Bindungs- und Beziehungstraumatisierungen bei Heimkindern

Inwiefern kann das Kinderheim korrigierende Bindungserfahrungen ermöglichen?


Hausarbeit, 2018
29 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bindung
1.1 Grundannahmen der Bindungstheorie
1.2 Bindungsqualitäten

2. Traumata
2.1 Trauma- eine Definition
2.2 Traumatisierung durch Bindungsverlust
2.3 Umgang mit traumatisierten Kindern

3. Heimkinder und Heimerziehung
3.1 Strukturwandel der Heimerziehung
3.2 Bindungsverhalten bei Heimkindern
3.3 Das Heim als sicherer Ort?

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Von Menschen verletzt zu werden, die uns lieben sollten, von ihnen im Stich gelassen zu werden, der Beziehungen beraubt zu werden, die uns erlauben, uns sicher und geschätzt zu fühlen und menschlich zu werden – das sind zutiefst zerstörerische Erfahrungen.“ (Perry/ Szalavitz 2009, S.290)

Im alltäglichen Sprachgebrauch spricht man von traumatischen Ereignissen oft in Verbindung mit Naturkatastrophen, Gewalt, Vergewaltigung oder den Verlust eines geliebten Menschen. Das Trauma entsteht hier aufgrund einschlagender Einzelereignisse. Doch 80% der Kinder und Jugendlichen in stationären Heimen haben in der häuslichen Situation über einen längeren Zeitraum hinweg traumatische Ereignisse in Form von Vernachlässigung, Missbrauch oder Isolation durchlebt (Gahleitner zit. nach Garbe 2016, S.145). Diese Kinder haben kein Schock -Trauma erlebt, sondern ein kumulatives Trauma – sprich ein Trauma aufgrund von unterschiedlichen traumatischen Einzelerfahrungen mit fehlenden oder schädlichen Bindungsmustern (Peichl 2013, S.53). Diese Einzelerfahrungen bewirken in ihrer Gesamtheit den Zusammenbruch des Ichs (Wöller 2013, S.37). Die Bezugsperson des Kindes hat mittels Vernachlässigung oder psychischer und physischer Gewalt das Kind traumatisiert, da sie ihre Rolle als sicheren Hafen missachtete. Folge derartiger Erfahrungen ist eine „Überforderung des noch unreifen Ich und seiner Abwehrfunktionen“ (Wöller 2013, S.37). Demnach sind nicht nur einschlagende Ereignisse traumatisierend, sondern vor allem auch problematische Beziehungen zu den primären Bezugspersonen (Wöller 2013, S.37). Dies bleibt häufig zunächst unerkannt, da die traumatischen Erfahrungen im privaten Umfeld passieren und die Kinder aufgrund von Druckaufbau seitens der misshandelnden Bezugspersonen oder aufgrund von Idealisierung dieser zu der Thematik schweigen. Derartige Erfahrungen, bei denen das Trauma durch Bindungspersonen ausgeübt wird, zerstören die Bindungssicherheit und wirken sich negativ auf die psychische Entwicklung aus (Brisch/Hellbrügge 2015, S.114). Aufgabe der stationären Heime ist es nun die Kinder bei der Verarbeitung der traumatischen Erfahrungen, die die psychische Sicherheit bedrohen, zu unterstützen und ihnen vor allem neue Beziehungen zu ermöglichen, die korrigierende Erfahrungen bieten, sodass das Kind „eine gesunde Basis für seine Persönlichkeitsentwicklung“ entwickeln kann (Nienstedt/Westermann 1989, S.221). Voraussetzung dafür ist, dass das Kinderheim einen sicheren Ort bietet, an dem die Kinder Geborgenheit, Sicherheit und insbesondere auch Kontrolle und Zugehörigkeit erfahren (Dörr 2015, S.18). Im Kinderheim sind die Kinder vor ihren missbrauchenden Eltern geschützt, doch um das Traumata bewältigen zu können bedarf es mehr als nur einer räumlichen Trennung vor den missbrauchenden Bezugspersonen. Es muss auch ein innerer sicherer Ort geschaffen werden. Denn laut Traumapädagogen und Traumatherapeuten wie etwa Bruce D. Perry brauchen

„[m]isshandelte und missbrauchte Kinder [ ] in erster Linie eine gesunde Gemeinschaft, um den Schmerz, den Kummer und den Verlust zu dämpfen, der durch ihr frühes Trauma verursacht worden ist“ (Perry/ Szalavitz 2009, S.291).

Ob und inwiefern die stationäre Heimerziehung den betroffenen Kindern eine solche Gemeinschaft mit einem sowohl inneren als auch äußeren sicheren Ort bieten kann, um korrigierende Bindungserfahrungen zu ermöglichen, wird im Folgenden auf Grundlage der Bindungstheorie und der Traumapädagogik herausgearbeitet.

1. Bindung

1.1 Grundannahmen der Bindungstheorie

Bereits im Verlauf des ersten Lebensjahres bauen Säuglinge eine Bindung an ihre erwachsene Bezugsperson auf. Meist sind die primären Bindungspersonen Mutter oder Vater des Säuglings oder auch andere Personen wie Adoptiveltern oder Pflegeeltern. Die Säuglinge binden sich demnach an die Personen, von denen sie primär gepflegt und versorgt werden, die ihnen also Nahrung, Schutz und Liebe gewähren (Hopf 2005, S.29). Schon im Alter von zwei Monaten haben Kinder bestimmte Erwartungen an ihre Interaktionspartner, suchen Blickkontakt und werden unruhig wenn die „still-face-Situation“ zu lange andauert und der Interaktionspartner keine Emotionen in seiner Mimik zeigt (Hopf 2005, S.28). Dabei ist die Kind-Eltern-Bindung entscheidend für die Charakterentwicklung des Kindes. Diese Bindung kann von unterschiedlicher Qualität sein. Die Bindungsqualitäten können dementsprechend auch unterschiedliche Folgen für die Entwicklung des Individuums mit sich führen. Während bei positiven Bindungserfahrungen ein Urvertrauen aufgebaut werden kann, so kann dieses Urvertrauen bei Kindern, deren Grundbedürfnisse nach Liebe nicht befriedigt werden, nicht entwickelt werden (Großmann/Großmann 2012, S.36).

Die Art und vor allem die Qualität der Bindung sind nun abhängig von den teils sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die ein Kind mit der entsprechenden Bindungsperson machen kann (Hopf 2005, S.29). Der britische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby vertrat die Auffassung, dass der Säugling schon von Beginn an eine Bereitschaft zur Bindung an Bezugspersonen mit sich bringe. Durch die starke emotionale Bindung, welche starken Einfluss auf die weitere Entwicklung des Kindes nehme, suche das Kind bei seinen Bindungspersonen Sicherheit, Trost und Hilfe (Hopf 2005, S.29). Denn der Säugling ist nicht in der Lage alleine zu überleben. Er ist auf seine Bindungspersonen angewiesen, da diese ihm nicht nur Nahrung bieten, sondern vor allem eine Schutzfunktion erfüllen (Hopf 2005, S.30). Bowlby erklärt die scheinbar intuitive Suche nach der Bindungsperson mit dem selektiven Prozess während der Evolution. Diejenigen Individuen, die in der Nähe zu anderen Individuen lebten wurden laut Bowlby bevorzugt, da sie bei ihren Artgenossen Schutz bekamen und somit eher überlebten als alleinstehende Individuen (Hopf 2005, S.30). Es ist demnach davon auszugehen, dass es in der Natur des Menschen liege, sich an eine Person zu binden, bei der man sich beschützt fühlt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass selbst Kinder, die auf den ersten Blick kaum emotionale Nähe seitens der primären Bindungspersonen gewohnt sind – so wie es bei Heimkindern oft der Fall ist – Bindungsverhalten zeigen, indem sie weinen, schreien und beginnen die körperliche Nähe zur Mutter zu suchen, sobald sie von ihren Müttern verlassen werden. Solche Kinder zeigen sich stark klammernd, was auf die Trennungsangst zurückzuführen ist (Hopf 2005, S.32f.). Dies zeigt uns, dass das Verhalten des Kindes stark von seinem sozialen Erfahrungen abhängt. Es kommt auf die Art der Interaktion zwischen Kind und Bindungsperson/en an, die bereits in zahlreichen Studien untersucht worden ist. Diese Studien beweisen, dass es einen Zusammenhang zwischen der Qualität der Bindung und dem sich ausbildenden Verhalten des Kindes gibt. Der Charakter des Kindes ist demnach nicht biologisch vorbestimmt, sondern entwickelt sich auf Grundlage des Interaktionsverhaltens und den Bindungserfahrungen mit der Bindungsperson im Verlauf des Lebens (Hopf 2005, S.30f.). Vor allem aber in den ersten Lebensjahren spielt der Umgang der Mutter mit dem Kind eine zentrale Rolle für seine emotionale, wie auch kognitive Entwicklung (Großmann/Großmann 2012, S.660). Entweder ist das Interaktionsverhalten durch den feinfühligen Umgang als positiv zu bewerten und das Kind ist ein sicher gebundenes oder das Interaktionsverhalten ist im Gegenteil durch körperliche und emotionale Distanz bestimmt. Dann sprechen wir von einem unsicher gebundenen Kind (Hopf 2005, S32). Mary Ainsworth entwickelte das Konzept der Feinfühligkeit, welches besagt, dass das feinfühlige Verhalten der Bindungsperson dem Kind gegenüber notwendig für eine sichere Bindung ist. Fehlt die Bindungsperson, so ist das Kind verunsichert und sucht nach dieser. Das heißt, dass die Bindungsperson das Verhalten des Kindes wahrnimmt und auch dessen Signale richtig interpretiert und entsprechend dessen Bedürfnisse befriedigt. Gemeint sind nicht nur die Bindungsbedürfnisse, sondern auch die Bedürfnisse nach Nahrung, Sauberkeit, Schlaf usw. Damit bietet der feinfühlige Umgang mit dem Kind eine psychische und physische Sicherheit (Großmann/Großmann 2012, S.119ff.). Ohne Sensitivität bzw. Feinfühligkeit der Mutter in ihrem Umgang mit dem Kind, kann keine sichere Bindung aufgebaut werden (Hopf 2005, S.58). Ist der „Schutz durch Nähe“ der Bindungsperson hingegen gegeben, so wirkt sich das positiv auf das Explorationsverhalten des Kindes aus (Großmann/Großmann 2012, S.43). Das Kind ist in der Lage auf dieser Grundlage des sensitiven Verhaltens der Mutter „Erwartungen an eine positive Qualität der Interaktion“ mit der Mutter zu entwickeln und hat ebenfalls positive Erwartungen an „die Zugänglichkeit der Mutter und ihr unterstützendes Verhalten“ (Hopf 2005, S.61). Durch die so hergestellte psychische Sicherheit kann das Kind seine Umwelt erforschen. Ainsworth unterscheidet nicht nur zwischen sicher und unsicher gebundenen Kindern, sondern stellt zwischen den unsicher gebundenen Kindern auch Unterschiede zwischen unsicher-vermeidenden und unsicher-ambivalenten Beziehungen fest.

Wie wichtig aber eine sichere Bindung als Grundlage für ein angemessenes Verhalten in der sozialen Gemeinschaft ist, zeigen uns Beobachtungen über Kinder, welche ohne Bindungsperson aufgewachsen sind. Bei solchen Kindern kann man oft aggressives Verhalten, wie auch eine feindliche Grundeinstellung gegenüber ihren Mitmenschen beobachten (Hopf 2005, S.33ff.).

Wie sich unterschiedliche frühe Interaktionserfahrungen von Kindern auf deren soziale und emotionale Entwicklung auswirken, zeigt John Bowlby anhand des internal working models, in dem es darum geht „die kognitiven Repräsentationen oder Konstruktionen von Interaktionserfahrungen zu erfassen“ (Hopf 2005, S.36f.). Laut Bowlby bilden Kinder Erwartungen an ihre Bindungspersonen. Diese Erwartungen entstehen durch Wiederholungen von Interaktionserfahrungen (Hopf 2005, S.37). Entsprechend den Erfahrungen verhält sich dann auch das Kind gegenüber anderen Personen, da es alle Interaktionserfahrungen mit seinen Bezugspersonen mit der Zeit verinnerlicht und somit auch auf andere Situationen überträgt (Hopf 2005, S.37ff.). Mittels der inneren Arbeitsmodelle können die Zusammenhänge zwischen Interaktionserfahrungen und sozialer und emotionaler Entwicklung gut dargestellt werden, da so deutlich gemacht wird, wie die frühkindlichen Erfahrungen das Verhalten des Kindes im Umgang mit seinen Mitmenschen prägen und beeinflussen (Hopf 2005, S.37). Die inneren Arbeitsmodelle beziehen sich aber auch auf das Selbst und damit „auf die Vorstellung davon, wie akzeptabel oder unakzeptabel das Selbst aus der Sicht der jeweiligen Bezugsperson ist“ (Hopf 2005, S.38). Je nach dem welche Erfahrungen der Mensch im jungen Alter hinsichtlich des Verhaltens seiner Bindungsperson gemacht hat, dementsprechend wird er auch in zukünftigen Beziehungen mehr oder weniger Nähe und Sicherheit erwarten. Das Kind wird bei einer sicheren Bindung zur Bezugsperson davon ausgehen, dass sie sofort erreichbar ist und er bei ihr Schutz finden kann. Bei einer unsicheren Bindung hingegen wird das Kind sich vor der Abwesenheit der Bindungsperson fürchten, wodurch sein Wesen durch Angst und Verunsicherung bestimmt sein wird (Hopf 2005, S.39). Bowlby berichtet auch von Menschen, die aufgrund emotionaler Störungen Arbeitsmodelle entwickeln, die unrealistisch sind (Hopf 2005, S.39). Ein Beispiel sind Menschen, die behaupten auch ohne jegliche Art von Gefühlsbindungen glücklich leben zu können. Dies sei aber laut Hopf aus therapeutischer Sicht auf „zutiefst frustrierte Bindungswünsche“ zurückzuführen (Hopf 2005, S.39).

Derartige verinnerlichte innere Arbeitsmodelle können auch verändert werden, etwa durch erfolgreiche Therapien oder durch neue Bindungen, wodurch positive Interaktionserfahrungen gemacht werden können (Hopf 2005, S.39). Dies kann zu positiven Verhaltensänderungen und Weltanschauungen bei Menschen führen, dessen Denken beispielsweise geprägt ist durch Trennungsängste und Misstrauen in ihre Mitmenschen (Hopf 2005). Prinzipiell ist also in Bezug auf die Bindungstheorie davon auszugehen, dass Kindern geholfen werden kann innere Arbeitsmodelle zu verändern.

Auch können sich innere Arbeitsmodelle verändern, wenn sich das Verhalten der Bezugspersonen ebenfalls prinzipiell verändert. Dies kann zum Beispiel bei schweren Erkrankungen oder Scheidung der Eltern vorkommen, was die inneren Arbeitsmodelle in eine negative Richtung lenken könnte.

Die mit den eigenen Bezugspersonen gemachten Erfahrungen überträgt das Kind unbewusst auf andere Beziehungen. Bowlby unterscheidet hier zwischen zwei unterschiedlichen Arten einer solchen Übertragung der eigenen Erfahrungswelt. Zum einen generalisiert das Kind seine Erfahrungen hinsichtlich seiner Selbsteinschätzung. Der Mensch, der wenig Liebe und Akzeptanz erfährt, kann sich selbst auch nicht akzeptiert erleben. Der Mensch, welcher wiederum in seinem Leben viel Akzeptanz und Feinfühligkeit erfährt, wird sich auch wertvoll und liebenswert empfinden (Hopf 2005, S.40). Zum anderen generalisiert das Kind seine Erfahrungen auf die soziale Umwelt. Ein Kind, welches eine sichere Bindung mit „stabiler Unterstützung und emotionaler Zuwendung“ erlebt, wird auch mehr Vertrauen seinen Mitmenschen gegenüber zeigen (Hopf 2005, S.40). Das Denken des Kindes, welches keine oder zu wenig emotionale Zuwendung gewohnt ist, wird aber von Misstrauen und Skepsis geprägt sein (Hopf 2005, S.40). Wenn ein Kind nun wiederholt von seinen primären Bezugspersonen vernachlässigt wird, durchlebt es immer wieder Trennungssituationen, die in ihm Trauer, Stress und Angstgefühle auslösen, sowie eine feindliche Grundeinstellung bewirken. Doch wenn ein Kind, das von seiner Bezugsperson verlassen wurde, einen liebevollen und aufmerksamen Ersatz seiner Bezugsperson findet, so sind auch die Reaktionen auf die Trennung anders, da sie weniger intensiv auftreten (Hopf 2005, S.42f.). Somit ist es wichtig, dass Kinder, die von ihren Eltern keine sichere Bindung erfahren konnten, andere Bindungspersonen finden, die ihnen positive Beziehungserfahrungen ermöglichen.

Welche Einflüsse die Bindungsqualität auf die Entwicklung und das Verhalten der Kinder haben wird im Folgenden näher erläutert.

1.2 Bindungsqualitäten

Im Idealfall sind Kinder sicher an ihre primäre Bindungsperson gebunden. Sicher gebundene Kinder suchen die Nähe und den Kontakt zur Bindungsperson zum Beispiel durch Augen- oder Körperkontakt und wollen mit dieser interagieren. Bei Trennung weint das Kind zwar in der Fremden Situation, sucht aber auch beim Wiedersehen sofort den Kontakt zu dieser und lässt sich beruhigen. Aufgrund der Sensitivität seitens der Mutter, welche eine Voraussetzung für eine sichere Mutter-Kind-Bindung ist, entwickelt das Kind Vertrauen in ihre Bindungsperson und kann sich auf die Verfügbarkeit dieser verlassen (Hopf 2005, S.53). Die Beziehung sicher-gebundener Kinder ist geprägt durch Zärtlichkeit, Liebe und einem „affektiven Klima“ (Spitz 1980, S.116f.). Die Erfahrungen des Kindes werden „durch die Affekte der Mutter bereichert und gefärbt und mit ihnen verwoben“ (Spitz 1980, S.116f.). Das Kind reagiert auf diese Affekte seinerseits auch affektiv (Spitz 1980, S.116f.).

Unsicher-ambivalent gebundene Kinder reagieren in der Phase der Trennung oft wütend oder auch „auffallend passiv“ (Hopf 2005, S.53). Die Trennung setzt sie einer extremen Stresssituation aus, wodurch sie kaum zu beruhigen sind (Hopf 2005, S.54). Diese Kinder explorieren nicht mal, wenn die Mutter in der Nähe ist. Selbst wenn sie explorieren, dann ohne sichtbare Freude. Dies zeigt, dass die Kinder sich nicht auf die Anwesenheit der Bindungsperson verlassen können und daher klammern, aus Angst verlassen zu werden. Deshalb kann auch kein Explorationsverhalten beobachtet werden, da bei den Kindern alleine das Bindungsverhalten aktiviert ist. Sie weinen häufiger als andere Kinder und wollen den Kontakt zur Mutter – sobald sie diesen gefunden haben – aufrechterhalten. Gleichzeitig scheinen sie den Kontakt zu widerstreben und wehren sich, sobald sie auf den Arm genommen werden (Hopf 2005, S.56).

Unsicher-vermeidend gebundene Kinder suchen in der Fremden Situation keinen Kontakt zur Mutter und vermeiden ihn sogar scheinbar (Hopf 2005, S.82f.). Sie reagieren auf die Rückkehr der Mutter nach einer kurzen Trennungsphase mit nur wenig Anzeichen dafür Nähe, Interaktionen oder Kontakt mit der Mutter suchen und aufrechterhalten zu wollen (Hopf 2005, S.52). Dieses Verhalten ist darauf zurückzuführen, dass die Mütter ihrerseits den körperlichen Kontakt zum Kind vermeiden und sich dem Kind gegenüber stark zurückweisend zeigen. All diese Erfahrungen werden in ein Arbeitsmodell integriert, welches geprägt ist von Erwartungen und Zurückweisungen (Hopf 2005, S.82).

Mary Main ergänzte den bisher noch nicht festgehaltenen Bindungstyp der Desorganisation (Hopf 2005, S.154).

Unsicher desorganisiert gebundene Kinder zeigen kein bestimmtes Verhaltensmuster. Vielmehr ist ihr Verhalten geprägt von Ambivalenz. Es kann keinerlei emotionaler Bezug von Kind zur Mutter beobachtet werden. Dieses Bindungsverhalten wird häufig bei Missbrauchsopfern festgestellt. Auch zeigen Untersuchungen, dass nicht selten die Bezugspersonen der Kinder unter Traumatisierungen leiden und selbst desorganisierte Bindung erfahren haben. Die Bindungspersonen haben oft psychische Störungen oder Suchtprobleme (Großmann/Großmann 2012, S.161f.).

Wenn nun die Bindungsperson ihrer Aufgabe als sicherer Hafen nicht entgegen kommt und das Kind vernachlässigt oder gar Gewalt und Missbrauch aussetzt, so entstehen tiefe Narben im psychischen Apparat des Kindes.

Welche Auswirkungen derartige Bindungstraumatisierungen auslösen soll im 2. Kapitel ausgeführt werden.

2. Traumata

2.1 Trauma - eine Definition

„Parasiten des Geistes“ (Charcot zit. nach Korrittko 2016, S.20)

Charcot fand mit dieser Aussage eine passende Beschreibung hinsichtlich der seelischen Verfassung der Menschen nach traumatisierenden Erlebnissen. Denn durch derartig einschlagende Ereignisse wird nicht nur der Körper, sondern vor allem die Seele enormen Verletzungen ausgesetzt. Die Erforschung psychischer Folgen von bedrohlichen Ereignissen aufgrund von physischer oder psychischer Gewalt, sexuellem Missbrauch oder Naturkatastrophen begann Ende des 19. Jahrhunderts. Der Traumabegriff beinhaltete von nun an nicht nur körperliche Verletzungen, sondern wurde zunehmend über „emotionale Belastungen“ definiert (Korrittko 2016, S.20).

Eine in der Trauma-Literatur oft zitierte Definition von Trauma ist die von Fischer und Riedesser (2004). Sie definieren das Trauma als ein

„[v]itales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit dem Gefühl von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst und Weltverständnis bewirkt“ (Fischer/Riedesser, 2004, S.84).

Traumatisierte Menschen sind nicht in der Lage die traumatischen Erlebnisse in ihre Lebensgeschichte zu integrieren und Affekte können nicht mehr situationsgerecht gesteuert werden (Korittko 2016, S.20).

Demnach handelt es sich bei einem Trauma um ein Erlebnis, welches erheblich negativen Einfluss auf die psychische Verfassung und Entwicklung nimmt.

Es sind unterschiedliche Typen von Traumen zu unterscheiden. Zum einen gibt es apersonale Traumen. Diese sind solche, die aufgrund von Naturkatastrophen, Verkehrsunfällen oder Kriegen verursacht werden (Wöller 2013, S.23f.). Personale Traumen werden hingegen mittels Gewalt, Vergewaltigung, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch, Folter oder Kriegseinwirkungen durch Menschen ausgelöst.

Auch gibt es eine weitere Einteilung nach Terr. Nämlich die Einteilung in Typ I und Typ II. Typ I meint ein Schock-Trauma. Dieses ist plötzlich, unvorhergesehen und einmalig. Es kann sich hierbei um einen Unfall handeln (apersonal), aber auch um personale Einflüsse wie Vergewaltigung, Überfälle oder den plötzlichen Verlust einer Bezugsperson (Wöller 2013, S.24). Die Traumata, die dem Typ II zugeschrieben werden sind hingegen chronisch-kumulative Traumata wie Gefangenschaft, Krieg oder auf Ebene des personalen Nahbereiches, Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung (Wöller 2013, S.24).

[...]

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Bindungs- und Beziehungstraumatisierungen bei Heimkindern
Untertitel
Inwiefern kann das Kinderheim korrigierende Bindungserfahrungen ermöglichen?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
29
Katalognummer
V431857
ISBN (eBook)
9783668746879
ISBN (Buch)
9783668746886
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bindungs-, beziehungstraumatisierungen, heimkindern, inwiefern, kinderheim, bindungserfahrungen
Arbeit zitieren
Veronika Belz (Autor), 2018, Bindungs- und Beziehungstraumatisierungen bei Heimkindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/431857

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