Um dem Phänomen des Whistleblowings auf den Grund zu gehen und zu verstehen, wie es zur Entscheidung zum Hinweisgeben kommt, soll sich diese Arbeit in fünf Abschnitte gliedern. Zunächst sollen wesentliche Begriffsbestimmungen, Kategorisierungen und kriminalpolitische Ziele des Whistleblowings dargestellt werden (unter B.). Sodann soll ein kurzer Überblick über die rechtliche Situation (unter C.) und eine quantitative Abfrage der Verbreitung und der Wirksamkeit von Hinweisgebersystemen (unter D.) folgen. Auf dieser Grundlage soll zuletzt in qualitativer Hinsicht ein ausführliches Prozessmodell (unter E.) mit seinen Konsequenzen für die kriminalpolitische Debatte (unter F.) dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Whistleblowing als rechtspolitisches Instrument
I. Begriffsbestimmung
II. Kategorisierung von Whistleblowing
1. Internes Whistleblowing
a) Einordnung in ein Compliance Management System
b) Interesse des Staates
c) Interesse des Unternehmens
2. Externes Whistleblowing
3. Exkurs: Ineffizienz der Doppelstrategie
C. Rechtliche Situation
D. Reichweite und Wirksamkeit von Whistleblowing-Systemen
I. Interne Whistleblowing-Systeme
II. Externe Whistleblowing-Systeme
E. Whistleblowing im Verlaufsmodell
1. Objektiver Verlauf
a) Wahrnehmung des Initialmissstandes
b) Initialmissstandsbezogene Ersthandlung
c) Interne Erst- oder Folgemitteilungen
d) Externe Erst- oder Folgemitteilungen
2. Subjektiver Verlauf
a) Situationsdynamik
aa) Wahrnehmungs- und Bewertungsphase
bb) Missstandsbezogene Ersthandlung
cc) Interne Erst- oder Folgemitteilung
dd) Externe Erst- und Folgemitteilung
b) Persönlichkeitsebene
aa) Allgemeine Tendenzen
bb) Whistleblowingfördernde Eigenschaften
c) Organisationsebene
F. Zusammenfassung und kriminalpolitische Konsequenzen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Whistleblowing als einen komplexen, individuellen Prozess im wirtschaftsstrafrechtlichen Kontext, um die Effektivität und strukturellen Probleme aktueller Hinweisgebersysteme zu bewerten. Die zentrale Forschungsfrage befasst sich dabei mit den Einflussfaktoren, die den Entschluss zum Hinweisgeben bestimmen, sowie der Frage, wie die Diskrepanz zwischen internen und externen Meldewegen kriminalpolitisch adressiert werden kann.
- Grundlagen und Definition von Whistleblowing
- Differenzierung zwischen internen und externen Whistleblowing-Systemen
- Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen und Sanktionsrisiken
- Untersuchung des objektiven und subjektiven Verlaufsmodells von Whistleblowing-Prozessen
- Kritische Würdigung der kriminalpolitischen Konsequenzen und Anreizstrukturen
Auszug aus dem Buch
1. Objektiver Verlauf
Auch wenn es sich bei dem Whistleblowing um einen individuellen Prozess handelt, wird anhand des objektiven Verlaufsmodells zunächst versucht, einen phänotypischen Kausalverlauf aufzustellen. Ein solcher lässt sich als „einzelfallabhängiger, progredienter Aktions-/Reaktions-Prozess“ beschreiben. Dieser Prozess verläuft in einer Spirale zwischen sich steigerndem Mitteilungsverhalten (Aktionen) und sich steigerndem Repressionsverhalten durch die Kollegen oder höhere Hierarchieebenen (Reaktionen). Im Folgenden werden die einzelnen Phasen dargestellt.
a) Wahrnehmung des Initialmissstandes
Die erste Phase des Whistleblowing-Prozesses stellt die Wahrnehmung des Initialmissstandes dar. Diese kann durch einen eindimensionalen punktuellen Wahrnehmungsakt stattfinden, wenn die Missstandsstruktur simpel gelagert ist. Sie kann sich aber auch bei komplexeren Missstandskonstellationen als fortlaufender Wahrnehmungsprozess zeigen, der sich in Abhängigkeit von der Komplexität des Missstandes und der Bereitschaft zur Eigenermittlung gestaltet.
b) Initialmissstandsbezogene Ersthandlung
Die zweite Phase beschreibt die initialmissstandsbezogene Ersthandlung. Sie kann durch Nachforschungshandlungen, Gespräche mit den Verantwortlichen oder Gespräche mit dem direkten Vorgesetzten dargestellt werden. Wesentlich ist, dass sie alle unter der Schwelle eines internen Whistleblowings bleiben. In dieser Phase strebt der Missstandsaufdecker zumeist nach einer konsensorientierten Lösung, die informell und unkompliziert den Initialmissstand beseitigen soll. Gleichsam kann diese Phase der Beginn des „sozialdynamischen Repressionsverlaufes“ sein, wenn die Reaktion auf die Ersthandlung für den Handelnden unbefriedigend ist und es zu Verharmlosungen des Missstandes, vorgeschobenen bis taktischen Abhilfezusagen oder gar feindseligen Erwiderungen, kommt.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik des Whistleblowings ein, erläutert dessen Bedeutung im Wirtschaftsstrafrecht und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
B. Whistleblowing als rechtspolitisches Instrument: Dieses Kapitel definiert Whistleblowing, kategorisiert es in interne und externe Formen und beleuchtet die Interessen von Staat und Unternehmen.
C. Rechtliche Situation: Hier wird die rechtliche Ausgangslage in Deutschland dargelegt, insbesondere im Hinblick auf arbeitsrechtliche Loyalitätspflichten und strafrechtliche Risiken.
D. Reichweite und Wirksamkeit von Whistleblowing-Systemen: Dieses Kapitel analysiert quantitativ die Verbreitung und Effektivität von internen und externen Hinweisgebersystemen.
E. Whistleblowing im Verlaufsmodell: Der Hauptteil beschreibt Whistleblowing als dynamischen Prozess, unterteilt in objektive Verlaufsphasen und subjektive Einflussfaktoren auf der Situations-, Persönlichkeits- und Organisationsebene.
F. Zusammenfassung und kriminalpolitische Konsequenzen: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert kritisch potenzielle kriminalpolitische Ansätze wie finanzielle Anreize oder eine verbesserte rechtliche Absicherung.
Schlüsselwörter
Whistleblowing, Hinweisgeber, Wirtschaftsstrafrecht, Compliance, Compliance Management System, Prozessmodell, Aktions-Reaktions-Prozess, Repressionsspirale, internes Whistleblowing, externes Whistleblowing, Kriminalprävention, Rechtsgüterschutz, Geheimnisverrat, Hinweisgebersysteme, Kriminologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die kriminologische Analyse von Whistleblowing als Prozess, insbesondere im Kontext von Wirtschaftsstrafdelikten und der Rolle von Hinweisgebersystemen in Unternehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Definition und Kategorisierung von Whistleblowing, die rechtliche Situation, die Wirksamkeit von Meldewegen sowie die Faktoren, die einen Hinweisgeber zu seinem Handeln bewegen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Whistleblowing als individuellen, dynamischen Prozess zu verstehen und zu evaluieren, warum die angestrebte Komplementarität von internen und externen Whistleblowing-Systemen in der Praxis oft ineffizient bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer kriminologischen Analyse, die Literaturrecherche mit der Anwendung und Interpretation bestehender theoretischer Verlaufsmodelle kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine quantitative Bestandsaufnahme der Wirksamkeit von Systemen sowie eine detaillierte qualitative Untersuchung eines Verlaufsmodells, welches Phasen und Faktoren (Situations-, Persönlichkeits- und Organisationsebene) des Whistleblowings aufzeigt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Hinweisgeber, Compliance, Wirtschaftsstrafrecht, Repressionsspirale und Verlaufsmodell charakterisiert.
Warum ist die "Doppelstrategie" laut Autor ineffizient?
Der Autor argumentiert, dass interne Whistleblowing-Systeme häufig dazu genutzt werden, Missstände unternehmensintern zu halten, um Haftung und Reputationsschäden zu vermeiden, statt sie zur staatlichen Strafverfolgung weiterzuleiten, was dem Ziel der externen Aufdeckung entgegensteht.
Welche Rolle spielt die "Repressionsspirale" für den Whistleblower?
Die Repressionsspirale beschreibt den Prozess, in dem auf Mitteilungen eines Hinweisgebers durch das Unternehmen oder Kollegen mit Repressionen reagiert wird. Dies führt dazu, dass der ursprüngliche Missstand in den Hintergrund treten kann und der Schutz der eigenen Integrität vor der Unterdrückung für den Whistleblower dominant wird.
- Arbeit zitieren
- Maximilian Nussbaum (Autor:in), 2017, Whistleblowing im wirtschaftsstrafrechtlichen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432696