„Papi macht Witzchen“. Ordnet man diesen kurzen Satz als Bildunterschrift in einem Fotoalbum ein, so entstehen in der kollektiven Bildvorstellung meist Szenen von lachenden Kindern und Eltern inmitten eines friedvollen Familienlebens. Genau solch eine Szene findet sich auch auf dem dazugehörigen Foto von Artwin Koch mit seinem Vater. Was dieses idyllische Szenario jedoch verschweigt, ist die unmittelbare Nähe der Aufnahme zum Konzentrationslager Buchenwald, in dem im Zeitraum zwischen 1937-1945 unter der anteiligen Leitung von Karl Koch über 55.000 Menschen zu Tode kamen. Wie konnte eine solche Familienidylle im Bewusstsein zu den Geschehnissen im Lager erhalten und gelebt werden?
Auch innerhalb des Lagers wurden durch SS-Angehörige sowohl private als auch dienstliche Fotografien angefertigt. Doch welchen Zweck erfüllte diese Art der Fotografie und welche Bedeutung kann sie noch in der heutigen Geschichtswissenschaft tragen? Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, auf welche Weise private SS-Fotoalben innerhalb der Geschichtsdidaktik eingesetzt werden und welche Chancen sich daraus ergeben können.
Dafür soll zunächst das eigene Selbstbild von SS-Angehörigen sowie deren Nutzung der Fotografie innerhalb der Konzentrationslager-SS erläutert werden. Im Anschluss werden Teile des Fotoalbums für Artwin Koch, das auf dem Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald angelegt wurde, als Hauptuntersuchungsgegenstand vorgestellt und mit Auszügen eines weiteren Albums verglichen.
Im letzten Abschnitt dieser Seminararbeit soll untersucht werden, wie diese Alben zum einen unter quellenkritischer Betrachtungsweise und zum anderen unter inhaltlichem Aspekt in der Geschichtsdidaktik dienlich sein können und welche Chancen sich daraus für das Geschichtsverständnis von Schülerinnen und Schülern (nachfolgend SuS) ergeben können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Nutzung von Fotografie der SS und die darin enthaltene Ideologie
3. Beispielauswahl privater Fotoalben
3.1. Das Fotoalbum für Artwin Koch
3.2. Das Fotoalbum von Karl Höcker
4. Didaktischer Einsatz von SS-Privatfotografie
4.1. Quellenkritischer Einsatz
4.2. Inhaltlicher Einsatz
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Einsatzmöglichkeiten privater Fotoalben von SS-Angehörigen im Geschichtsunterricht, um Schülern die Diskrepanz zwischen der inszenierten Familienidylle und der brutalen Realität der Konzentrationslager zu verdeutlichen. Ziel ist es, durch die Analyse dieser Quellen Kompetenzen in der quellenkritischen Bildinterpretation zu fördern und ein Bewusstsein für die Ideologie und Täterschaft der NS-Elite zu schaffen.
- Analyse der NS-Ideologie und des "heroischen Selbstbildes" der SS
- Vergleich privater Fotoalben (Artwin Koch und Karl Höcker)
- Quellenkritische Einordnung von Bildlegenden und Kontexten
- Didaktische Möglichkeiten zur Förderung historischer Urteilskompetenz
- Reflektion über Täterschaft, Moral und alltägliche Normalisierung von Verbrechen
Auszug aus dem Buch
4.1. Quellenkritischer Einsatz
Das Bild, in der Zeitgeschichte vor allem die Gattung der Fotografie, besitzt mehrere zeitliche und aufgabenorientierte Einsatzmöglichkeiten innerhalb des Unterrichts und der Pädagogik. In den häufigsten Fällen wird es zu Beginn von Unterrichtssequenzen als „Mittel der Motivation“ eingesetzt, um das Interesse der SuS zu wecken. Die bestehende Forderung, das Bild müsse weniger als Illustrationsmittel und mehr als historische Quelle betrachtet werden, scheitere daher oft. Dies sei häufig auf die scheinbare Eindeutigkeit besonders der Fotografie zurückzuführen. Trotz ihrer Geltung als „Abdruck der Wirklichkeit“ enthalte die Fotografie eine innere Mehrdeutigkeit, denn obwohl diese einen hohen dokumentarischen Wert besäße, sei sie einer Vielzahl von Einflüssen in ihrer Erschließung ausgesetzt. Um Irrungen zu vermeiden und quellenkritisch vorgehen zu können, sei es daher äußerst wichtig die Beschreibung und Interpretation einer Fotografie getrennt vorzunehmen. Trotz ihrer eigenständigen Bildsprache seien diese dennoch vieldeutig, da die gesehene Bedeutung von den jeweiligen Kommunikationskontexten abhänge. Beispielsweise könne der Bezug zur Bildunterschrift nur im Ansatz stimmen, wenn darin eher eine Absicht verfolgt, als ein Augenblick beschrieben sei. Vor allem im Nationalsozialismus sei der Einsatz einer passenden Bildunterschrift wichtig gewesen, sobald die rein graphische Gestaltung der Aufnahme nicht die gewünschte Aussage deutlich machen konnte.
Die Kontextualisierung einer Aufnahme nimmt daher einen übermäßigen Anteil der quellenkritischen Untersuchung ein. Hierzu können nicht nur Bildunterschriften gehören, sondern ebenso Produktions- und Entstehungsgeschichte, Rezeption der Rahmen der Veröffentlichung und wenn möglich die Biographien und persönlichen Einstellungen von Darsteller und Dargestelltem. Der im ersten Schritt nächste Einfluss ist und bleibt jedoch die Bildunterschrift oder Legende, die als „eine Art Schraubstock“ wirke. Die Legenden können in verschiedenen Formaten vorhanden sein. Die rein technische Legende gibt beispielsweise Größe, Material, Titel und Informationen zur Urheberschaft an. Diese Form der Legende ist für die Betrachtung am wenigsten beeinflussend. Eine denotative Legende beschreibt den Anschauungsgegenstand und die näheren Umstände. Bereits hier kann die Ausführlichkeit der Legende variieren und damit zu unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten führen. Dennoch verbürge sich die denotative Legende für eine Umschreibung des dargestellten Geschehnisses.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der privaten SS-Fotografie ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich ihres didaktischen Nutzens zur Aufdeckung der Ideologie hinter dem scheinbar idyllischen Familienleben der Täter.
2. Die Nutzung von Fotografie der SS und die darin enthaltene Ideologie: Das Kapitel erläutert das Selbstbild der SS-Angehörigen, die Rolle der Fotografie als Propagandainstrument und das Konzept der „Sippengemeinschaft“, das den Ehefrauen eine aktive Rolle bei der Aufrechterhaltung eines illusorischen Familienalltags zuwies.
3. Beispielauswahl privater Fotoalben: Anhand der Fotoalben von Artwin Koch und Karl Höcker werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Darstellung von Alltag, militärischer Präsenz und der bewussten Aussparung der Lagerwirklichkeit analysiert.
4. Didaktischer Einsatz von SS-Privatfotografie: Es werden methodische Ansätze zur quellenkritischen Untersuchung von Bildern (Bildinterpretation) sowie inhaltliche Möglichkeiten aufgezeigt, um die Absurdität der SS-Ideologie für Schüler erfahrbar zu machen.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass die private SS-Fotografie ein wertvolles Instrument ist, um Kompetenzen der Quellenanalyse zu fördern und die tieferliegenden Mechanismen von Täterschaft und Normalisierung kritisch zu reflektieren.
Schlüsselwörter
SS-Privatfotografie, Geschichtsdidaktik, NS-Ideologie, Konzentrationslager, Buchenwald, Artwin Koch, Karl Höcker, Sippengemeinschaft, Quellenkritik, Bildinterpretation, historische Urteilskompetenz, Nationalsozialismus, Dokumentensinn, Alltagsgeschichte, Täterschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der didaktischen Nutzung privater Fotoalben von SS-Angehörigen im Geschichtsunterricht und untersucht, wie diese als historische Quellen zur Analyse der NS-Ideologie eingesetzt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Diskrepanz zwischen privater Idylle und den Verbrechen im Konzentrationslager, das Rollenbild von SS-Familien sowie die quellenkritische Bildinterpretation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Chancen aufzuzeigen, wie Schüler durch die kritische Analyse von SS-Privatfotografien eine höhere Reflexionsfähigkeit und Kompetenz im Umgang mit historischen Quellen entwickeln können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Primärquellen (Fotoalben) sowie die Anwendung didaktischer Deutungsverfahren zur Bildinterpretation, unter anderem basierend auf den Ansätzen von Hans-Jürgen Pandel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des SS-Selbstbildes, die Fallbeispiele der Fotoalben von Artwin Koch und Karl Höcker sowie die methodische Aufarbeitung für den Unterricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind SS-Privatfotografie, Geschichtsdidaktik, Ideologie, Quellenkritik, Täterschaft und historische Urteilskompetenz.
Warum ist das Fotoalbum von Artwin Koch ein so bedeutendes Fallbeispiel?
Es dokumentiert eindrücklich die Ideologie der "Sippengemeinschaft", indem es ein luxuriöses Familienleben in unmittelbarer Nachbarschaft zum Konzentrationslager Buchenwald zeigt und die bewusste Verdrängung der Verbrechen durch die Täter offenlegt.
Wie unterscheidet sich das Album von Karl Höcker von dem Artwin Kochs?
Im Gegensatz zum rein privaten Charakter des Koch-Albums enthält das Höcker-Album stärker Elemente militärischer Präsenz, wie Lazarett-Einweihungen oder Lagerbesichtigungen, was eine andere Facette der SS-Dienstzeit beleuchtet.
Welche Rolle spielen die Bildunterschriften in der Analyse?
Bildunterschriften dienen als "Schraubstock" der Deutung, da sie den Betrachter manipulieren können, indem sie durch Verniedlichungen oder gezielte Wortwahl (z. B. Verwendung des Dativs) vom tatsächlichen Kontext des Lagers ablenken.
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- Jacqueline Reinisch (Author), 2015, "Papi macht Witzchen". Nutzung von SS-Privatfotografie in der Geschichtsdidaktik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429870