Flottenpropaganda als politisches Druckmittel

Zur Beeinflussung von Reichstagsentscheidungen durch den Deutschen Flottenverein


Seminar Paper, 2010
16 Pages, Grade: 1,3

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Deutsche Flottenverein - Entstehung und Hintergründe

3. Propagandamethoden des Deutschen Flottenvereins

3.1 Printmedien, Postkarten und Plakate

3.2 'Deutsche Abende', Vortragsabende und weitere Agitation

4. Einflussnahme auf politische Entscheidungen

4.1 Der Weg zum zweiten Flottengesetz

4.2 Beeinflussung politischer Entscheidungen durch Flottenpropaganda

5. Schlussbetrachtung

1. Einleitung

Ä'HU 'HXWVFKH )ORWWHQ-Verein erblickt die Aufgabe der deutschen Flotte vornehmlich in GHU >«@ :DKUXQJ GHU EHUVHHLVFKHQ ,QWHUHVVHQ 'HXWVFKODQGV XQG GHU (KUH XQG 6LFKHUKHLW VHLQHU LP $XVODQGH Wl WLJHQ % UJHU >«@ 'HU 'HXWVFKH )ORWWHQYHUHLQ ZLUG es als seine Hauptaufgabe betrachten, dafür zu sorgen, daß die deutsche Flotte die zur Lösung ihrer Aufgaben erforderliche Stärke besitzt, und gegebenenfalls mit allen dazu vorhandenen gesetzlichen Mitteln auf die ganze Nation einwirken, um die Flotte dauernd auf der erforderlichen Höhe zu halten.³1

Schon aus diesem Auszug der Gründungs- und Vereinsstatuten des Deutschen Flottenvereins geht mehr als deutlich hervor, dass dieser mit allen legalen Maßnahmen versuchen würde, auf das ganze Land einzuwirken, um die Vereinsziele durchzusetzen. Dieses Zitat aus der Satzung des Flottenvereins verdeutlicht, dass der Stand eines Staates zunehmend auch durch die Stellung in überseeischen Regionen symbolisiert wurde. Verbunden damit schien der Schutz des deutschen Überseehandels notwendig zu werden. Nur wie genau würden diese Maßnahmen aussehen, um damit auf die Nation einzuwirken?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts strebte das Deutsche Reich mehr denn je nacheinem Rang als Weltmacht. Ausdruck des deutschen Strebens war unter anderem der Gedanke einer großen und schlagkräftigen Schlachtflotte, die einem deutschenÃ:HOWUHLFKµ V\PEROLVFK *HOWXQJ YHUOHLKHQ VROOWH Mithilfe einer umfassenden)ORWWHQSURSDJDQGD VROOWH GHU Ã)ORWWHQJHGDQNHµ LQ der Bevölkerung verankert und die Notwendigkeit einer starken deutschen Flotte hervorgehoben werden. Im Zuge dieseraufstrebenden Propagandatätigkeit kam es zur Gründung des Deutschen Flottenvereins, der es sich als Ziel setzte, unter dem Vorwand der)ORWWHQYHUJU|‰HUXQJ ÄDXV QDWLRQDOHQ *U QGHQ³2 für eine Auftragsbeschaffung an dieam Kriegsschiffbau beteiligte Groß- und Schwerindustrie zu sorgen.3 Der Deutsche Flottenverein avancierte in der Folge bis zum Ersten Weltkrieg zum bedeutendstennational-bürgerlichen Agitationsverband im Deutschen Kaiserreich.4

Für den Bau einer großen Schlachtflotte bedurfte es eines üppigen Etats, den der Reichstag bewilligen musste. An dieser Stelle stellt sich daher die Frage, welche Rolle die groß angelegte Flottenpropaganda und der daraus hervorgehende Deutsche Flottenverein an der Durchsetzung von Flottengesetzen und Flottennovellen im Deutschen Reichstag hatte? Wie wurde hier Flottenpropaganda betrieben und welche Auswirkungen hatte sie wirklich auf politische Entscheidungen? Welchen direktenoder indirekten Anteil daran hatte der zwischenzeitlich aggressiv propagierende Deutsche Flottenverein, der teils mehr eine staatliche Institution und ein Instrument GHU GHXWVFKHQ 6FKZHULQGXVWULH DOV HLQ Ã9HUHLQµ ZDU" Diese Frage stellt sich vor allemvor dem Hintergrund der Aussage des ersten Präsidenten des Deutschen Flottenvereins, Wilhelm Fürst zu Wied, dass der Verein ohne politische Betätigungwirken könne, da die für erforderlich gehaltenen, jüngsten Flottenforderungen imersten Flottengesetz vier Wochen vor der Vereinsgründung aufgegangen waren.5 'DKHU VHL HV QLFKW Q|WLJ ÄGLH 6SLW]H JHJHQ GHQ 5HLFKVWDJ ]X ULFKWHQ³6.

Um diesen Fragen nachzugehen, befasst sich die vorliegende Arbeit zunächst mit der Entstehung und den Hintergründen des Deutschen Flottenvereins. Im Anschlussdaran geht es um die Methoden der Flottenpropaganda, derer sich der Flottenvereinbediente. Dieser Abschnitt leitet über zur Untersuchung der politischen Einflussnahme und der Beantwortung der Frage, ob und wie Druck auf den Reichstag ausgeübt wurde. Die Arbeit abschließen wird die Schlussbetrachtung, inder die angeführten Argumente dann verknüpft und zusammengefasst werden sollen.

2. Der Deutsche Flottenverein ± Entstehung und Hintergründe

Der Deutsche Flottenverein wurde am 30. April 1898 im Reichsmarineamt in Berlinvon Großadmiral von Tirpitz, dem Journalisten und späteren ersten Sekretär Victor Schweinburg, dem ersten Präsidenten Wilhelm Fürst zu Wied, einigen Mitgliederndes Hochadels, einflussreichen Vertreter von Werften, Reedereien und Banken sowievon den von wirtschaftlichen Interessen angelockten Großindustriellen Krupp unter dem Protektorat des Prinzen Heinrich von Preußen und der Gunst Kaiser Wilhelms II. gegründet.7

Ziel war von Beginn an eine massive Propagierung des Flottenbaus, was auch der Auszug aus der Satzung zu Beginn der Arbeit verdeutlicht, um die Kaiserliche Marine zu einem Instrument eines nach Macht strebenden Deutschen Reicheswerden zu lassen. Das Ziel wurde einerseits verfolgt, um dem Gedanken einerdeutschen Weltmacht gerecht zu werden, andererseits aber auch um der Schwerindustrie Aufträge zu verschaffen, was schon aus der Betrachtung dermaßgeblichen Gründungsmitglieder hervorgeht. Wied hatte vor der Gründungsversammlung Absprachen mit Krupp getroffen, der sich auch Schweinburg als Sekretär heranholte, der wiederum Angestellter Krupps war.8 Ausder Unstimmigkeit über die Ziele des Vereins heraus entwickelten sich einige Krisen,die beinahe zur Auflösung des Flottenvereins führten. Generell sollte er eineüberparteiliche Gemeinschaft für alle Marine-Begeisterten sein und dafür eintreten,dass sich eine breite, durch alle Bevölkerungsschichten hindurch ziehende Flottenbewegung und Flottenbegeisterung entfaltet. Es gelang jedoch nicht vollends,die Arbeiterschaft für sich zu gewinnen, was vor allem am Widerstand der Sozialdemokraten lag.9 Ein Großteil der Vereinsmitglieder stammte anfangs aus dem Bildungs- und Besitzbürgertum, die vor allem wirtschaftliche Ziele verfolgten, bevorsich der Verein zu einer Massenorganisation bürgerlich-nationaler Gesinnungentwickelte.10 Der bedeutende Rückhalt in der Bevölkerung legitimierte dieaggressive Propagandaarbeit des Flottenvereins, welcher sich dadurch gestärkt sah,Druck auf politische Organe auszuüben, um höhere Ausgaben für den Flottenbau zuerreichen. Auch bot der Verein durch seine Massenwirkung eine Legitimierungsgrundlage für die Regierung, um ihre Flottenbaupläne populär zumachen.11 Allerdings entglitt der Verein der Regierung und dem Reichsmarineamtsowie den von wirtschaftlichen Interessen getriebenen Industriellen zusehends mitfortschreitender Entwicklung und steigenden Mitgliederzahlen.12 Der Flottenverein wurde somit zu einem Sammelbecken für bürgerlich-nationale Aktivisten, die sich auch in außenpolitische Belange einmischten. Mit der Ausübung von politischem Druck durch den Deutschen Flottenverein wird sich eines der nächsten Kapitel ausführlicher beschäftigen.

Zum Ende des Gründungsjahres 1898 belief sich die Mitgliederzahl schon auf etwa 70 - 80.000 Mitglieder. Diese Zahl steigerte sich bis 1914 auf einen Höhepunkt vonca. 1.1 Millionen Mitgliedern. Eingenommen in diesen Wert ist auch der sehr hohe Anteil an korporativen Mitgliedern, andere Vereine und Verbände, die gesammelt inden Deutschen Flottenverein eintraten. Von den 1,1 Millionen Mitgliedern waren ca.800.000 Mitglieder Vereine, Gruppen und Gemeinschaften, die als ein einzelnes Mitglied gewichtet wurden, sodass die Gesamtzahl der Mitglieder viel höhereinzuschätzen ist.13 Leitende Ämter waren oft von Personen aus dem Adel besetzt, sobeispielsweise das Präsidentenamt durch Wilhelm Fürst zu Wied und später von Otto Fürst zu Salm-Horstmar.14 Berliner Professoren indes wollte man ebenso zum Eintrittin den Flottenverein bewegen. Sie lehnten mit dem Grund ab, dass si H ÄNHLQQDWLRQDOHV 8QWHUQHKPHQ³15 erkennen konnten. Ihnen missfiel die Rolle des Vereinsals Fördermittel industrieller Interessen.

3. Propagandamethoden des Deutschen Flottenvereins

3.1 Printmedien, Postkarten und Plakate

Propaganda und Presse waren die wichtigsten ÃAbteilungenµ eines nationalen Agitationsverbandes. Die große Mitgliederzahl des Deutschen Flottenvereinsbewirkte außerdem, dass viele Propagandaaktivitäten durch die hohen Mitgliedsbeiträge aus dem Vereinshaushalt bezahlt werden konnten. So verschaffteman sich zwar ein wenig Unabhängigkeit von Spendern aus der Wirtschaft, sobaldaber außerordentliche Propaganda im großen Maße betrieben werden musste,sammelte man die finanziellen Mittel dafür wieder bei Industriellen ein.16

Zu den Printmedien, durch die der Deutsche Flottenverein einerseits Mitgliedergewinnen, aber auch die Überzeugung von einer notwendigen deutschen Schlachtflotte fördern wollte, zählen vor allem die vereinseigenen Presseorgane wie EHLVSLHOVZHLVH Ä'LH )ORWWH³ RGHU Ä8HEHUDOO³, aber auch Flugblätter, Postkarten, Werbetafeln, Unterstützungslisten und Plakate. Ã'LH )ORWWHµ ZXUGH LQ inländischen und 150 ausländischen Zeitungen neben 3600 öffentlich ausgelegten Exemplaren veröffentlicht.17 Flugblätter stellten ebenfalls eine beliebte Propagandamethode dar, da sie in kurzen Stichworten, aussagekräftigen Titeln undprägnanten Aufrufen das lieferten, was die Menschen überzeugte. Zum Wahlkampf1907 beispielsweise verteilte der Flottenverein mit Unterstützung der Reichskanzleica. 21 Millionen Wahlschriften und Flugblätter.18 Diese gingen unter anderem gezieltan ca. 124.000 Lehrer. Ein schlagkräftiges Argument war dabei auch immer der Bezug auf die kolonialen Interessen des Deutschen Reiches. Einige dieser Wahlmaterialien trugen so Titel, die sich direkt auf die Kolonien bezogen.19 Auflagenhöhen von mehreren Millionen Stück waren also keine Seltenheit. So nahmder Flottenverein zu diesen Wahlen de facto die Funktion eines Wahlbüros fürnationale Parteien ein, die dem Gedanken der Flottenvermehrung positiv gegenüberstanden.

[...]


1 Zitat aus dem Protokoll der Gründungsversammlung des Deutschen Flottenvereins vom 30.04.1898, in: Fricke, Dieter (Hg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), Köln 1984, S. 70.

2 Kehr, Eckart: Schlachtflottenbau und Parteipolitik 1894-1901. Versuch eines Querschnitts durch dieinnenpolitischen, sozialen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus, Berlin1930, S. 170.

3 Ebd., S. 170.

4 Vgl. Grießmer, Axel: Massenverbände und Massenparteien im wilhelminischen Reich. Zum Wandel der Wahlkultur 1903-1912, Düsseldorf 2000, S. 52.

5 Vgl. Fricke 1984, S. 70.

6 Zitat aus dem Protokoll der Gründungsversammlung des Deutschen Flottenvereins vom 30.04.1898, in: Ebd., S. 70.

7 Vgl. Ebd., S. 69-70.

8 Vgl. Ebd., S. 69.

9 Vgl. Grießmer 2000, S. 62.

10 Vgl. Ebd., S. 16.

11 Vgl. Fricke 1984, S. 67.

12 Vgl. Grießmer 2000, S. 53.

13 Vgl. Fricke 1984, S. 68.

14 Vgl. Ebd., S. 67-71.

15 Kehr 1930, S. 171.

16 Vgl. Grießmer 2000, S. 57.

17 Vgl. Fricke 1984, S. 79.

18 Vgl. Grießmer 2000, S. 203.

19 Vgl. Fricke 1984, S. 79.

Excerpt out of 16 pages

Details

Title
Flottenpropaganda als politisches Druckmittel
Subtitle
Zur Beeinflussung von Reichstagsentscheidungen durch den Deutschen Flottenverein
College
University of Osnabrück  (Historisches Seminar)
Course
Deutsche Kolonialgeschichte
Grade
1,3
Author
Year
2010
Pages
16
Catalog Number
V430841
ISBN (eBook)
9783668748057
ISBN (Book)
9783668748064
File size
547 KB
Language
German
Tags
Kolonialgeschichte, Flottenverein, Reichstag, Agitation, Agitationsverbände, Nationale Verbände
Quote paper
Christoph Penning (Author), 2010, Flottenpropaganda als politisches Druckmittel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430841

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