Die Ansichten, dass die Gesellschaft der Frühen Neuzeit von einer grundlegenden Ungleichheit zwischen Mann und Frau geprägt war, dass der Mann der Frau sowohl rechtlich, religiös, biologisch als auch politisch übergeordnet war und dass die darauf bauenden Ordnungsprinzipien das alltägliche Leben strukturierten, beruhen nicht nur auf Auswertungen normativer Literatur, wie beispielsweise der „Hausväterliteratur“, sondern beziehen sich auch auf die Analyse verschiedener biographischer Schriften, wie Briefen, Tagebüchern, Reiseberichten aber auch juristischer Dokumente wie Gerichtsakten und Verfahrensprotokolle. Besonders die Reformation verwandelte die „Ordnung der Geschlechter in der Ehe, nämlich die Überordnung des Ehemannes und die Unterordnung der Ehefrau [...], zum Modell gesellschaftlicher Ordnung und Unterordnung.“ Im Hinblick auf spezifische Rechte und Handlungsmöglichkeiten der Frauen in der Frühen Neuzeit gilt es diese Ansichten und Annahmen jedoch zu hinterfragen und unter besonderen Umständen zu reflektieren. Ute Gerhard macht beispielsweise darauf aufmerksam, dass die Frau in der Ehe als Institution, die im Grunde auf Besitz basierte, mittels der Haushalts-position einen Zugang zu herrschaftlichen und autoritären Funktionen erlangen konnte. Ob oder inwiefern diese in Konkurrenz zur Position des Ehemannes und Hausvaters treten konnten, bleibt dabei zunächst offen und im Folgenden zu bedenken. Gerhard verweist zudem auch darauf, dass Witwen oftmals „trotz der Vormundschaft eines Kurators [...] größere Handlungsfreiheit“ erlangen konnten. Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel zu untersuchen, inwiefern das Haus als Besitz oder Eigentum in ehelichen Auseinandersetzungen von den streitenden Eheleuten eingesetzt und benutzt werden konnte und inwiefern dabei gesellschaftliche Normen und Vorstellungen zu Gunsten der Frau ausgelegt und übergangen werden konnten. Die textliche Grundlage für allgemeine Überlegungen soll eine genaue Untersuchung der autobio-graphischen Schrift des Babiermeisters Dietz sein, der u. a. auch von seiner Verheiratung und dem anschließenden Streit um das Haus berichtet. In einem ersten Schritt der Arbeit soll zunächst die Quelle näher vorgestellt und erläutert werden, woraus sich konkrete thematische Bereiche erschließen, die für die genaue Textanalyse relevant sind und somit in Anschluss an die Quellenvorstellung behandelt werden
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Quelle
3. Besitzverhältnisse und Eigentumskultur
4. Witwenrechte und Witwenstatus
5. Textanalyse
6. Abschließende Betrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der autobiographischen Aufzeichnungen des Barbiermeisters Johann Dietz, inwieweit das Haus als Besitz oder Eigentum in ehelichen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts strategisch eingesetzt wurde und wie dabei gesellschaftliche Normen zugunsten oder zuungunsten der Ehefrau ausgelegt werden konnten.
- Rolle des Hauses als herrschaftlicher Raum und Rechtsmittel in der Ehe
- Einfluss von Eigentumskulturen auf geschlechtsspezifische Machtverhältnisse
- Rechtliche Stellung und Handlungsspielräume von Witwen in der Frühen Neuzeit
- Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Eheleuten, Vormündern und Kernfamilie
- Analyse autobiographischer Quellen im Kontext historischer Rechtsnormen
Auszug aus dem Buch
5. Textanalyse
Dietz´ Erlebnisse von den Auseinandersetzungen mit seiner Frau und ihrer Familie tragen den Titel „Von meiner Verheiratung“ und lassen sich in zwei größere Abschnitte unterteilen. In der ersten Hälfte der Schilderung beschreibt Dietz, wie er die Witwe Watzlauen kennenlernt und wie es letztlich zu ihrer Verheiratung kommt. Im zweiten Abschnitt berichtet er beinahe parallel von seinen Problemen im Haus der Witwe und den Verhandlungen mit ihrem Vater um die Besitzansprüche, die zuletzt darin enden, dass Dietz den Ehebund wieder auflösen will. Nach einer Versteigerung des Hauses durch den Vater kommen dieser und Dietz zu einer Übereinkunft, bei der Dietz das Haus für 1000 Thaler erwirbt und sich bereiterklärt, die Ehe fortzuführen und für das letzte lebende Kind bis zum vierzehnten Lebensjahr aufzukommen.
Da Dietz seine Erinnerungen aus einer zeitlich relativ großen Distanz erzählt und seine „Eheepisode“ somit als eine Einheit gestaltet, gibt es schon im ersten Teil wichtige Hinweise für sein Verhältnis zu seiner zukünftigen Frau und den nachfolgenden Streitigkeiten. Interessant ist so z.B. die Tatsache, dass Dietz seine Frau beim ersten Mal als „arme Witfrau“ (Dietz S.230) bezeichnet und gleich im ersten Absatz auf die negative Entwicklung seines Verhältnisses anspielt, wenn er sich als „durch Weiber gefangen“ (Dietz S.230) beschreibt. Aus seiner Sicht erfährt er erst zu spät von den „rechten Umständen der Frau“, nachdem er einer Heirat bereits zugestimmt hat. Er fühlt sich gebunden wie in einer „Sklaverei“ (Dietz S.231), was als Steigerung zum Vergleich des Gefangenen gelesen werden kann und unter Umständen schon einen Hinweis auf eine verkehrte Hierarchie zwischen Mann und Frau darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zeitgenössischen Vorstellungen über die Geschlechterordnung ein und formuliert das Ziel, die Rolle des Hauses als Rechtsmittel in ehelichen Konflikten anhand der Quelle zu untersuchen.
2. Die Quelle: Dieses Kapitel stellt die autobiographischen Aufzeichnungen des Barbiermeisters Johann Dietz vor und reflektiert über deren Entstehungsgeschichte sowie die methodischen Herausforderungen bei der Auswertung.
3. Besitzverhältnisse und Eigentumskultur: Hier werden die theoretischen Grundlagen zum Zusammenhang von Eigentum, Herrschaft und Geschlecht in der Frühen Neuzeit erläutert.
4. Witwenrechte und Witwenstatus: Der Abschnitt beleuchtet die rechtliche und soziale Situation von Witwen und deren spezifische Möglichkeiten sowie Spannungsfelder bei einer Wiederverheiratung.
5. Textanalyse: Dieses Kapitel analysiert detailliert Dietz' Bericht über seine Ehe, den Streit um das Haus und die Machtinteressen der involvierten Familienmitglieder.
6. Abschließende Betrachtung: Das Fazit fasst zusammen, wie das Haus sowohl als wirtschaftliches Mittel als auch als Kontrollinstrument in ehelichen Auseinandersetzungen fungierte.
Schlüsselwörter
Frühe Neuzeit, Johann Dietz, Ehe, Besitzkultur, Eigentum, Witwenrechte, Hausväterliteratur, Rechtsgeschichte, Geschlechterrollen, Ehestreit, Vormundschaft, Haushaltsführung, Sozialgeschichte, Autobiographie, Machtverhältnisse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie das „Haus“ als materieller Besitz im 17. Jahrhundert in ehelichen Auseinandersetzungen als Macht- und Rechtsmittel genutzt wurde.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentral sind die Zusammenhänge zwischen Besitzkultur, der rechtlichen Stellung von Ehefrauen und Witwen sowie die Dynamiken innerhalb der Kernfamilie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Eheleute gesellschaftliche Normen und rechtliche Strukturen im Kontext von Eigentum zu ihren Gunsten auslegten oder umgingen.
Welche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische Textanalyse der autobiographischen Schriften von Johann Dietz unter Einbeziehung rechtshistorischer und kulturwissenschaftlicher Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Quelle, theoretische Grundlagen zur Eigentumskultur, eine Analyse der Witwenrechte sowie eine konkrete Untersuchung des Ehekonflikts bei Johann Dietz.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Eigentumskultur, Geschlechtsvormundschaft, Witwenstatus, Herrschaft, Besitzansprüche und die Rolle der Kernfamilie.
Warum spielt das Haus eine so zentrale Rolle im Konflikt des Johann Dietz?
Das Haus diente als wirtschaftliche Basis und herrschaftlicher Raum; Dietz erkannte, dass er ohne Verfügungsgewalt über das Haus innerhalb seiner Ehe keine autoritäre Stellung gegenüber seiner Frau und dem Schwiegervater behaupten konnte.
Welchen Einfluss hatte der soziale Stand auf die Handlungsspielräume der Frau in der Quelle?
Die Witwe nutzte das soziale Wissen über Rechte und Verhaltensweisen, um ihre Position und den Familienbesitz gegenüber dem neuen Ehemann zu verteidigen, was durch die Unterstützung ihrer Vormünder gestärkt wurde.
- Arbeit zitieren
- Thomas Byczkowski (Autor:in), 2011, Das Haus der Frühen Neuzeit als Rechtsmittel im Ehestreit am Beispiel Johann Dietz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429707