Moralische Urteile in der sonderpädagogischen Praxis auf Grundlage des Moralverständnisses Kohlbergs


Hausarbeit, 2018

28 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Moralentwicklung nach Durkheim und Piaget

2. Moralverständnis nach Kohlberg
2.1 Kohlbergs Definition von Moral – Das moralische Urteilen
2.2 Die Dilemma-Methode
2.3 Das Stufenmodell Kohlbergs

3. Kohlbergs Modell in der sonderpädagogischen Praxis

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

"Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Bibel, Matthäus 7,12a)

Bereits in der Bibel wird die in der alltäglichen Lebensführung bekannte Goldene Regel als Leitlinie für das menschliche Tun und Handeln definiert. Dieser Grundsatz, der die Menschen zum moralischen Handeln auffordern soll, ist in unserem Sprachgebrauch in Reimform bekannt: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andren zu.“ oder auch als das Sprichwort: „Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest.“ Doch was bedeutet es moralisch zu handeln? Im alltäglichen Sprachgebrauch kommt diese Formulierung oft zum Einsatz. Dennoch fällt es nicht leicht, eine allgemeingültige Definition für „Moral“ oder „moralisches Handeln“ zu finden. Der Duden definiert die Moral als „Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen, Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden“ (vgl. „Moral“ auf Duden online). Als Beispiel für derartige Richtlinien sind die in der Bibel im 2. Buch Mose (Exodus) und im 5. Buch Mose (Deuteronomium) festgeschriebene zehn Worte Gottes zu nennen. Diese Gebote prägten vor allem die Kulturgeschichte der westlichen Welt. In diesem Zusammenhang seien auch die für diese Arbeit unausweichlichen Begriffe „Normen“ und „Werte“ definiert. Normen geben uns in Form von Gesetzen, Verfassungen oder Verordnungen vor, welche Verhaltensweisen verboten oder geboten sind. Solche Richtlinien des Handelns werden innerhalb von Gesellschaften von oder für soziale Gruppen konzipiert. Sie sind also Regeln nach denen wir uns richten. Dabei ist zwischen verbindlichen Gesetzesnormen, die bei nicht Einhaltung gesetzlich eingeklagt werden können (Beispiel: Stehlen, Töten, Bei Rot über die Straße gehen) oder eher unverbindlicheren gesellschaftlichen Normen, also solche für deren Missachtung keine gesetzliche Strafe erfolgt, (Beispiel: im Bus für ältere Menschen Platz machen) zu unterscheiden (Eisenmann 2006, S.182). Anders als bei Rechtsnormen, versteht man unter sozialen bzw. sittlichen Normen, diejenigen, welche nicht „erzwingbar“ sind, sondern vielmehr meint es, dass die Handlungsmaximen und Regeln von der Allgemeinheit akzeptiert werden und auch ohne Rechtsgrundlage eine gewisse Gültigkeit haben und daher auch von der Allgemeinheit der Menschen vertreten werden (Eisenmann 2006, S.200). Normen sind verknüpft mit Wertvorstellungen und werden motiviert durch grundlegende Werte. Werte benennen Ziele, Zwecke und Einstellungen des Menschen, für die sich lohnt zu leben. Jeder Mensch hat Werte, die einem unterschiedlich wichtig sind. Sie sagen aus, was man achtet und hochschätzt, wie beispielsweise Gerechtigkeit, Freiheit oder Menschenwürde (Eisenmann 2006, S.155). Immer wieder kommt es zu Werte- und Normenkonflikten, die dazu führen, dass gewisse Normen und Werte über andere positioniert werden. Jeder Mensch hat eine individuelle Rangordnung. Menschen müssen dann Entscheidungen darüber treffen, welche Werte und welche Normen Vorrang vor anderen haben. Hier orientiert man sich an Prinzipien, wie etwa dem Prinzip der Menschenwürde. Schwierig wird es dann, wenn Menschen vor Dilemmata stehen, in denen zwischen zwei moralisch gleichwertigen Prinzipien abgewogen werden muss. Kann beispielsweise eine Mutter von siamesischen Zwillingen darüber entscheiden, ob das schwächere der Kinder stirbt, sodass das Geschwisterkind die Trennungsoperation überlebt? Hier müsste Menschenleben gegen Menschenleben abgewogen werden. Vor einer solchen gottgleichen Position möchte wohl kaum ein Mensch stehen. Dennoch kommt es im Leben immer wieder dazu, dass wir in derartige Dilemmata geraten und uns entscheiden müssen.

Auch in der (sonder-)pädagogischen Arbeit treffen wir immer wieder auf Menschen, die moralische Konflikte führen oder moralische Entscheidungen treffen müssen, da verschiedene Werte und Normen aufeinander treffen und miteinander korrelieren. Dabei sehen sich die Betroffenen oft auch vor unausweichlichen Dilemmata. Bedeutend ist hier, wie die Betroffenen damit umgehen. Der Umgang ist abhängig von der individuellen moralischen Entwicklung des Einzelnen. Um diese moralische Entwicklung der Menschen zu analysieren hat Kohlberg ein Stufenmodell entwickelt, welches eine Einteilung in drei Stufen ermöglicht (Kohlberg 2014).

In der vorliegenden Arbeit soll nun die Thematik um Moralische Urteile in der sonderpädagogischen Praxis auf Grundlage des Moralverständnissen Kohlbergs auf wissenschaftlicher Grundlage behandelt werden. Dabei wird der Frage nachgegangen inwiefern das Konzept Kohlbergs auf die Sonderpädagogik angewendet werden kann.

1. Moralentwicklung nach Durkheim und Piaget

Hinsichtlich der Erforschung von Moral sind drei theoretische Ansätze zu nennen, die maßgebend für die Sozialpsychologie waren. Dies wären Freuds psychoanalytische Position, Hartshornes und Mays Erkenntnisse vom sozialen Lernen und Piagets kognitive Entwicklungstheorie, welche von Lawrence Kohlberg weiter geführt wurde (Kuhmerker/Gielen/Hayes1996, S.31). Während sich die psychoanalytische Sichtweise Freuds auf die moralischen Gefühle wie etwa Schuld fokussiert, geht es beim lerntheoretischen Ansatz von Hartshorne und May um gelerntes Verhalten. Die kognitive Entwicklungstheorie Piagets und Kohlbergs hingegen hat ihr Augenmerk auf der Struktur des Denkens (Kuhmerker/Gielen/Hayes1996, S.31).

Um Kohlbergs Auffassung vom Moralverständnis näher zu erläutern bedarf es zunächst einer Darlegung zu zwei bedeutenden Vorgängern – David Emil Durkheim (1858 – 1917) und Jean Piaget (1896 - 1980). Ziel dieses Kapitels ist es, Durkheims und Piagets Auffassung von Moral und damit auch die Meilensteine für Kohlbergs spätere Arbeiten zu skizzieren.

Piagets Denken und Arbeiten waren gewiss geprägt von David Emil Durkheim. Durkheim ist eine entscheidende Persönlichkeit für die Disziplin der Moralwissenschaft. Denn mit seinen Analysen über die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten hundert Jahre hatte Durkheim wichtige Ergebnisse für das Verständnis von Moral und Moralentwicklung erzielt. Seine Vorstellung über Moralerziehung basierte auf der institutionalisierten Moralerziehung in Frankreich, nach welcher die Moralerziehung beim Kind eine vernunftgemäße und damit eine von Religion und religiösen Sitten losgelöste Erziehung sein sollte (Garz 2008 S. 55). Grundlage aller moralischen Handlungen liege nach Durkheim auf bereits existierenden Regeln. Der Mensch habe zwar die Möglichkeit von diesen Regeln und Gesetzen abzuweichen, dennoch ist Durkheim der Überzeugung, dass die moralischen Handlungen hauptsächlich unter erheblichem Einfluss von Regeln, die von der Gesellschaft aufgestellt wurden, geschehen (Garz 2008, S. 56). Moralisch zu handeln heißt für Durkheim gehorsam zu sein und sich den gesellschaftlichen Regeln zu unterwerfen und nicht etwa rational zu kalkulieren, ob eine Handlung in Einzelfällen Vor- oder Nachteile bringe (Kohlberg 2014, S. 19). Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass sobald sich Menschen regelwidrig verhalten, sie laut Durkheim unmoralisch handeln. Die Regeln und Gesetze legen dieser Auffassung nach fest, wie sich Menschen zu verhalten haben (Garz 2008, S. 56). Das heißt, dass es Durkheim darum ging, die Menschen zu disziplinieren, was wiederum Gehorsam gegenüber Autoritäten voraussetzte. Nun stellt sich die Frage, ob denn ein Mensch, der nach freiem Willen, nach persönlichen Zielen und gegen die Ziele der Gesellschaft, moralisch handeln kann. Folgt man Durkheim so ist dies nicht der Fall. Nach ihm sind einzig die kollektiven Ziele auch moralische Ziele (Garz 2008, S. 57). Die Wurzel moralischer Regeln ist demnach nicht im Individuum, sondern im „Gruppengeist“ zu suchen (Kohlberg 2014, S.19). In diesem Zusammenhang stellt sich ebenfalls die Frage, was Durkheim unter Gesellschaft versteht. Hier unternimmt er eine hierarchische Ordnung. Familie, Vaterland oder die Menschheit als solche, dies kann jeweils als Gesellschaft bezeichnet werden. Für Durkheim sind die Werte jedoch nicht gleichrangig. Vielmehr stehen die Werte des Vaterlandes über denen der Familie und die der Menschheit wiederum über denen des Vaterlandes (Garz 2008, S. 58). Demnach wird ersichtlich, dass Durkheim zu einem moralischen Handeln nach gesellschaftlichen Regeln, Normen und Gesetzen aufruft. Dennoch schreibt er dem Individuum „die Autonomie des Willens“ zu (Garz 2008, S. 58). Diese Autonomie jedoch hat sich den Grenzen der Gesellschaft zu fügen. In Bezug auf die Frage nach moralischem Handeln sind für Durkheim also der Geist der Disziplin, der Anschluss an die Gruppe und die Autonomie entscheidend. Dieser Grundgedanke wird auch von Piaget aufgenommen und weiter gesponnen.

Dass Piagets Verständnis über Moral auf den Gedanken Durkheims basieren, beweist seine Definition über Moral:

„Jede Moral ist ein System von Regeln, und der Kern jeder Sittlichkeit besteht in der Achtung welche das Individuum für diese Regeln empfindet“ (Piaget 1983 zit. nach Garz 2008, S. 60)

Deutlich wird hier, dass auch für Piaget moralisches Handeln und das Einhalten von Regeln in sehr engem Bezug zueinander stehen. Er misst die Moral vor allem an Regeln, welche von Kindern selbst aufgestellt werden. Dieses Regelspiel analysiert Piaget vor allem unter Berücksichtigung vom „Praktizieren der Regeln“ und vom „Bewusstsein der Regeln“ (Garz 2008, S. 60).

Laut Piaget befindet sich das Kind zunächst auf einer amoralischen Stufe. Erst im Laufe seines Lebens begibt er sich auf eine Stufe, in der er die Regel als heilig und unverletzlich ansieht (Kohlberg 2014, S. 21). Dies bezeichnet Piaget als moralischen Realismus (Garz 2008, S.73). Zunächst erfolgt das rein motorische und individuelle Stadium bis zum zweiten Lebensjahr. Dem Kind geht es hier lediglich darum, nach seinen eigenen Vorstellungen vom Spiel zu handeln. Das Spiel ist noch völlig frei von Regeln und daher für die Beantwortung der Frage nach moralischer Regelpraxis eher weniger von Bedeutung (Garz 2008, S.61f.). Auch im zweiten, dem egozentrischem Stadium kann man noch nicht von einer Festlegung der Regeln sprechen (Garz 2008, S.61f.). Das Kind (2-5 Jahre) erhält zwar von außen festgelegte Regeln und ahmt sie zum Teil auch nach, doch immer noch spielt es eher für sich alleine als das man von einem Zusammenspiel sprechen kann. Das Kind orientiert sich hier zwar an der Spielart der älteren Kinder, folgt aber trotzdem auch noch seinen eigenen Vorstellungen bezüglich der Spielregel (Garz 2008, S.61ff.). Im Alter von sieben bis neun Jahren folgt das Stadium der beginnenden Zusammenarbeit. Da nun die Kinder in einen Konkurrenzkampf treten und versuchen den Gegenspieler zu besiegen, wird auch die Vereinheitlichung von Regeln sehr wichtig. Doch es fällt auf, dass die Kinder auf Nachfrage hin noch gegenteilige Antworten bezüglich der Regeln geben. Ab dem elften bis zwölften Lebensjahr ändert sich dies und die Kinder geben übereinstimmende Antworten hinsichtlich der Spielregeln. Dieses Stadium nennt Piaget „ Kodifizierung der Regeln “ (Garz 2008, S.61ff.). Wichtig ist hierbei, dass die Regeln einem jeden Mitspieler genau bekannt sind.

Nun hat sich ein Regelinteresse beim Kind entwickelt. Der soziale Umgang wird ab diesem Stadium von den Regeln bestimmt. Die Kinder spielen nun Miteinander und nicht Nebeneinander und zeigen Interesse an der Regelfindung, der Regelfestlegung und vor allem auch der Regelverteidigung. Das Kind entwickelt laut Piaget immer mehr ein Regelbewusstsein, wobei die Regel immer mehr zu etwas Heiligem und Unantastbarem wird. Die Regeln werden nicht geändert. Erst wenn alle Spielmitglieder die Möglichkeit haben einer Regeländerung zuzustimmen kann eine solche vorgenommen werden (Garz 2008, S.66). Damit hat das Kind das Regelbewusstsein des Erwachsenen erreicht. Die Regel ist „als freier Beschluss der Individuen selbst“ zu betrachten (Garz 2008, S.66).

Das heißt, dass das Kind eine Transformation durchlebt. Zunächst geht es dem Kind noch eher weniger um die Regeln der Gruppe, sondern eher um die Regeln und Gesetze, die von einzelnen Autoritäten aufgestellt wurden, wie beispielsweise den Eltern. Die Kinder sehen die Regeln als etwas Festgeschriebenes und Unveränderliches an (Kohlberg 2014, S.22). Die Regel ist für das Kind etwas Heiliges und Absolutes. Als Grund hierfür sieht Piaget die Tatsache, dass das Kind nicht in der Lage ist „zwischen subjektiven und objektiven Aspekten seiner Erfahrung zu unterscheiden“ (Kohlberg 2014, S.22). Auch sei das Kind noch unfähig zu erkennen, dass seine Sichtweise nicht die einzig richtige ist und sich die Sichtweise anderer von seiner eigenen unterscheiden können (Kohlberg 2014, S.22). Vom Erwachsenen hat das Kind das Bild von Vervollkommnung – es schreibt dem Erwachsenen keine Fehler zu, sondern sieht sein Gesagte als das Wahre und Absolute an.

Doch das Kind durchlebt im späteren Verlauf eine Transformation dieses Denkens und ist dann an einen Punkt angelangt, an dem es Moral an seinem „Gerechtigkeitsgefühl“ misst (Kohlberg 2014, S.22). Das Kind hat nun eine eigene Vorstellung von moralischem Handeln und folgt nicht nur den von Erwachsenen vorgegebenen Regeln, die es meist nicht einmal versteht, sondern unverstanden hinnimmt. Das Kind hat nun auf Grundlage des Gerechtigkeitsgefühls seine Regeln verinnerlicht, welche nicht von autoritären Personen wie Befehle auferlegt worden sind (Kohlberg 2014, S.22). Diese Entwicklung von einer heteronomen Moral, welche die unbestrittene und kritiklose Hinnahme der von den Autoritäten aufgesetzten Gesetze und Regeln meint, hin zu einer autonomen Moral, geschieht laut Piaget im Alter von acht bis zehn Jahren (Kohlberg 2014, S.23).

Eine derartige Entwicklung könne man – so Piaget – bei allen Kindern unabhängig ihrer Kultur beobachten. Ausnahmen würden Kinder darstellen, die in ihrer Entwicklung durch „ungewöhnliche Zwänge seitens der Erwachsenen oder der Kultur aufgehalten“ wurden (Kohlberg 2014, S.23).

Piaget geht demnach davon aus, dass sich gewisse Alterstrends, ganz unabhängig der Kultur zeigen müssen. In nachfolgenden Untersuchungen wurden drei Trends festgestellt. Ein erster bezieht sich auf die Berücksichtigung von Absichten im Urteil. Dies meint, dass Kinder eine Handlung dann als schlecht oder böse empfinden, sobald diese eine negative Folge mit sich zieht. Ältere Kinder hingegen bewerten diejenigen Handlungen als amoralisch, die mit einer „bösen“ Absicht konnotiert sind.

Bei dem zweiten Trend, der Relativität des Urteils ist es so, dass das kleine Kind davon ausgeht, dass eine Handlung entweder gut oder böse sein kann. Es geht davon aus, dass dies alle anderen auch so einschätzen. Dem älteren Kind hingegen ist es bewusst, dass es unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Urteile geben kann (Kohlberg 2014, S.23).

Der dritte Trend, der laut Piaget auf alle Kinder unabhängig der Kultur angewendet werden kann, ist die Unabhängigkeit von Sanktionen. Das kleine Kind misst moralisches Handeln an Sanktionen. Es sieht eine Handlung dann als böse an, sobald es eine Strafe zur Folge hat. Das ältere Kind hingegen versteht, dass eine Handlung dann böse ist, wenn andere von ihr Schaden tragen (Kohlberg 2014, S. 23f.).

Auch Kohlberg bestätigt Piagets Annahme, dass das Kind unabhängig seiner Kultur Eigenarten in seiner moralischen Entwicklung zeigt. Diese sind abhängig von den Vorstellungen der Erwachsenen darüber was gut und was böse ist und auch abhängig davon wie das Kind diese Etikettierung des Erwachsenen mit seiner eigenen Interpretation kognitiv untermauert (Kohlberg 2014, S. 24). Das Kind beurteilt etwas nach gut und böse, je nach dem welche Folgen die Handlungen mit sich bringen. Folgt eine Belohnung sieht das Kind die Handlung als gut an, folgt eine Strafe so müsse die Handlung schlecht sein (Kohlberg 2014, S.24).

Doch Kohlberg verneint Piagets Auffassung davon, dass das moralische Urteil bei jüngeren Kindern anhand von der Heiligkeit der Regel erfolgt. Piaget und Kohlberg haben aber die gleiche Annahme von einer Entwicklung des moralischen Urteilens, welche sich dahingehend entwickelt, dass der Mensch immer mehr „die Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen“ beachtet und die Werte Gleichheit und Gerechtigkeit zunehmend in seine Beurteilungen berücksichtigt (Kohlberg 2014, S.26). Vielmehr ist er der Auffassung, dass das moralische Urteilen beim kleinen Kind basierend auf Strafe und Belohnung erfolgt (Kohlberg 2014).

Demnach lässt sich festhalten, dass Kohlbergs Denken stark von Piaget beeinflusst wurde und seine Erkenntnisse und Studien auf denen von Piaget aufbauen. Kohlbergs Moralverständnis wird im nachfolgenden Kapitel näher ausgeführt.

2. Moralverständnis nach Kohlberg

2.1 Kohlbergs Definition von Moral – Das moralische Urteilen

Es gibt unterschiedlichste Definition über Moral in den Sozialwissenschaften. Meist liest man in diesem Zusammenhang über Werte, Regeln und Handlungen, welche für die Personen einer Gesellschaft von hoher Bedeutung sind. Nach der Definition aus Meyers Großes Taschenlexikon „ist [Moral] im modernen Sprachgebrauch die Sammelbezeichnung für die der gesellschaftlichen Praxis zugrundeliegenden, als verbindlich akzeptierten und eingehaltenen ethisch-sittlichen Normen(systeme) des Handelns“ (Meyers Großes Taschenlexikon 1881). Eine derartige Definition ist sehr allgemein und relativistisch. Hier wird weder zwischen moralischen Werten und Regeln, noch zwischen sozialen Konventionen oder religiösen Werten unterschieden (Kuhmerker/Gielen/Hayes1996, S.39). Kohlberg hingegen definierte Moral im engeren Sinne. Seiner Ansicht nach schließe die Moral zwar auch Gefühle, Gedanken und Handlungen ein, jedoch ist für Kohlberg das moralische Urteilen entscheidend. Denn das moralische Urteilen gebe den Handlungen seine spezifisch moralische Qualität (Kuhmerker/Gielen/Hayes1996, S.39). Bei moralischen Urteilen steht die Frage nach Gerechtigkeit im Vordergrund. Menschen fällen moralische Urteile nicht einfach nur nach Vorlieben oder Neigungen. Vielmehr richten sich moralische Urteile nach normativen Entscheidungen und verallgemeinerbaren Vorschriften. Fällt ein Mensch ein moralisches Urteil so wird mit normativen Regeln und Prinzipien sowie mit den Folgen für das Wohlergehen der betroffenen Personen argumentiert. Bei der Suche nach der „richtigen“ Entscheidung werden Möglichkeiten abgewogen und geschaut, welche Entscheidung das größtmögliche Wohl für den Einzelnen oder die Gruppe darstellt (Kuhmerker/Gielen/Hayes1996, S.39).

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Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Moralische Urteile in der sonderpädagogischen Praxis auf Grundlage des Moralverständnisses Kohlbergs
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
28
Katalognummer
V431665
ISBN (eBook)
9783668741201
ISBN (Buch)
9783668741218
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohlberg, Moral, Moralische Urteile, Sonderpädagogik, Pädagogik, Moralverständniss, Lawrence Kohlberg, Dilemma, Dilemma Modell, Stufenmodell Kohlbergs, Moralentwicklung
Arbeit zitieren
Veronika Belz (Autor), 2018, Moralische Urteile in der sonderpädagogischen Praxis auf Grundlage des Moralverständnisses Kohlbergs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431665

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