Kino "Traumstern". Das provinzielle Kino mit 97-jähriger Geschichte


Seminar Paper, 2017
12 Pages, Grade: 1,0

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Geschichte

Das Kino heute

Infrastruktur

Persönliches

Probleme und Schwierigkeiten

Fazit

Quellenverzeichnis

Einleitung

Wo heute Einkaufszentren, Bäckereien oder Wohngebäude stehen, befanden sich früher häufig kleine, aber feine Lichtspiele und Kinosäle. Kinos, die unabhängig von Verleihern waren und selbst ein besonderes Programm für die Zuschauer bereitstellten. Ein solches Kino bezeichnet man als Programmkino.

Schon beim Erhalten der Aufgabenstellung, machte ich mir kleine Notizen. Sofort fielen mir gleich mehrere solcher besonderen Kinos aus meiner Region ein. Ich habe das Glück aus einer Region zu kommen, in welcher ein großes Angebot an kinokulturellen Besonderheiten herrscht: Die OpenAir-Kinos in Marburg, Laubach, Gießen und Butzbach; die Grünberger Lichtspiele; die E-Kinos in Frankfurt, die Pupille Frankfurt; das Kino Traumstern u.v.m. Es war leicht für mich, sich für das letztgenannte Kino Traumstern zu entscheiden. In meiner Kindheit habe ich einige Nachmittage dort verbracht und viele Erinnerungen gesammelt.

Ich hatte die Chance mit einem der Betreiber des Kinos; Edgar Langer; ein Interview führen zu dürfen. Aus den Aufzeichnungen dieses Interviews und weiteren Quellen, werde ich im Folgenden die 97-jährige Geschichte des Licher Kinos erzählen.

Geschichte

Ein Kino, welches seit 1983 besteht, ist erstaunlich und bemerkenswert. Doch gräbt man tiefer in der Geschichte dieses Kinos, stellt sich heraus, dass diese Räumlichkeiten schon seit 1920 existieren.

„Es begann in einer Turnhalle“[1], erzählt mir Edgar Langer. 1920 beschließt August Hisgen, Filme in einer alten Turnhalle vorzuführen. Den Ort nennt er „Licher Lichtspiele“.

Von Beruf ist er Fotograf, interessierte sich dennoch seit Aufkommen der ersten Filme, für diese Kunst. Gegenüber der Turnhalle, befindet sich das Restaurant „Stadt Gießen“, welches er gleichzeitig betreibt. In den zwanziger Jahren werden Stummfilme gezeigt. Häufig mit musikalischer Begleitung einer Gruppe aus Lich.

Die Filmkunst entwickelt sich immer weiter. Der erste Tonfilm, technische Innovationen, künstlerische und stilistische Entwicklungen. So beschließt auch Hisgen seine Lichtspiele weiterzuentwickeln. Er lässt ein Gebäude an die linke Seite seiner Gaststätte bauen und legt einen direkten Zugang zwischen beide Gebäuden. Am 12. September 1936 läuft der letzte Film in der Turnhalle und sie wird geschlossen. Am 11. Oktober erfolgt dann die Einweihung der neuen Räumlichkeiten direkt gegenüber. „Diese sind die Gleichen wie heute, es wurde kaum etwas verändert“[2], versichert mir Langer. Auch äußerlich sind die Lichtspiele nun zu erkennen. Das Kino integriert sich immer mehr in das Stadtbild sowie in das kulturelle Leben. Unterstützt wird es u.a. von der örtlichen Brauerei „Licher Privatbrauerei Jhring-Melchior GmbH“. Hisgen gibt seinen Beruf als Fotograf auf, um nun mehr Filmvorführungen pro Tag realisieren zu können.

Schließlich gelangen wir im Interview zu den schwierigen Phasen der Kinogeschichte. Mit den Worten „Und dann kam der Krieg.“[3], leitet Edgar Langer diesen Teil der Geschichte ein. Fast seit Beginn publizierte Hisgen Anzeigen in der örtlichen Zeitung „Licher Bekanntmachungen“, später „Licher Anzeiger“. Es ist eine deutliche nationalsozialistische Prägung in den Ausschnitten zu erkennen, die Herr Langer mir aus dem Archiv des Kinos zur Verfügung stellt. Selbstverständlich werden propagandistische Filme vorgestellt, aber auch die Art und Weise, wie ein Film angekündigt wird, hat einen gewissen Unterton. Der Film „Die Somme“ wird beispielsweise mit den Worten „Zur Erinnerung! Zur Erneuerung! Zur Mahnung!“ angekündigt.

Durch Zeitzeugenaussagen wissen die Kinobetreiber, dass auch während des Krieges das Kino ohne bemerkenswerte Unterbrechungen weiterlief. Als die Stadt Lich um 1945 von amerikanischen Truppen besetzt wurde, nutzten die amerikanische Soldaten das Kino für sich. Der Eintritt war für Deutsche verboten, trotzdem war die Gaststätte weiterhin geöffnet. Wie bereits im Seminar Filmgeschichte behandelt, macht sich auch hier das Bedürfnis nach Harmonie bemerkbar. Die Stadt ist voller Flüchtlinge und Evakuierten aus der Umgebung. Es wird sich mehr und mehr im Kino abgelenkt. Es wird von 370 auf 600 Sitzplätze erweitert. Die Anzahl der jährlichen Filme steigt von 54 auf 107. Die meist gezeigten Filme sind laut Archiv und Edgar Langer Liebesfilme, Musikfilme und selbstverständlich Heimatfilme wie „Vergiß mein nicht“ oder „Drei Ehen“.

August Hisgen betrieb das Kino noch bis zu seinem Tod. Er hatte nach und nach seine Kinobegeisterung auf seine Familie übertragen, somit konnten zunächst seine Tochter, später dann seine Enkelin das Kino übernehmen. Doch mit Aufkommen des Fernsehens hatten sie mit sinkenden Zuschauerzahlen zu kämpfen. Es drohte die Schließung, doch dann erfolgte die Übernahme.

Das Kino heute

Zuletzt konnten die Betriebskosten nicht mehr gedeckt werden. Nur noch drei Vorstellungen am Wochenende wurden gespielt. Durchschnittlich nur 20 Zuschauer kamen pro Vorstellung. Die Enkelin Hisgens entschied das Kino zu schließen. Der Zufall wendet das Ende ab. Drei junge Männer entschließen sich 1983 das Kino zu übernehmen: Horst C., Michael M. und Edgar Langer. 1988 stieg Hans Gsänger in das Kollektiv mit ein und Horst C. und Michael M. schieden aus. Damals hatten sie von der Schließung und der Umwandlung in einen Supermarkt gehört. Dies wollten die drei Männer verhindern. Da sie keine Bank unterstützen wollte, investierten sie 80000 DM aus eigenen Mitteln und kauften die ehemaligen Licher Lichtspiele.

Aus einer spontanen Idee heraus, entwickelte sich das komplett neue und klare Konzept des Kinos. Zukünftig sollte eine Bühne erbaut werden. So konnten auch Theaterstücke aufgeführt werden und Musiker auftreten. Das Kino trägt jetzt den Slogan: „Filme Theater Musik“. Bezüglich des Kinos wurde eine Unabhängigkeit von Verleihern und Verleihen erreicht. Das Kino wurde zum Programmkino.

Langer erzählt mir im Interview, wie der Name „Traumstern“ zu Stande kam: Während eines Brainstormings erinnerte man sich zusammen an den Film „Die Frau im Mond“ von Fritz Lang. In einem Buch über diesen Stummfilm, tauchte der Begriff „Traumstern“ häufig auf. Sofort stand fest, so muss das Kino heißen. Heute macht genau dieser Name das Kino zu einer ganz eigenen Marke. Langer erklärt mir:

„Unser Name lässt eine große Interpretationsfreiheit. Jeder kann sich etwas Anderes etwas darunter vorstellen und erträumen. Für mich bedeutet er zum Beispiel, ‚träumen von etwas Besserem‘, von einer besseren Welt, aber im positiven Sinne. Ich möchte das Heute nicht schlecht reden. Wir machen durch das Zeigen der Filme einen Beitrag zu dieser Welt.“[4]

Passend zum Namen wurde eigenhändig per Hand ein bei Dunkelheit leuchtender Sternenhimmel an die Kinodecke gemalt.

Zur Freude der Licher, wurde auch die Gaststätte „Stadt Gießen“ übernommen. Jedoch wurde der Name in „Statt Gießen“ umbenannt. Somit setzte man sich zusätzlich als eines der wenigen Kinos in der Provinz ab. „Anstatt nach Gießen ins Kino zu gehen, sollen die Leute hierherkommen“[5], sagt mir Langer im Interview, „Die Provinz soll ihre negative Nebenbedeutung verlieren. Auch wir auf dem Land haben ein tolles Kino, das ein tolles Kulturangebot für ganz Mittelhessen stellt.“[6] Die Gaststätte ist auch heute noch ein Treffpunkt für nach dem Kino. Es wird sich ausgetauscht und über die gesehenen Filme besprochen.

Jeden Tag laufen mindestens drei verschiedene Filme, in vier unterschiedlichen Zeitschienen: 12h, 16h45, 19h, und 21h. Früher gab es freitags und samstags eine 24h Schiene, doch ab 2002 wurde diese immer weniger gut besucht und somit aus dem Programm genommen. Seit ein paar Jahren wird die 21h Schiene nicht mehr gut besucht und es besteht die Überlegung diese herauszunehmen. Um 15h gibt es zudem das Kinderprogramm. Alle gezeigten Filme, sind häufig mit dem Filmkunstpreis ausgezeichnet, in Originalsprache mit Untertitel oder solche, die es nicht in kommerzielle Kinos schaffen. Zeitweise wurden regelmäßig Schwarz-Weiß-Filme gezeigt.

Die Tickets werden in Papierform ausgegeben. Eine Einzelkarte kostet 7,50€, ermäßigt 5,00€. Es gibt die Möglichkeit eine Zehnerkarte für 65€ zu erwerben.

Des Weiteren ist das Kino Traumstern ein Ausbildungsbetrieb. 2013 wurde der letzte Azubi übernommen. Er ist nun der offizielle Filmvorführer des Kinos und bereitet das Programm vor. Er macht außerdem die Ansagen im Kinosaal vor der Vorführung, denn das Zeigen eines Kurzfilms vor dem richtigen Film, ist Tradition geworden. Dieser wird erklärt und angekündigt. So kam es dazu, dass dieses Jahr ein Kurzfilmprogramm gezeigt wurde. Die Filme entstammen dem Programm des Deutschen Kurzfilmpreises.

Zusammen mit den Besitzern Hans Gsänger und Edgar Langer werden die Filme des nächsten Monats ausgesucht. Dazu besuchen sie Filmfestivals und diskutieren zusammen. Durch den Kontakt zu vielen Verleihern und Filmemachern, bekommen sie so immer wieder neue Inspirationen. Das beschlossene Programm wird im Anschluss in Druck gegeben und ist in ganz Mittelhessen in den gängigen Auslagen zu finden. Interessant dabei ist, dass sich das Layout des Programms seit 1983 nicht geändert hat. Auf dem Cover ist das Werbeplakat eines Films zu sehen. Beim ersten Auseinanderfalten sieht man das monatliche Programm und zu welcher Zeit, welcher Film, in welchem Zeitraum läuft. Faltet man das Programm vollständig auseinander, hat man die Möglichkeit die jeweiligen Inhaltsangaben zu lesen.

Darüber hinaus, erscheint monatlich ein Programm, welches Theater und Musik betrifft. Doch ferner, werden auch Schauspieler, Regisseure sowie Musiker zur Diskussion und Bühnenperformance eingeladen. Edgar Langer legte im Interview viel Wert darauf, mir einige bekannte Namen zu nennen. Zu Gast waren u.a. Wim Wenders, Yaniss Lespert, Barbara Dennerlein, Lutz Görner, Lousiana Red und Joachim Kühn. Die beiden Besitzer hatten für diese Veranstaltungen eine Programmidee: Hierbei begibt sich das Publikum in die Hände der Gäste. Diese haben zuvor ihre Lieblingsfilme mitgeteilt, welche dann im Anschluss der Diskussion gespielt werden. Das Programm „Artist View“ war entstanden. Im Jahr sind circa 20 Menschen zu Gast. Seit Beginn des Programms sei es schon vorgekommen, dass mehr als die Hälfte des Publikums den Saal verließ, da es den Film nicht mochte.

Überdies erhielt das Kino Traumstern seit seiner Eröffnung mehrere Preise und Auszeichnungen. Edgar Langer ist darauf sehr stolz. Im Jahr 2015 erhielt das Kino beispielsweise den Bundeskinopreis für das beste Filmprogramm, das beste Kinder- und Jugendfilmprogramm, den besten Dokumentarfilm und für das beste Kurzfilmprogramm. 2016 erhielt das Kino den Kinokulturpreis des Landes Hessen.

Infrastruktur

Seit der Eröffnung 1920 hat sich der Standort des Kinos nichts verändert. Somit ist es durch den Standort in der Hauptdurchgangsstraße Gießener Straße sehr gut platziert. Von der Autobahn A5, von den Städten Gießen, Grünberg, Butzbach und den umliegenden Gemeinden Pohlheim, Buseck, Fernwald, Hungen, ist das Kino direkt und schnell zu erreichen. Mehrere kostenlose Parkplätze befinden sich direkt vor der Haustür. Der angrenzende Einkaufsmarkt bietet weitere Parkplätze. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Kino leider schwerer zu erreichen. Lich besitzt einen Bahnhof und mehrere Buslinien, die aber nur bis maximal 21 Uhr und nur nach Gießen und nicht in die umliegenden Gemeinden fahren.

Am Gebäude hat sich wenig verändert seit der Übernahme. „Wir haben bis heute immer nur das angepasst, was dringend repariert werden musste. Wir wollen den Charme von damals nicht verlieren.“, erzählt mir Langer stolz. So fühlt man sich tatsächlich in die 70-er oder 80-er Jahre zurückversetzt, wenn man beispielsweise die alte manuelle Kasse sieht.

Auf den Regalen lassen sich Überbleibsel aus früheren Zeiten finden. So auch einen alten Filmprojektor.

Lediglich die Bestuhlung wird regelmäßig erneuert. Bei der aktuellen Bestuhlung handelt es sich um die Dritte. Doch auch dabei wird auf einen charmant antiken Stil geachtet. Aktuell besitzt das Kino 192 Sitzplätze im großen Kinosaal, in der Gaststätte gibt es eine kleine Bühne mit rund 80 Sitzplätzen. Des Weiteren wurde im Zuge der Übernahme eine Bühne hinzugefügt.

Wer zum ersten Mal das Kino betritt, dem wird vermutlich die fehlende Popcornmaschine auffallen. Noch nie habe es hier Popcorn gegeben und dadurch verliere man viele Kunden, so Langer im Interview. Es gibt aber verschiedene Fairtrade Schokoladen, kleinere Süßigkeiten, und Salziges wie z.B. Erdnüsse und Chips. Das, was am meisten verkauft wird, sei Wasser, Erdnüsse und mal ein Bier. Auf die Frage, ob es denn noch „die berühmte Eispause“ gäbe, schmunzelt er. Es kann selbstverständlich noch Eis gekauft werden, doch nur früher sei man mit dem Bauchladen durch das Publikum gelaufen.

[...]


[1] Interview von D. Scharf mit Edgar Langer am 8. August 2017

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

Excerpt out of 12 pages

Details

Title
Kino "Traumstern". Das provinzielle Kino mit 97-jähriger Geschichte
College
University of Weimar
Grade
1,0
Author
Year
2017
Pages
12
Catalog Number
V431020
ISBN (eBook)
9783668765641
ISBN (Book)
9783668765658
File size
490 KB
Language
German
Tags
Kino, Hessen, Gießen, Lich, Geschichte, Traumstern, Statt Gießen, August Hisgen, Edgar Langer, Kinosaal, provinziell, alte Turnhalle
Quote paper
Daniela Scharf (Author), 2017, Kino "Traumstern". Das provinzielle Kino mit 97-jähriger Geschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431020

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