Etablierung der frankophonen Reformation Johannes Calvins in Genf und Auswirkungen auf die Stadt


Seminararbeit, 2018

16 Seiten, Note: 6.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
Erster Aufenthalt in Genf
Vor der Reformation
Zerwürfnis
Interim
Rückruf
Durchsetzung der Reformation
Libertiner, Servet und Sieg

Fazit

Quellen und Literaturverzeichnis

Primärquellen

Sekundärliteratur

Einleitung

„Nach Genf soll ich also gehen, um besser zu leben? Warum nicht lieber sofort ans Kreuz?Besser wäre es, gleich zu sterben, als auf der Folterbank endlos gequält zu werdenǤ“1 Wenig verwunderlich, dass „iste Gallus“ - dieser Franzose da, wie das Genfer Ratsprotokoll Johannes Calvin um 1536 bezeichnet - so von der Stadt an der Rhônegedacht hat. 1540, bereits zwei Jahre nach seiner Ausweisung aus der Stadt, sah Genfkeine andere Möglichkeit die Reformation durchzusetzen, als mit der erneuten Hilfe Calvins.

Einige Jahre zuvor, 1536, erfolgte der Entscheid zur Reformation sowie Ausrufung derunabhängigen Republik Genf. Innerhalb von 20 Jahren wandte sich die Stadt von einerpraktisch 1000 Jahre währenden Bischofsherrschaft von der Kirche ab und entschied sichfür den neuen Glauben. Eine solche Wendung erwartete der ansässige Prediger Guillaume Farel sicherlich nicht. Umso gelegener kam eine Reise Calvins nach Genf. „[ǤǤǤȐ bis ich in Genf, nicht bloss durch Zureden und Mahnen, sondern durch eine furchtbare Beschwörung Guillaume Farels festgehalten wurde, als ob Gott vom Himmel her gewaltsam seine Hand aufmich legteǤ“2

Calvin, selbst nur auf Durchreise, hätte wohl selbst nicht gedacht, welche Ereignisse aufihn und die Stadt Genf noch zukommen. Knapp 20 Jahre und viele Wendungen später,gelang es ihm, 1555, über seine letzten Widersacher zu triumphieren, die Mehrheit im Ratfür sich zu gewinnen und die Reformation nach seinen Vorstellungen weiterzuführen.Doch wie gelang es, die Reformation durchzusetzen und wie veränderte sich das Leben in Genf zu dieser Zeit?

Die Arbeit untersucht die Etablierung der Reformation der Stadt Genf im 16. Jahrhundert.Gerade der Genfer Reformation wird nachgesagt, dass sie die „strenge“ der drei Reformationen (Luther in Wittenberg, Zwingli in Zürich und Calvin in Genf) war. Der Fokus soll dabei vor allem auf Johannes Calvin, seinem Wirken und Einfluss auf die Stadtliegen. Dabei soll aufgezeigt werden, mit welchen sozialen und gesetzlichen Veränderungen die Bevölkerung Genf konfrontiert war, wie sie diese annahmen oder auch ablehnten und wie Calvin auf Widerstand reagierte. Auch wenn andere Reformatoren wie Guillaume Farel, Pierre Viret oder Calvins Nachfolger Théodore de Bèze einen unschätzbaren Beitrag zur Genfer Reformation beigetragen haben, sokonzentriert sich diese Arbeit auf die Tätigkeit Calvins als Reformator und stellt ihn klarin das Zentrum.

Demnach folgt die Arbeit der Fragestellung:

Wie etablierte und wirkte die frankophone Reformation unter Johannes Calvinin der Stadt Genf im 16.Jahrhundert?

Die Quellenlage rund um die Genfer Reformation und besonders zur Person Johannes Calvins kann als relativ vielschichtig bezeichnet werden. Als Einstiegs- und Orientierungslektüre diente mir das 2009 erschienene Werk „Die Tyrannei der Tugend“von Volker Reinhardt. Es vermittelt chronologisch klar und verständlich die Ereignissedie zur Reformation führten, das Leben Calvins sowie die sozialen Verhältnisse derdamaligen Zeit. Von den vielen Biografien zu Calvin, entschied ich mich für einen Nachdruck der 1966 erschienen zweiten Auflage „Calvin“ von Willem FǤ DankbaarǤ Siebesticht durch verständlich gehaltene, ausführliche Informationen über dieverschiedenen Lebensstationen Calvins, Zitate sowie mehrere Kapitel über seine Theologie und Person. Für Vergleiche von Calvin, Luther und Zwingli bietet sich Gustavvon Schulthess-Rechbergs „Luther, Zwingli und Calvin - In ihren Ansichten über das Verhältnis von Staat und Kirche“ aus dem Jahr 1909 an. Anhand verschiedener Themenwie Staat, Kirche, Sittenzucht und Toleranz werden die Reformatoren miteinanderverglichen und die feinen, aber doch gewichtigen Unterschiede ihrer jeweiligen Lehrendargestellt. Von immenser Bedeutung sind nicht zuallerletzt Calvins Schriften und Briefean seine Freunde, Ärzte und Priester.

Tendenziell ist erkennbar, dass viele Autoren die frankophone Reformation nur auf Calvinzurückführen. Vergessen wird dabei aber, dass Calvin nicht der einzige Reformator warund dass der offizielle Ausruf der Reformation bereits zwei Monate vor Calvins Ankunftin Genf, im Juli 1536, erfolgte. Des Weiteren zeugen auch Jean de Jussies „Berichte einer Nonne über die Anfänge der Reformation in Genf“ (1996 von Helmut Fieldherausgegeben) darüber, dass der reformatorische Glaube bereits seit einigen Jahren inder Bevölkerung Anklang fand.

Anhand verschiedener Beispiele wie Ereignissen, Gesetzen und Berichten soll aufgezeigt werden, wie sich die Reformation unter Calvin etablierte und das Leben in der Stadt Genf beeinflusste und veränderte.

Hauptteil

Erster Aufenthalt in Genf

Vor der Reformation

Wie bereits erwähnt, wäre es falsch anzunehmen, Johannes Calvin hätte die Reformationnach Genf gebracht. Vielmehr hat die Reformation Calvin nach Genf geholt - und daszweimal. Bei seinem ersten Aufenthalt, im Juli 1536, war Calvin eigentlich nur auf Durchreise. Calvin, dessen Vater ihn zu einem Studium der Rechtswissenschaftenbewegte, gab sich nach dessen Tod ganz den humanistischen Studien hin. In Paris, im Haus seines Wohnungsgebers, Etienne de la Forge, traf sich heimlich ein Kreis Evangelischer Christen - an dem auch Calvin teilnahm. Als sein Freund Nikolaus Cop zum Rektor der Universität ernannt wurde, sprach er sich in seiner Antrittsrede, bei der ihm Calvin behilflich war, offen für den lutherischen Glauben aus. Aufruhr brach unter den Zuhörern aus und Calvin und Cop flüchteten aus Paris. Als sich die Wogen glätteten,kehrte er 1534 nach Paris zurück, musste jedoch im Zuge der „Affaire de Placards“(Plakataffäre) erneut aus Paris nach Strassbourg fliehen. Als König Franz die Verfolgungfür beendet erklärte, reise Calvin noch einmal nach Noyon (seinem Heimatort) umverbliebene Angelegenheiten zu erledigen. Auf seiner Rückreise nach Strassbourgpassierte er Genf, wo Farel ihn anhielt, ihn bei der Reformation zu unterstützen - Dochwie stand es mit Genf zu dieser Zeit?

Seit dem 4. Jahrhundert war Genf Sitz eines Bischofes, der ab dem 10. Jahrhundert als Stadtherr fungierte. 1162 verlieh Friedrich I. (HRR) dem Bistum Genf Unabhängigkeit und Reichsunmittelbarkeit. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts fiel Genf jedoch an das Haus Savoyen. Der damalige Herrscher Savoyens, Karl III., besass nicht nur die Region um Genf,sondern auch den Titel des Vidame - ein seltener Adelstitel und die Stellvertretung des Bischofs in weltlichen Angelegenheiten. Damit drohte Genf zu einer fremdregiertenfürstlichen Landstadt zu werden - ein für die damalige Lokalelite schrecklicher Gedanke,waren sie doch gewohnt, sich mit dem Bischof zu arrangieren und ihre Interessen zuwahren. 1526 trat Genf dem Städtebund mit Bern und Fribourg bei - eine schwierige Beziehung wie sich später herausstellt. 1533 besuchte der Bischof Pierre de la Baume fürzwei Wochen die Stadt - wie sich zeigen wird, zum letzten Mal. Im Januar 1536 verhindert Bern die Belagerung Genfs durch Karl III. nur um seinerseits anschliessend die Herrschaftsrechte von Herzog und Bischof zu verlangen, was Genf geschickt abwehrenkonnte. Die offizielle Ausrufung der Reformation im Mai besiegelte den endgültigen Bruchmit Bischof und Herzog. Genf war nun eine freie, reformierte Republik.Von allgemeiner Einigkeit der Bevölkerung in der religiösen Sache kann aber noch langenicht die Rede sein. Längst nicht alle entschieden sich aus religiösen Motiven für die Reformation. Viele wünschten sich politische Unabhängigkeit, waren aber in ihrenreligiösen Ansichten der römischen Kirche treu geblieben. Dementsprechend schwergestaltete sich die Arbeit Farels und der anderen Reformatoren. In Anbetracht dessen, saher in Calvin den benötigten Unterstützer in seiner Sache. Zuerst abgeneigt, kam Calvinnicht herum, Farels Aufgebot als Prediger in Genf zu bleiben, Folge zu leisten.Bald darauf zeigte sich Calvins Fähigkeit, Leute von der reformatorischen Lehre zubegeistern. Anfangs Oktober 1536 reist er mit Farel und Viret nach Lausanne zu einemöffentlichen Religionsgespräch mit katholischen Theologen, dass über die Einführung der Reformation in Lausanne entscheiden sollte. Calvin verhielt sich die ersten Tage relativruhig. Ein Jesuit legte die leibliche Gegenwart Christi bei der Eucharistie dar, undverhöhnte die Evangelischen in ihren Ansichten, die im Widerspruch zu den Kirchenvätern stünden. Der bisher unscheinbare Calvin stand auf, und meinte, dassjemand der die Kirchenväter nicht besser kenne, sie gar nicht erst nennen sollte. Erbeginnt, Stellen aus der Bibel mit genauer Textangabe zu rezitieren. Voller Erstaunenlauschten die Anwesenden Theologen. Nachdem sich Calvin gesetzt hatte, soll ein Franziskaner aufgestanden sein und erklärt haben: „Ich fühle mich erleuchtet undüberzeugt von der Wahrheit der Lehre, [...]. Ich lege mein Ordenskleid ab und will fortan alsein Christ lebenǤ“3 Anscheinend zweifelten viele Priester schon geraume Zeit an derrömischen Lehre und begrüssten Calvins Weisungen über den rechten Glauben - einige Tage später wurde auch in Lausanne die Reformation eingeführt.

Zerwürfnis

Nach diesen Ereignissen war Calvin plötzlich in aller Munde und wurde gegen Ende des Jahres 1536 von der Regierung zum Prediger berufen. Johannes Calvin als Bekehrer der Unentschlossenen? Selbst einmal zur Überzeugung der rechten Lehre gekommen, plagten Calvin - entgegen Luther - nie mehr Gewissenskämpfe oder seelischen Konflikte.4 Doch

gerade diese Entschlossenheit, die man auch für religiösen Eifer halten könnte, brachte immer wieder Gegner hervor. Besonders heikel wurde die Angelegenheit, als Calvin ein Glaubensbekenntnis von den Genfern verlangte. Seine Kirchenordnung wurde im Januar1537 ohne grössere Widerstände vom Rat angenommen. Doch das Glaubensbekenntnisging einen Schritt weiter: War der Inhalt des Bekenntnisses für die Bürger formell nur ein Auszug aus Calvins Katechismus - nach dem Evangelium zu leben und die Befolgung derzehn Gebote - so war es die Verweigerung des Eides, die die Gemüter erhitzte. Wer den Eid nicht leistete, sollte sein Bürgerrecht verlieren und musste die Stadt verlassen.Wasser auf den Mühlen seiner Feinde, die fürchteten ihre Stellung könnte durch einegeistliche Obrigkeit geschmälert werden - die eingesessenen, einflussreichen Patrizier.Anhänger der Reformation betitelten ihre Widersacher als Feinde eines sittsamen Lebens,die sich hinter dem Schein des Patriotismus versteckten, während der Stadtadelwiederum die andere Seite als machtdurstige Geistliche bezeichneten, die die neue Kirchenordnung für ihre eigenen Zwecke missbrauche. Hinzu kam, dass auch Bern sicherneut in die religiösen Angelegenheiten der Stadt einmische. So wurden die von Farelabgeschafften Feiertage, die nicht auf einen Sonntag fielen, wie Weihnachten, Neujahroder Christi Himmelfahrt wieder eingeführt. Calvin und Farel wehrten sich entschieden.Nicht etwa, weil sie Feiertage derart verabscheuten - sie wollten ihre Prinzipien wahren.Es konnte nicht sein, dass die Obrigkeit diktiert, was in Gottes Haus zu geschehen habe.Hier wird erstmals der zentrale Konfliktpunkt der Genfer Reformation deutlich, wie ersich noch oft über die Jahre bewahrheitete - die Einmischung der Politik in die Kirche undumgekehrt. Calvin und Farel duldeten keine Einmischung in Gottes Angelegenheiten -doch gerade Calvin sah sich als Vertreter der gerechten Sache, die nicht vor einer Handvoll Adeligen halt machen darf. Und so kam, was kommen musste. Calvin und Farel weigernsich an Ostern 1538, am Abendmahl teilzunehmen. Die Reaktion des Rats: Verbot zupredigen. Doch Calvin und Farel setzen sich darüber hinweg und besteigen die Kanzel. Eskommt zu Tumulten in der Kirche und der Rat beschliesst dem Stadtfrieden zulieb, Calvinund Farel aus Genf auszuweisen.

Calvin, der die Arbeit in Genf weder gesucht, noch genossen hatte, erlitt seine erste Niederlage - aber die Zeit sollte zeigen, dass eine Niederlage, auch eine glückliche Wendung sein kann.

Interim

Nach einigem Hin und Her kam Calvin in seinem ursprünglichen Ziel an - Strassbourg.Müde von den Konflikten mit der Genfer Obrigkeit, sehnte er sich nach Ruhe um sich7

[...]


1 Zitiert nach: Reinhardt, Volker, Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf. München 2009, S. 107. Originalzitat aus: Ioannis Calvini Opera Quae supersunt omnia. Bd. 10b-22: Thesaurus epistolicus Calvinianus sive collectio amplissima epistolarum tab ab Jo. Calvino quam ad eum scriptarum (Hg. Baum, Cunitz, Reuss), Braunschweig 1872-1880, S. 144.

2 Schwarz, Rudolf, Johannes Calvins Lebenswerk in seinen Briefen. Eine Auswahl von Briefen Calvins. Neukirchen 1962, Bd. 3, S. 897.

3 Dankbaar, Willem F., Calvin. Sein Weg und Werk. Neukirchen-Vlyun 1996, S. 43.

4 Ebd., S. 191.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Etablierung der frankophonen Reformation Johannes Calvins in Genf und Auswirkungen auf die Stadt
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
6.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V431678
ISBN (eBook)
9783668750197
ISBN (Buch)
9783668750203
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Calvin, Genevan Reformation, Religion, Calvinismus, Protestantismus, Genf
Arbeit zitieren
Lino Gal (Autor), 2018, Etablierung der frankophonen Reformation Johannes Calvins in Genf und Auswirkungen auf die Stadt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431678

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