Sportsucht am Beispiel des Lauf- und Ausdauersports


Hausarbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Fragestellung

2. Theorie zur Fragestellung – Das Phänomen Sportsucht
2.1 Sportsucht in der Forschung
2.2 Formen und Prävalenz
2.3 Kriterien der Sportsucht

3. Methodisches Vorgehen
3.1 Die Erhebungsmethode: Das Leitfadeninterview
3.2 Die Auswertungsmethode: Grounded Theory
3.2.1 Das Kodieren

4. Auswertung der Interviews

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

„Was bewegt die Menschen dazu, eine extrem hohe Distanz zurückzulegen und täglich Strecken zu laufen von 20 bis hin zu 100 Kilometern?“ Diese Frage stellten sich Sportmediziner und Sportwissenschaftler im Zuge der seit 1983 ständig wachsenden Zahl an Marathonteilnehmern und dem daraus resultierenden Anstieg an Marathonläufen. Blickt man nur zurück auf den Anfang der 2000er-Jahre, gab es rund 110 Marathonläufe in Deutschland. 2011 waren es schon 200 Marathonläufe, was einem Wachstum von beinahe 100% entspricht. Es folgten Triathlonwettbewerbe und immer härtere Wettkämpfe, wie zum Beispiel der Iron Man. Dieser entspricht einem Ultratriathlon, welcher sich aus 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und anschließend einem Marathon (42,195 km Laufen) zusammensetzt. Diese Wettkämpfe fordern also eine extreme Ausdauerleistung von den Teilnehmern. Bezüglich des Marathons gibt es mittlerweile sogar Varianten, die sich über ein Vielfaches der ursprünglichen Distanz hinziehen und teilweise über mehrere Tage ausgetragen werden (vgl. Alfermann/Stoll 2010, S. 341).

Was also bewegt einen Menschen dazu, sich dieser Aufgabe anzunehmen und viele Stunden dafür zu trainieren? Was hilft ihm dabei, diese Distanzen zu überwinden? Schon vor einigen Jahren wurde von Dr. William Glasser der Begriff ‚Laufsucht‘ bzw. ‚running addiction‘ als Erklärungsansatz herangezogen. Auch schrieb er das Buch „Positive Addiction“, wobei die positive Konnotation kurze Zeit später kritisiert wurde, da man anhand von Untersuchungen feststellte, dass einige verletzte oder erkrankte Sportler sogar gegen die Anordnung des Arztes weitertrainierten. Taten sie dies nicht, entwickelten sie Entzugserscheinungen, wie zum Beispiel Schlafmangel und Unwohlsein (vgl. Schack 2000, S. 124).

Die am längsten erforschte Form der Sportsucht ist die Lauf- bzw. Ausdauersucht. Ziel dabei ist es, das sogenannte „Runners High“ bzw. den „Second Wind“ zu erreichen. Diese sind rauschartige Erlebnisse, welche von Läufern beschrieben werden und zum Beispiel in einem Marathon nach etwa 32 km Laufstrecke auftreten. Das Gefühl kann auch nach einer Ausdauerbelastung auftreten und ist durch Schwerelosigkeit und ungebrochenem Glaube an die eigene Kraft gekennzeichnet. Es gibt verschiedene Hypothesen, welche dieses Phänomen zu erklären versuchen. Jedoch ist keines von ihnen allgemein gültig.

Männer und Frauen sind von einer Sportsucht unterschiedlich betroffen. Während es bei Männern eher um den Muskelaufbau geht, wollen Frauen dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Ein Sportsuchtcharakter wird beim männlichen Geschlecht zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr, bei den weiblichen Personen zwischen 15 und 25 Jahren entwickelt (vgl. Allmer et al. 2000, S. 189 f.)

Nach sorgfältiger Recherche einschlägiger Literatur konnte für die vorliegende Forschungsarbeit folgende präzise sowie realisierbare Fragestellung entwickelt werden:

„Inwiefern sind junge Frauen mit einem hohen Sportpensum gefährdet, einer Sportsucht zu verfallen?“

Um den Untersuchungsgegenstand einzugrenzen, wurden nur Frauen befragt, welche überwiegend Lauf-/Ausdauersport betreiben. Nicht berücksichtigt wurden außerdem Vollzeit-Berufssportler sowie Triathleten.

Um sich dem Thema anzunähern, wird zuerst das Phänomen der Sportsucht erläutert. Hierfür wird auf die Forschung, Formen und Prävalenz sowie auf Kriterien eingegangen, die für eine Sportsucht sprechen. Im nächsten Schritt folgt die Darstellung der Forschungsmethode, Erhebungs- und Auswertungsverfahren werden vorgestellt. In Kapitel vier dieser Arbeit werden die Interviewergebnisse dargestellt. Hierfür werden die Interviews kurz zusammengefasst und anhand der gewählten Auswertungsmethode analysiert. Zuletzt folgt das Fazit der Arbeit.

2. Theorie zur Fragestellung – Das Phänomen Sportsucht

Sport heißt, geht man seiner Bedeutungszuweisung nach, soviel wie Vergnügen und Zerstreuung. In unserer heutigen Zeit, vor allem in der westlichen Welt, verstehen unter diesem Begriff die meisten ein Synonym für körperliche Anstrengung. Um Zivilisationskrankheiten, wie zum Beispiel Fettleibigkeit oder Diabetes vorzubeugen, ist Sport beinahe unerlässlich. Doch Sport hilft nicht nur bei der Prävention von Krankheiten, sondern auch bei psychischem Stress. Regelmäßige Bewegung hat auf Körper und Geist einen positiven Effekt. Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt für Erwachsene, mindestens 150 Minuten mäßig anstrengende und möglichst ausdauernde Bewegung über die Woche verteilt auszuüben (vgl. Bundesministerium für Gesundheit 2016, S. 27).

Doch was ist, wenn das Gesunde ins Pathologische übergeht? Unsere heutige Gesellschaft ist mehr Leistungsgesellschaft denn je: höher, schneller, weiter. Dieses Prinzip gilt nicht nur in der Arbeitswelt, sondern immer häufiger auch im Sport: Der Marathonlauf als sportlich erstrebenswerte Höchstleistung wurde unlängst abgelöst von Ultra-Läufen, wie zum Beispiel dem 100 km-Lauf, welcher ohne Unterbrechung zurückzulegen ist. Als besondere Distanzsteigerung ist noch das Trans-America-Foot-Race zu nennen, welches circa 4700 km quer durch Nordamerika verläuft. Dass diese Vorhaben nichts mehr mit gesundem Sporttreiben zu tun haben, ist vorstellbar. Es braucht jedoch nicht solche Extrembeispiele, um das behandelte Phänomen der Sportsucht zu beleuchten. Sie sollen lediglich veranschaulichen, wie sich der Leistungsbegriff in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr verschiebt (vgl. Allmer 1995, S. 61).

In der Literatur findet man einige Definitionsversuche, deren Hauptaussage übereinstimmend ist.

Buchner (2016, S. 54) spricht von Sportsucht, „wenn das Betreiben des Sportes das zentrale Motiv im Leben des Betroffenen geworden ist und man nach 24 – 36 Stunden ohne sportliche Betätigung Entzugserscheinungen zeigt. Die Teilnahme am Sport beeinflusst und kontrolliert dabei jeden Aspekt des Lebens.“

Batra et. al (2014, S. 169) schreiben, „der Begriff Sport- und Bewegungssucht steht insgesamt für eine Gruppe von Verhaltensauffälligkeiten, in denen Bewegungs- und Sportaktivität signifikant mit klinisch relevanten Kriterien der Abhängigkeit oder des Missbrauchs in Verbindung zu bringen sind. Bewegung und Sport stehen somit bei den Patienten im Zusammenhang mit einer psychopathologischen Dynamik, die die körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen gefährdet.“

2.1 Sportsucht in der Forschung

Die Sportsucht ist ein Thema im immer aktueller werdenden Feld der Sportpsychologie. Sportsucht bezeichnet ein exzessives Sporttreiben, welches eine Abhängigkeit bei der betroffenen Person ausgelöst hat. Es ist eine stoffungebundene Sucht, da keine Substanzen von außen zugeführt werden, wie zum Beispiel bei der Alkoholsucht. Die Abhängigkeit wird ausgelöst durch körpereigene biochemische Veränderungen beim exzessiven Ausdauertraining, wie zum Beispiel dem Laufen (Grüsser zit. nach Beckmann/Elbe 2011, S. 149).

Seit Mitte der 1980er-Jahre bis in die Gegenwart findet sich pathologisches Sporttreiben als psychologisches Forschungsthema. Fokussiert werden größtenteils Ausdauersportarten, vor allem das Laufen. Sportsucht wurde jedoch, wie die meisten substanzungebundenen Abhängigkeiten, bisher weder in der ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) noch im DSM IV (Diagnostisches und statistisches Manual Psychischer Störungen) als eigenständige Diagnose aufgenommen. Daher ist die Sportsucht keine international anerkannte psychische Störung.

Sportsucht muss sowohl aus gesundheitspsychologischer als auch aus biopsychosozialer Perspektive heraus betrachtet werden. Sie ist demzufolge nicht allein auf ein Subsystem menschlichen Handelns zu reduzieren, wie zum Beispiel die Hormone. Auch die psychische Verfassung sowie die Persönlichkeit der betroffenen Person spielen eine erhebliche Rolle (vgl. Schipfer 2015, S. 7 ff.).

2.2 Formen und Prävalenz

Es lassen sich zwei Arten der Sportsucht unterscheiden: Die primäre und die sekundäre Sportsucht. Bei der primären Sportsucht geht es lediglich um das exzessive Sporttreiben an sich, bei der sekundären Sportsucht kann gleichzeitig eine Essstörung vorliegen. Das Training dient hier bei den Frauen vor allem dazu, Gewicht zu verlieren. Männer versuchen zwanghaft, immer mehr Muskelmasse aufzubauen. Je nachdem, welche Form der Sportsucht vorliegt, wird von Prävalenzen zwischen 1 und 25% gesprochen. Das Vorkommen der sekundären Sportsucht ist vermutlich um ein Vielfaches höher als das der primären Sportsucht. Für eine Diagnose müssen mehrere Dimensionen beachtet werden:

1) Der Zusammenhang, in welchem Sport betrieben wird (Leistungssport, Breitensport),
2) eine mögliche zugrunde liegende psychische Erkrankung,
3) der Schweregrad der Ausprägung,
4) die Beeinflussung auf andere Lebensbereiche,
5) das Ausmaß des Leidens und
6) das Ausmaß der Zwanghaftigkeit (vgl. Stoll 2017, S. 66 f.).

Ziemainz et al. (2013) unternahmen im Jahr 2013 eine Querschnittsstudie, die statistische Zusammenhänge untersuchte zwischen den Variablen Alter, Geschlecht, Sportart, Trainingshäufigkeit und -dauer, Trainingsjahre und der Gefährdung, an einer Sportsucht zu erkranken. Die Untersuchung wurde an 1089 Ausdauersportlern durchgeführt, darunter Triathleten, Läufer und Radsportler. Von diesen waren 4,5% nach dem Exercise Addiction Inventory scheinbar sportsüchtig. Vor allem jüngere Sportler und Triathleten wiesen ein erhöhtes Gefährdungspotential auf. Auch sind Athleten mit einem höheren Trainingspensum verstärkt von einer Sportsucht betroffen.

Anhand welcher Kriterien eine Sportsucht festzustellen ist, soll im folgenden Abschnitt näher erläutert werden.

2.3 Kriterien der Sportsucht

Ähnlich den substanzabhängigen Verhaltensstörungen, kann die Sportsucht anhand physiologischer, verhaltensändernden und kognitiven Symptomen untersucht werden. Diese wären die negative Beeinflussung des sozialen und beruflichen Umfelds, Zwanghaftigkeit und Entzugserscheinungen. Zudem entsteht bei den Betroffenen meist ein Kontrollverlust über die sportliche Aktivität sowie ein hoher betriebener Aufwand für diese. Negative Konsequenzen werden solange wie möglich ignoriert. Wie auch bei den substanzgebundenen Süchten entsteht bei der Sportsucht ein immer stärkeres Verlangen nach Aktivität, um den gewünschten „Kick“ zu erhalten. Die Betroffenen entwickeln also eine Toleranz und die einzige Abhilfe ist eine Dosissteigerung.

Die wichtigsten Kriterien, welche für eine Sportsucht sprechen, sind die Folgenden:

1) Ausdauersüchtige Sportler sind oft nicht durch ihre Lust motiviert, sondern verspüren einen Zwang, die Sporteinheit erledigen zu müssen.
2) Sport betreiben ist das höchste und wichtigste Ziel. Der Alltag wird an den Sport angepasst.
3) Kann Ausdauersport nicht betrieben werden, treten starke psychophysiologische Entzugserscheinungen auf (z.B. starke Gereiztheit und Nervosität).
4) Körperliche Überlastungssignale, wie beispielswiese Schmerzen oder totale Übermüdung, werden ignoriert. Folgen können Verletzungen und sogar Todesfälle sein.
5) Abkapselung von dem sozialen Umfeld (Vernachlässigung von Familie und Freunden) und/oder Verbindung mit Gleichgesinnten.
6) Es wird ein immer höheres Sportpensum verlangt, um ausgelastet zu sein.

Es ist davon auszugehen, dass einer Sportsuchtphase immer eine Sportbindungsphase vorausgeht. Das heißt, die jeweilige Person war schon immer sportlich aktiv, jedoch anfangs ohne Suchtcharakter. Dieser wird in vielen Fällen durch ein kritisches Lebensereignis mit einer starken Kontrollverlusterfahrung ausgelöst. Durch Sport wird dieser Kontrollverlust kompensiert, da eine Kontrollerfahrung hervorgerufen wird (vgl. Ziemainz et al. 2013, S. 58 f.).

3. Methodisches Vorgehen

In diesem Abschnitt werden die Forschungsmethoden zur Beantwortung der Fragestellung „Inwiefern sind junge Frauen mit einem hohen Sportpensum gefährdet, einer Sportsucht zu verfallen“? vorgestellt und begründet. Hier wird zuerst auf die Erhebungsmethode, das Leitfadeninterview, eingegangen und danach die Auswertungsmethode Grounded Theory vorgestellt.

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Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sportsucht am Beispiel des Lauf- und Ausdauersports
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V432213
ISBN (eBook)
9783668747609
ISBN (Buch)
9783668747616
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Forschungsarbeit, Sportsucht Ausdauersport Kodieren Qualitative Inhaltsanalyse
Arbeit zitieren
Lisa Fuchs (Autor), 2018, Sportsucht am Beispiel des Lauf- und Ausdauersports, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432213

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