Das Wort Menschenrechte scheint in der heutigen Zeit im Angesicht einer Vielzahl an humanitären Katastrophen, großen Geflüchtetenströmungen und einer enormen Anzahl an Toten durch diese Tragödien eine mehr denn je wichtige und elementare Rolle im Umgang mit und zwischen Menschen einzunehmen. Gerade hinsichtlich des 70. Jubiläums der Erklärung der Menschenrechte kommen vermehrt Stimmen auf, die das Erreichte oder das Scheitern der Rechte proklamieren. Nicht zuletzt wird der Ruf nach diesen in den genannten Krisen durch Nichtregierungsorganisation, Nationalstaaten und nicht zuletzt der UN und deren Sicherheitsrat immer lauter und man intendiert eine Allgemeingültigkeit der Menschenrechte als Grundlage einer liberalen Welt. Doch gerade dadurch wird deutlich, dass solch eine Annahme oftmals mit der Realität nicht mithalten kann und es stellt sich die Frage, inwiefern die Menschenrechte und deren Konzeption an gewisse Grenzen stoßen, die schlichtweg Einschränkungen oder eine Reform dieser fordern.
Diese Arbeit befasst sich mit dem Thema des Univeralismus der Menschenrechte und deren Grenzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Begriff und die Bedeutung der Menschenrechte
3. Hannah Arendts Reflexionen über die Menschenrechtsproblematik
3.1. Die Welt der souveränen Nationalstaaten
3.2. Die abstrakte Nacktheit des Menschen
3.3. Die Aporien der Menschenrechte
4. Die Überwindung der Aporien der Menschenrechte
4.1. Das "Recht, Rechte zu haben" als einzig wahres Menschenrecht
4.2. Die Kritik an Arendts Menschenrechtsbegründung
4.3. Das Konzept des kosmopolitischen Föderalismus
4.4. Neue Perspektiven – die EU als Prototyp einer Durchsetzung der Menschenrechte?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, dass Hannah Arendt keine praktikable Alternative zur effektiven Gestaltung und Garantierung von Menschenrechten aufzeigt, und stellt dieser das diskurstheoretische Modell von Seyla Benhabib gegenüber, um zu prüfen, ob eine Überwindung der von Arendt beschriebenen Aporien der Menschenrechte möglich ist.
- Universalismus der Menschenrechte und dessen Grenzen
- Hannah Arendts Aporien der Menschenrechte und das "Recht, Rechte zu haben"
- Die Transformation der Nationalstaaten und die Problematik der Weltlosigkeit
- Seyla Benhabibs Konzept des kosmopolitischen Föderalismus
- Die Europäische Union als (fragwürdiges) Beispiel für die Durchsetzung von Menschenrechten
Auszug aus dem Buch
3.2. Die abstrakte Nacktheit des Menschen
Es ist deutlich geworden, dass der Mensch außerhalb eines politischen Beziehungssystems nur schwer rechtlich erfasst werden bzw. auf der anderen Seite kaum rechtliche Anforderungen stellen kann. Dies liegt einerseits an der Welt der souveränen Nationalstaaten und weiterhin an der sich daraus ergebenden Sichtbarkeit der abstrakten Nacktheit des Menschen. Dieser Zustand ist, gerade im weiteren Verlauf der Begründung der Kritik der Menschenrechte und einer Formulierung eines möglichen Auswegs elementar.
Das Schicksal der absoluten Rechtlosigkeit, welches den vielen Staatenlosen zuzuschreiben ist, zeigt relativ deutlich auf, dass die "abstrakte Nacktheit ihres Nichts-als-Menschseins ihre größte Gefahr" ist (Arendt 2009: 761). Durch diese Formulierung soll deutlich werden, dass jegliche politische Rechte oder die Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft außer Kraft gesetzt waren und damit dem betroffenen Menschen ein gewisser Zustand der Weltlosigkeit zugeschrieben werden kann. Diese Weltlosigkeit ist weniger zu verstehen als das Nichtvorhandensein der eigenen Körperlichkeit auf der Welt, sondern richtet den Fokus auf den Ausschluss aus der zivilisierten Welt. Man befindet sich, politisch gesprochen, im Naturzustand oder, um den Zivilisationsvergleich zu betreiben, in der "barbarischen" Welt (vgl. ebd.: 762). So macht die Organisation der souveränen Staatenwelt die Staatenlosen zu Ohnmächtigen, welche außerhalb der gemeinsamen (Staaten-) Welt zu leben scheinen (vgl. Menke: 137). Dies ist ein elementarer Punkt in der Zuschreibung der Menschenrechte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Relevanz von Menschenrechten angesichts globaler Krisen und stellt die These auf, dass Hannah Arendt keine praktikable Alternative zur Garantierung dieser Rechte bietet, weshalb das Modell von Seyla Benhabib als Vergleich herangezogen wird.
2. Der Begriff und die Bedeutung der Menschenrechte: Dieses Kapitel liefert eine Begriffsbestimmung der Menschenrechte, indem es deren normative Dimensionen sowie ihre Abhängigkeit von staatlicher Souveränität und Nationalität analysiert.
3. Hannah Arendts Reflexionen über die Menschenrechtsproblematik: Hier wird Arendts Kritik an der moralphilosophischen Begründung des Universalismus dargestellt, insbesondere im Kontext der Nationalstaatenwelt und der sogenannten Weltlosigkeit.
4. Die Überwindung der Aporien der Menschenrechte: Das Kapitel diskutiert Arendts "Recht, Rechte zu haben", die Kritik daran sowie Seyla Benhabibs Ansatz des kosmopolitischen Föderalismus und die Rolle der EU als mögliches Beispiel.
5. Fazit: Das Fazit bestätigt die These, dass Arendt keine effektive Lösung für die Aporien findet und auch der Ansatz von Benhabib trotz seiner theoretischen Greifbarkeit mit erheblichen normativen Problemen in der empirischen Realität kämpft.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Menschenrechte, Universalismus, Nationalstaat, Weltlosigkeit, Recht auf Rechte, Seyla Benhabib, kosmopolitischer Föderalismus, Staatenlosigkeit, Souveränität, demokratische Iteration, Europäische Union, politische Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch das Menschenrechtsverständnis von Hannah Arendt und untersucht, inwiefern ihre Kritik an der Aporie der Menschenrechte stichhaltig ist und ob ihr Lösungsansatz des "Rechts, Rechte zu haben" heute Bestand hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Diskrepanz zwischen dem universalistischen Anspruch der Menschenrechte und der realpolitischen Abhängigkeit von nationalstaatlicher Souveränität sowie die Frage nach politischer Teilhabe von Staatenlosen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, ob Arendt eine praktikable Alternative zur Garantierung von Menschenrechten bietet und ob Seyla Benhabibs Modell des kosmopolitischen Föderalismus diese theoretische Lücke schließen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine politiktheoretische Analyse, die zentrale Texte Hannah Arendts und Seyla Benhabibs interpretiert und diese mit aktuellen empirischen Befunden zur Menschenrechtssituation in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der nationalstaatlichen Welt bei Arendt, die Erörterung des "Rechts auf Rechte", die Auseinandersetzung mit der Kritik an dieser Theorie sowie die Gegenüberstellung mit Seyla Benhabibs kosmopolitischem Föderalismus am Beispiel der EU.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Hannah Arendt, Menschenrechte, Universalismus, Weltlosigkeit, Nationalstaat und kosmopolitischer Föderalismus.
Warum hält Arendt die Menschenrechte für eine Aporie?
Arendt sieht eine Aporie darin, dass Menschenrechte universell sein sollen, ihre praktische Durchsetzung jedoch an die Staatsbürgerschaft gebunden ist. Wer diese verliert (Staatenlose), verliert faktisch den Schutz der Menschenrechte.
Inwiefern ist die EU laut der Autorin ein "Prototyp"?
Die EU wird als Beispiel diskutiert, da sie durch ihre supranationale Struktur Ansätze des kosmopolitischen Föderalismus zeigt, jedoch in der Praxis (z.B. durch Grenzpolitik) oft an der Realität des restriktiven Umgangs mit Schutzsuchenden scheitert.
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- Pierre Legrande (Author), 2018, Der Universalismus der Menschenrechte und dessen Grenzen. Eine unüberwindbare Aporie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429905