Die "scaenae frons" in Griechenland und im Nahen Osten. Ein kulturelles 'Romanisierungszeugnis'?


Seminar Paper, 2010
18 Pages, Grade: 1,7

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beginn und Entwicklung des Theaterbaus
2.1 Das Theater - Olt und Zeugnis kultureller Wechselwirkungen?
2.2 Vitmv als Zeitzeuge römischen Theater- und Bühnenfassadenbaus

3. Die 'scaenae frons' - ein römischer 'Exportschlager'?
3.1 Entstehung der 'scaenae frons' und Entwicklung in Rom
3.2 Export und Verbreitung in Griechenland
3.3 Die 'scaenae frons' im Nahen Osten

4. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

[...] hier gräbt Häfen man, hier senkt für die Theater die breiten Fundamente man ein und haut die gewaltigen Säulen aus dem lebendigen Fels zum ragenden Schmuck für die Bühne, f...] 1

So ließ schon der römische Dichter Vergil zwischen 29 und 19 V. Chr. die Hauptfigur seines Werkes ,,Aeneis" über den Bau eines römischen Theaters in Karthago sprechen. Neben Kanälen, Häfen und anderen Bauwerken entsteht hier nach 29 V. Chr. ein Theater nach römischem Vorbild. Vergil scheint allerdings bewusst gewesen zu sein, was die Fassade eines römischen Theaters ausmacht. Es geht um gewaltige Säulen, lebendigen Fels und ragenden Schmuck, genauer gesagt um die ,scaenae frons‘, die Bühnenfassade des Theaters, dessen Kernmerkmal die hochgeschossige Säulenstruktur ist. Ausgeschmückt durch die hier gewählten, aussagekräftigen Attribute soll wohl erreicht werden, dass der Leser sich die Bühne bildlich vorstellen kann. Die Fassade scheint erwähnenswert, sie muss einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Sie avanciert zum Erkennungszeichen und Kernstück eines großen römischen Theaters.

Was macht die ,scaenae frons‘ als römischen Bühnenschmuck jedoch so besonders, wo es doch schon seit Jahrhunderten große Theater in Griechenland gibt, die ebenfalls einen Bühnenhintergrund haben? Diese spezielle, prächtige Art der Fassadengestaltung allerdings setzt sich erst nach der Eroberung Griechenlands durch die Römer im Osten durch. Wo und wann entsteht dessen ungeachtet die ,scaenae frons‘ im römischen Reich und wann genau findet sie Einzug in den Theatern des römischen Ostens? Ist sie als Bühnenfassade eine Art ,Exportschlager‘ oder wird sie zwanghaft in jedem Theater eingeführt?

Inwiefern die ,scaenae frons‘ ein Merkmal kultureller Wechselwirkungen und damit ein mögliches Romanisierungszeichen im römischen Osten ist, soll die vorliegende Arbeit zeigen. Dabei soll es unter anderem auch um das Theater im römischen Reich als einen Ort kultureller Wechselwirkungen gehen. Ebenso wichtig ist dabei, kurz auf die Anfänge des Theaterbaus in Griechenland und die Entwicklung des Theaters im kaiserzeitlichen Rom einzugehen. Zur Bühnenfassade liefert auch Vitruvius, der viele architektonische Zusammenhänge vermerkte, einige Informationen. Den Kernpunkt der Arbeit wird jedoch die Untersuchung der ״scaenae frons" anhand verschiedener Beispiele bilden. Da es leider keine vollständig erhaltene ״scaenae frons" mehr gibt, dienen als Quellen neben den Angaben von Vitruvius auch architektonische Überlieferungen und Rekonstruktionszeichnungen, die von Archäologen erstellt werden. Zum Schluss sollen die genannten Aspekte noch einmal abschließend zusammengefasst werden.

2. Beginn und Entwicklung des Theaterbaus

2.1 Das Theater - Ort und Zeugnis kültüreller Wechselwirkungen ?

Insbesondere die architektonischen und kulturellen Eigenheiten machen Theater zu Orten, die etwas über kulturelle Wechselwirkungen zwischen dem römischen Imperium und den römischen Provinzen im Osten aussagen können. Ablesbar sind solche Wirkungen jedoch nur, wenn es bereits existierende Formen einzelner Kulturphänomene gibt und sich verschiedene Entwicklungsphasen miteinander vermischen. In Bezug auf die Entwicklung von Theatern und ihrer Bestandteile muss der Blick somit zuerst auf Griechenland gerichtet werden, wo die ersten Theater entstehen.

Das Theater in Griechenland war Treffpunkt der Bevölkerung und zugleich Keimzelle kultureller Entwicklungen.2 Ein Vorgänger des Ersten dieser Art, dem Dionysostheater, entsteht im fünften Jahrhundert V. Chr. in Athen. Von dort aus verbreiten sich Theater über ganz Griechenland. Alle Theater, die in dieser Zeit entstehen, bestehen aus Holz. Lediglich vereinzelt werden steinerne Theater an einem natürlichen Hang errichtet. Hier jedoch ist die ,scaenae frons‘, die palastartige Bühnenfassade, in ihrer später typischen, steinernen Form noch nicht nachweisbar.

Bevor die Fassade detaillierter betrachtet werden kann, ist es wichtig, kurz auf die Anfänge des Theaterbaus in Rom einzugehen. Dort beginnt man erst um 240 V. Chr. mit dem Bau von kleineren Theatern nach griechischem Vorbild, wobei hier anfangs auch nur Bauten aus Holz entstehen. Als dann 55 V. Chr. das erste große steinerne Theater im Auftrag von Pompeius in Rom entsteht, entwickelt es sich aufgrund der Vorerfahrungen aus Amphitheatern und hölzernen Bühnen schnell zum Prototypen von Theatern nach römischem Vorbild.3 Dabei gibt es einige typische Bestandteile, an denen deutlich wird, das sich römische Theater aus griechischen Vorbildern heraus entwickeln. Das griechische ,theatron‘, der Zuschauerraum mit festen Besucherplätzen, wird zur römischen ,cavea‘. Dieser Teil wird von den Römern jedoch verändert, sodass die Zuschauer nur noch in einem Halbkreis statt eines angenäherten ganzen Kreises dem Schauspiel folgen können. Die Römer imitieren hier also nicht nur, sondern entwickeln weiter. Durch ein ,velum‘, eine neue Art Sonnensegel, schützen die Römer den Zuschauerraum vor Sonne und Witterung. Als Folge der Verändemng des Zuschauerraumes verringert sich auch die im Griechischen noch groß angelegte ,orchestra‘, eine bisher runde und nun halbkreisförmige Fläche, die vor den Zuschauern angelegt und für singende oder tanzende Gruppen bestimmt war. Tritt hier sonst noch ein Chor in Erscheinung, nimmt die Bedeutung dessen in römischen Theatern spürbar ab, sodass dort nun Ehrengäste Platz finden. Hinter der ,orchestra‘ befindet sich das ,proskénion‘, später ,pulpitam‘, die Bühne, auf der gespielt wird. Aus der ,skené‘, dem Bühnenhaus hinter der ,orchestra‘ wird die ,scaena‘. Die für die Zuschauer sichtbare Fassade des Bühnenhauses, die ,scaenae frons‘ entwickelt sich aus weniger ausgeprägten, griechischen Vorgaben. Jedoch wird hier der Kernbestandteil, die auch schon im hellenistischen Theater obligatorischen drei Pforten, übernommen. Die mittlere und gleichzeitig größte Tür, auf die der Zuschauerraum ausgerichtet war, hieß ,valvae regia‘, die ״Königsthür“4. Die symmetrisch daneben befindlichen Türen wurden ,hospitalia‘, ״Gastthüren“5 genannt. Zumeist verbinden die Römer ihre Theater auch mit der Huldigung von Göttern. In der Nähe fast jeden Theaters befindet sich ein dazugehöriger Tempel. Insgesamt kommt es dennoch selten vor, dass die Theater wirklich alle typischen Bestandteile beinhalten. Auch dort, wo neue entstehen, sind dies häufig Mischformen aus griechischen Traditionen und römischen Innovationen.

2.2 Vitruv als Zeitzeuge römischen Theater- und Bühnenfassadenbaus

Der Kriegsingenieur und Baumeister Marcus Vitruvius Pollio, bekannt als Vitmv, verfasst mit seinem Werk ,de archtectura‘ zwischen 33 bis 22 V. Chr. die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zur antiken Baukunst. Im sechsten Kapitel des fünften Buches geht es unter anderem um die architektonische Beschreibung römischer Theater und deren Einzelheiten. Der Übersetzer August Rode fügt hier Skizzen vom Aufbau des griechischen und römischen Theaters an, die Aufschluss darüber geben, inwieweit sich das Theater und damit auch die Bedeutung einzelner Elemente dessen verändern. Diese Skizzen orientieren sich an den exakten Vorgaben Vitruvs.

Anhand dieser Skizze wird deutlich, dass die ,orchestra‘ in griechischen Theatern noch eine annähernd kreisrunde Form besitzt. Das ,proskenion‘ beginnt hier erst zwischen den Punkten ,cd‘ und ,ad‘ und reicht bis zur hervorgehobenen Linie ,f-g‘, die Rode ,Frons scenae‘ nennt und hier eine Tangente zur Ausrichtung der ,orchestra‘ darstellt. Die ,scaenae frons‘ wird im ausgehenden 18. Jahrhundert noch mit ,Frons scenae‘ betitelt. Die Bühne mit der Fassade (,fg‘) ist hier relativ schmal und scheint eine eher hinter der ,orchestra‘ zurückstehende Bedeutung zu haben, wenn das Geschehen auch auf die ,Frons scenae‘ ausgerichtet ist. Die bereits in Abschnitt 2.1 angesprochenen Pforten als wichtiges Merkmal der Bühnenfassade finden sich gleichwohl in dieser Skizze wieder. Als ,R‘ ist die Hauptpforte mittig eingezeichnet, neben der sich die Nebentüren, als ,H‘ eingetragen, befinden.

Dieser Grundaufbau wird nun von den Römern überarbeitet und umgestaltet, wobei die Ausrichtung größtenteils bestehen bleibt. Geht aus dieser Skizze noch hervor, dass die ,orchestra‘ eine wichtigere Stellung als die Bühnenfassade einnimmt, so ändert sich das nun im römischen Theateraufbau.

Auch dazu hat August Rode wieder eine Skizze vorgelegt, die die Vorgaben Vitruvs berücksichtigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die hervorgehobene Linie stellt auch hier wieder, wie auch in Rodes Erläuterungen unter der Skizze beschrieben, die ,scaenae frons‘ dar. Im Vergleich mit der Skizze des griechischen Theaters tritt hervor, dass diese Anordnung eine wesentlich breitere Bühnenfassade beinhaltet, die nicht mehr eine Tangente am unteren Ende des Kreises darstellt. Dass die Bedeutung der ,orchestra‘ im römischen Theater zugunsten der Bühne und der ,scaenae frons‘ abnimmt, verdeutlicht besonders der Unterschied zwischen der griechischen und römischen Grenze der Bühne. Im ,lateinischen‘ Theater hat die Bühne nun die Länge des ,orchestra‘-Durchmessers und bedeckt eine Hälfte dieser.

Anhand dieser beiden Skizzen wird deutlich, dass sich zwischen der Bedeutung der ,scaenae frons‘ im griechischen und römischen Theater eine Wandlung vollzieht. Die Fassade des Bühnengebäudes tritt in römischen Theatern wesentlich stärker in den Vordergrund. ״Eine prachtvolle Bühnenwand des Skenengebäudes wird zum typologischen Bestandteil des römischen Theaters.“6 7, resümiert Enno Burmeister treffend. Das hat auch zur Folge, dass der nun vergrößerte Bereich der ,scaenae frons‘ ausgeschmückt werden muss. Vitruv führt auch dazu exakt aus, welche Bestandteile die Bühnenfassade hat und welche Breite, Höhe und Tiefe diese haben.

[...]


1 Verg. Aen. 1,427-29.

2 Vgl. Green, J. R.: Theatre in ancient Greek Society, London 1994, s. 144.

3 Vgl. Bunneister, Enno: Antike griechische und römische Theater, Dannstadt 2006, s. 9.

4 Vitruvius Pollio, Marcus: Baukunst, hrsg. u. übers, von A. Rode, Leipzig 1796 (ND Basel (u.a.) 2001), s. 239.

5 Vitruvius Pollio, Marcus: Baukunst, hrsg. u. übers, von A. Rode, Leipzig 1796 (ND Basel (u.a.) 2001), s. 239.

6 Skizze aus Vitruvius Pollio, Marcus: Baukunst, hrsg. u. übers, von A. Rode, Leipzig 1796 (ND Basel (u.a.) 2001), s. 238.

7 Bunneister, Enno: Antike griechische und römische Theater, Dannstadt 2006, s. 87.

Excerpt out of 18 pages

Details

Title
Die "scaenae frons" in Griechenland und im Nahen Osten. Ein kulturelles 'Romanisierungszeugnis'?
College
University of Osnabrück  (Historisches Seminar)
Course
Griechenland und der Nahe Osten unter römischer Herrschaft
Grade
1,7
Author
Year
2010
Pages
18
Catalog Number
V430840
ISBN (eBook)
9783668748033
ISBN (Book)
9783668748040
File size
1114 KB
Language
German
Tags
Scaenae frons, Romanisierung, Romanisierungszeugnis, Römischer Einfluss in Griechenland
Quote paper
Christoph Penning (Author), 2010, Die "scaenae frons" in Griechenland und im Nahen Osten. Ein kulturelles 'Romanisierungszeugnis'?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430840

Comments

  • No comments yet.
Read the ebook
Title: Die "scaenae frons" in Griechenland und im Nahen Osten. Ein kulturelles 'Romanisierungszeugnis'?


Upload papers

Your term paper / thesis:

- Publication as eBook and book
- High royalties for the sales
- Completely free - with ISBN
- It only takes five minutes
- Every paper finds readers

Publish now - it's free