Exegese zu Genesis 21,1-7


Hausarbeit, 2017

28 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wörtliche Übersetzung des Textes der BHS

2. Textkritik

3. Literarkritik
3.1 Textabgrenzung
3.2 Kohärenzprüfung und Einordnung

4. Formkritik
4.1 Sprachliche Form
4.2 Sprachliche Besonderheiten
4.3 Gattungsbestimmung und „Sitz im Leben“

5. Überlieferungskritik

6. Traditionskritik und Traditionsgeschichte
6.1 Traditionen
6.2 Motive

7. Redaktionskritik

8. Einzelexegese
8.1 Hinführung zum Text
8.2 Kommentar am Text entlang

9. Gesamtinterpretation
9.1 Zusammenfassung des Skopus
9.2 Bedeutung innerhalb der biblischen Theologie
9.3 Homiletischer Ausblick

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Wörtliche Übersetzung des Textes der BHS

וַיהוָה פָּקַד אֶת-שָׂרָה כַּאֲשֶׁר אָמָר וַיַּעַשׂ יְהוָה לְשָׂרָה כַּאֲשֶׁר דִּבֵּר

1 Und (o. aber) JHWH suchte Sara heim (o. nahm sich ... an o. kümmerte sich um ...), wie er gesagt hatte, und JHWH tat an Sara, wie er geredet hatte.

וַתַּהַר וַתֵּלֶד שָׂרָה לְאַבְרָהָם בֵּן לִזְקֻנָיו לַמּוֹעֵד אֲשֶׁר-דִּבֶּר אֹתוֹ אֱלֹהִים

2 Und Sara wurde schwanger und gebar dem Abraham einen Sohn in seinem Alter, zu der bestimmten Zeit, die Gott ihm gesagt hatte.

וַיִּקְרָא אַבְרָהָם אֶת-שֶׁם-בְּנוֹ הַנּוֹלַד-לוֹ אֲשֶׁר-יָלְדָה-לּוֹ שָׂרָה--יִצְחָק

3 Da (o. und) rief Abraham den Namen seines Sohnes (d.h. nannte seinen Sohn), den Sara ihm geboren hatte, Isaak.

וַיָּמָל אַבְרָהָם אֶת-יִצְחָק בְּנוֹ בֶּן-שְׁמֹנַת יָמִים כַּאֲשֶׁר צִוָּה אֹתוֹ אֱלֹהִים

4 Und Abraham beschnitt seinen Sohn Isaak, [als er] ein Sohn von acht Tagen [war] (d.h. [als er] acht Tage alt war), wie Gott ihm geheißen hatte.

וְאַבְרָהָם בֶּן-מְאַת שָׁנָה בְּהִוָּלֶד לוֹ אֵת יִצְחָק בְּנוֹ

5 Aber (o. und) Abraham [war] ein Sohn von hundert Jahren (d.h. war hundert Jahre [alt]) beim ihm Geborenwerden seines Sohnes Isaak (d.h. als ihm sein Sohn Isaak geboren wurde).

וַתֹּאמֶר שָׂרָה--צְחֹק עָשָׂה לִי אֱלֹהִים כָּל-הַשֹּׁמֵעַ יִצְחַק-לִי

6 Und (o. da) Sara sagte: Gott bereitete mir Lachen; jeder Hörende wird mir zulachen (o. meinetwegen lachen o. mit mir lachen o.über mich lachen).

וַתֹּאמֶר מִי מִלֵּל לְאַבְרָהָם הֵינִיקָה בָנִים שָׂרָה כִּי-יָלַדְתִּי בֵן לִזְקֻנָיו

7 Und (o. da) Sara sagte: Wer hätte zu Abraham gesprochen: Sara stillt Söhne! Wahrhaftig (o. denn), ich habe einen Sohn geboren in seinem Alter.

2. Textkritik

Im folgenden Schritt soll dieälteste erreichbare Überlieferung des Textes herausgestellt werden. Durchäußere und innere Textkritik wird eine mögliche Entstehungsgeschichte der verschiedenen Varianten dargestellt.

Problem 2a

Zwei masoretische Handschriften und die Septuagintaübermittelnכַּאֲשֶׁר (griech. καθὰ) im Gegensatz zu אֲשֶׁר.

Die Nota relativi bekommt somit eine Präzision und wirdübersetzt mit: „sowie/wenn/nachdem/wie/weil/als”. Der Textapparat der BHS weist darauf hin, dass diese Formulierung auch im ersten Vers des Kapitels verwendet wird.

Äußere Textkritik: Die beiden Manuskripte und die Septuaginta, welche hinter dem Masoretentext (MT) als wichtigster Textzeugen gelten, sind historisch voneinander unabhängig. Andrerseits wird MT vom Samaritanischen Text und weiteren gestützt. Beide Lesarten sind gut bezeugt.

Innere Textkritik: Die Faustregeln der lectior brevior und lectior difficilior können an dieser Stelle nicht genutzt werden, da sich die verschiedenen Lesarten weder in Schwierigkeit noch in bedeutender Länge unterscheiden. Horst Seebass bemerkt an anderer Stelle des Verses allerdings eine formelhafte Ankündigung vergleichbar mit Stellen in Exodus1. Auffällig ist dabei, dass diese Formeln ebenfalls mit כַּאֲשֶׁר beginnen. Somit könnte man diese Lesart als nachträgliche Angleichung verstehen. Andrerseits könnte auch ein Fehler bei dem Vorgang des Abschreibens durch Abirren des Auges zum ersten Vers (aberratio oculi) passiert sein.

Fazit: Insbesondere die innere Textkritik spricht für den BHS-Text, weshalb diesem auch weiterhin zu folgen ist.

Problem 7a

Der samaritanische Pentateuch und das Targum von Pseudo-Jonathan fügen וֹל (dt.: Wahrhaftig, ich habe ihm in seinem Alter einen Sohn geboren.) hinzu.

Äußere Textkritik: Obwohl der samaritanische Pentateuch als aussagekräftiger Textzeuge gilt, ist dieser Teil des Verses nicht durch weitere gewichtige Schriften bezeugt. Hinzukommend fallen bei den Targumen oftmals leichte Ergänzungen auf, um Aspekte der Hermeneutik einzubringen2.

Innere Textkritik: Der BHS-Text ist die lectior brevior, da das Personalpronomen als Erläuterung gesehen werden kann. Obwohl MT inhaltlich nur geringfügig schwieriger ist, ist sie somit die lectior difficilior: Mit וֹל wird nochmals das לִזְקֻנָיו (in seinem Alter) konkretisiert, so dass Sara und Abraham gleichermaßen (obwohl Sara das Subjekt und Handlungsträger ist) als Betroffene der Situation herausgestellt werden.

Fazit: Sowohl dieäußere, als auch die innere Textkritik lassen darauf schließen, dass der Text der Masoreten die ursprünglichere Überlieferung ist.

3. Literarkritik

3.1 Textabgrenzung

Diese exegetische Arbeit beschäftigt sich mit der Perikope Gen 21, 1-7.

In der folgenden Plausibilitätsanalyse wird nun herausgearbeitet, ob die Abgrenzung der Verse im Kapitel sinnvoll ist.

Die Abgrenzung zu der vorherigen Erzählung ist bereits durch den Beginn eines neuen Kapitels gekennzeichnet. Inhaltlich behandelt Kapitel 20 die Begegnung Abrahams und Saras mit Abimelech, Kapitel 21 beginnt mit der Geburt Isaaks.

Ein sprachliches Kriterium ist die Inversion des Subjekts, welche zeigt, dass ein Bezug zu Gen 20,18 schlecht möglich ist, da von JHWH auch schon zuvor die Rede war, so dass eine Hervorhebung dessen nicht nötig gewesen wäre und man vermutlich syntaktisch anders betont hätte3. Zusätzlich wird dies durch ein Sedarim, einen masoretischen Leseabschnitt, bezeugt.

Weniger deutlich ist die Abgrenzung nach hinten. Während viele Bibelübersetzungen ab Vers 8 eine neue Überschrift benennen, schlägt beispielsweise die katholische Einheitsübersetzung eine Einheit bis einschließlich Vers 8 vor (Vers 8 wird hier als Zusammenfassung der nächsten Zeit verstanden, so dass mit Vers 9 eine neue Erzählung beginnt). Des Weiteren sind Kommentare vorhanden, die Vers 1 bis 7 nicht von den restlichen Versen bis Vers 21 getrennt sehen möchten.

Für die Abgrenzung ab Vers 7 sprechen folgende Argumente:

Ab Vers 8 wechselt das Subjekt von Sara das erste Mal zu Isaak. Auch der zeitliche Unterschied zu den vorhergegangenen Versen fällt auf (Gen 21,8: Das Kind wuchs heran...). Die heutige Forschung nimmt wegen dem Anhaltspunkt der Entwöhnung an, dass Isaak zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt gewesen sein musste. Ein weiteres inhaltliches Merkmal ist die Bedeutsamkeit dieser Verse, die schon in Gen 18 deutlich wird. Während Vers 1-7 als Erfüllung der Verheißung gesehen werden können, liegt zumindest ab Vers 9 ein anderer Fokus in der Erzählung. Zusätzlich werden ab Vers 9 neue Personen eingeführt. Wie später in der Formkritik zuüberprüfen sein wird, stellen (z. B. nach Lothar Ruppert) die Verse 1-7 einen Bericht dar, während danach eine Erzählung anschließt4. Auch das spricht für eine eigene Einheit der ersten sieben Verse.

Gegen die oben dargestellte Verseinheit spricht jedoch, dass Vers 7 keinen klaren Schluss formuliert und der achte Vers eine Fortsetzungsformulierung (Gen 21,8 Das Kind wuchs heran und wurde entwöhnt...5 ) enthält. T.D. Alexander argumentiert hier, dass gerade die Geburt Isaaks zu der Vertreibung Hagars geführt hat und somit auch eine große Bedeutung für Hagar hat, nicht nur vordergründig für Sara. Des Weiteren merkt er an, dass viele Wissenschaftler die Quelle des sechsten zu der selben des achten bis 21. Verses zählen, so dass eine Einheit auch aus dieser Hinsicht sinnvoll erscheint.6

Der Bogen der Geschichte beginnt schon eher: Der Geburtsbericht schließt sich bereits an die Bemerkung, dass Sara kinderlos war (Gen 11,30) an. Wie bereits Vers 1 und 2 verdeutlichen, kann man das Kapitel 21 auch nicht losgelöst von dem 18. Kapitel (Gottes Verheißung) verstehen. Genauso verhält es sich auch mit der Geburt Isaaks und der daraus folgenden Ausweisung Hagars mit Ismael. Doch obwohl sich die Perikope, wie fast jede weitere, in einem literarischen Zusammenhang befindet, ist sie durch inhaltliche Kriterien gut begründet, gerade in Hinblick auf die vielen externen Abgrenzungsvorschläge, die diese These stützen.

3.2 Kohärenzprüfung und Einordnung

„Die Vielstimmigkeit (nicht nur) der gegenwärtigen Forschung ist kein Zeichen der Schwäche, sondern entspricht weithin der Komplexität ihres Gegenstandes.“7

Nachdem der Text auf seine Abgrenzungsmöglichkeiten hin geprüft wurde, wird nun eine Analyse der literarischen Integrität durchgeführt.

In der folgenden Analyse wird zuerst von dem Endtext ausgegangen und in synchroner Perspektive vorgegangen, um nach dem Aufdecken von eventuellen Kohärenzstörungen Fragen zu den literarischen Bearbeitungsschichten stellen zu können.

Der erste Vers beginnt mit einer inhaltlichen Dopplung. Das Wort „heimsuchen“ stammt allerdings aus theologischen Kontexten und ist somit wahrscheinlich später entstanden als der zweite Teil des Verses.8 Des Weiteren fällt auf, dass den Autoren die Sohnesverheißung in Genesis 18 vorliegen musste, da sie ohne weitere Erklärungen mit „ wie er gesagt hatte “ anknüpfen. Wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, kann Vers 1 nur aufgrund von Ausschlussverfahren mit geringer Sicherheit zugeordnet werden. Sicherlich geht er jedoch insgesamt auf die jahwistische Quelle (J) zurück. Betrachtet man den Bezug zu Kapitel 18 im ersten Teil des Verses, der auch in Vers 7 eine Rolle spielt, ergibt eine Zuordnung zum Jehowisten (Je) Sinn.

Die Verse 3 bis 5 scheinen kohärent zu sein: die Geburt Isaaks wird sachlich wiedergegeben. Wie schon im ersten Vers wird auch hier eine Vorkenntnis vorausgesetzt: Folgt man der allgemeingültigen Ansicht (beispielsweise von Ruppert oder Willi-Plein), dass Kapitel 17 (zumindest große Teile davon) von der Priesterschrift (P) stammt, deutet die gleiche Terminologie auf eine Verfasserschaft von eben dieser hin. Der zweite Vers ist insofern gesondert zu betrachten, da er die Wendung „in seinem Alter“ verwendet, welche nicht in Kapitel 17, dafür aber im siebten Vers, wiederzufinden ist. Dieser Einschub könnte von einer Redaktion stammen, die in nachexilischer Zeit Je und P miteinander verband.9 Ab Vers 2 fallen jedenfalls schon einige Spracheigentümlichkeiten der Priesterschrift auf, welche ab dem sechsten Vers nicht mehr zu finden sind. Der Schreibstil ist monoton und „rechtlich korrekt“10. Eine erste größere Spannung fällt bei der Namensgebung durch Abraham in Vers 3 auf: Obwohl in Vers 6 eine Namensgebung durch Sara angedeutet wird (auf welche wiederum schon im 17. Kapitel angespielt wird), nennt Abraham den Namen. Die Unterschiede des historischen Kontextes fallen hier auf, denn die Namensgebung durch den Vater (welche zu dem Ritus der Beschneidung gehörte) wurde erst in den jüngeren Praktikenüblich.11 Weitergehend wird zu prüfen sein, inwiefern die Namensgebung und die Ausführung dessen Aufschlussüber das Alter des Textes geben kann. Die Etymologie des Namens geht auf die Verbalwurzel שחק zurück: Die priesterschriftliche Quelle, welche sich auch insgesamt mehr auf Abraham konzentriert, vermutet das Lachen Abrahams (s. Gen 17,17) als Kern der Aussage des Namens von Isaak.

Der sechste Vers löst sich offensichtlich von dem priesterschriftlichen Block ab, in dem er eine widersprüchliche Erklärung des Namens darlegt. Westermann, Willi-Plein und weitere schlagen eine gemeinsame Zuordnung zu Vers 1 vor, welche aber auf Grund der unterschiedlichen Gottesnamen unwahrscheinlicher als eine Zuordnung zu dem Elohisten (E), welche auch ab Vers 8 wieder sinnvoll sei12, scheint.

Der siebte Vers ist eine (poetische) Bekundung der Freude wie schon im vorherigen Vers. Auffällig ist aber die erneute Redeeinleitung „ und Sara sagte “, was auf eine andere Quelle hinweist. Folgt man der Meinung, dass Kapitel 18,10-15 auf die Jehowisten zurückgeht, so ist auch der dort anknüpfende Vers 7 zu diesen einzuordnen, gerade weil die additive Redaktion eine passende Überleitung zu Vers 8 bildet, die eine frühere Quelle nicht hätte bilden können (Thematik Stillen, Entwöhnen). Vers 7 bringt somit die Verkündigungsgeschichte Isaaks zu einem Abschluss. Das aramäische Wort מִלֵּל(sagen, künden) ist außerdem erst in späteren Texten (Ps 106,2 u. Hi 8,2) nochmals belegt, was eine frühere Datierung des Textes, beispielsweise, wie lange Zeit angenommen zu J, noch unwahrscheinlicher macht. Hinblickend auf die Namensätiologie Isaaks stellt man im zweiten Teil des Verses eine weitere Begründung fest: Das Lachen der Sara, nicht das des ungläubigen Staunens, sondern das der Dankbarkeit gegenüber Gott.

Insgesamt ist derälteste Textzeuge somit der Elohist, gefolgt von dem Jehowisten, welcher sich auch auf dieälteste Quelle J beziehen mag. Die Priesterschrift hat die jüngere Praxis der Namensgebung durch den Mann und der Beschneidung eingebracht und die Redaktion RP brachte die Verse 2 und 7 miteinander in Einklang und führte somit zu dem heutigen Text.

Vers 6 ist somit dieälteste Überlieferung, nur als Fragment enthalten, wahrscheinlich um Dopplungen zu vermeiden. Die einzig vergleichsweise sichere einfache Einheit ist die Perikope der Priesterschrift Gen 21,3-5. Zusammenfassend erscheint der Text also als eine zusammengesetzte Einheit.

4. Formkritik

4.1 Sprachliche Form

Im Rahmen des Schrittes der Formkritik und Formgeschichte wird zuerst ein Augenmerk auf die sprachliche und stilistische Gestaltung der Perikope gelegt.

Im Folgenden wird zuerst auf die gesamte Texteinheit eingegangen:

Die Syntax ist von Verbalsätzen geprägt. Durch das fortlaufende Konsekutivtempus wird die Handlung vorangetrieben. Formal sind die Sätze gleichrangig, somit parataktisch gestaltet. Die Narrative des Textes lässt sich durch dieüberwiegenden Verbalsatzketten mit Imperfectum consecutivum feststellen. Die vielen Nota accusativi (V. 1, 2, 4, 5) sind typisch für einen Prosatext.

Inhaltlich sollte beachtet werden, dass sich die ersten Verse oft wiederholen, um hervorzuheben, dass Gottes Verheißung sich durch sein Werk erfüllt hat.

Wie bereits in der Literarkritik herausgestellt, fällt im ersten Vers die theologische Sprache ( פָּקַד “) des Autors auf und die gleiche Aussage der beiden Vershälften.

In den folgenden Versen sticht die Betonung Abrahams heraus, da dieser eigentlich nicht der direkte Betroffene des Geschehnisses ist (man beachte den Zusammenhang zu der priesterlichen Verfasserschaft).

Des Weiteren gibt es eine große Anzahl von אֲשֶׁר -Sätzen (V. 1-4), welche als Rückverweise zu vorherigen Geschehnissen verstanden werden können.

Der freudige Ausruf Saras in Vers 7a ist durch den dichterischen Laut anders als die restlichen Verse. Hier liegt ein Rhythmus von zwei Doppeldreiern13 vor. Wie in der Literarkritik bereits herausgestellt wurde, stellt der Vers somit einen Bruch zu dem sonst eher nüchternen Geburtsbericht dar.

In Vers 7 findet man das aramäische Lehnwort מִלֵּל (sagen, künden) anstatt dasüblichere Wort דּבֵּר. Dieses erscheint gerade in dem poetisch verfassten Zusammenhang als passender um das Erstaunen Saras auszudrücken.

Zuletzt ist der כִּי -Satz im Vers 7b zu nennen, welcher auf zwei verschiedene Weisen gedeutet werden kann: Passend zu der kunstvollen Gestaltung des gesamten Verses als Bekräftigungsfunktion („fürwahr“) oder untergeordnet in Bezug auf das Vorangegangene („ denn“).

4.2 Sprachliche Besonderheiten

In dem vorliegenden Textabschnitt liegen keine Formeln oder geprägte Wendungen vor. Dennoch sind zwei Begriffe genauer zu betrachten, da sie auch außerhalb der Perikope von Bedeutung sind.

Gen 21,1: פָּקַד

Das Wort פָּקַדkommt im Masoretentext 383-mal vor und bedeutet im Grund: „genau beobachten“.14 Diese semantische Breite lässt sich im Akkadischen (älteste schriftlichüberlieferte semitische Sprache) erkennen. Das Wort sollte betrachtet werden, da es wegen seiner Doppeldeutigkeit kontextuell positiv oder negativ formuliert werden muss. Einige Bibelübersetzungen (Lutherbibel 1912 und 1984, Elberfelder Übersetzung, Schlachter 2000 und weitere)übersetzen mit „ heimsuchen“, was angesichts der Freude Saras unpassend scheint. Bessere Übersetzungsmöglichkeiten stellen „nahm sich ihrer an“ (z.B. Lutherbibel 2017) oder „wandte sich ihr zu“ dar.

Eine weitere Besonderheit stellt hier auch das Subjekt zu dem Verb dar: Jahwe, der Schöpfer und Erlöser, wie er in Genesis dargestellt und wie er auch in dieser Bibelstelle wahrgenommen wird, wendet sich dem Menschen zu. In diesem konkreten Fall macht Gott Saras Ehe komplett und gibt ihr einen Lebenssinn. Auch im Hiobbuch wird dieses Verb in Bezug auf Gott verwendet, allerdings mit negativer Konnotation: „Schau weg von mir“15 . Auffällig ist auch, dass Gottes „Kümmern/Ahnden“ (vgl. Ex 20,5; 34,7 und weitere) sonst eher im Zusammenhang mit den Brüdern Josefs als den Stammvätern Israels und Israel selbst steht und somit das Heilshandeln an Israel beim Auszug aus Ägypten thematisiert, so dass hier imübertragenen Sinne des Wortes in seinen Kontexten eine Heilswende für Sara dargestellt wird.16

Zu Gen 21, 6: יִצְחָק

Das Verb „lachen“, welches in diesem Kontext zu dem Namen Isaak führt. Gleich fällt auf, dass der Name aus den Radikalen des Verbs „lachen“ stammt. In dieser Schreibweise kommt das Wort 80-mal vor. Wie bereits herausgestellt wurde, wird der Personenname schon vor dem eigentlichen Ereignis der Geburt inneralttestamentlich gedeutet. Je nach Kontext bezieht sich die Handlung des Lachens auf verschiedene Personen:

1. Gen 17,17 das ungläubige Lachen Abrahams
2. Gen 17,19 die Reaktion von Gott mit Namensanspielung
3. Gen 18, 12 das ungläubige Lachen Saras
4. Gen 21,6a. das dankbare Lachen Saras nach der Geburt
5. Gen 21,6b. das spöttische Lachen der Anderen hinsichtlich der späten Geburt

Durch ugaritische Texte istübermittelt, dass das Lachen bei der Verkündigung eines Sohnes schon in vorbiblischen orientalischen Mythen eineübliche Reaktion war.17 Analysiert man nun nur die Verbform, ohne inhaltlich zu deuten, ergeben manche Deutungen schon keinen Sinn mehr. Die dritte Form beispielsweise („ ein Lachen hat mir Gott bereitet “) ist unvereinbar mit der temporellen Funktion der Verbform des Namens.18 Ein weiteres Mal kommt die Handlung des Lachens in der zweiten Hälfte des Verses vor. Hier zeigt sich die Bedeutung der Auslegung: Jeder, der hört, wirdüber Sara lachen oder er wird mit ihr lachen (sich mit ihr freuen). Beide Übersetzungen haben ihre Berechtigung. Gerade die erste Übersetzung verdeutlicht die innere Zerrissenheit Saras, das schon in den vorherigen Kapiteln dargestellte Wechselspiel zwischen Ungläubigkeit und Freude. Auch in diesem Moment, der ganz geprägt sein sollte von der erfüllten Verheißung, ist sie sich der Wirkung nach Außen bewusst. Vielleicht schämt sie sich sogar, in ihrem hohen Alter noch ein Kind bekommen zu haben.

4.3 Gattungsbestimmung und „Sitz im Leben“

Im Folgenden wird nun nach dem Typischen im Vorhandenen gefragt und somit die Zuordnung in eine Gattung herausgearbeitet. Der „Sitz im Leben“ beschäftigt sich mit der Frage der Situation während der Entstehung und der Intention des Textes.

Der vorliegende Textabschnitt ist ein erzählender, in Prosa verfasster Text.

Zum einen gehört er der literarischen Gattung, die in Genesis eine große Rolle spielt, an: Die Familiengeschichte, zu welcher auch die Vätergeschichte gehört. Nach Westermann, Blum und weiteren zählen alle gesammelten Geschichten von Gen 12-50 zu dieser Komposition. Die Vätergeschichte ist davon ein großer Teil, der meistens Gen 10-36 (nach Zenger) oder 12-36 (bspw. Westermann) zugeordnet wird. Die Familiengeschichten bilden im Buch Genesis die Vorgeschichte zu der Volkswerdung Israels. Wie auch an dem mündlichen Erzählstil auffällt, handelt es sich hierbei um eine Stammes-und Volkssage. Eigenschaften und Geschehnisse des Stammes wurden hier in einem Ahnherrn personalisiert.19 Dennoch dürfen die Schicksale der Einzelnen nicht nur auf Volkseigenschaften reduziert werden. Blickt man historisch auf diese Sagen, so lässt sich zumindest sicher sagen, dass Abraham eine echte Person gewesen sein muss, da er auch außerbiblisch belegt ist.20 Sagen stammen zumeist aus einer Zeit der Vorgeschichtlichkeit, in der die Familie die größte Gemeinschaft ist.21 Mit diesem Hintergrundwissen lassen sich die elementaren Thematiken der Abrahamserzählung, in denen es zumeist um das innerfamiliäre Verhältnisse geht, nachvollziehen. Diese Verhältnisse werden zugleich auch in einem Bericht dargestellt.

Im engeren Sinn ist die Erzählung eineätiologische Sage. Sagen fallen durch wenige handelnde Personen und Stringenz der Handlung auf und durch Erklärungen, die durch ein Geschehnis dargestellt werden, historisch aber nicht zu belegen sind. Doch die Ätiologie stellt meistens nur ein Motiv einer Erzählung dar und ist nicht ihr Wesenskern. Auch bei dieser Perikope scheint es viel mehr um den Geburtsbericht an sich zu gehen als um die Erklärung des Namens von Isaak. Nun stellt sich die Frage, ob die Geburtserzählung an sich schon eine Gattung darstellt. Dies lässt sich aber schlecht rekonstruieren, weil sie oftmals in Zusammenhang mit anderen, teils sehr unterschiedlichen Gattungen steht. Eine Erzählung wird zu einer solchen durch ihre Spannung und Lösungsansätze, sie ist mehr als nur die bloße Antwort auf die Entstehung.

An dieser Stelle sollte also hervorgehoben werden, dass die Geschichtlichkeit der gesamten Erzählung nicht nur durch das Vorfinden einer Sage geklärt sein kann. Gerade Stammes- und Volkssagen weisen oft auf Geschichte hin, auch wenn das eigentliche Geschehnis in der Geschichte selbst nur nachzuklingen vermag.22 Die Ätiologie versucht die Entstehung dessen, was in der Gegenwart existiert, zu erklären. Das hier vorzufindende Gepräge derätiologischen Sage ist die Klärung der Herkunft von Namen. Isaaks Name wird mehrmals thematisiert. Wie unter 4.2 jedoch schon gezeigt wurde, sind manche kontextuellen Deutungen des Alten Testaments philologisch beurteilt nicht sinnbringend. Weitergehend kann man aber auch auf die Gesamtsituation der Geburt Isaaks eingehen und einen theophoren Namen (Wegfall des - ̀el) vermuten.23 Bedeutend wäre dann, dass Gott den Menschen zum Lachen veranlasst oder, hinsichtlich der reichen Segenskultur zu dieser Zeit am wahrscheinlicheren, dass Gottüber den Jungen lächeln möge. Noch viel mehr als heutzutage hat die Geburt eines Sohnes eine wichtige Bedeutung. Erst mit der Geburt Isaaks können Abraham und Sara eine wirkliche Familie sein, der Fortbestand der Generationen ist gesichert.

[...]


1 Seebass: Genesis II/1, Vätergeschichte 1, S.173.

2 Würthwein: Der Text des Alten Testaments, S.91.

3 Seebass: Genesis II/1, S.174.

4 Ruppert: Genesis, Ein kritischer und theologischer Kommentar 2. Teilband, S.458.

5 Übersetzung der Einheitsbibel.

6 Alexander: The Hagar Traditions in Studies in the Pentateuch, S.141.

7 Becker: Exegese des Alten Testaments, S.50.

8 Ruppert: Genesis, S.458.

9 Ruppert: Genesis, S. 460.

10 Seebass: Vätergeschichte 1, S.177.

11 Willi-Plein: Das Buch Genesis, S. 108.

12 Zusammenfassend: Ruppert: Genesis, S.459 und Seebass: Vätergeschichte, S.183.

13 Westermann: Genesis S.204.

14 THWAT Band 6 S.714.

15 Ijob 7,17f BHS.

16 Ruppert: Genesis, S. 461.

17 Lutz: Das "Lachen" der ungleichen Brüder Jizchak und Jischmael

(erschienen in Jüdische Zeitung August/September 2014)

18 THWAT Band 7 S.735.

19 Ohler: Gattungen im AT, S.116f.

20 Westermann: Genesis 12-50, S.35.

21 Ohler: Gattungen im AT, S.115.

22 Sellin, Fohrer: Einleitung in das Alte Testament, S.102.

23 THWAT Band 7 S. 735.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Exegese zu Genesis 21,1-7
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V429609
ISBN (eBook)
9783668731974
ISBN (Buch)
9783668731981
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genesis 21, Exegese, Sara, Abraham, Erzeltern
Arbeit zitieren
Meredith Vossloh (Autor), 2017, Exegese zu Genesis 21,1-7, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429609

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