Zwischen Zwei Welten. Der Aspekt der Unzugehörigkeit in der Diskussion um die Ursachen mexikanisch-amerikanischer Jugendkriminalität


Essay, 2016
5 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Zwischen Zwei Welten – Der Aspekt der Unzugehörigkeit in der Diskussion um die Ursachen mexikanisch-amerikanischer Jugendkriminalität

Im Folgenden untermauere ich die These, dass Ursachen für mexikanisch-amerikanische Jugendkriminalität gleichermaßen in der Entfremdung der sogenannten „Zoot Suiters“ von ihren familiären mexikanischen Wurzeln, als auch in den Anfeindungen seitens der weißen amerikanischen Gesellschaft liegen, welchen die Jugendlichen tagtäglich ausgesetzt waren. Hierzu diskutiere ich, nachdem ich einen kurzen kontextuellen Überblick über die Ausschreitungen im Juni 1943 in Los Angeles gebe, die in zwei Zeitungsartikeln aus der The Mexican Voice angeführten Gründe der Jugendkriminalität und die Möglichkeiten ihrer Verhinderung. Anhand der Quellenlage und besonderer Berücksichtigung des Aspekts der Entfremdung der Jugendlichen von ihren möglichen mexikanischen Traditionen und Werten aus ihren Elternhäusern komme ich zu dem Punkt, dass die Rebellion der „Zoot Suiters“ sich in einem Unzugehörigkeitsgefühl zu beiden Gesellschaftsgruppen begründet. Schlussendlich beurteile ich die These vor dem Hintergrund der damals bereits geführten akademischen Diskurse.

Als die „Zoot Suit Riots“ Los Angeles erschüttern, verprügeln Soldaten mexikanisch-amerikanische Jugendliche, entkleiden sie, stürmten Bars, Theater, Tanzlokale und Privatwohnungen. Das Los Angeles Police Departement (LAPD) duldet die Gewalt gegen die Jugendlichen, um diese auch noch anschließend zu verhaften. Die brutale und skrupellose Haltung der LAPD ist repräsentativ für den allgemeingültigen Tenor in damaligen Strafverfolgungsbehörden, mexikanischstämmige Jugendliche würden grundsätzlich zu Gewaltkriminalität neigen. Die Unterstellung der Inhärenz einer kriminellen Natur, also die kausale Verknüpfung von Kriminalität und Rasse ist dabei ausschlaggebend für die gesellschaftlichen Spannungen. Diese spiegeln sich auch in zwei, im Sommer 1943, kurz nach den „Zoot Suit Riots“ erschienenen Artikeln wieder, wie ich im Folgenden zeigen werde. The Mexican Voice, in der die Texte veröffentlicht sind, ist eine Zeitschrift des American Movements, in der sich mexikanische Einwanderer zweiter Generation mit Collageabschluss und sozialen Berufen an mexikanischstämmige Familien selbst richten. Der namentlich nicht genannte Autor des Artikels A Challenge und der Verfasser von The Pachuco Problem, Paul Coronel üben allerdings nicht ausschließlich Kritik an der weißen amerikanischen Gesellschaft. Den Artikel A Challenge sehe ich gewissermaßen als ein regelrechtes Plädoyer dafür, die Schuldfrage zu vernachlässigen: „Who ist to blame? That is not important.“.[1] Diese an den Leser adressierte Frage und ihre unmittelbare Beantwortung sind Kernaussage des Artikels. Trotzdem vernachlässigt er nicht den Versuch, auf die oben bereits angeführten gesellschaftlichen Probleme einzugehen und mögliche Gründe für die Ausschreitungen konkret zu benennen: „Even if we know that poor environment, broken homes, cultural clashes, low economic standards, large families and war frenzy are the causes of all this […]“.[2] Direkt zu Beginn betont der Autor die Stigmatisierung der mexikanischstämmigen Jugendlichen, durch die Sensationsberichterstattung rechtskonservativer Medien. Durch den Artikel einleitende Schlagzeilen wie „Zoot Suiters Attack Sailors“, „Twenty and Thirty Zoot Suiters Attack Lone Sailors“ oder „Zoot Suiters Seek Revenge Threaten to Maim all Servicemen“[3], wird die damalige angeheizte Stimmung in der Gesellschaft für den Leser erfahrbar, welche eine Hysterie auslöst, die meiner Betrachtung nach einen großen Teil zu der feindseligen Verachtung auf beiden Seiten beiträgt. Gleichzeitig macht er einen Lösungsvorschlag und wendet sich damit explizit an die mexikanisch-amerikanische Gemeinschaft: „You are the one that must have the courage to identify yourself as Mexican-Americans“[4] Er kritisiert damit explizit die Tatsache, dass die Elterngeneration bis dato die Integration in die amerikanische Gesellschaft verfehlt habe. Der mexikanischstämmige Autor hält es für wichtig, sich an den amerikanischen Lebensstil anzupassen.

Der Artikel The Pachuco Problem listet ebenfalls Ursachen für die Spannungen zwischen den beiden gesellschaftlichen Gruppen auf. Paul Coronel nennt „the socio-economic dilemma“ oder „the failure of our institutions to assimilate the Mexican citizens into the channels of American citizenship“[5] und bezieht sich dabei unter anderem auf die systematische Diskriminierung der Arbeitgeber und der Gewerkschaften in den 40er Jahren gegenüber mexikanisch-amerikanischen Bürger und der Verwehrung ihnen gegenüber bessere Bildungsmöglichkeiten zu erlangen. Die soziale Ausgrenzung beginnt mit der Unterbringung mexikanischstämmiger Kinder an sogenannten „Mexican schools“ und reicht weiter, bis hin zum Verbot der Nutzung öffentlicher Parks und Schwimmbäder. In bestimmten Restaurants und Tanzlokalen ist ihnen der Zutritt verweigert, permanent werden die Jugendlichen an ihren minderwertigen Status in der amerikanischen Gesellschaft erinnert, auch nicht zuletzt durch die öffentlichen Demütigungen der Polizei. Häufig sind sie grundloser brutaler Gewalt und Verhaftungen ausgesetzt. Coronel verurteilt eben diese rassistische Einstellung der Amerikaner, mexikanische Einwanderer nicht als gleichberechtigt anzusehen und hebt den Wunsch der mexikanischstämmigen Bürger nach respektvoller Behandlung hervor. Darüber hinaus weist er aber noch dezidierter als der Autor des Artikels The Challenge es tut, auf das Fehlverhalten der mexikanischen Elterngeneration hin: „Our Mexican parents tend not to encourage education among our youth“.[6] Er bemängelt nicht nur, dass die Eltern ihre Kinder nicht dazu ermutigen, sich zu bilden, er kritisiert darüber hinaus auch ihren Mangel an Anpassungsvermögen, was kulturelle Traditionen, Sprache und Essgewohnheiten angeht. Deutlich ist hier zu erkennen, dass beide Autoren sich von der Haltung der älteren mexikanischstämmigen Generation distanzieren wollen. Der hier hervorstechende Aspekt der Abgrenzung spiegelt das wieder, was die „Zoot Suiters“ vermutlich neben dem extravaganten Kleidungsstil auch durch ihren speziellen Slang, welcher sich „Caló“ nennt, erreichen wollen. Dieser ist in der Zeit während des Zweiten Weltkriegs sowohl unverständlich für ihre spanisch sprechenden Eltern, als auch für weiße, englischsprechende Autoritätsfiguren. Diejenigen, die wiederum „Gabacho“ (Englisch) sprechen, werden verspottet. Eine rebellische Grundhaltung der mexikanischstämmigen Jugendlichen resultiert meiner Meinung nach aus eben diesen Spannungen, die aus einem Unzugehörigkeitsgefühl entwachsen. Die Eltern vieler dieser Jugendlicher sind vor ihrer Einwanderung in Amerika häufig im ländlichen Mexiko aufgewachsen und fühlen sich wohl damit, sich von der amerikanischen Gesellschaft abzugrenzen. Die Autoren der beiden Artikel können stellvertretend angesehen werden, für eine Kindergeneration, die sich damit nicht zufriedengeben will. Die Autoren rufen zu Toleranz auf beiden Seiten auf, sowohl auf der mexikanisch-amerikanischen, als auch auf der Seite der weißen Amerikaner. Besonders aus Coronels Artikel geht hervor, dass sich der Autor nicht wohlfühlt, in der passiven Opferrolle seiner Minderheitengruppe.

Die Lektüre der beiden Artikel, verdeutlicht, dass sich mexikanisch-amerikanische Teenager während des zweiten Weltkriegs weder mit der weißen amerikanischen, noch mit der mexikanischen Elterngeneration voll und ganz identifizieren können, sie aber doch tendenziell eher eine Bereitschaft besitzen, sich in das Wertesystem der amerikanischen Gesellschaft einzufinden. Eine rebellische oder in manchen Fällen zu kriminellen Machenschaften neigende Haltung der Jugendlichen erklärt sich unter anderem auch durch Formen der Frustration. Sie wachsen auf, mit Vorstellungen wie dem amerikanischen Traum, um nach und nach feststellen zu müssen, dass sie nur aufgrund ihrer mexikanischen Abstammung niemals voll und ganz an dem amerikanischen Reichtum werden teilhaben dürfen. Natürlich muss man an dieser Stelle Vorsicht walten lassen, wenn man versucht, die Einstellung der beiden mexikanischstämmigen Autoren auf die generelle Sichtweise mexikanisch-amerikanischer Jugendlicher zu beziehen. Allein schon bei der Betrachtung der rhetorisch gewandten Sprache wird deutlich, dass es sich bei diesen beiden mexikanischstämmigen Autoren um Akademiker handelt, die mit dem Status, den sie erreicht hatten, in der Lage waren, eine gemäßigte Vermittlungsposition zwischen der Antipathie gegen die weißen Amerikaner und der ablehnenden Haltung gegen mexikanischstämmige Amerikaner einnehmen zu können.

[...]


[1] A Challenge, S. 2.

[2] Ebenda.

[3] Ebenda.

[4] A Challenge, S. 2.

[5] The Pachuco Problem, S. 3.

[6] The Pachuco Problem, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Zwischen Zwei Welten. Der Aspekt der Unzugehörigkeit in der Diskussion um die Ursachen mexikanisch-amerikanischer Jugendkriminalität
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
“Der Pate” und “My Big Fat Greek Wedding”: Einwandererfamilien in den USA im 20. Jahrhundert
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
5
Katalognummer
V430033
ISBN (eBook)
9783668735835
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migrationsgeschichte, Mexican-Americans, USA, 20. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Gesa Born (Autor), 2016, Zwischen Zwei Welten. Der Aspekt der Unzugehörigkeit in der Diskussion um die Ursachen mexikanisch-amerikanischer Jugendkriminalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430033

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