Die Charismatheorie Max Webers am Beispiel von Benito Mussolini


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
12 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Person Mussolinis und die Propaganda
2.1 Deutliche personelle Überstrahlung der Politik
2.2 Die „Duce-Fabrik“ als Instrument des Personenkults

3. Vorhandensein einer Krisensituation als Voraussetzung für den Aufstieg eines charismatischen Herrschers

4. Wirtschaftsfremdheit

5. Schwinden des Charismas bei anhaltendem Misserfolg

6. Rückbesinnung auf alte Werte bei schwindendem Charisma

7. Fazit

8. Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit gliedert sich in sieben Kapitel. In jedem Kapitel wird ein Aspekt Webers Charismatheorie am Beispiel der faschistischen Herrschaft Mussolinis über Italien auf seine Anwendbarkeit hin überprüft.

Im ersten Kapitel wird zunächst das Kriterium der deutlichen personellen Überstrahlung der Politik durch einen charismatischen Herrscher am Beispiel Mussolinis beschrieben. Eng damit verbunden ist der Aspekt der sog. „Duce-Fabrik“, der von großer Bedeutung für Mussolinis Machtaufbau- und erhalt war.

Nach Weber begünstigen Krisensituationen den Aufstieg charismatischer Herrscher.[1] Daher beschreibt das zweite Kapitel die wesentlichen Faktoren, die zu einer Krisensituation Italiens nach dem 1. Weltkrieg führten. Im dritten Kapitel soll der Aspekt der Wirtschaftsfremdheit am Beispiel Mussolinis dargelegt werden.

Der Verlust des Charismas durch anhaltenden Misserfolg sowie die Rückbesinnung eines charismatischen Herrschers auf seine ehemaligen Ideale behandeln die Kapitel vier und fünf. Das sechste Kapitel stellt ein Fazit dar, inwieweit Mussolini als charismatischer Herrscher im Sinne Max Webers zu sehen ist.

2. Die Person Mussolinis und die Propaganda

2.1 Deutliche personelle Überstrahlung der Politik

Nach Webers Theorie charakterisiert einen charismatischen Herrscher unter anderem die aktuelle Rechtsschöpfung d.h., vom charismatischen Herrscher geht ein konkreter Gestaltungswille aus, der von der ihm folgenden Gemeinschaft anerkannt wird.[2] Solch eine treu folgende Gemeinschaft kann sich jedoch nur um einen Führer entwickeln, wenn dessen charismatische Herrschaft außeralltägliche Züge aufweist. Nach Weber ist eine charismatische Herrschaft dann außeralltäglich, wenn sie rationalen und bürokratischen Herrschaftsformen konträr gegenübersteht.[3] Daraus lässt sich die deutliche personelle Überstrahlung der Politik als wesentlicher Bestandteil der charismatischen Herrschaft ableiten. Eine personelle Überstrahlung, d.h. die Betonung eines Individuums, das nach Ansicht der ihm folgenden Gemeinschaft über besondere Gaben verfügt, repräsentiert das genaue Gegenteil einer rationalen und bürokratischen Politik bzw. Herrschaftsform. Für dieses Charakteristikum gibt es bei Mussolini viele Belege.

Zum einen machte Mussolini wenig Gebrauch von den Strukturen der faschistischen Partei, deren Vorsitzender er war.[4] Dies zeigt sich besonders deutlich darin, dass er zeitweise sechs Ministerposten innehatte. Der Schriftsteller Guiseppe Prezzolini brachte das Verhältnis von Faschismus und Mussolini auf den Punkt als er 1942 schrieb:“ Der Faschismus verdankt Mussolini fast alles. Mussolini verdankt dem Faschismus fast nichts, denn ohne ihn würde er sicherlich an der Spitze irgendeiner anderen Bewegung stehen.“[5] Mussolinis Persönlichkeit überstrahlte die faschistische Ideologie derart, dass selbst Menschen, die dem Faschismus ablehnend gegenüber standen, durchaus Anhänger von Mussolini sein konnten.[6] Mussolini selbst sah sich vielmehr als Medium, das soviel Freiraum wie möglich benötigte, um zwischen den weiterbestehenden Machtzentren Italiens wie Armee, Monarchie, Katholischer Kirche, Landbesitzern und den Banken als Vermittler auftreten zu können.[7] Mussolinis politische Stellung überstrahlte die faschistische Bewegung in einem Maße, dass man das politische System Italiens unter Mussolinis Herrschaft weniger als Faschismus sondern vielmehr als Mussolinismus bezeichnen kann.[8] Durch pompöse, an das Rom der Antike erinnernde Einmärsche, rhetorisch ausgefeilte Reden, die Benutzung von damals sehr fortschrittlichen Flugzeugen und Rennautos sowie der Betonung des vaterländischen, römischen Erbes gelang es Mussolini, sich als charismatischen Politiker darzustellen, der seinen Auftritten nach in unzähligen Gebieten wie Landwirtschaft, Bergbau, Naturwissenschaften, Medizin oder Straßenplanung ein Experte war.[9] Somit gelang es ihm auch Menschen für sich zu gewinnen, die dem Faschismus selbst ablehnend gegenüberstanden.[10] Auch durch die Verwendung des Begriffs „Duce“, der eher mit Religion denn mit Politik in Verbindung gebracht wird, gelang es Mussolini, auch die starken religiösen Kräfte Italiens für sich zu gewinnen und stellte sich über die Partei und deren Ideologie. Selbst dem parlamentarischen Regierungssystem Italiens stahl Mussolini derart die Bedeutung, dass es schließlich, ohne viel Protest auszulösen, abgeschafft werden konnte.

2.2 Die „Duce-Fabrik“ als besondere Ausprägung des Personenkults

Mussolinis Zeitung Popolo d’Italia bildete den Kern der sog. „Duce Fabrik“. Viele Mitarbeiter kannte Mussolini schon aus seinen sozialistischen Tagen. Ziel ihrer Arbeit war es, das Bild Mussolinis zu Herrschaftszwecken zu instrumentalisieren. Den Erkenntnissen des Sozialpsychologen Gustav LeBon folgend, dessen aufmerksamer Leser auch Mussolini selbst war, wurde die Zeitung ab 1920 zu einem Propagandainstrument des faschistischen Regimes.[11] Nach der Machtergreifung 1922, aber vor allem nach der Herausbildung des totalitären Staates 1925/26, gelangte das Regime zu umfangreicheren und effizienteren Mitteln der Meinungsbildung. Presse und Film, Schulen und Universitäten, Jugenderziehung und Massenorganisationen waren Teil der „Duce-Fabrik“ geworden und transportierten das von Mussolini gewünschte Bild nach außen.

Die Presse musste täglich über die vielfältigen Staats-, Partei- und Gesellschaftsaktivitäten des Duce berichten und zwar stets auf der Titelseite, immer mit einem Foto Mussolinis versehen. Tabu für die Öffentlichkeit waren dagegen Krankheiten, das Alter, die Geburtstage, die Rolle als Großvater und die Auftritte Mussolinis bei mondänen Anlässen. Dafür wurden seine Jugendlichkeit, Sportlichkeit, Kaltblütigkeit und Gelassenheit oder sein vertrauter Umgang mit neuen Techniken in immer neuen Variationen hervorgehoben.[12]

Dies diente allein dazu, den Eindruck der alles menschliche Maß übersteigenden All-Präsenz, All-Gegenwart und All-Verantwortung Mussolinis aufzubauen und zu erhalten.[13]

Selbst Grundschulkinder konnten schon über die unterschiedlichsten Erscheinungsformen ihres Duce berichten. Sei es als Retter der kath. Kirche, Beschützer der Kolonien oder ein für Attentate unempfindlichen und nie schlafenden Übermenschen.[14] Die Wirkung einer solchen Propagandamaschinerie, gepaart mit Mussolinis Redekunst und Sinn für öffentliche Inszenierung, muss enorm gewesen sein. Mussolinis persönliches, natürliches Charisma wurde über die Propaganda zu allen Bürgern Italiens getragen und verstärkte damit seine Überstrahlung der Politik noch weiter. Die „Duce-Fabrik“ stellt somit wohl den wichtigsten Faktor zur Entstehung des Mussolini-Mythos und zur Aufrechterhaltung des Regimes über 20 Jahre hinweg dar.

[...]


[1] Vgl.: Weber, Max. Max Weber - Gesammelte Werke. Berlin 2001. S. 140.

[2] Vgl.: Weber. S. 141.

[3] Vgl.: Weber, a.a.O., S.162.

[4] Vgl.: Melograni, Piero. The Cult of the Duce in Mussolini’s Italy, in: Musse, G.H. (Hrsg.), International Facism, New York 1980.

[5] Vgl.: Petersen, Jens. Mussolini – Der Mythos des allgegenwärtigen Diktators, in: Nippel, Wilfried. Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao. München 2000. S. 161.

[6] Ibid.

[7] Vgl.: Melograni, a.a.O., S. 74.

[8] Vgl.: a.a.O., S. 75.

[9] Vgl.: a.a.O., S. 78.

[10] Vgl.: a.a.O., S. 75

[11] Vgl.: Petersen, Wirklichkeit und Mythos eines Diktators. S. 247.

[12] Vgl.: Petersen, a.a.O., S. 249.

[13] Vgl.: Petersen, a.a.O., S. 246.

[14] Vgl.: Petersen, a.a.O., S. 252.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Die Charismatheorie Max Webers am Beispiel von Benito Mussolini
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V42996
ISBN (eBook)
9783638408950
ISBN (Buch)
9783656302803
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charismatheorie, Webers, Beispiel, Benito, Mussolini
Arbeit zitieren
Bernd Reismann (Autor), 2005, Die Charismatheorie Max Webers am Beispiel von Benito Mussolini, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42996

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