Die antike Alte Komödie als Spiegel zeitgenössischer politischer Meinungen

Die Beurteilung von Perikles in den Komödien des Kratinos


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Periklesbild in den Komödien von Kratinos

3. Zur Einschätzung seiner Darstellungen

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis
5.1. Quellen
5.2. Literatur

1. Einleitung

In unserer heutigen Zeit ist es selbstverständlich, Meinungen über prominente Personen der nationalen bzw. internationalen Politik zu haben und vermittelt zu bekommen. Neben dem persönlichen Umfeld, haben vor allem die Medien mit ihrem omnipräsenten Charakter den größten Anteil an unserer Meinungsbildung. Gerade jetzt ist es besonders wichtig, aus diesem Informations- und Meinungswirrwarr die richtigen Schlüsse zu ziehen, um sich ein fundiertes Bild konkreter politischer Entwicklungen und Zusammenhänge und den in ihnen agierenden Personen machen zu können. Der kürzlich geprägte Ausdruck ÄFake News“ verdeutlicht dies umso mehr. Jedoch existieren, abgesehen von schlechter Recherche und vermeintlich faktengetreuen Aussagen verschiedener Behörden und Journalisten, viele verlässliche Quellen, aus denen für eine Urteilsbildung geschöpft werden kann. Eine Ausnahmerolle nimmt in diesem Kontext die politische Satire ein. Als Kunstform verstanden, versuchen die Autoren über verschiedene Genres aktuelle Entwicklungen, Zustände und Politiker zu kritisie- ren oder verächtlich zu machen. Die dabei benutzten Mittel der sprachlichen und gestalteri- schen Übertreibung und Verspottung haben sich als sehr ansprechend gezeigt und bezeugen darüber hinaus ein hohes Maß an Kreativität.1 Da die Satire kein modernes Phänomen dar- stellt, sondern auf eine lange Tradition mit unterschiedlichen Ausprägungen zurückblicken kann, ist anzunehmen, dass die künstlerische Verspottung und Kritik an herrschenden Perso- nen, Schichten oder Institutionen schon sehr früh in höher entwickelten Kulturen und Gesell- schaftsstrukturen in irgendeiner Form vorhanden gewesen sein musste. So belegen bereits antike Überreste die Existenz einer solchen Form: Die attische Komödie.

Eine genaue Datierung über die Anfänge der attischen Komödie ist aufgrund unzureichender Quellen nicht möglich und lässt eine Forschungsdiskussion erst gar nicht zu.2 Als wichtigstes Zeugnis in diesem Zusammenhang versteht Isolde Stark die Ausführungen Aristoteles, der im ersten Teil der ÄPoetik“ die attische Komödie als Weiterentwicklung der ÄImprovisationen“ beschrieb und ihren Ursprung vor allem im Dionysos-Kult sah, welches aber in der Forschung diskutierbar ist.3 Zur Verehrung des Vegetations- und Weingottes Dionysos hielten die Athe- ner mehrere Feste zwischen Dezember und April ab, von denen zwei mit dramatischen Auf- führungen verbunden waren: ab 486 v. Chr. die Großen ÄDionysien“ und ab ca. 440 v. Chr. die ÄLenäen“.4 Bei diesen beiden Festen wurden jeweils an einem Tag mehrere Komödien aufgeführt, wobei bei den Großen Dionysien die Tragödien, welche mit mehreren Auffüh- rungstagen den Abschluss dieses Festes bildeten, die Geltung der Tragödie im kultisch-politi- schen Leben Athens untermauern.5 Die attische Komödie lässt sich laut der antiken Philologie in drei Phasen unterteilen, wobei die erste Phase der sog. ÄAlten Komödie“ mit ihren Haupt- vertretern Kratinos, Aristophanes und Eupolis von 486 bis ca. 400 v.Chr. angesetzt wird. Die ÄMittlere Komödie“ und ÄNeue Komödie“ folgten, sollen aber an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden. Im Gegensatz zu den eben genannten Phasen, war die Alte Komödie durch den politischen Spott gekennzeichnet. Nur während dieser Phase wurden politische Stücke im staatlichen Komödienagon aufgeführt, jedoch sind die ersten Komödien bis in die 450er Jahre v. Chr. dem Genre der sozialen Typenkomödie des Alltags bzw. des Mythos zuzuordnen.6

Gerade dieses alleinstehende Charakteristikum macht die Stücke der Alten Komödie so inte- ressant für die Forschung und bildet die Grundlage für die vorliegende Arbeit. Obwohl die meisten Stücke, außer wenigen von Aristophanes, nur in Fragmenten erhalten blieben, können sie dennoch Aufschluss darüber geben, inwiefern zeitgenössische Meinungen über bestimmte politische Entwicklungen und Personen ausfielen und ggf. mit anderen Überlieferungen ab- weichen konnten. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, das Bild von Perikles durch die Komödien von Kratinos zu beleuchten. Dazu sei als Grundlage, neben der umfassenden Se- kundärliteratur über die attische Komödie und Perikles, vor allem auf die Arbeit von Joachim Schwarze verwiesen, der in seinem Buch ÄDie Beurteilung des Perikles durch die attische Komödie und ihre historische und historiographische Bedeutung“ detaillierte Einzelinterpre- tationen zum Periklesbild verschiedener Dichter der Alten Komödie verfasste.7

Zunächst werden im folgenden Kapitel konkrete Darstellungsmotive und -Komponenten von Kratinos über Perikles herausgearbeitet. Bezugnehmend auf diese Befunde werden dann Aussagen zur Einschätzung seiner Darstellungen getroffen, wobei die generelle Rolle der Komödie in der athenischen Demokratie mitberücksichtigt wird. In der Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse zusammengefasst und im Forschungskontext eingebettet.

2. Das Periklesbild in den Komödien von Kratinos

Kratinos zählt zu den Begründern der Alten Komödie und ist derjenige, dessen Komödien - zumindest in Fragmenten - zuerst erhalten blieben. Um sein Leben und seine Person kann nur spekuliert werden, da die einzigen antiken Angaben zu seiner Biographie nur den Komödien seines Rivalen Aristophanes entstammen.8 Jedoch ist, anhand der von Kratinos zugerechneten Komödienfragmenten und den Siegerlisten der Dionysien, die Schaffensperiode des Dichters eingrenzbar. So begann seine Karriere voraussichtlich in den 450er Jahren v. Chr. und endete mit seinem letztem Werk ÄPytine“ im Jahre 423 v. Chr.9 Das bedeutet in diesem Zusammen- hang, dass Kratinos während Perikles` politischer Laufbahn hauptsächlich tätig war und ver- weist auch auf die häufigen direkten und indirekten Anspielungen gegen diesen.10

Im Gegensatz zu komplett erhaltenen Stücken von Aristophanes, können Historiker und Alt- philologen nur wenig über die Dichterkunst von Kratinos und die jeweilige dramaturgische Ausgestaltung seiner Stücke darlegen. In Anlehnung an die überlieferten Komödien der Alten Komödie und der Tatsache, dass Kratinos zu den Begründern dieser Phase zählt, ist ein ähnli- cher, dem damaligen Genre entsprechender Aufbau seiner Komödien anzunehmen.

Die Inszenierung einer Komödie im 5. Jahrhundert v. Chr. kann sich folgendermaßen vorge- stellt werden: Hauptakteure waren die Schauspieler, die im Normalfall zu dritt auftraten, und der Chor, welcher aus mindestens 24 Sängern bestehen konnte. Alle Darsteller trugen Mas- ken, die unterschiedlich nach Geschlecht und sozialer Stellung ausgestaltet waren. Männliche Rollen hatten zudem noch einen ausgestopften Bauch, ein ebenso ausgeprägtes Gesäß und einen hängenden und erigierten Phallos.11 Der generelle Handlungsablauf eines Stückes ver- lief nach einem Schema, das aber nicht zwingend durch die Dichter der Komödie eingehalten wurde. So gab es eine bestimmte Abfolge von verschiedenen Szenenarten, in denen entweder die Schauspieler und der Chor separat oder im Dialog agierten. Oft gab es Wechsel zwischen gesprochenen und gesungenen Passagen. Gemäß dem allumgebenden Agon in der damaligen attischen Gesellschaft, waren die Handlungen der Alten Komödien ebenso geprägt. Der Äko- mische Held“ (Protagonist) stand im Konflikt mit seinen Widersachern, die durch andere Schauspieler verkörpert wurden. Der Chor hatte dabei eine ambivalente Rolle. Er konnte sowohl direkt im Geschehen mitwirken als auch als eine Art Erzähler die Handlung voran- treiben.12

Die Stücke der Alten Komödie - und somit auch die von Kratinos - gelten als aktuell und politisch. Politisch insofern, als dass sie Themen und Probleme der Polis Athen beinhalten und in einem von Polisbeamten geleiteten festlichen Rahmen zur Aufführung gelangten. Dies sind vor allem die beiden Hauptthemen ÄKrieg und Frieden“ und ÄKrise der Polis“, welche gerade zur Zeit des Peloponnesischen Krieges häufig wiederkehrten. Aber auch das Verhältnis vom Demos zu den Demagogen war ein zentrales Element der damaligen Handlung.13 Dabei bedienten sich die Dichter der direkten und offenen Auseinandersetzung mit den Demagogen, wie z. B. Platon in seinen Werken ÄHyperbolos“ oder ÄKleophon“, oder sie versuchten diese auf metaphorischer Ebene zu kritisieren, wie es vorrangig Kratinos mit Perikles tat.14 Ein gängiges Mittel der Umsetzung war dazu die Mythenparodie. Im Gegensatz zur Mythentravestie, bei der der Gegenstand der Komödie der Mythos selbst ist und dieser nur in eine unangemessene Form gebracht wird, bleibt bei der Mythenparodie lediglich die mythische Form erhalten, da der mythische Held nicht sich selbst, sondern eine andere Person verkörpert. Durch diese Darstellungsweise wird auch die von ihm getragene Handlung in einen anderen Zusammenhang gesetzt.15

Im folgenden Abschnitt soll nun anhand einiger konkreter Kratinosfragmente, die Darstellung von Perikles beleuchtet werden. Dabei werden primär die inhaltlichen Aussagen erläutert und in den jeweiligen historischen Kontext eingebettet, um mögliche Intentionen dieses Dichters zu ergründen. Von seinen 29 zugesprochenen Komödien16 konnten bis zu sieben mit Perikles in Verbindung gebracht werden, deren Titel mit überliefert sind. Des Weiteren gibt es noch drei weitere Fragmente, die ohne Angabe des Komödientitels sind. Die unpräzise Angabe der Werke, die im Zusammenhang mit Perikles betrachtet werden, liegt in der noch aktuellen Forschungskontroverse begründet. Die Untersuchung wird chronologisch vorgenommen. Die Reihenfolge richtet sich nach den Erkenntnissen und Schlussfolgerungen von Joachim Schwarze.17

Zunächst soll die Komödie ÄCheirones“ betrachtet werden, deren Inhalt anhand der überlie- ferten Fragmente aber nicht mehr rekonstruierbar ist.18 Eindeutig ist jedoch, dass ÄCheirones“ auf den Chor bezogen ist. Denn der pluralische Titel dieses Werkes kann nur für den mehr- stimmigen Chor stehen - eine Besonderheit, die in den Komödien von Kratinos auf die Wich- tigkeit des Chores hinweist. So lässt sich erkennen, dass die Chöre oft eine bestimmte Rich- tung einnehmen oder Anhänger, Sympathisanten oder Freunde einer bestimmten Person dar- stellen.19 In dieser Rolle kann der Chor zum Sprachrohr des Dichters werden, mit dem er seine Kritik an aktuellen Vorgängen im Staat äußert. Die ÄCheirones“ treten in Gestalt von Zentauren auf, die die Tugendlehren ihres mythischen Vorbildes ÄCheiron“ in Athen kundtun wollen.20 Die Nachbildung und Vervielfältigung des Kentauren Cheiron bildete für Kratinos eine geeignete Möglichkeit, mit Hilfe des Chores die Idealität eines früheren Gesellschaftszu- standes zu repräsentieren und gleichzeitig die politischen Umstände in Athen anzuprangern.21 Ein weiteres Indiz für diese Absicht ist für Walter Ameling der nach frg. 228 K gesicherte Auftritt Solons.22 Wie scharf die Kritik der Cheirones ausfallen kann, zeigt das nach Plutarch (Perikl. 3,5) überlieferte frg. 240 K:

ÄDie Zwietracht und Kronos, der Alte, in Liebe vereinigt, Zeugten zusammen den mächtigsten aller Tyrannen. Die Götter Verliehen ihm den Namen ‚Köpfeversammler‘...“23

Hier wird Perikles herausragende Position im Staat karikiert, indem er mit Zeus gleichsetzt wird, der aus der Vereinigung von Kronos und der ÄΣτάσις“ hervorgegangen ist.24 Στάσις sollte an dieser Stelle nicht mit ÄZwietracht“ übersetzt werden, sondern mit ÄParteikampf“. Somit ergibt sich für den Zuschauer ein niederträchtiges Bild von Perikles. Als Ämächtigster aller Tyrannen“ überwand er die Στάσις, um in seinem perikleischen Staat als Alleinherrscher zu agieren. In Zeiten der Demokratie ist der Gebrauch des Wortes ÄTyrann“ ein Ausdruck des Dichters, die legitime Machtausübung von Perikles nicht anzuerkennen.25

[...]


1 F. A. Brockhaus: Der große Brockhaus in einem Band, 3. Auflage, Leipzig/Mannheim 2008, S. 893.

2 Vgl. Stark, Isolde: Die hämische Muse. Spott als soziale und mentale Kontrolle in der grieschischen Komödie, in: Lefévre, Eckard/Seeck, Gustav (Hg.): Zetemata. Monographien zur klassischen Altertumswissenschaft, Heft 121, München 2004, S. 19.

3 Vgl. ebenda, S. 22. u. 30f.

4 Vgl. Zimmermann, Bernhard: Die griechische Komödie, Frankfurt am Main 2006, S. 14ff.

5 Vgl. ebenda, S. 21f.

6 Vgl. Stark, Die hämische Muse, S. 193f.

7 Schwarze, Joachim: Die Beurteilung des Perikles durch die attische Komödie und ihre historische und historiographische Bedeutung, in: Burck, Erich/Diller, Hans (Hg.): Zetemata. Monographien zur klassischen Altertumswissenschaft, Heft 51, München 1971.

8 Zimmermann, Bernhard: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit, in: Handbuch der griechischen Literatur der Antike, Band 1, München 2011, S. 718.

9 Vgl. Schwarze, S. 6; Bakola, Emmanuella: Cratinus and the Art of Comedy, Oxford 2010, S. 3f.

10 Schwarze, S. 6.

11 Vgl. Zimmermann, Handbuch, S. 675f.

12 Vgl. Zimmermann, Komödie, S. 41ff.

13 Vgl. Zimmermann, Handbuch, S. 694f.

14 Vgl. ebenda, S. 695.

15 Vgl. Stark, Isolde: Kommunikation, Funktion und Struktur in der griechischen Komödie, in: Philologus. Zeitschrift für klassische Philologie, Band 135, Heft 2, Berlin 1991, S. 107.

16 Zimmermann, Handbuch, S. 719.

17 Siehe dazu Schwarze, S. 5 - 90, S. 190.

18 Schwarze, S. 55.

19 Vgl. Zimmermann, Handbuch, S.720.

20 Siehe dazu frg. 235 K nach J. Schwarze, S. 55.

21 Vgl. Schwarze, S. 55f.

22 Vgl. Ameling, Walter: Komödie und Politik zwischen Kratinos und Aristophanes: Das Beispiel Perikles, in: Quaderni Catanesi, Band III, Heft 6, 1981, S. 396; Siehe dazu frg. 228 K.in J. Schwarze, S. 56, Anm. 130.

23 Siehe (Plut. Perikl. 3,5) frg. 240 K; Übersetzung nach K. Ziegler u. W. Wuhrmann, in: Plutarch: Fünf Doppelbiographien. Griechisch - Deutsch, Zürich 1994, S. 517.

24 Schwarze, S. 59f.

25 Vgl. ebenda, S. 60.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die antike Alte Komödie als Spiegel zeitgenössischer politischer Meinungen
Untertitel
Die Beurteilung von Perikles in den Komödien des Kratinos
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V429368
ISBN (eBook)
9783668752764
ISBN (Buch)
9783668752771
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alte, komödie, spiegel, meinungen, beurteilung, perikles, komödien, kratinos
Arbeit zitieren
Gino Massaro (Autor), 2017, Die antike Alte Komödie als Spiegel zeitgenössischer politischer Meinungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429368

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