Weihnachtsspiele im Mittelalter. Die Einbindung des Publikums im Hessischen Weihnachtsspiel


Akademische Arbeit, 2017

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau und Besonderheiten des Hessischen Weihnachtsspiels

3. Das Publikum

4. Einbindung und Lenkung des Publikums
4.1. Vorgehen
4.2. Wirkungsintention

5. Fazit

6. Literatur

Die Einbindung des Publikums im Hessischen Weihnachtsspiel

1. Einleitung

Die Weihnachtsgeschichte ist wohl eines der meist gesehenen und meist aufgeführten Spiele überhaupt. Schon im Mittelalter und der Frühen Neuzeit lockten die Aufführungen von heilsgeschichtlichen Spielen, z.B. an Weihnachten, genau wie heute zahlreiche Zuschauer an. Auch das germanistische Interesse an deutschen Geistlichen Spielen[1] und ihrer Entwicklung seit dem Mittelalter ist in den letzten Jahrzehnten wieder erwacht. Doch was kennzeichnet diese mittelalterlichen Weihnachtsspiele im Unterschied zu den heutigen Krippenspielen? In welchem Rahmen, mit welcher Intention, vor welchem Publikum und welcher Kulisse wurden sie aufgeführt?

Eine genaue Analyse von charakteristischen Merkmalen der mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Weihnachtsspiele würde hier zu weit führen, weswegen ich mich nur auf das Hessische Weihnachtsspiel (HeW)[2] konzentrieren werde. Die Entstehungszeit des Hessischen Weihnachtsspiels wird auf das 15. Jhd.[3] datiert. In dieser Arbeit soll insbesondere die Wirkung des Spiels auf die Zuschauenden und die Einbeziehung des Publikums durch kommunikative und gestalterische Mittel untersucht werden. Natürlich besteht die Problematik, dass der tatsächliche Verständnisgrad des Publikums für die Rezeptionslenkung und die Wahrnehmungsintention eines Geistlichen Spiels nicht mehr eindeutig zu ermitteln ist und es sich daher um Wahrscheinlichkeiten, nicht um bewiesene Fakten handelt. Im Folgenden werde ich erst das Stück und die potentiellen Zuschauer analysieren, anschließend auf die Figuren und ihre besonderen Rollen im Spiel zu sprechen kommen, um dann, im Hauptteil, die Art und Weise der Einbindung des Publikums und die Strategien der Rezeptionslenkung[4] genauer zu untersuchen. Ein Vergleich mit anderen Weihnachtsspielen oder mit dem Frankfurter Passionsspiel würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weswegen darauf verzichtet wurde.

2. Aufbau und Besonderheiten des Hessischen Weihnachtsspiels

Das HeW spielt in Jerusalem im 1. Jahrhundert und umfasst eine breite Darstellung des Geburtsgeschehens nach größtenteils biblischer Vorlage[5]. Der Autor ist nicht bekannt. Formell besteht das HeW aus 870 (+14) Versen, welche sowohl in frühneuhochdeutscher als auch in lateinischer Sprache verfasst sind, wobei die in Latein verfassten Stellen aus Gesängen und Regieanweisungen bestehen.

Das Spiel beginnt, nach einer kurzen Einführung (V.1-18), mit der Verkündigung der Geburt durch den Erzengel Gabriel (V.19-54) und endet mit der dem Beschluss zur Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten (V.839-870). Eine Königsszene ist nicht mit aufgenommen. Typischerweise zeigten die Geistlichen Spiele des Spätmittelalters mehr, als in der biblischen Vorlage zu finden ist[6]. Neben den biblischen Figuren von Maria, Joseph, Jesuskind, Hirten, Engel kommen im HeW auch die Wirte Arnoldus und Czulrich[7], sowie die Mägde Hilgart und Gutte, Josephs Knecht Sellenfro und einige Teufel, unter anderem der Höllenfürst Lucifer, vor.

Der besondere Fokus des HeW liegt auf der Szene des Kindlein-Wiegens, die musikalisch umfangreich mit lateinischen und deutschen Liedern untermalt ist und durch ihre volkstümliche Emotionalität ein breites Publikum ansprechen sollte[8].

An einer Stelle bietet die alte Handschrift zwei Textversionen: eine Version mit ungehobelter Auseinandersetzung, in der Joseph schließlich von seinen Mägden verprügelt wird, als er ihnen aufträgt das Kind zu pflegen (V.615ff.) und eine, in der sich die Mägde gesittet über ihre Aufgaben und das Kind freuen.

In der Teufelsszene wird die Aufnahme von Christi Geburt in der Hölle gespiegelt. Die Teufel sind in großer Sorge, dass die Hölle sich nun leeren wird, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, die Menschheit wieder zum Sündigen zu verführen (V.724ff). Das Spiel schließt mit einer Ansprache Lucifers an das Publikum (V.1-14, neue Verszählung nach Spielende).

3. Das Publikum

Das HeW hebt trotz des religiösen Stoffes die real-pragmatischen Momente hervor, sodass man auf ein breites Publikum mit vielen Menschen aus einfachen Verhältnissen schließen kann[9]. Insbesondere die ausführliche Hirtenszene (Vgl.4.1) lässt auf Berufsgruppen wie Bauern und Hirten unter den Zuschauenden schließen[10]. Aufführungsort des Stückes wird ein öffentlicher Marktplatz oder eine Kirche gewesen sein, wo viele Menschen dem Spiel folgen konnten. Die meisten christlichen Menschen gingen regelmäßig in die Gottesdienste und waren mit kirchlichen Gemeindeliedern und liturgischen Texten und Gesängen vertraut. Die Weihnachtsgeschichte dürfte ebenfalls durch Predigten, eigene Bibellektüre oder andere Weihnachtsspiele bekannt gewesen sein[11].

4. Einbindung und Lenkung des Publikums

4.1. Vorgehen

Das HeW beginnt mit der Ansprache eines Proclamators an ein sehr vielschichtiges Publikum (V.1-18):

Swiget unnd horet alle gemeyne,

beyde groß unnd cleyne,

beyde, arm und rich:

[...]

Mit der Anweisung aller zum Schweigen und später zum Zuhören der Geschichte vom Kindlein, was „uns” (V.10) aus Höllenpein (V.12 „helle pyne“) erlösen soll, wird direkt Aufmerksamkeit hergestellt. Der Ausspruch richtet sich an beide; „große und kleine, arme und reiche“. Damit sind von vornerein alle Zuschauer unmittelbar als Adressaten benannt, egal welches Standes und welcher Klasse, was dazu führt, dass sich jeder einzelne vom Proclamator angesprochen fühlen kann[12]. Im Rahmen des HeW wendet sich einige Male jemand – im Verlauf des Spiels dann aus den Reihen der Schauspielenden – direkt an das Publikum. So wird sichergestellt, dass an den heilsgeschichtlich wichtigsten Stellen[13] die Aufmerksamkeit der Zuschauenden fokussiert ist, wie bei der Lesung der Prophetenverheißung durch einen der Engel (V.288-301), die mit den Worten nu horet, lieben lute! beginnt (V.288).

Die szenische Darstellung beginnt mit der Verkündigung an Maria durch dem Erzengel Gabriel (V.19ff). Maria hat hier einen Vorbildcharakter für das Publikum; sie akzeptiert nach nur kurzer Verwunderung (V.37-40).

Aldir wie sak is zsugan, das ich sal enphann wenn mir zu keyner stundt mansnam ist worden kunt die ungewöhnlichen Begebenheiten ihrer Schwangerschaft (V.49ff) und befiehlt sich dann Gott, dem sie Dienerin sein will (V.50). Im Anschluss werden die Zuschauer Zeugen von Josephs (begreiflichem[14] ) Erschrecken über die Schwangerschaft seiner Angetrauten, die nicht durch ihn verursacht wurde. Es ist zu vermuten, dass sich Josephs Situation mit den Erfahrungen einiger Zuschauer deckt. Dabei ist Joseph keineswegs erzürnt über den vermeintlichen Liebhaber Marias, sondern bricht stattdessen in Klagen aus. Er will nicht bei Maria bleiben, denn „des wirstu haben schande“ (V.73), bis auch ihm der Engel erscheint (V.75-80) und Joseph dank Aufklärung des Missverständnisses (V78) beteuert, Maria „gar wol phlegen“ zu wollen (V.84). Damit nimmt er die Rolle ihres Versorgers, statt des Verlobten bzw. Ehemannes an[15]. Die Wendung Josephs von Abwehr zu Akzeptanz verdeutlicht (V.85-89), dass auch für einen so zentralen Handlungsträger die Konfrontation mit seinem Schicksal und den göttlichen Botschaftern mit Zweifeln, Unglauben und einem nötigen Lerneffekt verbunden war[16]. So kann auch das nur laienhaft religiös gebildete Publikum den biblischen Handlungsstrang logisch nachvollziehen und sich mit dem Protagonisten identifizieren: Joseph vertraut zwar dem Botschafter Gottes, wird aber durch seine Klagen und Anfangszweifel für das Publikum als nah und menschlich gezeichnet[17].

Nach Ukena-Best (Frankfurt a.M. 2010), ist in Bezug auf die Handlungsdisposition speziell auf die Verfahren von Segmentierung von Einzelszenen und Szenen-komplexen, der Kontrastierung entgegengesetzter Szenen und der Wiederholung von Handlungsabschnitten oder Textpassagen [hinzuweisen][18]

Bei der Verkündigung der Geburt des Jesuskindes kommt die Wiederholung zum Einsatz, die dem Publikum die vorbildlich fromme Akkommodation von erst Maria und dann Joseph an die göttlichen Geschehnisse vorführt.

[...]


[1] Als Geistliche Spiele werden im Folgenden dramaturgische Darstellungen heilsgeschichtlicher Ereignisse, meist ausgehend von kirchlichen Hochfesten (wie in diesem Fall Weihnachten). Es handelt sich um eine spätmittelalterliche Gattung mit Wurzeln bis ins 9./10. Jhd. Vgl. Müller: Mittelalterliches Theater, S. 20

[2] Aufbewahrt wird das Hessische Weihnachtsspiel, im folgenden Textverlauf abkürzend „HeW“ genannt, in der Gesamthochschulbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel.

[3] Ein genaues Entstehungsjahr ist nicht bekannt, der Zeitraum von 1450 bis 1460 ist jedoch wahrscheinlich (Vgl. Michael, Wolfgang .: Das deutsche Drama des Mittelalters. Berlin 1971. S. 48.)

[4] Unter Rezeptionslenkung verstehe ich die Mittel und Wege, um die Rezipienten des Weihnachtsspiels, also die Zuschauer, bei der Aufnahme und Verarbeitung des Inhaltes zu beeinflussen bzw. zu ‚lenken’.

[5] Lukas 1,26-38; Lukas 2,1-20 und Matthäus 2,13-15,19-23

[6] Ursula Schulze: Teufel und Juden. Dramaturgische Strategien der Hessischen Passionsspielgruppe, S. 132

[7] Nach Lukas (Lukas 2,1-20) z.B. begeben sich Maria und Josef in Befolgung eines kaiserlichen Erlasses nach Bethlehem. „Als sie dort waren kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren ersten Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Alle Konkretisierungen, wie hier die Szenen mit Wirten und Mägden stammen aus außerbiblischen Quellen.

[8] Vgl. Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.574

[9] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.576

[10] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.599

[11] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.582

[12] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.577

[13] Hier sind Szenen gemeint, in denen die sakrale Botschaft und die religiöse Bedeutung des Geschehens möglicherweise nicht allein durch die Spielhandlung in ihrer vollen Bedeutung erfasst werden könnte.

[14] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.580

[15] Regina Toepfer: Josephs Männlichkeit im Hessischen und in Heinrich Knausts Weihnachtspiel. S.47

[16] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.581

[17] Albrecht Classen: Das ‚Hessische Weihnachtsspiel’. S.580

[18] Elke Ukena-Best: Strategien der Lenkung und Belehrung, S.131

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Weihnachtsspiele im Mittelalter. Die Einbindung des Publikums im Hessischen Weihnachtsspiel
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Ältere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Weihnachtsspiele im Mittelalter und der Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V429070
ISBN (eBook)
9783668735095
ISBN (Buch)
9783668735101
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krippenspiel, Weihnachtsspiel, Hessisches Weihnachtsspiel, Weihnachtsgeschichte, Teufel, Publikum, Publikumseinbindung
Arbeit zitieren
Elisa Kapp (Autor), 2017, Weihnachtsspiele im Mittelalter. Die Einbindung des Publikums im Hessischen Weihnachtsspiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429070

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