Netzwerke und kooperatives Handeln in der Wissenschaft

Bibliometrische Untersuchungen von Kooperationsstrukturen in der Soziologie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

28 Seiten, Note: 1,3 (sehr gut)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Grundlegende Erklärungsansätze Netzwerke
2.1 Der Netzwerkbegriff
2.2 Historischer Abriss der Netzwerkforschung
2.3 Netzwerk-Struktur

3. Kooperatives Handeln im Wissenschaftssystem
3.1 Einflussgrößen
3.2 Struktureffekte kooperativen Handelns
3.3 „Invisible Colleges“ und ihre Wirksamkeit
3.3.1 „Strong ties“ und „weak ties“
3.3.2 Element der Steuerung: „Sinn“
3.3.3 Die Rolle des „zentralen Vermittlers“
3.3.4 „Networking“ und sein Einfluss auf die langfristige Plazierung

4. Entwicklung kooperativen Handelns in der Soziologie
4.1. Historische Rahmenbedingungen
4.2. Bibliometrische Analyse
4.2.1. Empirische Forschung und sein Stellenwert
4.2.2. Entwicklungen der Indikatoren und Schlussfolgerungen

5. Kooperationsstrukturen in der Soziologie
5.1 Datenbasis und Untersuchungsmethode
5.2 Kooperation der Projekt-Generation

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Kooperatives Handeln in der Wissenschaft war noch nie so ausgeprägt wie heute. Waren es früher herausragende Einzelwissenschaftler, die das Schaffen einer Disziplin vorantrieben, so sind heute eher Forschergruppen dafür verantwortlich. Kooperationen stellt eine besondere Form sozialer Beziehungen dar.

In diesem Beitrag soll daher zunächst der Frage nachgegangen werden, welches die grundlegenden Merkmale sozialer Netzwerke sind (Abschnitt 1). Insoweit diese Frage geklärt ist, ist weiter zu fragen, welches die Struktureffekte kooperativen Handelns in der Wissenschaft sind (Abschnitt 2). Als solche Effekte werden die Entstehung von „Schulen“ und in einer späteren Phase der Entwicklung einer Disziplin von „Invisible Colleges“ betrachtet.

Der zweite große Teil der vorliegenden Arbeit setzt sich mit der historischen Entwicklung kooperativen Handelns in der Soziologie auseinander. Dabei werden auf die historischen Rahmenbedingungen und auf die langfristigen Entwicklungen kooperativen Handelns in der deutschen und amerikanischen Soziologie eingegangen (Abschnitt 3 und 4). Dieser Teil der Arbeit stützt sich dabei im wesentlichen auf die Untersuchungen von Jürgen Güdler, der im Rahmen einer Dissertationsarbeit die Kooperation in der Soziologie empirisch untersuchte. Abschließend stellen wir die Ergebnisse Güdlers bei der Untersuchung der „Projektgeneration“ vor. Diese kooperationsorientierte Forschergeneration begann in den späten 70er und frühen 80er Jahren ihre wissenschaftliche Laufbahn und prägte das Bild der deutschen Soziologie maßgeblich.

2. Grundlegende Erklärungsansätze Netzwerke

2.1 Der Netzwerkbegriff

Im sozialwissenschaftlichen Sinne bedeutet der Begriff Netzwerk die Einbindung des einzelnen Menschen in die ihn umgebende soziale Umwelt. Behörden, Arbeitskollegen, Freundeskreis, Nachbarschaft, Partnerschaft, Familie usw. kennzeichnen eine räumliche, soziale und funktionale Verbindung zwischen den Menschen. In ihrer Gesamtheit bilden diese sozialen Verbindungen ein komplexes Gefüge einer Vielzahl miteinander verknüpfter Personen, Organisationen und Orten - ein Netz. Die subjektiven Verbindungen zu Arbeitskollegen, Nachbarschaft, Organisationen usw. bestimmen das individuelle Netzwerk. Wenn die Kontakte zu einzelnen Personen aktiviert, vertieft und intensiviert werden, gelangt dieser Aufbau zum Sozialen Netzwerk. Daraus erwachsen soziale Beziehungen, die das eigene Denken und Verhalten teilweise auf die Erwartungen und das Verhalten der anderen Personen ausrichten (Vgl. Pfennig 1996, S.1). Soziale Netzwerke bezeichnen somit die spezifischen Muster alltäglicher sozialer Beziehungen, die auch in wissenschaftlichen Kooperation eine entscheidende Rolle spielen. Kommunikation und Kooperation bilden, im Zuge der Arbeitsteilung, die Grundlage für eine solche Solidarität. Personen sind durch die Teilung der Arbeit gezwungen, über Arbeitsabläufe zu kommunizieren und die Aufgabenteilung zu organisieren.

Eine Darstellung solcher Netzwerkes eröffnet die Möglichkeit, komplexe gesellschaftliche Strukturen zu verdeutlichen und Vergesellschaftungsformen zu untersuchen und zu beschreiben.

2.2 Historischer Abriss der Netzwerkforschung

Erste Überlegungen zum Begriff „Netzwerk“ fanden bereits in der formalen Soziologie Georg Simmels (1908) statt. Die Formen der Vergesellschaftung standen bei ihm im Vordergrund. Das heißt: Jeder Mensch individualisiert sich nach dem jeweiligen Geflecht von Beziehungen, in dem er eingebunden ist und handelt entsprechend. Diese Wechselwirkungen zwischen Menschen bestimmen die unterschiedlichen gesellschaftlichen Formen ebenso wie die Gesellschaft als Ganzes. Die moderne arbeitsteilige Gesellschaft wird mehr durch berufliche und interessengeleitete Beziehungen gekennzeichnet als durch herkunfts- und verwandtschaftsgeleitete (traditionelle) Beziehungen (Vgl. Hillmann 1994, S.605 u. 780). Dem einzelnen wird zunehmend ermöglicht, sich in verschiedenen sozialen Kreisen zu bewegen. Dies nennt man auch Kreuzung sozialer Kreise. Dadurch bedingt eröffnen sich dem einzelnen Chancen größerer individueller Entfaltung (Vgl. Bullinger 1998 S. 27).

Der Begriff Netzwerk sozialer Beziehungen wurde erstmals 1940 von dem Ethnosoziologen Alfred Reginald Radcliffe-Brown verwendet. Er zählt zu den Begründern des (Struktur) Funktionalismus. Der Strukturfunktionalismus fokussiert auf die realen sozialen Beziehungen, die verschiedene Menschen miteinander verbinden. Dabei erfasste Radcliffe-Brown alle Beziehungen von Personen zueinander anhand eines Netzwerkes (Vgl. Laireiter 1993, S. 35).

Der damals in der Sozialanthropologie vorherrschende Strukturfunktionalismus war an den Stabilitätsbedingungen sozialer Systeme orientiert. Dies bedeutet, dass das Konzept sozialer Netze in erster Linie Gegenstand von tradierten Normen (Recht, Moral, Religion), Organisationen (Verwaltungen, Betriebe) und Institutionen (Familie) war.

Eine Reihe von Fallstudien in europäischen und außereuropäischen Kulturen bot jedoch die Möglichkeit, den Funktionalismus zu überwinden. Im Gegensatz zur strukturfunktionalistischen Auffassung waren die Sozialanthropologen Clyde Mitchell, John Barnes und Elisabeth Bott der Ansicht, dass die wandelnden und komplexer werdenden Kulturen die Individuen aus den tradierten Normen- und Rollensystem herausdrängen (Vgl. Kardoff 1986, S. 35).

Der Begriff des Sozialen Netzwerks ist 1954 von dem Anthropologen John

Barnes geprägt worden. Er untersuchte die innere soziale Struktur einer norwegischen Fischerinsel zur Erklärung sozialer Differenzierungen von zwischenmenschlichen Beziehungen. Anhand eines Fischernetzes symbolisierte er die verschiedenen Beziehungen, in denen die Menschen eingebunden sind. Menschen werden mit Knoten gleichgesetzt, von denen Verbindungsbänder zu anderen Menschen (die wiederum als Knoten dargestellt werden) laufen. Das sich auf diese Weise ergebende Fischernetz als Metapher zeigt eine Vielzahl von Knoten, von denen jeder mit allen anderen direkt oder indirekt verbunden ist (Vgl. Keupp 1987, S. 12).

Barnes stellte fest, dass sich die Beziehungen der Bewohner nicht nur auf die

Insel bezogen, sondern auch auf andere Inseln und auf das Festland. Die einzelnen Personen waren ganz unterschiedlich miteinander verknüpft, so dass manche Beziehungen sehr intensiv, andere eher indirekt und schwach waren. Die sogenannten schwachen Verbindungen sind für uns Menschen aber nicht bedeutungslos. Denn gerade die indirekten Beziehungen bieten Zugang zu Ressourcen und Informationen, die außerhalb des engeren Kreises einer Person liegen. Bei der Suche nach Hilfe und Unterstützung ermöglichen sie die Erschließung eines umfangreichen Beziehungsnetzes und eröffnen größere Handlungsspielräume (Vgl. Schenk 1995, S. 14).

Neben formalen Interaktionen (durch Normen, Organisationen und Institutionen vorgezeichnet) stieß Barnes in dieser Studie auf ein Netzwerk persönlicher Beziehungen zwischen Freunden, Verwandten und Bekannten, das außerhalb eines territorialen und industriellen Systems verlief. Auf diese Weise gliederte er das soziale System in das territoriale System, das Industriesystem und in das Netzwerk der Freundschaft.

Inzwischen erfährt die Erforschung Sozialer Netzwerke in den Sozialwissenschaften Hochkonjunktur. Das leicht verständliche Bild Sozialer Netzwerke eignet sich zur besseren Übersicht komplexer Zusammenhänge. Auch andere Wissenschaften wie die Kommunikationswissenschaft, Anthropologie, Sozialmedizin und Psychologie befassen sich mit dieser bildhaften Darstellungsmöglichkeit alltäglicher sozialer Beziehungen (Vgl. Keupp 1987, S. 11).

2.3 Netzwerk-Struktur

In der Netzwerkforschung hat zunächst die Frage nach der Struktur die größte Aufmerksamkeit gefunden, da sie für die Anhänger mathematisch-statistischer Auswertungsverfahren eine Reihe von hochspezialisierten Verrechnungsmöglichkeiten bietet. Die Struktur eines Netzwerkes ergibt sich aus Fragen nach der Beziehung, die Personen in einem persönlichen Netzwerk untereinander haben, sowie nach der Verbindung zwischen einzelnen Sektoren. Wichtig für die strukturelle Netzwerkanalyse sind folgende Begriffe (Keupp 1987, 26f):

Erreichbarkeit Art und Anzahl der Verbindungskanäle zwischen Personen in einem komplexen Beziehungsnetz

Reichweite Soziale Zusammensetzung der Netzwerkmitglieder

(Homogenität versus Heterogenität)

Netzwerkgröße Anzahl der Netzwerkmitglieder

Dichte Verhältnis zwischen vorhandenen und möglichen

Beziehungen

Stabilität Konstanz des Netzwerks im Zeitablauf

Offenheit Verbindungen zu anderen Netzwerken

Hierarchien Hierarchieebenen, die das Netzwerk mit einschließt

Berufe Berufsgruppen im Netzwerk

Cluster, Cliquen Dichtere Regionen, die das Netzwerk enthält

Zentralität Ist das Netzwerk zentralisiert (Radialstruktur) oder

dezentralisiert (Vollstruktur)?

Wird ein Netzwerk von einer bestimmten Person aus beschrieben, wird diese Person "Verankerungsperson" genannt. Bei diesen egozentrierten Netzwerk werden Aussagen über eine soziale Einheit (ein Individuum oder eine Einrichtung) angestrebt. Es umfasst alle Beziehungen, die eine Person, Gruppe oder Einrichtung mit anderen unterhält. (Vgl. Schenk 1995, S. 14f.)

Die Dichte bezeichnet, wie viele aller möglichen Personen tatsächlich Kontakt zueinander haben. Das Netz ist engmaschig, wenn alle im Netzwerk sich kennen und grobmaschig, wenn nur die Verankerungsperson in Beziehung zu allen anderen steht, diese Personen sich jedoch nicht untereinander kennen.

Das Netzwerk ist des weiteren abhängig von Ort und Zeit, d.h. wie schnell ein Netzwerk mobilisiert werden kann. Dies bedeutet, auch der Frage nachzugehen, wie lange denn das Netzwerk bereits existiert, wie häufig die Personen Kontakt untereinander haben und wie viel Zeit sie für diesen Kontakt verwenden. Des weiteren muss geklärt werden, wie diese Netzwerkrelationen zustande gekommen sind - von der Verankerungsperson aktiv herbeigeführt oder durch eine gewisse Zugehörigkeit entstanden? All diese strukturellen Merkmale sagen etwas über die zu erwartende Widerstandskraft des Netzwerks gegenüber Veränderungen im Leben der Verankerungsperson aus.

[...]

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Details

Titel
Netzwerke und kooperatives Handeln in der Wissenschaft
Untertitel
Bibliometrische Untersuchungen von Kooperationsstrukturen in der Soziologie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Soziologie)
Note
1,3 (sehr gut)
Autoren
Jahr
2003
Seiten
28
Katalognummer
V43163
ISBN (eBook)
9783638410311
ISBN (Buch)
9783638657020
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Netzwerke, Handeln, Wissenschaft
Arbeit zitieren
Marc Haufe (Autor)Jens Petschulat (Autor), 2003, Netzwerke und kooperatives Handeln in der Wissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43163

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