Menschenwürde und Zuwendung zum Mitmenschen als verbindende ethische Leitvorstellung in Islam und Christentum

Umsetzung in der religionspädagogischen Praxis im Elementarbereich


Bachelorarbeit, 2018
50 Seiten, Note: 2,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leitvorstellungen im Christentum und Islam
2.1 Leitvorstellungen im Christentum
2.1.1 Das Christentum
2.1.2 Die Würde des Menschen
2.1.3 Das Gebot der Nächstenliebe: Der Umgang mit Mitmenschen
2.2 Leitvorstellungen im Islam
2.2.1 Der Islam
2.2.2 Der Wert des Lebens: Der Mensch als Gottes Geschöpf
2.2.3 Die Barmherzigkeit: Die Zuwendung zum Mitmenschen
2.3 Fazit

3. Religionspädagogische Praxis im Elementarbereich unter besonderer Berücksichtigung der interreligiösen Bildung
3.1 Religionspädagogik im Elementarbereich
3.2 Interreligiöse Bildung in der Kindertageseinrichtung
3.3 Die Tübinger Studie
3.3.1 Rahmeninformationen
3.3.2 Vorbereitung
3.3.3 Durchführung
3.3.4 Ergebnisse
3.4 Fazit

4. Impulse zur Umsetzung der verbindenden ethischen Leitvorstellungen in der religionspädagogischen Praxis im Elementarbereich
4.1 Das Erzählen von Geschichten
4.1.1 Die Geschichte Abrahams
4.1.2 Die Geschichte des barmherzigen Samariters
4.2 Das Feiern von Festen
4.2.1 Ramadan
4.2.2 Sankt Martin
4.3 Die Rolle des Pädagogen
4.4 Die Zusammenarbeit mit den Eltern

5. Fazit

Literaturverzeichnis, weitere Verzeichnisse

1. Einleitung

„(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und sie zu schützen ist Verpflichtung aller staatlicher Gewalt“ (Grundgesetz, Art. 1). Dies ist als Lichtpunkt in den Menschenrechtserklärungen demokratisch geprägter Staaten als Ideal verankert, zu dessen Umsetzung alle Menschen, Staaten und Völker aufgerufen werden. Unabhängig von der besonderen Sachlage der eigenen Lebenssituation soll sich jeder Einzelne dafür einsetzen, dass alle Menschen würdevoll und menschlich behandelt werden. Der Respekt vor der Würde des Menschen lässt Beziehungen entstehen, welche Gerechtigkeit und Gleichheit in sich tragen. (Vgl. Grewel et al. 2010, S. 7)

Die Wirklichkeit hingegen sieht anders aus (vgl. Khorchide 2012, S. 111). Menschen werden misshandelt, geschlagen, erniedrigt, beraubt und ermordet oder sterben an Krankheiten, gegen die kaum etwas unternommen wird. Kriege, Naturkatastrophen und korrupte Regierungen zerstören Länder und sind der Grund, weshalb Menschen auf der Welt verhungern. Auch hier in Deutschland kommt es vor, dass Kinder verwahrlost oder getötet und Lehrkräfte von ihren Schülerinnen und Schülern mit Waffen oder Fäusten bedroht werden. (Vgl. Grewel et al., 2010, S. 7)

Auch der Nahostkonflikt ist seit Jahrzehnten ein aktuelles Thema, bei dem viele Juden, Christen und Muslime umgekommen sind (vgl. Jamal 2006, S. 6). Die Wunden dieser Ereignisse ließen sich nur schwer bis zur heutigen Zeit heilen (vgl. ebd.). Gerade was den Islam betrifft, stehen wir in der heutigen Zeit vor der Schwierigkeit, dass das Bild der Menschen darüber stark verzerrt ist (vgl. Khorchide 2012, S. 11). Auch viele Muslime selbst sagen, dass es nichts mit Gott1 zu tun hat, wenn im Namen der Religion getötet wird (vgl. Kässmann 2015, S. 93).

Der Islam und das Christentum sind aufgrund ihrer gemeinsamen Wurzel, welche in der spätantiken Kultur liegt, jedoch sehr eng miteinander verwandt (vgl. Berger 2010, S. 227). Die Gemeinsamkeiten sind größer als es den Menschen, die dem jeweiligen Glauben zugehören, bewusst ist (vgl. ebd.). In beiden Religionen, hoffen die Menschen auf ein Zusammenleben in Frieden und auf eine Welt ohne Gewalt (vgl. Grewel et al. 2010, S. 208).

Der Grund für alle Bewegungen nach Frieden und Krieg in einer Gesellschaft ist letztendlich das menschliche Wesen (vgl. Angha 1989, S. 24). Der Mensch ist die Grundeinheit, der jedes gesellschaftliche Gefüge ausmacht (vgl. Angha 1997b, S. 32). Deshalb ist es von großer Bedeutung, die Absicht seiner Aktivitäten und seines Handelns kennenzulernen (vgl. Angha 1989, S. 24). „Es gibt keinen Frieden in der Welt ohne einen Frieden zwischen den Religionen- und das bedeutet Kennenlernen, Dialog, Austausch und Bereicherung“ (Frisch 2014, S. 33). Dies muss geschehen, damit eine reale Veränderung und somit auch ein dauerhafter Frieden entstehen können (vgl. Angha 1997a, S. 32).

Wir leben in einer Zeit, in der wir die Tatsache, dass unsere Gesellschaft multikulturell geworden ist, wahrnehmen und akzeptieren müssen (vgl. Harz 2001, S. 12). Die religionspädagogische Aufgabe liegt darin, die religiöse Vielfalt nicht mehr als etwas Außerordentliches anzusehen, in dem man ganz bewusst in der Gegenwart solcher Vielfalt seinen eigenen Glauben ausleben kann (vgl. ebd.). Es darf nicht zugelassen werden, dass die Menschlichkeit in unserer Welt als ein unbezahlbares Gut erscheint (vgl. Grewel et al., 2010. S. 7). Daher ist es eine wichtige Aufgabe, die Kinder in ihrem Glauben zu stärken und ihnen zu vermitteln die Religion anderer mit Respekt zu behandeln (vgl. Kässmann 2015, S. 92). Sie sollen erleben und begreifen können, dass der Frieden zwischen den Religionen gleichzeitig der Frieden für die ganze Welt bedeutet (vgl. Kässmann 2015, S. 93).

Kinder sollen erleben, dass Gott ein Gott des Friedens und der Güte ist (vgl. Kässmann 2015, S. 93). Gerade im Kindergarten besteht die Chance, den Umgang, welcher von Respekt und Frieden geprägt ist, einzuüben und selbst zu erfahren (vgl. Jamal 2006, S. 6). In den Überlieferungen der Weltreligionen gibt es eindrucksvolle Geschichten, welche in anschaulichen Bildern zeigen, wie Menschen miteinander umgehen sollten und was überhaupt menschlich ist (vgl. Grewel et al. 2010, S. 7). Durch diese Geschichten kann man den Kindern Mut machen und ihnen von Liebe und Versöhnung erzählen (vgl. Jamal 2006, S. 6).

Die Erinnerung an die Überlieferungen müssen wir präsent halten und sie, wenn erforderlich, neu bekannt machen (vgl. ebd.). Egal, wie sehr sich in unserer Gesellschaft die Vorstellungen von Religionen unterscheiden, die Neigung zur Religiosität gehört zum Menschen und somit auch zu seiner Bildung sowie Erziehung, dazu (vgl. Harz 2001, S. 17). Sowohl die Bibel im Christentum als auch der Koran im Islam sind Richtungsgeber für unser Leben und sollten daher nicht in Vergessenheit geraten (vgl. Grewel et al. 2010, S. 7).

Da Religion oder zumindest die Neigung zur Auseinandersetzung mit religiösen Fragestellungen das Leben von Kindern prägen und begleiten, ist es von großer Bedeutung, dass Kinder auf dem Wege ihrer religiösen Entwicklung begleitet und unterstützt werden (vgl. Biesinger und Schweitzer 2013, S. 29). In der Praxis bedeutet dies, dass die Bereitschaft der Erziehenden gefordert wird, um über solche Fragen mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie verantwortungsvoll zu begleiten (vgl. Kässmann 2015, S. 11). Das Ziel der interreligiösen Erziehung ist die Vermittlung der Religionsvielfalt und die gleichzeitige Festigung ihrer individuellen Religiosität. Das Kind soll hierbei in seinem eigenen Grund für seine Religiosität bestärkt werden und die Neugier für das Unbekannte entwickeln. (Vgl. Harz 2001, S. 55)

Religion wird allgemeinhin als etwas verstanden, das sich bei Individuen von innen heraus entwickelt und nicht von außen eingeflößt oder aufgedrängt wird (vgl. Biesinger und Schweitzer 2013, S. 29). Dies ist damit zu erklären, dass Kinder über Gott und die Welt philosophisch und theologisch nachdenken und sich darum bemühen, auf ihre eigene Art und Weise eine Antwort auf die Urfragen des Menschseins zu finden (vgl. Harz 2001, S. 20). Dieses Fragen nach der Existenz Gottes sowie nach dem Leben und dem Tod gehören zum Philosophieren der Kinder dazu (vgl. Harz 2001, S. 21). Sie stellen die Fragen, vor denen sich die Erwachsenen scheuen und über die sie längst nicht mehr nachdenken (vgl. Kässmann 2015, S. 7). Darin zeigt sich das Bedürfnis der Kinder nach Religiosität (vgl. Harz 2001, S. 21).

Damit Kinder in ihrem künftigen Leben und auch als Heranwachsende weniger Berührungsängste mit Menschen anderer Konfessionen und Kulturen haben, sollen diese religiös gebildet werden und andere Religionen kennenlernen. So werden die Religionen nicht als etwas Unbekanntes eingestuft. Denn Ängste entstehen meist nur, weil etwas unbekannt ist (vgl. Shahmaghsoud 1993, S. 31). Die religiöse Bildung soll daher nicht nur zur Annäherung und zum Kennenlernen, sondern auf Dauer gesehen, auch als Präventionsmaßnahme dienen. Aufgrund der Tatsache, dass wir in einer multireligiösen Gesellschaft leben, soll dies zukünftig zu einem Zusammenleben in Harmonie und Respekt aller Menschen beitragen (vgl. Biesinger und Schweitzer 2013, S. 47).

Allgemein erscheint es so, als würde das Urteil des modernen Menschen zu Religionen vorwiegend auf Vorurteilen diesen gegenüber gründen, wobei Gemeinsamkeiten nur wenig Beachtung geschenkt wird. Daher möchte ich diese Bachelorarbeit zum Anlass nehmen und darlegen, dass das Christentum und der Islam gerade angesichts der „Würde des Menschen“ und des Aspekts der „Zuwendung zum Mitmenschen“ in Güte und Liebe sowie auch anderen inhaltlichen Punkten miteinander übereinstimmen. Das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit ist es folglich, die verbindenden Leitvorstellungen des Christentums und des Islams im Hinblick auf die „Menschenwürde“ und die „Zuwendung zum Mitmenschen“, herauszuarbeiten und darzulegen, dass eine Umsetzung dieser Leitbilder im Elementarbereich möglich ist. Im folgenden Kapitel werden zunächst die Gemeinsamkeiten zu den Leitvorstellungen des Christentums und des Islams hinsichtlich der Menschenwürde und der Zuwendung zum Mitmenschen dargestellt. Hierzu wird es, um eine Basis für den Leser zu schaffen, zuvor erforderlich sein, einen kurzen Einblick in die Grundelemente der jeweiligen Religion zu geben. Daraufhin wird ein kurzes Fazit das Kapitel untermauern. Im dritten Kapitel dieser Arbeit wird der Forschungsstand zur Interreligiosität in der Kindertagesstätte thematisiert. Dazu wird zunächst dargestellt, was Religionspädagogik überhaupt ist und welchen Zweck diese und die Interreligiöse Bildung im Elementarbereich überhaupt haben. Um einen Einblick in den aktuellen Stand der Forschung geben zu können, wird die Tübinger Studie, welches die einzige Studie ist, die zu diesem Thema gemacht worden ist, in ihren Rahmenbedingungen, ihrer Vorbereitung, Durchführung und ihren dazugehörigen Ergebnissen, vorgestellt. Im letzten Teil dieser Arbeit werden konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für die Praxis dargestellt, welche die interreligiöse Arbeit im Elementarbereich hinsichtlich der zuvor bearbeiteten gemeinsamen Leitvorstellungen des Christentums und Islams möglich machen. Hierbei wird zunächst auf „das Erzählen von Geschichten“ und „das Feiern von Festen“ eingegangen. Im zweiten Teil dieses Kapitels wird dargestellt, welche Rolle dem Pädagogen2, in der interreligiösen Arbeit mit Kindern zukommt und wie dies und die Zusammenarbeit mit den Eltern in der Praxis gelingen kann. Abschließend werden im Fazit die wichtigsten Ergebnisse im Hinblick auf die Fragestellung zusammengefasst und reflektiert und es werden daraufhin weitere Schlussfolgerungen gezogen. Im Rahmen dieser Arbeit wird, um im Verlauf ein immer tieferes Verständnis der Thematik zu erlangen, die Methode des hermeneutischen Zirkels verwendet (vgl. Koller 2014, S. 214f). Die Hermeneutik ist die Wissenschaft vom Verstehen (vgl. Koller 2014, S. 200f).

2. Leitvorstellungen im Christentum und Islam

Im folgenden Kapitel werden die gemeinsamen Leitvorstellungen des Christentums und des Islams im Hinblick auf die „Menschenwürde“ und der „Zuwendung zum Mitmenschen“ thematisiert. Die genannten Punkte werden nach einer Einführung der jeweiligen Religion bearbeitet und dargelegt. Abschließend wird ein Fazit das Kapitel beenden.

Die meisten Menschen verbinden mit Religionen einen kontrollierenden Gott, der über den Himmel herrscht, welcher Gebote und Verbote erlassen hat, nach denen sich die Bewohner der Erde zu richten haben. Diejenigen, die sich aber nicht an die Gebote halten und Fehler begehen, werden dann für ihr Tun bestraft. Im Koran sowie in der Bibel findet man zwar einen solchen Gott, aber im Zentrum steht das Verständnis eines gütigen Gottes, der dem Menschen nichts Böses, sondern für alle den Zustand der allumfassenden Gesundheit und des Glücks möchte. Er vertraut dem Menschen, statt ihm zu misstrauen. Die Hoffnung auf einen Gott, welcher den Menschen unterstützt und sie auch in schweren Tagen auffängt, hilft den Gläubigen sehr. Durch diese Entlastung sind sie nicht ständig in Sorge und engagieren sich für ihre Mitmenschen und die Umwelt. (Vgl. Grewel et al. 2010, S. 82)

Professor Salaheddin Ali Nader Angha (1997c), der 42. und gegenwärtige Meister des islamischen Sufismus, welches als die mystische Dimension des Islams bezeichnet wird, definiert Religion wie folgt: „Die Realität der Religion ist eine Einladung zu der Reise von außen nach innen, ein Emporsteigen von den Stufen des Zwiespaltes und der Disharmonie in den Zustand der bindungslosen Einheit, von der Dunkelheit der Unwissenheit in das Licht des Wissens, von der Hölle in den Himmel“ (Angha 1997c, S. 36). Bei Religion oder dem Glauben an Gott, handelt es sich also, um einen individuellen und lebenslangen Prozess der Reflektion und der Einbindung des Glaubens in allen Lebensangelegenheiten (vgl. Khorchide 2013, S. 25).

Der Koran und die Bibel richten sich besonders auch an die Menschen, die sich in einer scheinbar aussichtslosen Lage befinden und sich nicht aus dieser alleine befreien können. Als Richtschnur sind sowohl im Koran als auch in der Bibel Gebote und Regeln vorgegeben, welche jedoch nicht als eine Bürde, sondern als eine Einladung zu Liebe und Freundschaft zwischen Gott und Mensch, aber auch gegenseitig unter den Menschen gesehen werden soll. Diese Gebote sollen das Zusammenleben in einer Gesellschaft, die von Freiheit und Gerechtigkeit geprägt ist, für den Menschen möglich machen. Die Handlungen der Gläubigen richten sich nach den Geboten Gottes, weil sie der Überzeugung sind, dass genau diese Handlungen im Sinne der Menschheit sind. (Vgl. Grewel et al. 2010, S. 82)

2.1 Leitvorstellungen im Christentum

In diesem Kapitel werden die ethischen Leitvorstellungen des Christentums im Hinblick auf die Würde des Menschen und die Zuwendung zum Mitmenschen dargelegt. Zu Beginn wird dafür das Christentum in seinen wichtigsten Merkmalen kurz erläutert, da es für das Verständnis des weiteren Verlaufs für den Leser notwendig sein wird, die Grundgedanken dessen zu kennen.

2.1.1 Das Christentum

Das Christentum hat über zwei Milliarden Anhänger, welches ungefähr ein Drittel der Weltbevölkerung ausmacht und daher die größte der Weltreligionen ist (vgl. Frisch 2014, S. 44). Das Christentum ist in vielen Ländern auf der Erde vertreten (vgl. ebd.). Es hat seine Wurzeln im Judentum und wird deshalb auch von den Christen als Mutterreligion (Frisch 2014, S. 44) bezeichnet. Jesus, der das Christentum maßgeblich geprägt hat und auf dessen Lehren es gründet, lebte zu seiner Zeit unter den Juden und bekannte sich zu einem Gott, der einen vom Leid befreit und Freund des Menschen ist (vgl. Frisch 2014, S. 44ff). Im Christentum ist Gott der „Schöpfer des Universums aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge“ (Jamal 2006, S. 35). Er hat die Welt aus dem Nichts erschaffen und ist derjenige, der diese bis zum heutigen Tage erhält (vgl. ebd.). Er lässt sich durch die Bibel nicht definieren, aber lässt den Leser, vor allem durch die Beschreibungen seiner Eigenschaften erahnen, welches Wesen Gott hat und wie man sich ihn vorzustellen hat (vgl. ebd.).

Hier werden nun einige dieser Eigenschaften von Helgard Jamal (2006), einer Dozentin für Psychologie und Religionspädagogik an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik, beschrieben; „Gott ist Liebe; Gott ist zu jeder Zeit an jedem Ort, bei jedem Menschen, er geht mit; Gott weiß alles, kann alles, hört die Gebete und lebt ewig; Gott ist unendlich treu“ (Jamal 2006, S. 35). Gott hat sich durch Jesus Christus zu erkennen gegeben, weswegen sich die Christen auch an die Gebote Jesu halten (vgl. ebd.).

Man spricht im Kontext des Christentums auch von der Dreieinigkeit Gottes, welche Gott als Vater, Sohn und den heiligen Geist beschreibt (vgl. ebd.). Mit Vater ist Gott als Schöpfer, Bewahrer und Herrscher gemeint, mit Sohn zeigte sich die Gottesliebe durch Jesus, weshalb er auch als Sohn Gottes beschrieben wird und Geist meint die innere Kraft des Menschen, die ihn am Leben erhält und durchdringt (Frisch 2014, S. 55). Dieser einzige Gott hat daher die Fähigkeit sich in allen diesen drei Ebenen zu zeigen (vgl. Jamal 2006, S. 35). Dadurch fühlen sich die Christen Gott besonders nah, was ihnen Mut, Kraft und Hoffnung im Leben gibt (vgl. Frisch 2014, S. 55).

2.1.2 Die Würde des Menschen

Das Wort Würde leitet sich von dem Adjektiv wertvoll ab, welches zu einer indogermanischen Wortkategorie gehört (…). Das deutsche Wort werden, gehört ebenso zu dieser Wortgruppe und ist mit dem altindischen vártati sowie dem lateinischen vetere verwandt, was ursprünglich drehen, wenden, kehren und auch sich zu etwas wenden bedeutet (Tiedemann 2006, S. 69).

Der Begriff der Menschenwürde erscheint im Christentum schon sehr früh (vgl. Tiedemann 2006, S. 54). Von Beginn an steht die christliche Wahrnehmung von der Würde des Menschen in Verbindung zur Bibelstelle aus dem ersten Kapitel des Buches Genesis, wonach Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat (vgl. Tiedemann 2006, S. 54). Dort steht geschrieben:

„Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich schuf er sie.“ (Gen 1, 27- 27, Henning 2016b, S. 7)

Die Würde wird im Christentum daher nicht als etwas aufgefasst, was der Mensch erreichen muss, sondern etwas, das ihm bereits innewohnt (vgl. Tiedemann 2006, S. 54). Es ist das unveränderliche Wesen im Menschen (vgl. von der Pfordten 2016, S. 21f). Jeder Mensch ist Träger dieser Würde, egal ob arm, krank, behindert oder verstoßen (vgl. Frisch 2014, S. 48). Sie kann ebenso wenig verloren gehen, wie man sie erwerben kann und ist daher vom Menschen nicht zu trennen (vgl. ebd.). Jesus beschreibt Würde mit den Worten des Reiches Gottes (Frisch 2014, S. 48) und meint damit, dass sich Gott bereits seit Anbeginn durch die Menschen verwirklicht (vgl. ebd.). Für ihn bedeutet das Reich Gottes der Segen für alle und beschreibt es, gleich dem zu Hause der Menschen, in dem sie in Verbundenheit, Liebe und als Gemeinschaft vor Gott, ihrem Herrn stehen (vgl. Frisch 2014, S. 49).

Das höchste Ziel des christlichen Lebens ist das Wohlergehen der Seele (vgl. von der Pfordten 2016, S. 21). Auch die Botschaft Jesu ist das heil sein jedes Individuums sowie der ganzen Gemeinschaft (vgl. ebd.). Wenn der Mensch den Zustand der geistigen Reife erlangt, ist er in der Lage, innere Stabilität zu erreichen und nicht mehr von egoistischem und habgierigem Verhalten sowie Krieg oder Gewalt angezogen zu werden (vgl. Angha 1989, S. 23). Die Erscheinung Jesu und seine Überbringung sollten den Menschen mit dem Reich Gottes vertraut machen (vgl. Angha 1989, S. 18). Er zeigte dem Menschen seine Position in der Welt, in der er lebt und leitete ihn zur Weisheit an, aber Jesus wollte auch den Menschen mit seiner geistigen Welt bekannt machen (vgl. ebd.). Dies sollte dem Menschen die Beständigkeit geben und dadurch seine Position erhöhen (vgl. ebd.). Diese Standhaftigkeit und Erfahrung sollte der Menschheit als Fundament zur Gründung eines höheren Bewusstseins dienen (vgl. ebd.), um so aufrichtige Barmherzigkeit und Heilung finden zu können (vgl. Angha 1989, S. 22).

2.1.3 Das Gebot der Nächstenliebe: Der Umgang mit Mitmenschen

„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet (…).“ (Mt 5, 43- 45, Henning 2016b, S. 1083)

Jesus Christus wandte sich allen Menschen zu, egal ob sie alt und krank oder Ausgeschlossene waren (vgl. ebd.). Er machte keinen Unterschied zwischen ihnen und stellte sich selbst nicht über sie. Er wollte vermitteln, dass Leid, Hunger, Krankheit und Not durch die Barmherzigkeit Gottes überwunden werden können (vgl. Frisch 2014, S. 50). Die Bestimmung Jesu sollte es sein, die Menschen mit der Liebe Gottes, der brüderlichen Gemeinschaft und der Zuneigung bekannt zu machen (vgl. Angha 1989, S. 20).

Die Liebe hat im Christentum viele Namen, wie beispielsweise Trost, Geduld, Freundlichkeit, Mitleid und Hoffnung (vgl. Zink 1999, S. 156). Sie wird als eine befreiende Kraft gesehen, welche einem hilft das Leid zu heilen und das Gewissen zu entlasten (vgl. Zink 1999, S. 157.). Durch die Liebe kann man dem Gegenüber zeigen, wie wertvoll er für einen ist (vgl. ebd.).

Jesus sagt: „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5, 7- 8 Henning 2016, S. 1081)

Gottesliebe und Nächstenliebe sollen nicht als etwas Gegensätzliches, sondern als ein und dieselbe Liebe verstanden werden (vgl. Biesinger 2012, S. 162). Gott ist zu einem genauso barmherzig, wie man auch zu anderen barmherzig ist (vgl. Cantalamessa 1999, S. 143). Erst wenn dem Gegenüber Liebe entgegengebracht wird, kann man einander verstehen, da das Herz nur durch Güte und bedingungslose Liebe erreicht werden kann (vgl. Zink 1999, S. 157.). Sie findet dort statt, wo jemand wichtiger gesehen wird als man selbst (vgl. ebd.).

Das Grundgebet im Christentum, ist das Vaterunser, welches das Denken und Handeln Jesu reflektiert und eine Ermunterung zum Vertrauen auf Gott darstellt (vgl. Frisch 2014 S. 46).

„(…) Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf der Erde. Gib uns heute das Brot, das wir brauchen! Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern erlassen haben! Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen!“ (Mt 5, 9- 13, Henning 2016b, S. 1083.)

Wir Menschen dürfen uns daher an Gott wenden und mit ihm, wie mit einem Vater kommunizieren (vgl. Frisch 2014, S. 46). Er ist dem Menschen nah und wird von diesen als barmherzigen und mitfühlenden Vater beschrieben und verstanden (vgl. Frisch 2014, S. 47). Gott möchte eine Beziehung mit dem Menschen eingehen, welche auf Liebe und Vertrauen aufbaut (vgl. Zink 1999, S. 156). Diese Liebe ist die Gnade Gottes, welche wir an unsere Mitmenschen weitergeben können (vgl. Zink 1999, S. 177).

[...]


1 Wenn im Rahmen dieser Arbeit das männliche Genus in Verbindung mit Gott verwendet wird, dann lediglich aus grammatikalischen Gründen und nicht um Gott einem Geschlecht zuzuordnen.

2 Der Einfachheit halber wird im Rahmen dieser Bachelorarbeit ausschließlich von „Pädagogen“ gesprochen, da dieser Beruf in der heutigen Zeit nicht mehr ausschließlich von Frauen durchgeführt wird.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Menschenwürde und Zuwendung zum Mitmenschen als verbindende ethische Leitvorstellung in Islam und Christentum
Untertitel
Umsetzung in der religionspädagogischen Praxis im Elementarbereich
Hochschule
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Note
2,2
Autor
Jahr
2018
Seiten
50
Katalognummer
V429079
ISBN (eBook)
9783668727113
Dateigröße
814 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religionspädagogik, Religion, Ethik, Islam, Christentum, Pädagogik, Religionsunterricht, gemeinsamkeiten, Menschenwürde, Nächstenliebe, religionspädagische Praxis, Barmherzigkeit, Religiöse Bildung, Ramadan, Sankt Martin, Abraham, der barmherzige Samariter
Arbeit zitieren
Yass Vatanpour (Autor), 2018, Menschenwürde und Zuwendung zum Mitmenschen als verbindende ethische Leitvorstellung in Islam und Christentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429079

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