Störungen


Hausarbeit, 2007

29 Seiten, Note: 5 (CH)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine und kontextübergreifende Betrachtung
2.1. Begriff, Konstrukt, Phänomenologie
2.2. Epidemiologie und Soziodemographisches
2.3. Defizitorientierung und Sinnfrage

3. Erklärungsmodelle
3.1. Das Diathese-Stress-Modell
3.2. Lerntheoretisches Modell: Verstärkerverlusthypothese
3.3. Psychoanalytische Theorie der Depression
3.4. Exkurs: Existenzanalytische Theorie
3.5. Kognitive Theorien der Depression
3.6. Biologische Theorien der Depression

4. Zusammenfassendes Modell

5. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Erste überlieferte Erklärungsansätze depressiver Erscheinungen gehen auf das 5. Jh. v. Chr. zurück. So umschrieb Hippokrates den Zustand depressiver Gemütserscheinungen mit „Melancholie“ (Wolf, 2005); ein ursprünglich Griechischen stammender Begriff mit der wörtlichen Übersetzung ‚schwarze Galle’. Die alten Griechen ordneten depressive Symptome innerhalb der Humoralpathologie einem Überwiegen von schwarzer Galle zu. Diese Theorie kann gewissermassen als Vorläufer moderner Erklärungsmodelle, in welchen von einer biologischen Disposition ausgegangen wird, betrachtet werden. Im Mittelalter wurden schwermütige Zustände als Acedia (Trägheit) bezeichnet, was auf ein religiös vermitteltes Krankheitsverständnis, im Zuge dessen psychisches Leid als Sünde betrachtet wurde, hinweist (Hell, 2004). Trotz unterschiedlicher Bezeichnungen lassen die Beschreibungen verschiedener Epochen auf ein vergleichbares Phänomen schliessen. Im modernen Krankheitsverständnis sind Erklärungsansätze unter anderem stark durch die Fortschritte auf dem Gebiet der Neurowissenschaften geprägt. Elemente bestehender Theorien (z.B. Lerntheorie, Psychoanalyse) wurden teilweise aufgegriffen, weiterentwickelt und in moderne Erklärungsansätze bezüglich Entstehung und Aufrechterhaltung der Depression integriert. Die Diversität der Erklärungskonzepte depressiver Störungen verweist auf die Schwierigkeit der Objektivierung einer phänomenologischen Erscheinung mit charakteristischen Ausprägungen und dennoch sehr heterogenen Zügen. Das breite Spektrum ätiologischer Modelle umfasst unter anderem neben klassischen psychoanalytischen Ansätzen, lerntheoretische und kognitive Theorien.

Die jeweiligen Erklärungsmodelle sind im Kontext kultureller, gesellschaftlicher und subjektiver Faktoren zu sehen und spiegeln Zeitgeist, Stand von Technik und Wissenschaft, sowie weitere Faktoren wider. Ritter (2006) umschrieb dies so, dass historische psychiatrische Erklärungsansätze die Perspektive und die Lebensbedingungen der in einer bestimmten Zeit lebenden Menschen, sowie ihr Verhältnis zur Gesellschaft, wiederspiegle. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit etymologischen und klassifikatorischen Aspekten wird auf ein allgemeines Erklärungsmodell Bezug genommen, auf dessen Hintergrund sich Parallelen und Unterschiede verschiedener theoretischer Zugänge veranschaulichen lassen. In der Folge werden einzelne Erklärungsansätze vorgestellt, wobei Kognitive Theorien der Depression und neurowissenschaftlich geprägte Theorien etwas ausführlicher behandelt werden, da es zu diesen in der aktuellen Forschungsdebatte viele empirische Studien gibt und sie in der wissenschaftlichen Literatur ausführlich dokumentiert sind. Die Darstellung einer auf einem individualpsychologischen Hintergrund entstandenen Perspektive, der Existenzanalyse, erfolgt einerseits aus Interesse an einer Erweiterung der Perspektive klassischer Erklärungsansätze und andererseits aus einem Eindruck, dass in diesen einige Dimensionen (z.B. Sinnerleben, seelisch-geistige Dimension, biographischer Kontext) teilweise etwas vernachlässigt werden.

2. Allgemeine und kontextübergreifende Betrachtung

2.1. Begriff, Konstrukt, Phänomenologie

Der Begriff Depression stammt von lat. „deprimere“ = niederdrücken. Gedrücktheit oder Niedergeschlagenheit beziehen sich in erster Linie auf Stimmung, Affekt, Interesse, Schwingungsfähigkeit und Antrieb. In Abhängigkeit von Art und Schweregrad des Zustandsbildes können sich Symptome auf weiteren Ebenen äussern. In einem stark vereinfachten Modell lässt sich das Zustandekommen einer Depression vereinfacht am ehesten als Kombination von externen Belastungsereignissen und der intrapsychischen Reaktion darauf formalisieren (wobei dies keinesfalls eine eindeutige Wirkungsrichtung und klar umrissene Dimensionalität suggerieren soll). Die beiden genannten Komponenten (externe Belastungsereignisse, intrapsychische Reaktion) werden von verschiedenen theoretischen Ansätzen aufgegriffen und in differenzierter Form in ein Erklärungsgefüge weiterer Faktoren integriert. Zwar existieren teilweise grosse Unterschiede in den Annahmen über die der Depression zugrundeliegenden Mechanismen, doch besteht ein gemeinsamer Nenner verschiedener ätiologischer Modelle darin, dass meist von mehreren in Wechsel-wirkung stehenden Faktoren ausgegangen wird, welche beteiligt sind an Ursachen, Mechanismen, Manifestation, Aufrechterhaltung und Verlauf depressiven Geschehens.

Im Zusammenhang mit klinisch-psychologischer Diagnostik bezeichnet der Begriff „Depression“ respektive „Depressive Störung“ eine Klassifikation der dem Bereich affektiver Störungen zugeordneten Symptombilder. Gemäss DSMIV ist weiter zwischen Major Depression, rezidivierender und nicht-rezidivierender Form, sowie dysthymer Störung zu differenzieren (Seidel, 2003). Im Klassifikationssystem ICD-10 wird eine Grobeinteilung in depressive Episode und rezidivierende depressive Episode vorgenommen, wobei zwischen verschiedenen Schweregraden und Erscheinungsformen unterschieden wird (Dilling, Mombour & Schmidt, 2000). Gemeinsam ist beiden Klassifikationssystemen die Orientierung an einer deskriptiven, auf empirischer Evidenz basierenden Diagnostik (Hautzinger, 2000). Eine kategoriale Klassifikation psychischer Störungen nach definierten Kriterien wird erst seit Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts in dieser Form praktiziert. Eine Funktion von Klassifikationssystemen liegt in der Benennbarkeit von Symptomen und einer gewissen Objektivierbarkeit des Störungsgeschehens. Ein sich auf unterschiedlichen Ebenen äusserndes phänomenologisches Leiden wird zu einem kommunizierbaren Gesprächsgegenstand und als einzelnes Störungsbild in den Kontext vergleichbarer oder sich unterscheidender Phänomene gesetzt. Damit kann ein Nutzen für die Ableitung adäquater Behandlungsschritte verbunden sein. Zudem ernöglichen die elaborierten Klassifikationssysteme empirisch valide und reliable Diagnosestellungen. Eine mögliche Gefahr könnte darin gesehen werden, dass die Orientierung an der Klassifizierbarkeit nach vorgegebenen Kriterien zu schemageleitetem Denken führt, wobei das Vornehmen von Kategorisierungen einem natürlichen Prozess der Wahrnehmung entspricht. Explizites Kategorisieren, wie dies bei der Anwendung eines Klassifikationsssystemes der Fall ist, ist im Gegensatz zu implizitem Kategorisieren objekti-vierbar und transparent.

2.2. Epidemiologie und Soziodemographisches

Bei der Prävalenz diagnostizierter depressiver Störungen gibt es unabhängig von kulturellem Hintergrund oder Schichtzugehörigkeit auftretende Geschlechtsunterschiede. Die Punkt-prävalenz für eine majore mässig-schwere depressive Episode liegt bei Frauen im Bereich 5-9% und bei Männern bei 2-3%; die Lebenszeitprävalenz (d.h. mindestens einmal im Leben eine depressive Episode durchzumachen) liegt bei Frauen bei 10-26% und bei Männern bei 5-12% (Rink, 2002). Depressive Beschwerden sind mit einer Prävalenz von etwa 25% die häufigste psychische Symptomatik im Alter (Rink, 2002). Befunde aus der Berliner Altersstudie zeigen, dass vor allem subsyndromale Depressionen weit verbreitet sind (Linden et al., 1998). Dies zeigt eine Wichtigkeit auf, sich mit den zugrundeliegenden Faktoren auseinanderzusetzen und altersspezifische Erklärungs- und Behandlungsmodelle zu entwickeln. In der vorliegenden Arbeit wird diesem Aspekt nur partiell Rechnung getragen, indem vereinzelt von der Darstellung verschiedener theoretischer Zugänge ausgehend auf die spezifische Relevanz im Kontext gerontopsychologischer Fragestellungen hingewiesen wird.

2.3. Defizitorientierung und Sinnfrage

Wahrnehmungsprozesse werden in einem Zustand der Depression durch die mit der spezifischen emotionalen Verarbeitungsebene interagierenden kognitiven Schemata beein-flusst. Daraus resultiert eine mit der Ebene des alltäglichen Funktionierens meist schlecht korrespondierende Wahrnehmungsqualität und veränderte Bewusstseinslage. Dieser Umstand erzeugt eine Dissonanz, welche zu einer potentiellen Verstärkung des subjektiven Leidempfindens beitragen kann. Es fragt sich, ob aus einer evolutionsbiologischen Perspektive betrachtet, eine Funktion einer depressiven Wahrnehmungsebene erkannt werden kann, wobei dies in Bezug auf das Individuum einer nur bedingt angebrachten Erklärungs-dimension zu entsprechen scheint, wenn davon ausgegangen wird, dass dem individuellen Leiden dabei zuwenig Rechnung getragen wird. Zudem gibt es kontextbedingte Faktoren, die einen eventuellen Nutzen einer depressiven Verarbeitungsebene, welche mit einer inadäquaten Sensibilisierung der Wahrnehmung einhergeht, sehr in Frage stellen. Das Ziel der meisten therapeutischen Ansätze ist denn auch darauf ausgerichtet, die depressive Wahrnehmungsebene zu bekämpfen oder zu (durch)brechen, sei dies medikamentös oder durch Vermitteln entsprechender kognitiver Strategien. Depressive Störungen führen nicht nur zu intrapsychischem Leiden als direkte Folge der jeweiligen Symptome, sondern beeinträchtigen die Lebensqualität und -perspektiven eines Menschen auch auf indirekte Weise durch Folgeerscheinungen wie Probleme im beruflichen Umfeld oder Verlust des Arbeitsplatzes mit den damit einhergehenden Konsequenzen auf materieller und gesell-schaftlicher Ebene (existenzielle Sorgen, Marginalisierung) wie auch auf individueller Ebene (beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, Perspektivenverlust).

Diese Gründe sprechen für eine Fokussierung auf ein möglichst rasches Wiederherstellen eines den Anforderungen des Alltags entsprechenden Funktionsniveaus. Je nach Schweregrad und Form der Depression kann eine eingeschränkte Zugänglichkeit von Emotionen, Gedanken und Wahrnehmungen für eine Bearbeitung im kommunikativen Prozess eine zusätzliche Schwierigkeit bedeuten. Bei einem Zulassen und sich Einlassen auf depressive Wahrnehmungen, Emotionen und Kognitionen besteht die Frage, ob die Gefahr der Aufrechterhaltung depressiver Symptome überwiegt oder ein tieferes Verständnis für das Störungsgeschehen mit langfristig positiven Auswirkungen auf den Genesungsprozess daraus erfolgen kann. Wobei insbesondere im Falle akuter Suizidalitätsgefahr, das Zurückgreifen auf entsprechende medikamentöse respektive symptomgerichtete Interventionen notwendig sein kann.

Gemäss Hell (2004) kann die Betrachtung depressiven Erlebens aus einem anthropologischen Blickwinkel zu einer Verlagerung der Perspektive von der Depression als ein sich in verschiedenen Defiziten äusserndes Störungsbild hin zum Verständnis einer depressiven Organisationsform mit der Funktion, eine Verlustsituation zu bewältigen, führen. Hell vertritt die These, dass depressives Geschehen ein biosoziales Muster darstellt, das den meisten Menschen in Not zur Verfügung steht. Dieser anthropologisch orientierten These geht die Frage voraus, ob Depressionen Ausnahmeerscheinungen sind, die nur Menschen mit einer entsprechenden Disposition betreffen oder eine in allen Menschen angelegte mögliche Reaktionsweise auf bestimmte Umstände darstellt. Die erwähnte These spricht gegen Erklärungsmodelle, in denen beispielsweise eine genetische Disposition als kausaler Faktor betrachtet wird. Mit einer korrelativen Interpretation des nachfolgend beschriebenen Diathese-Stress-Modelles lässt sie sich jedoch durchaus vereinbaren. Wie eingangs erwähnt, sind Erklärungsmodelle und Behandlungskonzepte auf dem Hintergrund des jeweiligen Zeitgeistes zu sehen. Die meisten modernen Erklärungskonzepte sind eher defizitorientiert und die davon abgeleiteten therapeutischen Implikationen fokussieren auf eine Bekämpfung dieser vermeintlichen oder tatsächlichen Defizite, was aus einer gesellschaftshistorischen Perspektive mit einer im postmodernen Denken verankerten starken Machbarkeits-verpflichtung in Zusammenhang gebracht werden kann.

In einer pathologisierenden Betrachtung werden die Leidensaspekte und deren aktive Bekämpfung in den Vordergrund gerückt, wohingegen ein anthropologischer Blickwinkel die Frage nach adaptiven und schöpferischen Anteile stellt und depressivem Geschehen unter Umständen besser gerecht wird (Hell, 2004). Wobei Hell (2004) auch darauf hinweist, dass eine solche Betrachtungsebene nicht mit der Depression einhergehendes Leid in irgendeinerweise verniedlichen soll und nicht in allen Fällen als angebrachte Erklärungsdimension erscheint, sondern in Bezug auf Ausprägung und Schweregrad der Symptomatik abgewogen werden muss. So kann es auf den ersten Blick zynisch erscheinen, depressives Leiden mit der Sinnfrage in Zusammenhang zu bringen. Eine auf die Sinnfrage ausgerichtete Perspektive, zeigt die Möglichkeit einer Betrachtungsdimension auf, welche unter Umständen neue Horizonte im Hinblick auf den Umgang mit der Depression und dem depressiven Menschen eröffnet. Hell (Hell, 2004) weist jedoch auch daraufhin, dass sinndeutende Therapien nicht in allen Fällen von Depression möglich und angebracht seien.

3. Erklärungsmodelle

3.1. Das Diathese-Stress-Modell

Ein übergeordnetes Konzept im Sinne eines allgemeinen Erklärungsmodelles, das in der klinischpsychologischen Literatur im Zusammenhang mit verschiedenen Störungen herbei-gezogen wird, ist das Diathese-Stress-Modell. Dieses geht von der Grundannahme aus, dass eine Interaktion zwischen dispositionalen Faktoren („Diathese“) und situationalen Faktoren („Stress“) zum Auftreten einer bestimmten Symptomatik führt. Im Gegensatz zu mono-kausalen Erklärungen wird dabei von einer multifaktoriellen Äthiopathogenese ausgegangen, wobei bidirektionale Beziehungen angenommen werden, d.h. dass verschiedene Faktoren einander wechselseitig beeinflussen.

Bei der Disposition für die Ausbildung depressiver Symptomatik spielen sowohl hereditäre (Genetik) als auch erworbene (psychobiologische Entwicklungsgeschichte) Aspekte eine Rolle. Es hat sich gezeigt, dass bei einer unipolaren Depression genetische Faktoren weniger bedeutend sind als bei bipolaren Störungen (Hautzinger, 2000). Die Art der Beziehung der genannten Aspekte zum Auftreten depressiver Symptome ist korrelativer (vs. kausaler) Art, wobei davon ausgegangen wird, dass die Konstellation dispositionaler und situationaler Faktoren entscheidend ist für eine Manifestation auf symptomatologischer Ebene. Unter situationalen Faktoren werden in diesem Zusammenhang aktuelle Ereignisse, die subjektiv als Belastungen negativer Art wahrgenommen werden, verstanden. Mit zunehmender Anzahl depressiver Episoden scheint die Bedeutung von Stressoren als auslösende Faktoren abzunehmen (Hautzinger, 2000). Auf dem Hintergrund der beschriebenen Zusammenhänge werden im Weiteren folgende theoretischen Ansätze zur Ätiologie depressiver Störungen vorgestellt: Lerntheoretisches Modell (Verstärkerverlustthypopthese), Psychoanalytische Theorien, Kognitive Theorien, Psychobiologische Theorien.

3.2. Lerntheoretisches Modell: Verstärkerverlusthypothese

Das ursprüngliche lerntheoretische Erklärungsmodell für Depressionen geht auf Lewinsohn (1974) zurück. Das zentrale Element der lerntheoretischen Erklärung depressiver Symptome ist ein Verlust an positiven Verstärkern, wobei der Aspekt des Verstärkerverlustes unter drei Gesichtspunkten betrachtet wird 1. Quantität und Qualität potentiell verstärkender Ereignisse, 2. Erreichbarkeit von Verstärkern, 3. instrumentelles Verhalten einer Person.

Beim Konzept der operanten Konditionierung wird davon ausgegangen, dass die positive Verstärkung eines Verhaltens dazu führt, dass dieses wiederholt gezeigt wird, da es mit dem Hervorrufen positiver Gefühle einhergeht. Der neuronale Schaltkreis, welcher in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle spielt ist das dopaminerge System. Dieses wird unter anderem aktiviert durch positive Rückmeldungen der Umgebung. Fallen positive Verstärker aus dem Alltag einer Person weg, wie beispielsweise positive soziale Interaktionen, kann dies durch Rückkoppelungen auf verschiedenen Ebenen zur Ausbildung einer depressiven Symptomatik beitragen. Einerseits sind es dabei Umgebungsfaktoren („Erreichbarkeit von Verstärkern“), andererseits ist das Verhalten einer Person („instrumentelles Verhalten“, soziale Kompetenz) ausschlaggebend für das Auftreten positiver Verstärker.

Im Kontext gerontologischer Fragestellungen nimmt das lerntheoretische Modell einen wichtigen Stellenwert ein. Dies steht im Zusammenhang mit Begleiterscheinungen, die natürlicherweise mit dem Alter verbunden sind. Gallagher und Thompson (1981; nach Hautzinger, 2000) haben das von Lewinsohn postulierte lerntheoretische Modell auf den geriatrischen Bereich übertragen, wo es bei Altersdepressionspatienten erfolgreich angewandt wurde. Veränderungen oder Begleiterscheinungen, die mit dem Alterungsprozess einhergehen, beziehen sich einerseits auf Umweltfaktoren (veränderter Lebenskontext aufgrund kritischer Lebensereignisse wie Ausscheiden aus dem Berufsleben oder Verluste nahestehender Menschen) und andererseits auf intraindividuelle Aspekte (somatische und psychische Abbauprozesse). Eine geringe Rate an positiven Verstärkern resultiert aus verschiedenen mit der Situation eines alternden Menschen assoziierten Aspekten. Dafür verantwortlich sind sowohl externe Umgebungsfaktoren wie auch intrapersonale Faktoren und deren Interaktion: ein Wandel des Umgebungskontextes infolge beruflichen Ruhestandes kann zu einer Abnahme potentiell verstärkender Ereignisse führen; der Verlust nahestehender Menschen, Altersarmut oder gesellschaftliche Diskrimierung sind prädisponierend für eine Abnahme der Erreichbarkeit potentieller Verstärker; Abbau gewisser Fähigkeiten aufgrund altersbedingter psychobiologischer Veränderungen kann sich negativ auf das instrumentelle Verhalten einer Person auswirken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Lerntheoretisches Modell depressiver Störungen. (Hautzinger, 2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Schaubild des Lewinsohnschen Modelles, Skript „Psychische Störungen“, PD Dr. K.Rink, Kap J, S. 84

3.3. Psychoanalytische Theorie der Depression

In psychoanalytischen Erklärungskonzepten werden Konflikte des Unbewussten, deren Ursachen in biographischen und entwicklungsgeschichtlichen Faktoren zu lokalisieren sind, ins Zentrum gestellt. In diesem Zusammenhang ist es nicht möglich, in ausführlicher Weise auf die einzelnen, teilweise sehr komplexen theoretischen Konzepte einzugehen, sondern es wird nur auf einen Aspekt, welcher auch in anderen ätiologischen Theorien der Depression thematisiert wird, eingegangen: Die Manifestation einer depressiven Symptomatik wird aus psychoanalytischer Perspektive auf die indirekten Folgen eines Verlusterlebnisses zurückgeführt. Dies wird auch in anderen Erklärungsansätzen als ein potentiell auslösender Faktor akzeptiert.

Eine Schlüsselrolle spielt in der klassischen psychoanalytischen Theorie der Depression nach Freud (1917) die sogenannte Introjektion. Es wird davon ausgegangen, dass in einer ersten Phase der Verarbeitung eines Verlustes der Trauernde den verlorenen Menschen verinnerlicht und sich mit dem Objekt der Trauer identifiziert. Später werde der Zorn, welcher ursprünglich dem Menschen, der einen verliess, gegolten hat gegen die eigene Person gerichtet, was als Introjektion bezeichnet wird. Die darauffolgende Phase missglückter Trauerarbeit, die vor allem bei Menschen mit entsprechender Abhängigkeitsdisposition auftritt, kann einen Prozess der Selbstverachtung, Selbstbeschuldigung und Depression mit Ausbildung der charakteristischen Symptome wie gedrückte Stimmung, Interesseverlust, Freudlosigkeit, Antriebsminderung zur Folge haben (Davison & Neale, 2000).

In psychoanalytischen Ansätzen beschriebene Faktoren sind empirisch weit schwieriger qualitativ und quantitativ fassbar als dies beispielsweise in lerntheoretischen oder psycho-biologisch ausgerichteten Theorien der Fall ist. Als empirisch gesichert gilt das Vorhanden-sein von Verlusttraumata als entscheidender Auslösefaktor einer Depression. Einige der Grundannahmen des psychoanalytischen Erklärungsansatzes sind in moderne kognitive Erklärungsansätze eingeflossen So kann ein Querbezug von kognitiven Erklärungstheorien zu psychodynamischen Aspekten darin bestehen, dass ein biographischer Hintergrund und die individuelle Entwicklungsgeschichte einer Person mitberücksichtigt werden bei der Betrachtung der im kognitiven Modell postulierten Faktoren der negativen kognitiven Schemata oder der irrationalen Überzeugungen.

3.4. Exkurs: Existenzanalytische Theorie

Eine von den klassischen psychoanalytischen Schulen abweichende, ursprünglich aus der Individualpsychologie Adlers hervorgegangene ätiologische und therapeutische Theorie psychischer Störungen geht auf Victor Frankl, einen Wiener Arzt und Psychologen zurück. In Abgrenzung zur Psychoanalyse, welche die Zielsetzung verfolgt, den Menschen an die Wirklichkeit anzupassen, besteht die Zielsetzung der Individualpsychologie wie sie von Frankl (1994) verstanden wird, darin, die Wirklichkeit zu gestalten. Existenzanalyse bezeichnet eine anthropologische Forschungsrichtung; Logotherapie die auf dem Hintergrund derselben Theorie entstandene psychotherapeutische Ausrichtung. Die Begriffe Existenz-analyse oder Logotherapie beziehen sich auf die Dimension des Sinnerlebens und der Sinnfindung (gr. logos in diesem Zusammenhang mit „Sinn“ zu übersetzen).

Eine Grundannahme der Existenzanalyse besteht darin, dass der Mensch existenziell auf Sinn ausgerichtet sei und Nichterfüllung von oder der Verlust an Sinnerleben zu psychischen Störungen wie Depression, führen könne. Gemäss der Theorie der Existenzanalyse gibt es nicht nur unbewusste Triebhaftigkeit, sondern auch unbewusste Geistigkeit. „Ex-sistieren“ bedeute dass man aus sich heraus- und sich selbst gegenübertritt, wobei der Mensch aus der Ebene des Leiblich-Seelischen heraustrete und durch den Raum des Geistigen hindurch zu sich selbst komme (Frankl, 1994). Der Ansatz der Logotherapie als therapeutische Umsetzung der Existenzanalyse bezieht sich auf die Grundannahme eines im Unbewussten verankerten „logos“. Existenz-analyse meint eigentlich nicht Analyse, sondern Explikation der Existenz. Die der Logotherapie zugrundeliegende anthropologische Konzeption steht für ein bestimmtes Menschenbild, eine bestimmte anthropologische Prämisse oder auch implizite Welt-anschauung. Gemäss Frankl (1994) unterscheidet sie sich hinsichtlich dessen nicht von anderen Ausrichtungen. Ein Anliegen der Existenzanalyse bestehe darin, Unbewusstes bewusst zu machen. Ein Individuum wird nicht nur als unteilbar, sondern auch als Ganzheit, zu welcher neben dem Leiblich-Seelischen auch das Geistige gehöre, aufgefasst. Die Dimension des Geistigen, welche phänomenologisch als Personalität, anthropologisch als Existentialität beschrieben wird, erachtet Frankl als für den Menschen konstitutiv, da sie die eigentliche Dimension seiner Existenz repräsentiere (Frankl, 1994).

Gemäss der Existenzanalyse kann ein an Depression leidender Mensch dysfunktionalen psychophysischen Vorgängen durch die Dimension des Geistigen etwas entgegensetzen (Frankl, 1994). Die Fähigkeit der Distanzierung eines Menschen von seiner Depression ist gemäss Frankl (1994) in der „Trotzmacht des Geistes“ begründet. Die Auseinandersetzung einer Person mit einem organismischen Krankheitsgeschehen sei als Gegenübertreten im Sinne der Möglichkeit einer Aussöhnung, aufzufassen.

Die Annahme, dass affektive Störungen in engem Zusammenhang mit Sinnfindung und Sinnerleben stehen, wird gestützt durch die Feststellung, dass das Erkennen eines Sinnes im Leiden ein zentraler Faktor für das emotionale Überleben eines Menschen darstellt, was Frankl am Beispiel seiner ehemaligen Inhaftierung als jüdischer Häftling im Konzentrationslager aufzeigt ((Batthynay, 2006). Er verweist dabei auf die Fähigkeit des Menschen, Umstände im Geist zu transzendieren und damit nicht mehr länger Opfer davon zu sein. Frankl bezeichnete die vom Geist verliehene Freiheit, Umstände zu transzendieren und sich als für sein Leben verantwortlich zu sehen als einen zentralen Faktor für die Bewältigung extrem belastender Lebensumstände (Davison, Neale & Hautzinger, 2000). In diesem Zusammenhang erläutert Frankl, dass der Mensch sowohl durch Leisten wie auch durch Dulden am Unglück innerlich wachsen könne (Batthynay, 2006).

Der logotherapeutische Ansatz basiert auf folgenden zwei zentralen Elementen: einerseits soll die Selbstaufgabe durch Einstellungsmodulation verhindert und andererseits eine Lebens-aufgabe durch Gesichtsfelderweiterung erschlossen werden. Das Vermitteln einer Wahrnehmung von Sinnmöglichkeiten und der Hoffnung auf Sinnerfüllung sind die angestrebten Ziele der davon abgeleiteten therapeutischen Implikation (Lukas, 1993). Gemäss existenzanalytischem Ansatz der Sinnfindung könne Überleben nur durch eine Orientierung auf die Zukunft erfolgen (Batthynay, 2006). Durch die Gewichtung der geistigen Dimension der Sinnfindung und des Sinnerlebens unterscheidet sich die Existenzanalyse von den klassischen Theorien der Erklärung psychischer Störungen, welche sich auf die psychische oder psychophysische Ebene beschränken. Im Gegensatz zu anderen ätiologischen Ansätzen ist die Existenzanalyse wenig empirisch gestützt, was einerseits auf methodische Schwierigkeiten und andererseits auf einen geringen Verbreitungsgrad zurückgeführt werden kann.

3.5. Kognitive Theorien der Depression

Bei den kognitiven Theorien der Depression wird von der Grundannahme ausgegangen, dass kognitive Prozesse das emotionale Geschehen auf entscheidende Weise beeinflussen. Zwei der prominentesten Theorien in diesem Bereich sind die Kognitive Theorie nach Beck (1987) und die Theorie der gelernten Hilflosigkeit von Abramson und Seligman (1978).

3.5.1. Kognitive Theorie nach Beck

Das eingangs bereits erwähnte Diathese-Stress-Modell wird von Beck (1974) im kognitiven Erklärungsmodell wiefolgt dargestellt: dysfunktionale Schemata in Verbindung mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften werden dispositionalen Faktoren zugeordnet (Diathese); belastende Lebensereignisse den umweltbedingten Aspekten (Stressoren). Aus der Interaktion von dysfunktionalen Schemata und einer negativen kognitiven Triade resultiert gemäss Beck eine verzerrte Informationsverarbeitung, diejenige Komponente, bei welcher kognitive Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Dysfunktionale selbstbewertende Schemata sind normalerweise latent aber stabil; sie werden aktiviert, wenn neue Situationen den Bedingungen gleichen, in denen diese Schemata erworben worden sind. Ob ein belastendes Lebensereignis als Stressor wirkt, wird gemäss Beck (1983) durch die Dispositionskongruenz des Stressors bezüglich der Ausprägungen in den Persönlichkeitsdimensionen Soziotropie - Autonomie bestimmt. Soziotropie bezieht sich auf eine Persönlichkeitsdisposition, die mit einer Ausrichtung auf positive soziale Interaktion einhergeht, Autonomie bezeichnet eine Persönlichkeitseigenschaft, die mit starker Gewichtung von Aufrechterhalten der Unabhängigkeit von anderen, Mobilität und Wahlfreiheit verbunden ist. Gemäss Beck sind Personen mit hoch ausgeprägter Soziotropie besonders vulnerabel für belastende Lebensereignisse im sozialen Bereich und hoch ausgeprägte Autonomie erklärt eine Vulnerabilität für belastende Lebensereignisse im Leistungsbereich.

Ob die dichotome Unterscheidung Soziotropie – Autonomie zulässig ist, wird kontrovers diskutiert (Segal und Dobson, 1992, zit. nach: Hautzinger, 2000) wie auch die Frage, inwiefern Ausprägungen in diesen hypothetischen Persönlichkeitsdispositionen ätiologisch bedeutsam sind. In einigen Studien wurden signifikante Interaktionen zwischen Soziotropie und negativen interpersonalen Ereignissen erhoben. Weniger Befunde liegen bezüglich signifikanter Interaktionen zwischen Autonomie und negativen Ereignissen im Leistungsbereich vor. Dies wird unter anderem auf methodische Schwierigkeiten zurückgeführt (Nietzel und Harris, 1990). Gegenstand von Studien war nicht nur der Einfluss auf die Depressionsentstehung, sondern auch inwiefern die Persönlichkeitsdisposition sich auf symptomatologischer Ebene auswirkt. Die Symptomspezifitätshypothese wurde an verschiedenen klinischen und nicht-klinischen Stichproben untersucht. Die Befundlage ist inkonsistent, doch lassen die Ergebnisse insgesamt auf einen Zusammenhang zwischen den Persönlichkeitsdispositionen Soziotropie - Autonomie und der Manifestation depressiver Symptome schliessen. Inwiefern Symptomspezifität durch eine hohe Ausprägung in der einen oder anderen Dimension gegeben ist, kann jedoch nicht eindeutig beantwortet werden.

Ob die dichotome Unterscheidung zulässig ist oder die Dimension Soziotropie-Autonomie als Kontinuum betrachtet werden sollte, wird ebenfalls kontrovers diskutiert. In einer Studie von Clark et al. (1997) wurde mittels Clusteranalyse der sechs Subskalen der SAS (Sociotropy-Autonomy-Scale; Beck, 1983) untersucht, ob sich klinisch unterscheidbare soziotrope respektive autonome Persönlichkeitsstile eruieren lassen. Die Clusteranalyse wurde dabei als explorativer statistischer Ansatz auf die Subskalen (und nicht die beiden Summenskalen Soziotropie-Autonomie) angewandt, um auch allfällige zusätzliche Persönlichkeitsprofile eruieren zu können. Eine der Fragestellungen bezog sich dabei auf die Hypothese, dass sich spezifische Symptomprofile auf einen der beiden Persönlichkeitsdispositionen zurückführen lassen. Die Ergebnisse dieser Studie replizieren die Befunde von Beck bezüglich der Einteilung Soziotropie-Autonomie, doch wurde darüber hinaus eine dritte Persönlich-keitsdisposition identifiziert. Konkret wurden zwei spezifische autonome Typen (Independece und Individualistic Achievement) und ein soziotroper Typ (Dependence) eruiert, wobei sich nicht alle einem der Profile zuordnen liessen

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Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Erklärungsmodelle für depressive Störungen
Hochschule
Universität Zürich
Note
5 (CH)
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V429003
ISBN (eBook)
9783668726826
ISBN (Buch)
9783668726833
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depression, Neurowissenschaften, Existenzanalyse
Arbeit zitieren
Mirjam Peter (Autor), 2007, Erklärungsmodelle für depressive Störungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429003

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