In dieser Arbeit soll das Projekt, das Mark Rothko 1958/59 für das Four Seasons im neu erbauten Seagram-Building ausführte, behandelt werden. Hier wird schwerpunktmäßig die Idealvorstellung des Künstlers, die zu seiner Annahme und schließlich zu der vorzeitigen Ablehnung führte, und ihre Rezeption genauer beleuchtet. In diesem Zusammenhang wird die These aufgestellt, dass nicht nur die wichtige stilistische Entwicklung, sondern auch die Selbstmythifizierung Mark Rothkos, zu einer Festigung seiner Berühmtheit und schließlich zu einer überhöhten Darstellung nach Strategien eines „alten Kanons“ in der kunsthistorischen Rezeption führte.
Wenn man die weitläufige Literatur zu Mark Rothko in Augenschein nimmt, wird schnell deutlich, dass um die Künstlerpersönlichkeit zwar sehr weiträumig geforscht, jedoch zugleich ein moderner Künstlermythos produziert wurde.
Ich vertrete die Ansicht, dass durch sein Verhalten insbesondere bezüglich seiner Werke für das Seagram-Building, Mark Rothko eine Selbstmythifizierung betrieb, die wiederum mit diesen Überhöhungen durch die zeitgenössische Öffentlichkeit und die kunstgeschichtliche Rezeptionsgeschichte weitergeführt wurde. Wenn man Bezug auf Texte der postmodernen (insbesondere feministischen) Kunstgeschichtsschreibung nimmt, die sich der Dekonstruktion des Kanons der klassischen Kunstgeschichtsschreibung widmet, [...], wird deutlich, dass die Argumentation dieser Essays überraschende Parallelen zu Mark Rothkos nach außen getragener Selbstreflexion aufweisen. [...] Wie Mark Rothko zu seiner Mythifizierung beitrug, wird an der Handhabung, bzw. mehr an seiner Ablehnung nach jahrelanger Ausführung des Auftrags deutlich und kann – für einen Aspekt, der das gesamte Schaffen Mark Rothkos begleitet – exemplarisch aufgefasst werden. [...]
Er sah sich selbst stets dem Problem gegenüber, dass seine Bilder, die wegen berufsbezogener Notwendigkeit von künstlerischen Aufträgen automatisch als Ware zum Verkauf ausstanden, zu bloßem Dekor reduziert werden und der kontemplative geistige Wert verkannt wird, den er ihnen selbst zusprach. [...]
Seine Mythifizierung ist, wie im Falle der Ablehnung des Auftrags für das Four Seasons im Seagram-Building, mit dem Versuch begründet, sich gegen die Kommerzialisierung seiner Kunst zu stellen. Die Funktionsweise des Mythos fordert seinen Status, der scheinbar im entgegengesetzten Sinne wiederum die Kommerzialisierung bedingt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Seagram-Projekt
II.1. Die Idee der Rauminstallation
II.2. Das Seagram-Imperium
II.3. Die Auseinandersetzung mit der Raumsituation
II.4. Formensprache
II.5. Interpretationsansätze
II.6. Beweggründe für die Annahme und die Ablehnung
III. Kommerzialisierung und Mythifizierung
IV. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das 1958/59 von Mark Rothko entworfene Projekt für das Four Seasons im Seagram-Building. Dabei steht die Analyse der künstlerischen Idealvorstellungen im Kontrast zur kommerziellen Umgebung im Fokus, um aufzuzeigen, wie Rothko durch die Ablehnung des Auftrags und seine Selbstreflexion seinen eigenen Mythos als autonomer Künstler festigte.
- Das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Autonomie und kommerzieller Auftragsarbeit.
- Die Konzeption von Rauminstallationen und das Verhältnis zwischen Bild und Betrachter.
- Die Rolle der Selbstmythifizierung in der kunsthistorischen Rezeption Mark Rothkos.
- Der Vergleich zu postmoderner und feministischer Dekonstruktion des Künstlergenie-Kanon.
- Die psychologische Dimension der „erzwungenen“ Betrachtereinnahme durch die Kunst.
Auszug aus dem Buch
II.1. Die Idee der Rauminstallation
In den 50er Jahren konzentrierte sich Mark Rothko immer stärker auf die Beziehung zwischen Bild und Betrachter, so kümmerte er sich besonders in dieser Zeit um eine, seinen Vorstellungen entsprechende, Installation seiner Bilder.
Er begann zunehmend darauf zu bestehen, dass seine Bilder von denen anderer Künstler gesondert ausgestellt werden. Seine Intention war es zunehmend eine ganze Raumsituation allein durch seine Gemälde zu gestalten, um die völlige Einnahme und somit eine transzendente Erfahrung des Betrachters zu evozieren. Er beabsichtigte durch eine nach seinen Vorstellungen gestaltete Raumsituation die Wirkung des Betrachters im Ganzen zu kontrollieren und arrangierte seine Installationen so, dass sie den besten Effekt aufeinander haben und nicht einzeln betrachtet werden konnten, sodass der Betrachter eines seiner Gemälde im Augenwinkel immer weitere sieht, die es wiederum beeinflussen. Der Betrachter sollte, eingehüllt in die leuchtenden Farben und transzendenten Oberflächen seiner Gemälde, den gemalten Raum fühlen.
Seine zunehmende Sensibilität für die Bedeutung des Umfelds und der atmosphärischen Wirkung beim Betrachter seiner Werke veranlassten ihn in den 50er Jahren Bildserien für spezielle Orte zu machen. Sein Ziel war es dabei einen Bezug der zunehmend größer werdenden Gemälde zueinender, zur Architektur und zum Betrachter herzustellen. Bei seinen Ausstellungen wollte er entscheidend mitbestimmen und die Hängung der Bilder keinen Institutionen überlassen, da er dieser zunehmend mehr Bedeutung zusprach. Er lehnte sogar Ausstellungen ab, wenn etwas nicht seinen Vorstellungen entsprach.
Das Seagram-Projekt war Mark Rothkos erster Auftrag für eine Rauminstallation. Wenige seiner Kollegen verfügten über eine vergleichbare Möglichkeit der Präsentation seiner Werke. Als er diesen Auftrag annahm, war er bereits 54 Jahre alt. Es gehört zu seinen berühmtesten und bekanntesten Arbeiten, obwohl es nie in der geplanten Form verwirklicht wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Seagram-Projekt ein und postuliert die These, dass Rothkos Selbstmythifizierung maßgeblich zur kunsthistorischen Überhöhung seiner Person beitrug.
II. Das Seagram-Projekt: Dieses Hauptkapitel detailliert die Genese des Auftrags für das Four Seasons, analysiert die angestrebte Rauminstallation, die Formensprache der Wandgemälde und die Beweggründe für Rothkos spätere Ablehnung.
III. Kommerzialisierung und Mythifizierung: In diesem Kapitel wird untersucht, wie Rothko durch die Ablehnung des Auftrags und seine Inszenierung als „Außenseiter“ seinen eigenen Mythos stärkte und in den kunsthistorischen Kanon integrierte.
IV. Resümee: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, dass das Projekt einen Wendepunkt in Rothkos Laufbahn markiert, an dem sich sein Streben nach künstlerischer Autonomie und die Ablehnung kommerzieller Vereinnahmung manifestierten.
Schlüsselwörter
Mark Rothko, Seagram-Projekt, Four Seasons, Rauminstallation, Künstlermythos, Selbstmythifizierung, Abstrakt-Flächiges, Kunsthistorischer Kanon, Künstlergenie, Metaphysische Erfahrung, Kommerzialisierung, Rezeptionsgeschichte, Autonomie, Bild-Betrachter-Beziehung, Moderne Kunst
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Seagram-Projekt von Mark Rothko aus den Jahren 1958/59 und untersucht, wie dieses Projekt zur Festigung seines Künstlermythos beigetragen hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit beleuchtet das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischem Ideal, dem Wunsch nach einer transzendenten Raumwirkung und der kommerziellen Realität eines Luxusrestaurants.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Rothkos Ablehnung des Auftrags kein bloßer Zufall war, sondern ein gezielter Akt zur Aufrechterhaltung seines Status als „autonomes Genie“ gegen die Kommerzialisierung.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es wird eine kunsthistorische Analyse der Literatur, der Werkgenese und ein Vergleich mit postmodernen sowie feministischen Diskursen zur Dekonstruktion von Künstlermythen durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung des Seagram-Auftrags, die Analyse der spezifischen Formensprache der Gemälde sowie die Untersuchung der mythifizierenden Strategien Rothkos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Künstlermythos, Seagram-Projekt, Rauminstallation, Selbstmythifizierung, künstlerische Autonomie und metaphysische Erfahrung.
Warum war das Seagram-Projekt für Mark Rothko so problematisch?
Rothko sah sein Werk als spirituellen Ausdruck; ein Luxusrestaurant, in dem die Gäste essen und protzen, empfand er als Ort, der die Tiefe seiner Bilder auf bloße Dekorationszwecke reduzieren würde.
Welchen Einfluss hatte das Projekt auf Rothkos späteren Ruhm?
Die Ablehnung des renommierten Auftrags trug ironischerweise zu seiner Mythifizierung bei, da er sich als kompromissloser, geistiger Außenseiter stilisierte, was sein Ansehen im Kunstmarkt weiter festigte.
- Arbeit zitieren
- Irene Pfeffer (Autor:in), 2015, Mark Rothkos Seagram-Projekt. Zwischen Kommerzialisierung und Mythifizierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/429980