„If we understand others’ languages, but not their cultures,
we can make fluent fools of ourselves.”
W.B. Gudykunst
Ungefähr 50001 gesprochene Sprachen gibt es laut Dixon derzeit auf der Welt, die meisten von ihnen sind vom Aussterben bedroht: „ ...at least three-quarters (some people say 90% or more) will have ceased to be spoken by the year 2100“. Eine erschreckende Aussage, die Anlaß zur Frage nach den Ursachen für die Bedrohung und, schließlich, den Verlust von Sprachen gibt.
Die Gründe, die zum Untergang von Sprachen führen, sind vielschichtig. Oft greifen mehrere Faktoren ineinander. Am deutlichsten treten diese zutage, wenn man die neuere Geschichte betrachtet, die Dixon im 15. Jahrhundert ansetzt, als die Kolonisation der Europäer über den Rest der Welt begann. Die „weiße Rasse“ schuf politische Überlegenheit und zwang den Völkern, die sie beherrschte, ihre Sprachen auf. Diese Situation hielt bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an und änderte, trotz der Machtergreifung der einheimischen Völker, bzw. der freiwilligen Rückgabe durch die Kolonialmächte, an der Tatsache wenig bis nichts, daß gewissermaßen eine sprachliche Wüstenlandschaft das Ergebnis war.
Was Dixon zufolge geschehen war, war der Eingriff in das linguistische Gleichgewicht, das zuvor an vielen Orten der Welt noch existierte und nun zerstört war: selbst nach dem Beginn der politischen Unabhängigkeit blieben die ‚Weißen’ den indigenen Völkern gegenüber zahlenmäßig überlegen und hielten auch weiterhin an ihrer Kultur und Sprache fest. Somit bleiben die Einheimischen weiterhin Angehörige unterprivilegierter Minderheiten in Ländern mit europäischem Charakter. Viele ihrer Sprachen sind bereits tot, andere sterben gerade und beinahe der gesamte Rest kann als moribund angesehen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Verschwinden einer Bevölkerung
2. Gewaltsamer Verlust von Sprache
3. Der freiwillige Sprachwechsel
4. Der unfreiwillige Sprachwechsel
5. Die physischen Ursachen
6. Die ökonomischen und sozialen Ursachen
7. Die politischen Ursachen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die vielschichtigen Ursachen für das Aussterben von Sprachen und analysiert den Prozess des Sprachverlustes sowohl auf theoretischer Ebene als auch anhand des konkreten Falls der Sprache Manx auf der Isle of Man.
- Ursachen für Sprachbedrohung und Sprachtod nach R.M.W. Dixon und Claude Hagège
- Linguistische und sozioökonomische Faktoren des Sprachwandels
- Die Geschichte und das Aussterben der Sprache Manx
- Rolle der Kolonisation und politischen Einflussnahme
- Möglichkeiten und Grenzen der Sprachrevitalisierung
Auszug aus dem Buch
2. Gewaltsamer Verlust von Sprache
Sprachen sterben auch deshalb aus, weil die dominante Gruppe eines Landes schlicht verbietet, sie zu sprechen oder die Dinge so arrangiert, daß kein Kontakt zwischen Sprechern der gleichen Sprache zustande kommen kann. Hier dient einmal mehr Australien als Beispiel, weil es eines der Hauptforschungsgebiete Dixons ist: Die Überlebenden eines Stammes, die nicht aufgrund von Krankheiten oder Massakern zugrunde gegangen waren, wurden durch die Behörden auseinandergerissen dergestalt, daß sie in unterschiedliche Gesandtschaften und Regierungsbereiche geschickt wurden. Da ihnen dort kaum jemand geblieben war, der ihre Sprache verstand, mußte zwangläufig Englisch gesprochen werden. Verbreitete Praxis war es, Kinder von ihren Eltern zu trennen, in geschlossenen Wohnheimen unterzubringen und sie zu bestrafen, sobald sie begannen, ihre Muttersprache zu gebrauchen.
Der forcierte Sprachverlust gilt laut Dixon als einer der Hauptfaktoren des Sprachtodes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Verschwinden einer Bevölkerung: Dieses Kapitel erörtert, wie physische Auslöschung durch Genozide, Krankheiten oder systematische Versklavung ganze Sprachgemeinschaften zum Verschwinden bringen kann.
2. Gewaltsamer Verlust von Sprache: Hier wird beleuchtet, wie staatliche Repression, die räumliche Trennung von Sprechern und erzwungene Assimilation in Heimen aktiv zum Aussterben von Sprachen führen.
3. Der freiwillige Sprachwechsel: Das Kapitel beschreibt, wie bilingual geprägte Sprecher aus sozioökonomischen Erwägungen oder zur Verbesserung der Zukunftschancen ihrer Kinder aktiv den Wechsel zur Prestigesprache vollziehen.
4. Der unfreiwillige Sprachwechsel: Es wird analysiert, wie in modernen, ungleichen Gesellschaften die funktionale Aufteilung von Sprachen im öffentlichen und privaten Raum Minderheitensprachen schleichend verdrängt.
5. Die physischen Ursachen: Claude Hagège unterteilt die Ursachen für Sprachtod in drei Gruppen, wobei dieses Kapitel Naturkatastrophen, Kriege und radikale soziokulturelle Veränderungen in den Fokus rückt.
6. Die ökonomischen und sozialen Ursachen: Dieses Kapitel zeigt auf, wie wirtschaftlicher Druck, Industrialisierung und der Status einer Sprache als Träger des Fortschritts zur Marginalisierung von Regionalsprachen beitragen.
7. Die politischen Ursachen: Den Abschluss bildet die Betrachtung zentralistischer Politik und gezielten Linguizids, illustriert am historischen Beispiel des Manx-Gälischen.
Schlüsselwörter
Sprachtod, Sprachverlust, Sprachbedrohung, Manx, Linguizid, Kolonialismus, Bilingualismus, Lingua franca, Sprachrevitalisierung, Assimilation, Sozioökonomie, Minderheitensprachen, Sprachwandel, ethnische Identität, Prestigesprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen globalen Ursachen, die zum Aussterben von Sprachen führen, und vertieft diese Analyse anhand des Falls der Sprache Manx.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Sprachkontakt, die Auswirkungen von Kolonialismus und politischer Unterdrückung sowie die sozioökonomischen Motive für einen Sprachwechsel.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die vielschichtigen Gründe für Sprachbedrohung und Sprachtod zu kategorisieren und zu verstehen, wie wirtschaftliche und politische Faktoren den Untergang einer spezifischen Sprache wie Manx beschleunigt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse bedeutender Sprachwissenschaftler wie R.M.W. Dixon und Claude Hagège, die auf den konkreten Fall der Insel Man angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Ursachen von Sprachtod (physisch, ökonomisch, politisch) und eine historische Fallstudie zur Entwicklung des Manx-Gälischen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben Sprachtod und Sprachverlust vor allem Linguizid, Kolonialismus sowie das Konzept der Sprachrevitalisierung.
Warum spielt der Schmuggel eine Rolle für die Sprache Manx?
Der Schmuggel auf der Insel Man führte zu einem regen Handel mit Großbritannien, was die Notwendigkeit und den Gebrauch der englischen Sprache im Alltag und im Finanzsektor drastisch erhöhte.
Ist eine Sprache nach ihrem Aussterben wiederbelebbar?
Laut der Arbeit ist dies kaum möglich; Revitalisierungsversuche können den Prozess zwar verlangsamen, aber ein „totgeglaubtes“ System, das nicht mehr als Muttersprache fungiert, lässt sich selten vollständig reaktivieren.
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- Silke Hübner (Author), 2005, Die Ursachen für Sprachtod und Sprachbedrohung im allgemeinen und der 'Todesfall' Manx im besonderen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43151