Die Bildung der altsorbischen Ortsnamen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Siedlungsgeschichte

2. Zur Überlieferung der Ortsnamen
2.1 Die Quellen
2.2 Zur Problematik der Identifizierungen

3. Die Bildung der altsorbischen Ortsnamen
3.1 Ortsnamen aus Appellativen
3.1.1 Bildungen aus Nomina
3.1.1.1 Namenbildung durch semantische Wortbildung
3.1.1.2 Suffixderivation
3.1.1.3 Verbindung von Präfix + Appellativum (+ Suffix)
3.1.1.4 Verbindung von Nomen + Nomen
3.1.2 Bildungen aus Verben
3.2 Ortsnamen aus Personennamen
3.2.1 Possessivische Ortsnamen
3.2.2 Patronymische Ortsnamen
3.2.3 Pluralbildungen von PN als ON
3.3 Bewohnernamen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Innerhalb der Onomastik bilden die den Toponymen zugeteilten Ortsnamen eine wichtige und umfangreiche Kategorie für die Untersuchung sprachlicher und in besonderem Maße siedlungsgeschichtlicher Entwicklungen. Zwar reicht die Ortsnamengebung zeitlich nicht so weit zurück wie die Benennungen von Gewässernamen, die zum Teil aus indoeuropäischer Zeit stammen und als älteste Bezeichnungen für landschaftliche Erscheinungen durch den Menschen gelten dürfen, doch können Ortsnamen bzw. deren Vergleich einen nützlichen Aufschluss über Siedlungsbewegungen und Gründungszeiten von Siedlungen und Städten geben. Nicht zuletzt spiegeln Ortsnamen die Sprachgeschichte wider, denn anhand ihrer kann man die einzelnen Sprachstufen einer Sprache nachvollziehen und darüber hinaus fremdsprachliche Einflüsse oder Wurzeln erkennen.

Neben den Ortsnamen germanischen Ursprungs sind auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands besonders im Westen und Südwesten gelegene Orte mit Namen keltischer und romanischer Herkunft belegbar. Dazu tauchen vereinzelt niederländischstämmige Ortsnamen auf, die durch Ansiedlung niederländischer Handwerker und Bauern z.T. weit östlich im so genannten Fläming liegen. In Ostbayern und vor allen Dingen östlich der Elbe und der Saale – die beiden Flüsse bildeten als Linie gedacht die Ostgrenze des fränkischen Reiches unter den Karolingern – finden sich zahlreiche Orte, die slawische Wurzeln aufweisen. Aber auch unweit der westlichen Ufer dieser Flüsse sind Ortsnamen altsorbischer Provenienz anzutreffen.

Diese Hausarbeit wird nun versuchen, einen Überblick über die Bildung altsorbischer Ortsnamen zu geben. Als Untersuchungsgebiete stehen dabei mit Hilfe der umfangreichen Arbeiten von Inge Bily[1] sowie Ernst Eichler und Hans Walther[2] das Mittelelbegebiet und der Raum zwischen mittlerer Saale und Weißer Elster zur Verfügung. Politisch-administrativ umfasst das Mittelelbegebiet heute die Kreise Schönebeck, Rosslau, Zerbst, Köthen, Dessau, Wittenberg, Torgau und Teile des Kreises Gräfenhainichen. Das Landschaftsbild des zweiten erklärten Untersuchungsgebietes wird folgendermaßen beschrieben:

„Das der mittleren Saale unmittelbar östlich vorgelagerte, von der Weißen Elster und ihren rechten Zuflüssen nach Osten hin begrenzte Gebiet bildet geographisch gesehen den Südteil der Leipziger Tieflandsbucht […], historisch gesehen das Übergangsgebiet zwischen dem altdeutsch besiedelten Thüringen und dem im Zuge der hochmittelalterlichen Ostexpansion neubesiedelten eingedeutschten Obersachsen und damit den mittleren Teil des thüringischen Osterlandes.“[3]

Da beide Landstriche seit dem Ende des 6. Jh. – auf die Siedlungsgeschichte wird später noch extra eingegangen werden – als Übergangsgebiete zwischen germanischen Stämmen und den slawischen Altsorben angesehen werden können, findet man sprachlich einen durchmischten Raum vor, der seit dem 6. Jahrhundert zwar vom Altsorbischen dominiert worden war, doch nach und nach im Mittelelbegebiet vom Altsächsischen bzw. Mittelniederdeutschen[4] und zwischen mittlerer Saale und Weißer Elster im Zuge der Ostexpansion ab dem 10. Jahrhundert von mitteldeutsch/thüringisch geprägtem Hochdeutsch und später vom Meißnisch-Obersächsischen, bis zur Helme–Untere Unstrutlinie noch vom Niederdeutschen verdrängt wurde.[5] Slawisch-deutsch vermischte Ortsnamen weisen zudem auf eine zeitweise Zweisprachigkeit der dort ansässigen Bevölkerung hin.

Beginnen wird diese Hausarbeit wie erwähnt mit einer groben Zusammenfassung der Siedlungsgeschichte der Untersuchungsgebiete. Im zweiten Kapitel wird zur Überlieferung der Ortsnamen und mögliche Quellenprobleme Auskunft gegeben werden. Der dritte Abschnitt, zugleich der Hauptteil dieser Arbeit, wird sich wie angekündigt ausführlich mit der Bildung der Ortsnamen altsorbischen Ursprungs befassen. Mit dem Fazit wird das Erarbeitete noch einmal zusammengefasst werden.

1 Siedlungsgeschichte des Mittelelbe-Saale-Gebietes

Nachdem die germanischen Stämme östlich von Elbe und Saale in der Völkerwanderungszeit ihr einstiges Siedlungsgebiet verlassen hatten und in das zerfallende Römische Imperium zogen, begannen zahlreiche slawische Stämme ab dem 6. Jh. von Osten und Südosten her in das verlassene Gebiet zu strömen. Gegen Ende des 6. bzw. Anfang des 7. Jh. besiedelten sorbische Stämme von Böhmen aus über das Elbtal kommend das Elbe-Saale-Gebiet, das durch seine fruchtbaren Lößböden und weiten Wälder ein optimales Siedlungspotenzial für die Ackerbau, Viehzucht und Holzwirtschaft betreibenden Slawen bot.

Erstmals bezeugt wurden die Sorben vom burgundischen Chronisten Fredegar für das Jahr 631. Zu dieser bedeutendsten Stammesgruppe des Elbe-Saale-Gebietes zählten mehrere Teil- und Kleinstämme: die Colodici, Siusler und Daleminzier sind bereits im 9. Jh. genannt; ferner werden die Chutici, Nisanen, Plisni, Gera, Puonzowa, Tucharin, Weta und Nelětici dazugerechnet; die Stammesnamen selbst beruhen teilweise auf den jeweiligen landschaftlichen Gegebenheiten.[6] An den sorbisch besiedelten Raum grenzten nördlich das Gebiet der Heveller im Havelland, nordöstlich das der Sprewanen an der unteren Dahme und Spree, östlich ließen sich Lusizer in der Niederlausitz nieder und südöstlich, in der Oberlausitz, wurden die Milzener sesshaft.[7]

Bis zur vollständigen Assimilation der Slawen im Elbe-Saale-Gebiet bestimmten und erfuhren die Sorben eine wechselvolle Geschichte. Am Ende des 6. Jh. kontrollierten die Merowinger zwar mehr oder minder das Mittelelbe-Saale-Gebiet, doch eine feste Grenze zwischen dem fränkisch-merowingischen Großreich und dem Machtbereich der ankommenden slawischen Gruppen fehlte. Friedliche Annäherung und kriegerische Handlungen wechselten sich über Jahrzehnte ab, bis anlässlich der Krise im fränkischen Reich im 7. Jh. die slawischen Siedler ihren Einfluss östlich der Saale stabilisieren konnten. Dem Drängen der slawischen Landnehmer in die Sphäre der germanischen Stämme konnte größtenteils noch im 7. Jh. gestoppt werden:

„.. die Festigung des sächsischen Stammesverbandes im Laufe des 7. und 8. Jh. im Norden und des bayerischen im Süden führte dazu, daß den slawischen Siedlern ein weiteres Vordringen nach Westen unmöglich gemacht wurde.“[8]

Allein an Mittelelbe und Saale blieb nach der Zerstörung des Thüringerreiches durch die Franken im Jahre 531 ein Machtvakuum zurück, das die Slawen zunächst füllten und damit begannen, sich westlich der Saale anzusiedeln; so etwa im Unstruttal unterhalb Nebra, im Geiseltal nahe Merseburg und im Gebiet zwischen Aschersleben, Alsleben und Bernburg.[9] Die westlichen Niederlassungen wurden jedoch im 8. Jh. in den entstehenden fränkischen Feudalstaat eingegliedert.

Hundert Jahre nach dem fränkischen Triumph siegten nun die böhmisch-mährischen Slawen unter Samo gegen fränkische Truppen bei der Wogastiburg. Die vom Frankenreich eingesetzten Thüringerherzöge konnten den Ansturm der sorbischen Siedlergruppen nur schwer abwehren. Außer einer kurzen Periode, in der sich die Sorben dem Samo-Reich angeschlossen hatten, verblieben sie die längste Zeit unter fränkischer Hegemonie.

Ab dem 8. Jh. begannen die Karolinger damit, die Donau, den Böhmerwald und die Elbe-Saale-Linie grob als politisch-staatliche Grenze gegen die slawischen Stämme zu festigen; der genaue Verlauf des Limes Sorabicus als Grenze speziell gegen die Sorben ist nicht genau überliefert, aber er „dürfte vorwiegend der Saale gefolgt sein“.[10] Diesen Status quo – unterbrochen durch sorbische Aufstände und Plünderungen in Thüringen und Sachsen im 9. Jh. – löste der sächsische König Heinrich I. (919–936) auf, indem er die Politik der Ostexpansion aufnahm und mittels kriegerischer Raubzüge sowie repressiver Staatsführung gegenüber den Slawen in den eroberten Gebieten[11] seine Herrschaft vorerst im Mittelelbe-Saale-Raum festigte und Schritt für Schritt auszudehnen versuchte. Erweiterte Heinrich I. seinen Machtbereich Richtung Osten zunächst noch dadurch, dass er slawische Stämme an Tributzahlungen band und somit abhängig machte, so verfolgte sein Sohn und Nachfolger Otto I. (936–973) das Ziel, das slawische Stammesgebiet vollständig in den frühfeudalen deutschen Staat einzugliedern. Dafür belehnte er neu errichtete Markgrafschaften östlich der Elbe und Saale und ließ dort Burgwarden bauen und mit Deutschen besetzen.[12] Um die Christianisierung der slawischen Bevölkerung voranzutreiben, gründete Otto I. neue Bistümer östlich der Elbe/Saale; jene Urkunden zur Verleihung der Rechte an diese Bistümer enthalten zudem erste slawische Orts- und Gebietsnamen.[13] Deutlich wird die ostwärts gerichtete Politik des deutschen Königs – und ab 962 auch Kaisers des Heiligen Römischen Reiches – anhand der Verlagerung des Machtzentrums des deutschen Staates von Aachen nach Magdeburg und der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum im Jahre 968.[14]

Mit der Beseitigung der politischen Organisationen der endemischen Bevölkerung wurde die autonome Entwicklung der sorbischen Stämme jäh gestoppt. Das 10. Jh. leitete nun auch auf dem sorbischen Siedlungsgebiet die hochfeudale deutsche Territorialbildung ein.[15] So bestanden dort bereits Mitte des 11. Jh. zahlreiche Feudalherrschaften, darunter die Marken Meißen und Lausitz, das Herzogtum Sachsen, die Pfalzgrafschaft Sachsen und das Erzbistum Magdeburg. Die Einsiedlung deutscher Feudalbauern, Ministerialen, Handwerker und Kaufleute wurde forciert: Für das Mittelelbegebiet wurden fränkische und flämische Bauern geworben und das Saale-Elster-Pleiße-Gebiet wurde vom Raum westlich der Saale ausgehend besiedelt.[16] Diese Förderung des Landesausbaus in den sorbischen Siedlungsbereichen sollte vor allem die deutsche Feudalmacht sichern. Schließlich entwickelte sich in den von der Zusiedlung und den deutschen Siedlungsgründungen betroffenen Gebieten das Deutsche zur dominierenden Sprache, die insbesondere als Lingua franca in Verwaltung, Kirche und Wirtschaft das Altsorbische sehr stark verdrängte.[17]

[...]


[1] Bily, Inge, Ortsnamenbuch des Mittelelbegebietes, Berlin 1996.

[2] Eichler, Ernst/Walther, Hans, Untersuchungen zur Ortsnamenkunde und Sprach- und Siedlungsgeschichte des Gebietes zwischen mittlerer Saale und Weißer Elster, Berlin 1984.

[3] Ebd., S. 7.

[4] Bily, Ortsnamenbuch, 1996, S. 12 f.

[5] Eichler/Walther, Sprach- und Siedlungsgeschichte, 1984, S. 15 ff.

[6] Herrmann, Joachim (Hrsg.), Die Slawen in Deutschland. Ein Handbuch, Berlin 1970, S. 9.

[7] Ebd., S. 8.

[8] Ebd., S. 25.

[9] Ebd., S. 29.

[10] Ebd., S. 9.

[11] Ebd., S. 280.

[12] Ebd., S. 276 ff. Im Jahre 937 wird Gero Markgraf an der mittleren Elbe und Saale, der so genannten sächsischen Ostmark. Seine Amtszeit war begleitet von zwei großen Aufständen der Slawen in den Jahren 939 und 955.

[13] Eichler/Walther, Sprach- und Siedlungsgeschichte, 1984, S. 12.

[14] Herrmann, Die Slawen in Deutschland, 1970, S. 282 f.

[15] Ebd., S. 302.

[16] Eichler/Walther, Sprach- und Siedlungsgeschichte, 1984, S. 13.

[17] Ebd., S. 14.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Bildung der altsorbischen Ortsnamen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistisches Institut - Abteilung Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Namenkunde
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V43218
ISBN (eBook)
9783638410687
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Ortsnamen, Namenkunde
Arbeit zitieren
Erik Springstein (Autor), 2005, Die Bildung der altsorbischen Ortsnamen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43218

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