Untersuchung zum Einfluss des Whale-Watching auf das Verhalten der Wale


Bachelorarbeit, 2018
51 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. BIOLOGIE DER CETACEA

3. WHALE-WATCHING IN ZAHLEN

4. MANAGEMENT
4.1 Problematik der Regulation
4.2 Fallbeispiele
4.3 Schutzgebiete

5. ÖKOTOURISMUS UND NACHHALTIGKEIT

6. BIOLOGISCHE AUSWIRKUNGEN AUF DIE WALE
6.1 Kurzfristige Auswirkungen
6.2 Langfristige Auswirkungen
6.3 Fallbeispiele
6.4 Fitness
6.4 Lärmbelastung

7. EINLFUSS DES WHALE-WATCHING AUF DIE ENTWICKLUNG EINER SCHWERTWALPOPULATION

8. STÖRUNG DER REPRODUKTION BEIM BARTENWAL

9. AUSWIRKUNGEN UNTER EINZELNEN FAKTOREN
9.1 Konsequenzen der Störung in Nahrungshabitaten
9.2 Habitatwechsel aufgrund von Störungen
9.3 Auswirkungen auf die Gesamtpopulationszahl
9.4 Abhängigkeit der Konsequenzen vom jeweiligen Habitat
9.5 Auswirkungen auf Schulen

10. SCHUTZ STARK BEDROHTER ARTEN

11. DISKUSSION

12. FAZIT

13. QUELLENVERZEICHNIS
13.1 Literaturverzeichnis
13.2 Internetquellen
13.3 Abbildungsverzeichnis
13.4 Abkürzungsverzeichnis

1. EINLEITUNG

In den letzten Jahrzehnten haben Naturschutzorganisationen und Unternehmen Whale-Watching als nachhaltige Alternative zum kommerziellen Walfang beworben. Der Wunsch der Gesellschaft mit Walen zu interagieren ist gewachsen (O’CONNOR et al. 2009) und mit diesem wachsenden Interesse kommt auch die Verantwortung sicherzustellen, dass diese neue kommerzielle Nutzung den Populationen nicht schadet, die sie behauptet zu schützen. Der IFAW (International Fund for Animal Welfare) schätzt die jährlichen Einnahmen aus Whale-Watching auf über 2,1 Billio- nen US-Dollar. Die 13 Millionen Whale-Watcher sorgen für 13.000 Arbeitsplätze (O’- CONNOR et al. 2009: 26). Berechnungen zufolge, könnten weitere 413 Millionen US- Dollar und 5700 Arbeitsplätze hinzukommen, viele in Entwicklungsländern, würde man das volle Potenzial des Whale-Watching nutzen (CISNEROS-MONTEMAYOR et al. 2010: 1). So hat sich Whale-Watching zu einem ernstzunehmenden Industriezweig entwickelt. In vielen Gegenden hat das rapide Wachstum der Whale-Watching In- dustrie die Entwicklung von Managementplänen überholt und so zu Bedenken in Bezug auf die langfristige Nachhaltigkeit dieser geführt (GARROD & FENNELL 2004). Das Bestreben das Potenzial für Störungen zu reduzieren, hat zur Entwicklung von Richtlinien geführt (IWC 1996), welche von über 100 Ländern und zahlreichen kommerziellen Whale-Watching Anbietern rund um die Erde übernommen wurden. Die Annahme dieser Richtlinien ist oft freiwillig, was ihre Effektivität einschränkt (AL- LEN et al. 2007, WILEY et al. 2008). Selbst wenn die Richtlinien verpflichtend sind, ist es schwierig diese durchzusetzen (SCARPACI et al. 2003, KESSLER & HARCOURT 2013). Daraus entstand die Sorge, dass Whale-Watching in all seinen Formen, sei es kommerziell, zufällig (Besichtigungstouren, Sporttauchen, usw.), mit Privatbooten oder anders, möglicherweise langfristig einen negativen Einfluss auf die diesem ausgesetzte Population hat (PARSONS 2012). Aus diesem Bedenken heraus wurde der größte Fokus auf das kommerzielle Whale-Watching gelegt, da es hier einen Wirtschaftszweig des Tourismus repräsentiert und damit die Möglichkeit zum Eingriff und zur Regulation am größten ist.

Es gibt eine Vielzahl an Studien, die die Kurzzeiteffekte im Verhalten der Wale auf Whale-Watching Boote dokumentieren (CORKERON 1995, WILLIAMS et al. 2002, LUSSEAU 2006, RICHTER et al. 2006, STAMATION et al. 2010, STECKENREUTER et al. 2012, LUNDQUIST et al. 2013). Langzeiteffekte, die aus diesen Kurzzeiteffekten ent- stehen, sind jedoch sehr schwer zu erfassen ( MAGALHAES et al. 2002, BEJDER et al. 2006) und stehen in einem komplexen Zusammenspiel aus Art, Schwere und Fre- quenz der Kurzzeiteffekte (JELINSKI et al. 2002, WILLIAMS et al. 2009a, PIROTTA et al. 2014). In Kapitel 6 dieser Bachelorarbeit wird dargelegt, dass Whale-Watching zu statistisch signifikanten und biologisch bedeutenden Verhaltensänderungen führen kann. Dafür werden Studien vorgestellt und global positive als auch negative Bei spiele für einen möglichst nachhaltigen Umgang mit dieser Industrie dargestellt.

Die Whale-Watching Industrie ist sehr groß geworden und verfügt über weiteres Wachstumspotenzial. Daher ist es wichtig, sich die ökologischen Konsequenzen dieser ökonomisch bedeutenden Branche vor Augen zu führen und auf lange Sicht einen nachhaltigen Umgang zu finden.

2. BIOLOGIE DER CETACEA

Wale, Delfine und Kleinwale zählen zur Ordnung Cetacea oder Walartigen. Inner- halb dieser Ordnung existieren bedeutende Unterschiede was die Anatomie und Lebensweise angeht. Diese Anpassungen fanden spezifisch nach den Lebensbe- dingungen der Tiere statt. So die Tiefe des Meeres, der Mündung, der Küste, des Flusses oder des Sees in dem sie leben und der Ernährung. Wale schöpfen, sieben, schlucken, greifen, saugen oder umzingeln ihre Beute. Manche Wale jagen in sandigen, flachen Gewässern, der Schwertwal (Orcinus orca) oder der Große Tümmler (Tursiops truncatus) lassen sich manchmal auf den Strand gleiten oder rollen um Beute zu greifen.

Cetacea gehören zu den Artiodactyla oder auch Paarhufern. In dieser Ordnung finden sich alle bekannten 90 Cetacea Arten, 14 davon gehören zur Unterordnung der Mysticeti, den Bartenwalen, die ihre Nahrung durch Barten sieben, welche aus ihrem Oberkiefer wachsen. Die anderen 76 Arten gehören zur Unterordnung der Odontoceti oder Zahnwalen, wozu auch alle Delfine und Kleinwale zählen (HOYT 2017: 45 f.).

Wale halten sich meist in Gruppen auf, die als Schule oder Herde bezeichnet werden. Einige der großen Wale leben alleine, aber finden sich zu Gruppenaktivitäten wie Nahrungssuche, Wanderungen oder Fortpflanzung zusammen. Auch Individuen die allein zu sein scheinen, stehen trotzdem häufig in akustischem Kontakt zu anderen Walen. Blauwale (Balaenoptera musculus) benötigen zur Nahrungsaufnahme relativ viel Platz und andere Blauwale wirken nicht offensichtlich beteiligt. Aufnahmen aus der Luft oder mit Hydrophonen zeigen jedoch, dass weitere Blauwale selten mehr als ein paar Kilometer weiter weg sind.

Die großen Bartenwale reisen in Paaren, zu dritt, gelegentlich zu viert und manch- mal mit bis zu 10 Individuen. Bei Schwertwalen unterscheidet sich die Gruppen- größe je nach Nahrung. Die Schwertwale die sich von anderen Säugetieren ernähren, halten sich in Gruppen von 6 oder weniger Individuen auf. Die fis- chfressenden Schwertwale hingegen, leben in Gruppen von 15 bis 20 Individuen. Ansammlungen von Gruppen können aus bis zu 100 Tieren oder mehr bestehen.

Im Vergleich dazu, reisen viele der im Meer lebenden Delfinarten wie der Gemeine Delfin (Delphinus delphis), in Gruppen mit mehreren tausend Tieren. Manchmal hal- ten sich in diesen Reise- oder Jagdgruppen Delfine unterschiedlicher Arten auf.

Die Grundlage jeder Cetacea Gemeinschaft ist die Bindung zwischen Mutter und Kalb. Kälber werden mit der Fähigkeit zu hören, zu sehen und zu schwimmen ge- boren. Dennoch sind sie sehr verletzlich und haben keine Erfahrungen in der Lebensweise ihrer Art und Population. Nach der Geburt muss das Kalb innerhalb weniger Minuten atmen. Bei vielen Delfinarten schiebt ein anderes Mitglied der Gruppe das Kalb an die Oberfläche, damit es seinen ersten Atemzug nehmen kann. Die meisten Wale bleiben ein bis zwei Jahre bei ihrer Mutter und die Mutter fokussiert sich während dieser Zeit darauf, ihr Kalb zu beschützen und ihm alles wichtige für sein Leben beizubringen. Die Kälber der fischfressenden Nordpazifis- chen Schwertwale, verbringen ihr gesamtes Leben nahe ihrer Mutter. Wenn weib- liche Kälber in ein Alter kommen, in welchem sie sich selbst fortpflanzen, formen sie häufig ihre eigene Teilgruppe, bleiben aber trotzdem in der Nähe ihrer Mutter. Männliche Tiere bleiben ihr gesamtes Leben (ca. 30 Jahre) bei ihrer Mutter. Diese Zeit wird nur von kurzen Pausen zur Paarung unterbrochen.

Familiäre Zusammenschlüsse variieren unter Walen sehr stark bzgl. der Enge und Dauer dieser Beziehungen. Die Verbindung kann relativ unabhängig und vorübergehend sein oder permanent. Manche Verbindungen sind so stark, dass sie nur durch den Tod gelöst werden.

Bartenwalmütter verbringen ein bis zwei Jahre mit ihren Kälbern, führen mit ihnen während dieser Zeit auch die jährlichen Wanderungen durch, danach trennen sie sich. In den Nahrungsgebieten schließen manche dieser Wale sich zusammen. Auch Schwertwale gehen in Gruppen auf Nahrungssuche, dies hat für sie erhe- bliche Vorteile bei der Jagd. Schwertwale halten sich dabei lebenslang in Gruppen auf, mit welchen sie verwandt sind. Fischfressende Schwertwalgruppen haben ein älteres zentrales Weibchen, mit welchem alle anderen Mitglieder der Gruppe in Verbindung zur Mutterschaftslinie stehen. Beim Pottwal bestehen Gruppen nur aus Müttern, ihren Kälbern und Geschwistern. Ältere Männchen aus anderen Gruppen besuchen diese von Weibchen geleiteten Gruppen, um sich zu paaren.

Im Kontrast zu diesen festen Gruppenzusammensetzungen, gibt es auch Gruppen, in welchen sich die Mitglieder regelmäßig ändern. Dennoch haben manche dieser Gruppen ein paar feste Mitglieder, meistens Männchen. So ist es unter anderem beim Großen Tümmler (Tursiops truncatus), beim Nördlichen Entenwal (Hyper oodon ampullatus) und beim Nördlichen Schwarzwal (Berardius bairdii). Der Gruppenzusammenschluss bietet Vorteile gegenüber Raubfeinden wie Haien (Selachimorpha) oder Schwertwalen. Jagen in Gruppen bietet Möglichkeiten wie die Beute einzuengen und Wissen über Futterquellen weiterzugeben. Jede Art verfolgt hier unterschiedliche Strategien (HOYT 2017: 63 ff.).

Alle Cetacea haben einen stromlinienförmigen Körper, mit Flossen zum Steuern und Schwanzflossen zum Antrieb. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 55 km/h, gemessen beim Weißflankenschweinswal (Phocoenoides dalli), wobei der Gemeine Delfin (Delphinus delphis) möglicherweise schneller schwimmen kann. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 37 km/h ist der Finnwal (Balaenoptera physalus) der wahrscheinlich schnellste Großwal. Aber selbst die langsamsten Wale schwimmen deutlich schneller als Menschen. Auch ist ihre Ausdauer deutlich höher. Grau- und Buckelwale unternehmen Reisen von 6.400-8.000 km zweimal pro Jahr, zwischen Nahrungsgebieten und den Fortpflanzungsgebieten und einige reisen noch weiter. Von Schwertwalen ist bekannt, dass sie von der Antarktis nach Uruguay und nach Südbrasilien und zurück in 42 Tagen reisen. Dies entspricht einer Strecke von 9.400 km. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 12 km/h und senkt sich in wärmeren Gewässern auf 5-10 km/h (HOYT 2017: 46).

Das Atmungssystem von Walen kann außergewöhnlichen Druckunterschieden standhalten. Pottwale wurden in 1.200 m Tiefe angetroffen, mit Tauchgängen von bis zu über einer Stunde. 2014 wurden acht Cuvier-Schnabelwale (Ziphius cavi- rostris) mit Sendern ausgestattet und Wissenschaftler von Cascada Research Col- lective beobachteten neue Tauchrekorde (HOYT 2017: 47). Die Wale erreichten Tiefen von bis zu 2.992 m und blieben dort für bis zu 2 Stunden, 17 Minuten und 30 Sekunden. Der Druck in solchen Tiefen ist etwa 300 mal größer als an der Ober- fläche (HOYT 2017: 47).

Tabelle 1 zeigt die wesentlichen Unterschiede zwischen Barten- und Zahnwalen mit ihren sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen auf.

Tab. 1: Unterschiede zwischen Bartenwalen und Zahnwalen (nach HOYT 2017: 48).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. WHALE-WATCHING IN ZAHLEN

Von kleinen Anfängen in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Kalifornien, hat sich die Whale-Watching Industrie zu einer Haupttouristenattraktion entwickelt. Und eine die nachweisbar bedeutende sozioökonomische Vorteile für die Veranstal- tungsorte auf der ganzen Welt haben kann. Laut HOYT (2001) nahmen 1990 2 Mil- lionen Menschen an Whale-Watching Touren teil. Bis 1999 stieg diese Zahl auf 9 Millionen. Pro Jahr bedeutet das ein Wachstum von ca. 12%. Abbildung 1 zeigt die- ses immense Wachstum in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Einnah- men welche mit Whale-Watching erzielt wurden, stiegen während dieser Zeit jährlich um 18,6% (HOYT 2001). Diese Zahl ist in Vergleich zu setzen zu einem jährlichen Anstieg aus internationalen Touristeneinnahmen von 7,3% im gleichen Zeitraum und einem weltweiten jährlichen Wirtschaftswachstum von 3,5-4% (HIGHAM et al. 2014). Auch gut erkennbar in Abbildung 1, ist der langsame Anstieg von Whale-Watching Teilnehmern von 1955 bis 1980. Von 1980 bis 1990 fand eine erste größere Wachs- tumsphase statt, die dann in den massenhaften Anstieg in den 90er Jahren über- ging.

Es wird unterschieden zwischen kommerzieller Walbeobachtung, bei der Kunden bezahlen um Wale zu sehen, gegenüber derer die Walbeobachtungen privat von ihren eigenen Booten etc. aus vornehmen.

Whale-Watching wurde im Jahr 2000 von 87 Ländern angeboten, mehr als der dop- pelten Anzahl im Vergleich zu 1991 (HOYT 2001). Bis 2008 stieg diese Zahl auf 119, die Zahl der Whale-Watcher stieg auf etwa 13.000.000 (O’CONNOR et al. 2009). 1999 verzeichneten die USA, Kanada und die Kanarischen Inseln (Spanien) über eine Millionen Teilnehmer. In Australien und Südafrika nahmen eine halbe Millionen Menschen an Whale-Watching Touren teil. Hier sind nur die Touren erfasst, die die

Merkmale des kommerziellen Whale-Watching aufweisen (HOYT 2001).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Wachstum der Whale-Watching Teilnehmer 1955-1998 (HOYT 2001: 19).

HOYT (2000) gibt an, dass Whale-Watching in nahezu 500 Orten weltweit angeboten wird. An weit verteilten Orten wie Kaikoura (Neuseeland), Princetown (USA), Ogata (Japan), San Julian (Argentinien), Monkey Mia (Australien) und Dingle (Irland). Dies kann für die entsprechenden Regionen zu bedeutenden Einnahmen führen. In Dingle lockt nur ein Delfin 150.000- 200.000 Touristen pro Jahr an. Das Beobachten von Großen Tümmlern in der Shannon Estuary (Irland) steht kurz davor eine Millionen Dollar Industrie zu werden (BERROW 2003: 201).

Der IFAW schätzt die jährlichen Einnahmen aus Whale-Watching auf über 2,1 Billio- nen US-Dollar. Die 13 Millionen Whale-Watcher sorgen für 13.000 Arbeits- plätze (O’CONNOR et al. 2009). Berechnungen zufolge, könnten weitere 413 Millio- nen US-Dollar und 5700 Arbeitsplätze hinzukommen, viele in Entwicklungsländern, würde man das volle Potenzial des Whale-Watching nutzen (CISNEROS-MONTEMA- YOR et al. 2010).

Auch in den letzten Jahrzehnten verzeichnen viele junge Whale-Watching Länder ein rasantes Wachstum. Auf Platz eins China, mit einem jährlichen Wachstum von 107% pro Jahr seit 1998 (1998: 4.500 Whale-Watcher). Gefolgt von den Malediven (86%, 1998: 30 Whale-Watcher), Kambodscha und Laos (zusammen 79%, Whale- Watching seit 2008: 83.000 Whale-Watcher), St. Lucia (74%, 1998: 65 Whale-Wat- cher), Madeira (73%, 1998: 250 Whale-Watcher), Venezuela (58%, 2006: 9.757, zuvor minimal), Costa Rica (1998: 1.227) und Nicaragua (Whale-Watching seit 2006: 8.832) (beide 56%) und Panama (53%, 1998 minimale Anzahl an Whale-Wat- chern, 2006: 17.711) (O’CONNOR et al. 2009).

Mit diesem Wachstum einher geht der Anstieg an Touristen, Anbietern und damit den benötigten Booten. 72% des Whale-Watching findet von Booten aus statt. Darin enthalten sind alle Arten von Booten, vom Kayak bis zu großen Fährschiffen (HOYT 2001: 4).

In New England wurde die Zahl der Boote die sich bei den Walen aufhalten dürfen

begrenzt. Mit der steigenden Nachfrage und der zunehmenden Zahl an Touristen wurden auch die genutzten Boote umgestaltet. Toiletten, ein Deck, Sitze und Verkaufsmöglichkeiten führten zu deutlich größeren Schiffen. Diese Schiffe konnten die wachsenden Besucherzahlen aufnehmen, ohne das mehr Boote notwendig waren, jedoch ist auch ihr Einfluss auf die Wale größer. Sie sind lauter und schlechter steuerbar (DUFFUS & DEARDEN 1990).

Auf den Kanarischen Inseln gab es keine Regulatorien wie in New England (USA). In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren führte das zu Situationen mit nahezu 100 Booten im Wasser. In den USA und Kanada wurde ähnliches beobachtet, ausgerichtet auf eine einzige Population von Schwertwalen (Orcinus orca). Hier gibt es bis heute massenhafte Ansammlungen von Booten und keine Regulation die die die dieses Vorkommen unterbindet (WILLIAMS et al. 2009a).

Der Trend geht außerdem zu immer schnelleren Booten, um Populationen schnell erreichen zu können und auch entlegenere Orte aufsuchen zu können. Diese Boote produzieren aber auch mehr Lärm und führen zu vermehrten Kollisionen mit Walen (IWC 2005). Dies soll Abb. 2 verdeutlichen. 318 Kollisionen konnten keinem Schiffs- typ zugeordnet werden und sind daher nicht erfasst. Die zugrundeliegende Daten- bank wurde von der International Whaling Commission (IWC) von 1885 bis 2010 geführt (FARRELL & EVERSHED 2014). Auch wenn daraus nicht geschlossen werden kann, dass Whale-Watching zu den meisten Kollisionen führt (durch die hohe An- zahl nicht zuordnungsbarer Schiffstypen), verdeutlicht es doch das Problem dieser Vorkommnisse. Gerade Jungtiere halten sich vermehrt an der Oberfläche auf und werden sie in großer Anzahl von schnellen Booten aufgesucht, erhöht dies das Risi- ko für Kollisionen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Von der IWC erfasste Schiffskollisionen mit Walen nach Schifftyp (FARREL & EVERSHED 2014).

4. MANAGEMENT

Um den Einfluss des Tourismus auf Meeressäuger zu reduzieren, wurden Regulationen und Gesetze eingeführt. Dabei wird zwischen ordnungspolitischen (nicht freiwillig und durch gesetzliche Bestimmungen geregelt) und freiwilligen Richtlinien unterschieden. Nach GARROD & FENNELL (2004) sind 1/3 der Richtlinien weltweit ordnungspolitisch und 2/3 freiwillig angelegt. Inhaltlich enthalten fast alle Richtlinien Angaben über die Distanz, bis zu welcher sich den Walen genährt werden darf. Meist liegt diese zwischen 50 und 100 m, manchmal auch weiter. Mehr als 2/3 enthalten keinen Punkt der das Füttern der Tiere behandelt und 3/4 keine Angaben bzgl. des Berührens von Walen (PARSONS et al. 2013: 296).

4.1 Problematik der Regulation

Durch das schnelle Wachstum und wissenschaftliche Lücken, ist es schwer für Regierungen Managementpläne zu entwickeln, die mögliche Einflüsse minimieren (HIGHAM et al. 2008). Das enorme Wachstum des Whale- Watchings geschah meist ohne Kontrollen oder Vorgaben, Richtlinien wurden und werden oft erst geschaffen, wenn Probleme auftreten. Vie- le Regierungen auf der ganzen Welt haben mittlerweile erkannt, dass Whale-Watching ei- nen Einfluss auf die Wale haben kann und da- her reguliert werden sollte. Es gibt bisher wenig einheitliche Lösungsansätze, wie genau diese Regulation ablaufen soll. Wenige Länder haben Gesetze erlassen die Wale schützen, noch we- niger welche, die direkt auf Whale-Watching ausgerichtet sind. Dies zeigt sich in den relativ wenigen Kreuzen der Spalte 'Generelle Vor- schriften zum Schutz der Wale’ in Tabelle 2. Die Spanne der Regulationen reicht von harten Kontrollen bis zur freiwilligen Verpflichtung der Touristen und Touranbieter sich verantwor- tungsvoll zu verhalten (GJERDALEN & WILLIAMS 1999). Über rechtliche Grundlagen lässt sich das Wachstum an Whale-Watching Anbietern an einem Ort regulieren, indem man offizielle Zulassungen ausgibt und Verstöße rechtlich verfolgt. Auch diese Ausgabe von Lizenzen wird bisher in wenigen Ländern als Maßnahme ge- nutzt, wie sich in der zweiten Spalte von Tabelle 2 zeigt.

Die richtige Anzahl an Lizenzen auszugeben, ist ein komplexer Vorgang. Die Umstände unter denen die Wale leben sind höchst verschieden und somit auch die Auswirkungen die durch das Whale-Watching entstehen können. Die Bedeu- tung der Habitate, in denen die Tiere aufge- sucht werden, variiert (kritische Habitate).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Regulationsart nach Zuständigkeit (Eigene Darstellung nach CARLSON 2009).

Auch die Anfälligkeit für Störungen unterscheidet sich nach Alter (STALMASTER & NEWMAN 1978, CONSTANTINE 2001, MÜLLNER et al. 2004), Geschlecht (WILLIAMS et al. 2002, LUSSEAU 2003), den bisherigen Lebenserfahrungen des Individuums (BEJDER et al. 2003, 2009) und ob die Tiere trächtig sind oder Kälber haben (NELLEMANN et al. 1999, BEALE & MONAGHAN 2004). Daher muss für jede Population einzeln entschieden werden, wieviel Lizenzen tragbar sind.

In Bezug auf die Form der Gesetzesgebung, fallen gerade die Kontrollen meist un- zureichend aus. An vielen Orten ist es durch die Masse an Anbietern die sich mobil auf den riesigen Flächen des Meeres bewegen, schwer und kostenintensiv ausrei- chende Überprüfungen durchzuführen. Vielerorts herrscht ein komplexes System zur Regulation vor, mit einer Fülle an zuständigen Behörden. In vielen Ländern liegt die Komplexität auch darin, dass es im Bezug auf Whale-Watching an einigen Stel- len Überlappungen von Zuständigkeiten gibt, während in anderen Punkten grundle- gende Lücken vorliegen. Dies liegt meist daran, dass Whale-Watching eine relativ neue Aktivität ist. Während die meisten Regulationen das Jagen, Töten oder Beläs- tigen von Walen verbieten, ist nicht klar definiert, inwiefern und ab wann unverant- wortungsvolles Verhalten in Bezug auf Whale-Watching unter solche Regulationen fällt (WILSON 2003). Im US Marine Mammal Protection Act (MMPA) wird Belästigung definiert als jeglicher Akt von Verfolgung, Qual oder Störung, der das Potenzial hat, ein Meeressäugetier oder einen Meerestierbestand zu verletzen, oder zu stören, indem er Verhaltensmuster stört, inbegriffen Migration, Atmung, Aufzucht der Jun- gen, Fortpflanzung, Nahrungsaufnahme und Schutzbedürfnis.

Gegenüber diesen ordnungspolitischen Maßnahmen stehen freiwillige Empfehlun- gen, auch Richtlinien und Verhaltenskodex genannt. Sie verfügen über keine recht- liche Handhabe (GARROD & FENNELL 2004). Sie lassen sich schneller umsetzen und ermöglichen es so schnell Lücken in Gesetzen zu schließen. Formelle Regulatorien können lokaler und damit spezifischer auf eigenen Erfahrungen aufgebaut werden. An einigen Orten wird Whale-Watching mit einer Mischung aus gesetzlich festgeleg- ten und freiwilligen Richtlinien betrieben. Die letzte Spalte von Tabelle 2 zeigt, dass diese Form der Regulierung in allen aufgeführten Gebieten durchgeführt wird. Glo- bal gesehen werden bloße Empfehlungen zur freiwilligen Umsetzung selten befolgt und sind damit an den meisten Orten relativ wirkungslos, wie im nächsten Kapitel anhand von Fallbeispielen beschrieben wird (SCHAFFAR et al. 2010).

4.2 Fallbeispiele

1 Port Philip Bay, Australien

In Port Philip Bay wurden mehrfach Verstöße gegen Lizenzbedingungen be- obachtet. So beobachtet bei 1/3 der Arten der Annäherung (von 564 beobachteten), die Dauer von 77 beobachteten Schwimminteraktionen wurde in 47 Fällen überzo- gen und die Dauer die bei den Tieren verbracht wurde in 66 von 107 beobachteten Touren (SCARPACI et al. 2003: 344 f.).

2 Westaustralien

In Westaustralien wurde eine Zulassung zurückgezogen, als sich durch Studien zeigte, dass die Anzahl der Individuen in Shark Bay durch Whale-Watching sank (BEJDER 2005, BEJDER et al. 2006, HIGHAM & BEJDER 2006, 2008).

3 Port Stephens, Australien

In Port Stephens wurden Gesetze erlassen, nachdem freiwillige Richtlinien keine ausreichende Befolgung zum Schutz der lokal ansässigen Delfine nach sich zogen. Das Gebiet wurde zum Meeresschutzgebiet erklärt, was es ermöglicht hat, auch Verstöße gegen den Verhaltenskodex rechtlich zu verfolgen. Außerdem müssen Anbieter eine Lizenz beantragen, wenn sie Whale-Watching Touren anbieten möch- ten (ALLEN et al. 2007).

4 British Columbia, Kanada

In vielen Regionen British Columbias dürfen sich Schiffe nur bis auf 100 m

Walen nähern, Fähren bis auf 200 m. Es gibt Reservate in denen die Wale nicht aufgesucht werden dürfen und Geschwindigkeitsbegrenzungen, wenn Wale sich in 400-800 m Umkreis befinden. Auch das Anhalten auf den Wanderwegen der Wale ist verboten (BAIN 2002).

5 Kanada

In Kanada existieren 36 bundesstaatliche und 20 provinzielle und territoriale Ver- ordnungen zum Schutz und der Nutzung der Meere. Es fehlt an Organen, die all diese Gesetze koordinieren und so wirkungsvoll umsetzbar machen. Eine Verbindung von ordnungspolitischen und freiwilligen Richtlinien wurde von den Whale-Watching Anbietern North West verfasst. Nach ihren Aufstellungen agieren dutzende Anbieter in British Columbia und Washington State (USA), die alle die gleiche Population von Schwertwalen anfahren. Die Regelung enthält strengere Vorschriften als sie in beiden Ländern allgemeingültig existieren (BERROW 2003).

6 Hawaii, USA

In Hawaii wurden 9 von 29 Whale-Watching Anbietern regelmäßig dabei beobach- tet, wie sie Ostpazifische Delfine (Stenella longirostris) direkt an die Boote mit Be- suchern trieben. Dies begründet sich daraus, dass diese Anbieter Sichtungen ga- rantieren. Auch das Einkreisen der Delfine mit 5 oder mehr Booten, wurde bei 8 von 29 Touren beobachtet. Diese Vorkommnisse verstoßen gegen die dort gültigen Richtlinien (WIENER et al. 2009: 496 ff.). Das Fisheries Service Pacific Islands Re- gional Büro der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) arbeitet an Gesetzen um diese Delfinpopulation zu schützen. Die Art jagt nachts in tieferen Gewässern, tagsüber ruhen sie an flachen Küstenlinien (NORRIS et al. 1994). Durch dieses vorhersagbare Verhalten und ihre Abhängigkeit von leicht vom Menschen zu erreichende Buchten, sind sie im Vergleich zu anderen Arten besonders anfällig für Störungen durch Menschen. Studien belegen, dass die Ruhezeiten der Delfine kürzer werden und durch Whale-Watching Boote gestört werden (DANIL et al. 2005, DELFOUR 2007, COURBIS & TIMMEL 2009).

7 Sansibar, Tansania

In Sansibar wurden die Richtlinien mit steigender Anzahl an Booten immer weniger beachtet, was sich auf die lokale Population an Tümmlern negativ ausgewirkt hat (CHRISTANSEN et al. 2010).

8 Neuseeland

Neuseeland ist ein Beispiel für die Entwicklung eines verantwortungsvollen Whale- Watching Systems. Richtlinien basierend auf wissenschaftlichen Studien, Lizenzen und entsprechende Gesetze regulierten hier von Anfang an das Whale-Watching (O’CONNOR et al. 2009). Außerdem wurden hier an mehreren Orten Gesetze er- lassen, bzgl. der erlaubten Interaktionszeit, wie oft und wann Touren stattfinden dür- fen und wo Schwimmer im Wasser erlaubt sind. Nur die Durchführung von Kon- trollen ist meist unzureichend, da sie zeit- und kostenintensiv ist (HARTEL 2010).

4.3 Schutzgebiete

Die Definition von Meeresschutzgebieten stammt von der International Union for the Conservation of Nature (IUCN). Marine Protected Areas (MPAs) sind alle Gebiete, in den Gezeitenzonen oder subtidialen Bereichen, zusammen mit dem darüber liegen- den Wasser und der assoziierten Flora, der Fauna, den historischen und kulturellen Extras, welche vom Gesetz oder anderen effektiven Organen als teilweise oder ins- gesamt schützenswerte Umwelt aufgenommen wurden. MPAs wurden geschaffen, um empfindliche Arten und Ökosysteme zu beschützen, die Biodiversität zu erhalten und die Gefahr des Aussterbens einer Art zu minimieren und Ökosysteme zu stabil- isieren. Die Nutzung muss überwacht werden, um Konflikte zu vermeiden und die Produktivität der Populationen von Fischen und Meeressäugetieren soll rund um das Reservat erhöht werden (PAULY et al. 2002, HOOKER & GERBER 2004).

Die spezielle Ausrichtung auf Meeressäugetiere erfolgt durch bereits vorliegende oder neu zu entwickelnde Gesetze oder Managementpläne. Nach HOYT (2005a) sind die existierenden Schutzgebiete zu klein, zu wenig und verfügen über zu wenig Gesetze, welche meist auch nicht rechtlich verflogt werden.

Das erste Schutzgebiet für Wale war die Laguna Ojo de Liebre, welches 1971 von der mexikanischen Regierung geschaffen wurde. Hierbei ging es um den Schutz der Baja California, welche ein Hauptgebiet für die Paarung und die Geburt der Kälber von Grauwalen (Eschrichtius robustus) ist. Im Sommer wandern die Wale von hier zu ihren Nahrungsgründen in Alaska. 1988 wurde die umliegende Wüste und Küste zusammengenommen mit der San Ignacio und der Guerrero Negro Lagune, um das El Vizcaino Biosphärenreservat zu bilden.

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Details

Titel
Untersuchung zum Einfluss des Whale-Watching auf das Verhalten der Wale
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
51
Katalognummer
V429242
ISBN (eBook)
9783668729223
ISBN (Buch)
9783668729230
Dateigröße
1750 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Whale-Watching, Wale, Tourismus, Verhaltensbiologie, Verhalten
Arbeit zitieren
Julia Thielert (Autor), 2018, Untersuchung zum Einfluss des Whale-Watching auf das Verhalten der Wale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429242

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