Wege aus der Jugendkriminalität. Wie profitiert die Jugendhilfe von der Resilienzforschung?


Fachbuch, 2018
81 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitende Gedanken

2 Resilienz
2.1 Resilienz – eine Begriffsbestimmung
2.2 Resilienz als variable Größe
2.3 Kompetenz-und ressourcenorientierte Resilienzforschung

3 Der Zusammenhang von Resilienz mit anderen Konstrukten

4 Modelle von Resilienz: Das Zusammenwirken von Risiko- und Schutzfaktoren
4.1 Das Risikofaktorenmodell
4.2 Das Schutzfaktorenkonzept

5 Modelle von Resilienz
5.1 Das Kompensationsmodell
5.2 Das Herausforderungsmodell
5.3 Das Interaktionsmodell
5.4 Das Kumulationsmodell
5.5 Rahmenmodell von Resilienz

6 Empirische Forschungsbefunde aus dem Bereich der Risiko-und Resilienzforschung
6.1 Die Kauai-Längsschnittstudie
6.2 Die Mannheimer Risikokinderstudie
6.3 Die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie

7 Zusammenfassung der Ergebnisse der empirischen Studien
7.1 Personale Ressourcen
7.2 Soziale Ressourcen

8 Exkurs: Resilienz und die Bedeutung der Bindungstheorie

9 Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse

10 Desistance from Crime – Abkehr von Kriminalität
10.1 Delinquenz im Jugendalter
10.2 Mehrfach auffällige Jugendliche

11 Desistance im Fokus kriminologischer Forschung
11.1 Theorien und Modelle der Desistanceforschung

12 Zusammenfassung der bisherigen Erkenntnisse

13 Empirische Erkenntnisse aus dem deutschsprachigen Raum
13.1 Leistungsbereich
13.2 Soziale Interaktionen

14 Diskussion
14.1 Zum Verhältnis von Resilienz-und Desistanceforschung
14.2 Die Aufgaben der Jugendhilfe im Strafverfahren
14.3 Erkenntnisse für die Jugendhilfe im Strafverfahren

15 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Exemplarische Auswahl an risikoerhöhenden Bedingungen

1 Einleitende Gedanken

Als Student der Sozialen Arbeit im Arbeitsfeld der Jugendhilfe im Strafverfahren habe ich während meiner Praxisphasen täglich mit Jugendlichen zu tun, die abweichendes Verhalten zeigen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass insbesondere Jugendliche häufiger straffällig werden als Erwachsene (vgl. Scherr 2018, S. 17), weshalb sich in diesem Zusammenhang die Frage stellt, welche Gründe für die weite Verbreitung von Kriminalität gerade bei Jugendlichen vorliegen. In dieser Arbeit liegt der Betrachtungsschwerpunkt auf jungen, mehrfach auffälligen Jugendlichen, deren Lebenssituationen vor allem durch individuelle und soziale Defizite gekennzeichnet sind. Diese Jugendlichen haben in der Regel bereits früh Auffälligkeiten gezeigt, sind konfrontiert mit familiären Problemen und leben meist in materiellen Notlagen. Weiterhin erfahren sie soziale Ausgrenzung, die aufgrund fehlender schulischer Abschlüsse und beruflicher Ausbildungen in der Regel durch subjektive und objektive Chancen-und Perspektivlosigkeit bedingt wird. Oftmals ergeben sich persönliche Probleme durch Drogenkonsum oder Alkoholmissbrauch. (vgl. Steffen 2009, S. 93) Nicht ausschließlich, aber gehäuft, nehmen diese Jugendlichen die Leistungen der Jugendhilfe im Strafverfahren wahr. In der täglichen Auseinandersetzung mit dieser Klientel stellt sich mir als Vertreter der Jugendhilfe im Strafverfahren die Frage, inwiefern im Rahmen der strukturell gegebenen Möglichkeiten unterstützend agiert werden kann. Vor diesem Hintergrund hilft das Wissen über die Jugend als „biologisch bedingte Phase der individuellen körperlichen und seelischen Entwicklung“ (Scherr 2018, S. 17). Somit liegt der Schluss nahe, dass die Tendenz zu abweichendem Verhalten auf nicht bewältigbare Entwicklungskrisen und Entwicklungsprobleme zurückzuführen ist (vgl. ebd., S. 17). Jugendliche haben in dieser Phase der erhöhten Verletzlichkeit einen besonderen Unterstützungsbedarf. Es geht darum, diesen Jugendlichen eigene Stärken und Ressourcen aufzuzeigen, um schwierige Bedingungen erfolgreich meistern zu können. Im Rahmen dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie die Jugendhilfe im Strafverfahren jungen, mehrfach auffälligen Menschen helfen kann, mit widrigen Lebensbedingungen umzugehen und nachhaltig Abstand von Kriminalität zu nehmen. Dafür werden zwei Forschungszweige näher beleuchtet, die diesbezüglich Antworten liefern können. Zum einen sehe ich in der Resilienzforschung die Chance, Bewältigungs-und Belastungsressourcen bei Jugendlichen aufzudecken und sie gewinnbringend zu erschließen (vgl. Silkenbeumer 2011, S. 625). Um das Phänomen Resilienz hinsichtlich des Bereichs der Jugenddelinquenz zu untersuchen, erscheint es notwendig, vorerst ein Grundverständnis darüber zu erlangen. Der erste Teil der vorliegenden Arbeit wird sich daher mit den Grundlagen der Resilienzforschung beschäftigen. Dabei werden alle grundlegenden Aspekte, die zum Erfassen des Themas wichtig sind, erwähnt. Obwohl unter Resilienz in der Literatur schwerpunktmäßig die kindliche psychische Widerstandsfähigkeit gemeint ist (vgl. Wustmann 2004, S. 22) und die Förderung von Resilienz vornehmlich mit Blick auf das Kindesalter diskutiert wird (vgl. Silkenbeumer 2011, S. 612) spielt ebenso die erfolgreiche Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter eine Rolle. Es ist dennoch wichtig, die Ausbildung von Resilienz bereits in der Kindheit zu verorten, denn der Grundstein für eine positive Entwicklung wird bereits in frühen Jahren gelegt. Die Ausbildung von Resilienz wird somit zu einem zentralen Bestandteil von Bildungs-und Erziehungsprozessen, wodurch die Entwicklung von Kindern zu gesunden, selbstsicheren und kompetenten Persönlichkeiten angestrebt wird. (vgl. Wustmann 2004, S. 10 f. nach Fthenakis 2004) Aus diesem Grund erscheint der Exkurs zur Bindungstheorie unausweichlich, denn es konnte festgestellt werden, dass eine sichere Bindung bedeutend für eine optimale Lebensbewältigung und die psychische Gesundheit ist, was sich wiederum positiv auf spätere Phasen der Entwicklung auswirkt (vgl. Bowlby 2014, S.99).

Sich dem Begriff der Resilienz anzunähern ist mitunter nicht leicht. In der Fachwelt kursieren mehrere Definitionsmöglichkeiten, wobei anzumerken ist, dass es eine einheitliche Definition von Resilienz nicht gibt, da diese von jeder Profession individuell ausgelegt wird. Insbesondere fehlen bis heute eine einheitliche Terminologie und ein gemeinsamer methodischer Zugang, um Resilienz definieren und erfassen zu können, was vor allem an der Komplexität des Begriffs liegt. (vgl. Diers 2016, S. 50 nach Luthar et al. 2000) Resilienz kann entweder als die Abwesenheit psychischer Störungen bezeichnet werden, als eine gelungene Bewältigung altersspezifischer Entwicklungsaufgaben oder anhand von Kompetenzkriterien definiert werden. Ebenso kann Resilienz als das reine Überleben verstanden werden oder alle Kriterien werden bei einer Begriffsbestimmung mit einbezogen. (vgl. Wustmann 2005, S. 202) Das Vorliegen unterschiedlichster Begriffsbestimmungen zeigt die Uneinheitlichkeit innerhalb der Resilienzforschung deutlich auf. So lässt sich feststellen, dass keine einheitliche Operationalisierung vorliegt, keine von Alter, Geschlecht und Kultur unverfälschte Definition hinsichtlich einer erfolgreichen Bewältigung von resilienten Personen, keine übereinstimmenden Definitionen eines schützenden Umfelds sowie keine Übereinstimmung bei den primären Eigenschaften von resilienten Personen. (vgl. Diers 2016, S. 51 nach Kumpfer 1999) Im Folgenden werde ich mich an denjenigen Autorinnen und Autoren orientieren, die der entwicklungspsychologischen Perspektive von Resilienz gerecht werden und den dynamischen und kompensatorischen Prozess hinsichtlich einer gelungenen Adaption bei ungünstigen Entwicklungsbedingungen betonen und Resilienz als ein multidimensionales Gefüge betrachten. Im deutschsprachigen Raum ist insbesondere die Begriffsbestimmung von Wustmann allgemein anerkannt, die sowohl externale als auch internale Kriterien in eine Definition von Resilienz mit einfließen lässt. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 9 ff.)

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit einem neueren Forschungszweig der Kriminologie, der bislang in Deutschland wenig verbreitet ist und dessen Ursprung im angloamerikanischen Raum anzusiedeln ist: Der Desistance from Crime (vgl. Hofinger 2012, S. 1). Dieser Ansatz beschäftigt sich mit Bedingungen des Ausstiegs aus Kriminalität (vgl. Schumann 2018, S. 274). In diesem Teil der Arbeit werden der aktuelle Forschungsstand von Desistance dargelegt und die wichtigsten Theorien und Modelle von Desistance beschrieben. Auch hierbei gestaltet sich eine genaue Begriffsbestimmung schwierig, da eine direkte Übersetzung nicht existiert und es an einer einheitlichen Definition mangelt. (vgl. Hofinger 2012, S. 1) Anhand mehrerer empirischer Erkenntnisse konnten Faktoren identifiziert werden, die einen Ausstieg aus der Kriminalität begünstigen. Im deutschsprachigen Raum sind hierbei insbesondere die Tübinger MehrfachtäterStudie Wege aus schwerer Jugendkriminalität/Wege in die Unauffälligkeit von Stelly und Thomas anzuführen sowie eine Längsschnittstudie von Zdun und Scholl, die primär die Bedeutung von Freundschaften und Partnerschaften für den Desistance-Prozess hervorhebt. Faktoren, die den Ausstieg aus der Kriminalität unterstützen, werden im Rahmen dieser Arbeit hauptsächlich anhand der Ergebnisse dieser zwei Längsschnittstudien herausgefiltert. Da Mehrfachauffälligkeit primär bei jungen Männern auftritt (vgl. Silkenbeumer 2018, S. 377) wurden Studien ausgewählt, die ausschließlich männliche Jugendliche und männliche Heranwachsende in den Mittelpunkt ihrer Forschung stellen. Im Vorfeld erscheint es jedoch wichtig, das Phänomen der Jugenddelinquenz nochmals genauer zu beschreiben und die Gruppe der mehrfach auffälligen Jugendlichen zu klassifizieren, die zwangsweise von der Gruppe Jugendlicher abgegrenzt werden muss, bei denen Delinquenz im Lebenslauf einmalig oder geringfügig öfter auftritt, jedoch von alleine wieder verschwindet (vgl. Silkenbeumer 2011, S. 613).

Im dritten Teil der Arbeit werden die beschriebenen Forschungszweige zusammengeführt. Es geht vor allem darum, zu beschreiben, welche Rolle Resilienz und Desistance innerhalb der Arbeit der Jugendhilfe im Strafverfahren einnehmen können und inwieweit sie genutzt werden können, um delinquenten, mehrfach auffälligen Jugendlichen einen Ausweg aus der Kriminalität zu eröffnen. Dafür werden die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Resilienz und Desistance sowie die Aufgaben der Jugendhilfe im Strafverfahren nochmals beschrieben. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Fragen der Straffälligkeit im Sinne der Ganzheitlichkeit behandelt werden müssen. Während Institutionen der Justiz Rechtsbeziehungen und punktuelle Ereignisse in den Fokus stellen und anhand zurückliegender Geschehnisse entscheiden, stellt die Jugendhilfe im Strafverfahren zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten der Jugendlichen und deren soziales Umfeld in den Mittelpunkt. Es geht darum, gemeinsam einen Veränderungsprozess anzustreben und die verfügbaren Ressourcen bestmöglich zu nutzen. (vgl. Trenczek 2018, S. 413) Straffälligkeit bezieht sich sowohl auf die aktuellen Lebenslagen, als auch auf den Lebenslauf und die Biographie. Dieser LebenslaufAnsatz hat sich innerhalb der kriminologischen Forschung als produktiv erwiesen. (vgl. Matt 2014, S. 75) In diesem Sinne ergeben sich Betrachtungsweisen, die danach fragen, aus welchen Lebenssituationen Straffälligkeit heraus entsteht und welche Bedingungen Straffälligkeit begünstigen, aber auch wie es zu einer Verfestigung von Straffälligkeit kommt und wie sich Lebenslagen verändern müssen, damit eine Beendigung von Straffälligkeit eintreten kann. (vgl. ebd., S. 75) Sowohl die Resilienz-als auch die Desistanceforschung können diesbezüglich Antworten geben und mit ihren Erkenntnissen dazu beitragen, innerhalb der Jugendhilfe im Strafverfahren in optimierter Weise mit mehrfach auffälligen Jugendlichen umzugehen. Dies liegt insbesondere daran, dass beide Forschungszweige den Fokus auf das Individuum legen und ihre Thematik als dynamische und aktive Prozess verstehen, die den Schwerpunkt auf die Stärken der betroffenen Menschen und positive Ereignisse legen. (vgl. Hofinger 2012, S. 23 nach Fitzpatrick 2011) Insofern ergänzen sich beide Forschungszweige, wobei Resilienz meiner Ansicht nach Bausteine dafür legen kann, erfolgreich von Kriminalität Abstand zu nehmen. Aus diesem Grund wird dem Thema Resilienz in dieser Arbeit etwas mehr Raum zugesprochen.

2 Resilienz

Der Umstand, dass sich einige Kinder und Jugendliche trotz belastender Lebensumstände positiv entwickeln, wird unter dem Begriff der Resilienz diskutiert. In Bezug auf delinquente Jugendliche und die Arbeit innerhalb der Jugendhilfe im Strafverfahren sind die Ergebnisse der Resilienzforschung von Bedeutung, denn mit Hilfe dieser Erkenntnisse können Anhaltspunkte dafür geliefert werden, welche Unterstützung und welche Fähigkeiten Menschen bereits in früher Kindheit benötigen, um sich trotz schwieriger Lebensbedingungen gesund und positiv entwickeln können. Es geht primär darum, Resilienz bei Kindern und Jugendlichen auszubilden, um ihnen bessere Möglichkeiten zu bieten, kommende Krisen erfolgreich bewältigen zu können und sich somit schrittweise positiv zu entwickeln.

2.1 Resilienz – eine Begriffsbestimmung

Die englische Übersetzung des Begriffs Resilienz meint im Gegensatz zur lateinischen Übersetzung (resilire: abprallen oder zurückspringen) Widerstandskraft oder Belastbarkeit. Damit ist allgemein die Fähigkeit gemeint, mit belastenden Lebensumständen, wie Unglücken, traumatischen Erfahrungen, Misserfolgen oder Risikobedingungen und negativen stressbedingten Folgen umzugehen. (vgl. Wustmann 2005 nach Rutter 2001) Gabriel beschreibt Resilienz als „die menschliche Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Lebensumständen“ (Gabriel 2005, S. 207) und meint damit genauer den Prozess, die Fähigkeit oder das Ergebnis einer gelungenen Bewältigung belastender Lebensverhältnisse (vgl. ebd., S. 207 nach Masten et al. 1990). Wustmann definiert Resilienz differenzierter als eine psychische Widerstandfähigkeit in Bezug auf Kinder, gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungskrisen (vgl. Wustmann 2004, S. 18). Somit sind laut Wustmann zwei wesentliche Bedingungen an die Bedeutung von Resilienz geknüpft: Zum einen eine bedeutende Bedrohung für die kindliche Entwicklung und zum anderen eine erfolgreiche Bewältigung genau dieser belastenden Lebensumstände. (vgl. ebd., S. 18) Allerdings ist es laut Wustmann wichtig, ein hohes Maß an Selbstvertrauen, Lernbereitschaft und Sozialkompetenz bei Kindern nicht per se als Resilienz zu deuten, vielmehr werden Kinder als resilient bezeichnet, wenn sie in Anbetracht ihrer Lebensumstände eine besondere Bewältigungsleistung erbracht und sich diesen Beeinträchtigungen zum Trotz dennoch positiv entwickelt haben. Wustmann konkretisiert genauer, dass es einem (psychisch) widerstandsfähigen Kind gelinge, „Entwicklungsrisiken weitestgehend zu vermindern und sich gleichzeitig gesundheitsförderliche Kompetenzen anzueignen“ (ebd., S. 30 zitiert nach Laucht et al. 2000).

Abzugrenzen ist Resilienz als positiver Gegenbegriff von der Vulnerabilität, womit Verwundbarkeit oder Verletzlichkeit gemeint sind (vgl. Gabriel 2005, S. 107). Diese Vulnerabilität bezieht sich auf die Prädisposition eines Kindes, „unter Einfluss von Risikobelastungen verschiedene Formen von Erlebens-und Verhaltensstörungen zu entwickeln“ (Wustmann 2004, S. 22).

2.2 Resilienz als variable Größe

Zu Beginn der Resilienzforschung gegen Ende der 1970er Jahre wurde ursprünglich die Annahme vertreten, dass die Fähigkeit zur Resilienz angeboren sei und einen universellen und allgemeingültigen Charakter innehabe (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 11). Die aktuelle Forschung jedoch geht aufgrund verschiedener Studienergebnisse davon aus, dass Resilienz als eine „variable Größe“ (Wustmann 2004, S. 30) bezeichnet werden muss, was bedeutet, dass sie keineswegs eine starre und stabile Einheit darstellt, die eine gleichbleibende Invulnerabilität oder Unverletzlichkeit garantiert. Vielmehr ist zu beachten, dass es sich bei Resilienz um eine relative Widerstandfähigkeit gegenüber krisenhaften Lebensereignissen und Situationen handelt, die in unterschiedlichem Maße mit jeder menschlichen Entwicklung verbunden ist, weshalb es nach Gabriel eine absolute Unverletzlichkeit nicht geben kann. Aus diesem Grund wurde der Begriff der Invulnerabilität in der neueren Diskussion durch den Begriff der Resilienz ersetzt. (vgl. Gabriel 2005, S. 207) Resilienz kann also folglich als eine „relationale Invulnerabilität im Sinne einer relativen Widerstandsfähigkeit gegenüber krisenhaften Situationen und Lebensereignissen“ (ebd., S. 207) bezeichnet werden, wobei diese relative Widerstandsfähigkeit zeitlich und räumlich verändert werden kann und somit kein statisches Persönlichkeitsmerkmal darstellt. (vgl. ebd., S. 207 nach Werner & Smith 2001) Resilienz entwickelt sich im Rahmen eines Interaktionsprozesses zwischen Individuum und Umwelt (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 10 nach Lösel & Bender 2008) und ist somit ein „dynamischer Anpassungs-und Entwicklungsprozess“ (Wustmann 2004, S. 28). Die Frage, wie sich Resilienz verändert, ist wiederum abhängig von den Erfahrungen und von den bisher bewältigten Ereignissen während der Lebensphase. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 10) Nach heutigem Forschungsstand bedeutet Resilienz nicht, dass eine stabile Immunität gegenüber schwierigen Lebensumständen und psychischen Störungen gewährleistet ist, vielmehr handelt es sich um ein Konstrukt, dass über Zeit und Situationen hinweg veränderbar ist (vgl. Wustmann 2004, S. 30 nach Rutter 2000; Waller 2001). Es ist durchaus möglich, dass durch negative Lebensereignisse-oder Umstände kurzfristige, temporäre Entwicklungsverzögerungen oder emotionale Probleme bei resilienten Kindern auftreten (vgl. ebd., S. 30 nach Rutter 1985). Ebenso kann sich die Fähigkeit in der Entwicklung verändern, mit Risikobedingungen erfolgreich umzugehen (vgl. ebd., S. 30 nach Scheithauer et al. 2000), so dass sich neue Vulnerabilitäten und neue Ressourcen im Verlauf der Entwicklung und in akuten Stressepisoden herausbilden. (vgl. Wustmann 2004, S. 30 nach Masten & Coatsworth 1998) So kann es kommen, dass Kinder zu bestimmten Zeitpunkten resilient sind, zu anderen Zeitpunkten jedoch, abhängig von anderen Risikoeinflüssen, verletzlicher erscheinen. (vgl. ebd., S. 30)

2.3 Kompetenz-und ressourcenorientierte Resilienzforschung

Innerhalb der Resilienzforschung gilt es herauszufinden, welche Bedingungen vorherrschen müssen, um eine psychische Gesundheit und Stabilität von Kindern zu gewährleisten, die besonderen Entwicklungsrisiken ausgesetzt sind. Innerhalb des ResilienzParadigmas wird Abkehr genommen von dem traditionellen defizitären Ansatz. Im Fokus steht nunmehr ein Kompetenz-und Ressourcenorientierung. (vgl. Wustmann 2005, S. 192) Grundlage der Resilienzforschung sind Menschen, die ihr Leben aktiv gestalten und bewältigen und mit Hilfe sozialer Unterstützung dazu in der Lage sind, mit den gegebenen Situationen umzugehen. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Kompetenzen und die Ressourcen des Individuums, die genutzt werden, um risikobehaftete Situationen zu meistern (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 12). WelterEnderlin versteht unter Resilienz die Fähigkeit, Krisen zu meistern, indem dabei auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zurückgegriffen wird, welche als Anlass für Entwicklung genutzt werden können. (vgl. WelterEnderlin 2006, S. 13) Dieser Betrachtungsweise von Resilienz folgend, spielen Erziehung, Bildung, Familie und soziale Netzwerke eine maßgebliche Rolle bei der Ausbildung von Resilienz (vgl. Gabriel 2005, S. 213), was zur Annahme führt, dass Ressourcen nicht nur auf individueller Ebene bedeutend sind, sondern dass zum Beispiel emotionale und stabile Bindungen ebenfalls wichtig für eine gesunde Entwicklung sind. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 11) Es darf demnach nicht von einer zu eng definierten Betrachtungsweise von Resilienz ausgegangen werden, vielmehr spielen mehrere Faktoren – biologische, psychologische sowie psychosoziale eine tragende Rolle. (vgl. ebd., S. 11) Eine zu enge Definition von Resilienz erscheint vor diesem Hintergrund wenig sinnvoll, da es ebenso zu Anpassungsleistungen in nur einzelnen Bereichen kommen kann. (vgl. Diers 2016, S. 51 nach Luthar et al. 2000)

Es lässt sich demnach festhalten, dass Resilienz als multidimensional, kontextabhängig und prozessorientiert betrachtet werden muss. Es handelt sich um ein „hochkomplexes Zusammenspiel aus Merkmalen des Kindes und seiner Lebensumwelt“ (Wustmann 2004, S. 32) Jeder Mensch unterscheidet sich in seiner Fähigkeit zur Belastungsregulation aufgrund von konstitutionellen, erlernten oder sonstigen verfügbaren Ressourcen. (vgl. ebd., S. 32 nach Bender & Lösel 1998) Es ist folglich unerlässlich, das Phänomen der Resilienz im Sinne eines multikausalen Entwicklungsmodells zu begreifen, da es auf unterschiedlichsten interagierenden Faktoren beruht. (vgl. Wustmann 2004, S. 33 nach Walsh 1998) In diesem Zusammenhang ist in erweitertem Sinne zu erwähnen, dass Resilienz aufgrund ihrer Komplexität einen Zusammenhang zu anderen Konstrukten aufweist.

3 Der Zusammenhang von Resilienz mit anderen Konstrukten

Resilienz hängt eng mit anderen Konstrukten zusammen (vgl. Henninger 2016, S. 160). Dazu gehören insbesondere (1)Gesundheit, (2)Koheränzgefühl, (3)Neutrozismus und emotionale Stabilität, (4)Emotionen, (5)Hoffnung sowie (6)Religiosität. Die (1)Gesundheit spielt in der Resilienzforschung eine tragende Rolle. In Anlehnung an das Konzept der Salutogenese von Antonovsky beschäftigt sich die Resilienzforschung mit der Frage, welche Faktoren dazu beitragen, dass Menschen gesund bleiben. Vor allem in der klinischen Psychologie und der Entwicklungspsychologie wird untersucht, wie eine psychisch vorteilhafte Entwicklung gewährleistet werden kann. In diesem Zusammenhang ist das (2)Koheränzgefühl zu erwähnen, welches sich auf das Vertrauen bezieht, dass eine Situation verstehbar, handhabbar und sinnhaft ist. Sobald dieses Gefühl von Stimmigkeit vorliegt, hilft das gewonnene Vertrauen Menschen, die körperliche und seelische Gesundheit zu bewahren. In der Literatur wird das Koheränzgefühl oftmals mit Resilienz in Verbindung gebracht (vgl. Kapitel 7.1). Weiterhin spielen (3)Neutrozismus und emotionale Stabilität eine Rolle in Bezug auf Resilienz. Henninger hält fest, dass es einen ausgeprägten negativen Zusammenhang zwischen Resilienz und Neutrozismus, also emotionaler Instabilität, gebe (vgl. Henninger 2016, S. 160 nach Friborg et al. 2005). Im Gegenzug wirkt sich emotionale Stabilität positiv in Bezug auf Stresstoleranz und dem Nichtauftreten von Vulnerabilität aus. Zudem ist festzuhalten, dass Resilienz mit (4)Emotionen zusammenhängt. Positive Emotionen sind wichtig für den Rückgriff auf bestehende Ressourcen und bei der Stressbewältigung. (vgl. ebd., S. 160) Weiterhin lässt sich ein Zusammenhang zwischen Hoffnung und Resilienz herstellen, da Hoffnung zu mehr positiven Emotionen führt, was sich wiederum positiv auf die Stressbewältigung auswirkt. (vgl. ebd., S. 160 nach Ong et al. 2006a) Zuletzt konnte nachgewiesen werden, dass Religiosität in Verbindung mit der Akzeptanz des Todes und dem Glauben an eine gerechte Welt bei chronischem Trauerschmerz eng mit Resilienz zusammenhängt. In diesem Kontext kann Religiosität bei der Förderung von Resilienz helfen. (vgl. ebd., S. 160 nach Bonanno et al. 2002)

4 Modelle von Resilienz: Das Zusammenwirken von Risiko- und Schutzfaktoren

Als zwei zentrale Konzepte von Resilienz können das Risiko-und Schutzfaktorenkonzept gesehen werden. Diese sollen nun vorgestellt werden, wobei berücksichtigt wird, dass sich Risiko-und Schutzfaktoren gegenseitig bedingen. (vgl. Wustmann 2004, S. 36) Die Entwicklung des Kindes wird durch Risiko-und Schutzfaktoren beeinflusst. Das Kind und seine Umgebung befinden sich dabei in einer komplexen Wechselwirkung. (vgl. Petermann & Petermann 2005, S. 39) Resilienz und Vulnerabilität sind das Ergebnis des Zusammenspiels der unterschiedlichen Faktoren. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 33 nach Ball & Peters 2007) Es geht darum, zu erklären, welche Bedingungen den Verlauf der Entwicklung eines Menschen positiv oder negativ beeinflussen und somit zu erkennen, was eine Person vulnerabel oder resilient macht (vgl. Diers 2016, S. 28). In der sozialwissenschaftlichen Fachwelt herrscht Uneinigkeit über die genaue Abgrenzung von Risiko-und Schutzfaktoren und Vulnerabilitäts-und Resilienzfaktoren, was die Komplexität und den Forschungsbedarf in diesem Bereich unterstreicht (vgl. ebd., S. 29). Daher werde ich mich im Folgenden an Sichtweisen über Risiko-und Schutzfaktoren orientieren, die der interaktionistischen Perspektive und dem Ziel der Beschreibung des komplexen menschlichen Entwicklungsprozesses gerecht werden.

4.1 Das Risikofaktorenmodell

Gemeint sind mit Risikofaktoren „Bedingungen oder Variablen, die die Wahrscheinlichkeit positiver oder sozial erwünschter Verhaltensweisen senken oder mit einer höheren Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen einhergehen“ (Wustmann 2004, S. 32 zitiert nach Jessor et al. 1999). Eine solche Variable kann beispielsweise ein erschütterndes Lebensereignis sein. Sie ist umgebungsbezogen und erfahrungsabhängig und wirkt sich in Auseinandersetzung mit der Umwelt auf den Organismus aus (vgl. Diers 2016, S. 31 nach Laucht et al. 2000). Allerdings ist deutlich zu sagen, dass sich das Risikofaktorenkonzept als ein Wahrscheinlichkeitskonzept versteht, denn Risikobedingungen gehen nicht immer unmittelbar mit Entwicklungsrisiken einher. In vielen Fällen muss erst eine Vulnerabilität des Kindes vorausgesetzt sein. (vgl. ebd., S. 36 nach Scheithauer et al. 2000)

Es werden in der Entwicklungspsychopathologie zwei große Gruppen von Entwicklungsgefährdungen unterschieden. (1)Vulnerabilitätsfaktoren beziehen sich auf biologische oder psychologische Merkmale, während (2)Risikofaktoren oder Stressoren die psychosozialen Merkmale der Umwelt betreffen. Bei primären Vulnerabilitätsfaktoren wird von Defekten, Defiziten oder Schwächen des Kindes gesprochen, die das Kind von Geburt an aufweist (beispielsweise durch Geburtskomplikationen oder bei genetischen Dispositionen). Sekundäre Vulnerabilitätsfaktoren kann das Kind erwerben, indem es mit seiner Umwelt interagiert. Risikofaktoren hingegen sind in der Familie oder im weiteren sozialen Umfeld verortet. (vgl. Wustmann 2004, S. 36 f.) Unterschieden wird hierbei zwischen diskreten Faktoren, also Risikobedingungen, die sich nur zu bestimmten Zeitpunkten auswirken (beispielsweise kritische Lebensereignisse) und kontinuierlichen Faktoren, die den kompletten Entwicklungsverlauf beeinflussen (beispielsweise sozioökonomischer Status). (vgl. Wustmann 2004, S. 37 nach Scheithauer et al. 2000) Weiterhin wird unterschieden zwischen proximalen und distalen Faktoren, wobei sich proximale Faktoren direkt auf das Kind auswirken (beispielsweise bei Streit der Eltern oder ungünstigen Erziehungspraktiken) und distale Faktoren (beispielsweise chronische Armut oder Trennung/Scheidung der Eltern) indirekt über Mediatoren, wie das Verhalten der Mutter, wirken. (vgl. ebd., S. 37 nach Scheithauer et al. 2000) Ebenso werden traumatische Erlebnisse als besonders extreme Form von Risikoeinflüssen genannt, welche ausgelöst werden können durch das Erleben von Krieg, Katastrophen, Terror, Vertreibung oder Flucht (vgl. ebd., S. 39 f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Exemplarische Auswahl an risikoerhöhenden Bedingungen

(vgl. Diers 2016, S. 33)

Wichtig ist zu sagen, dass Risikobedingungen nicht isoliert auftreten, sondern dass Kinder und Jugendliche oftmals mit multiplen Risikobelastungen konfrontiert sind. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sich mehrere auftretende Risikobedingungen summieren oder sich gar gegenseitig verstärken können. Durch Untersuchungen ist belegt, dass Kinder, die in chronischer Armut aufwachsen mit höherer Wahrscheinlichkeit Eltern haben, die ohne Arbeit, psychisch krank, abhängig von Alkohol oder alleinerziehend sind. Damit gehen oftmals mehr Gesundheitsgefährdungen aufgrund beengter Wohnverhältnisse oder schlechter Ernährung und Pflege einher. (vgl. Wustmann 2004, S. 40 nach Scheithauer & Petermann 1999) Mit Armut sind weiterhin häufig Einschränkungen der Bildungs-und Zukunftschancen verbunden oder das Wohnen in Sozialvierteln mit hohem Kriminalitätsanteil. So lässt sich festhalten, dass mit zunehmender Risikobelastung ebenso die Entwicklungsbeeinträchtigung steigt (vgl. ebd., S. 42 nach Laucht et al. 2000). Allerdings spielen auch die Abfolge von Vulnerabilitäts-und Risikofaktoren sowie deren gegenseitige Wechselwirkung eine Rolle, denn risikoerhöhende Bedingungen zu einem frühen Zeitpunkt innerhalb der Entwicklung können verantwortlich für weitere risikoerhöhende Bedingungen zu einem späteren Zeitpunkt sein. Diese Abfolge kann letztlich zu einem ungünstigen Entwicklungsergebnis beitragen (vgl. ebd., S. 41 nach Scheithauer & Petermann 1999). An dieser Stelle muss auf die Multifinalität von Risikobedingungen hingewiesen werden, denn bei unterschiedlichen Menschen können gleiche Risikobedingungen zu verschiedenen Störungen führen. Weiterhin kann es ebenso zu einer äquifinalen Wirkungsweise von Risikobedingungen kommen, da unterschiedliche Risikobedingungen dieselbe Störung begünstigen können. (vgl. Fingerle 2008, S. 69)

Zuletzt spielen das Alter, das Geschlecht und der Entwicklungsstand des Kindes eine erhebliche Rolle, denn die Identifikation eines Risikofaktors ist je nach Wechselwirkung von Individuum und Umwelt zu differenzieren. Es gibt Phasen, in denen die Vulnerabilität besonders erhöht ist, wie beispielsweise bei der Ausbildung des zentralen Nervensystems des Fötus oder bei Entwicklungsübergängen, wie der Pubertät. (vgl. Diers 2016, S. 32 nach Petermann et al. 2004) Die Auswirkungen negativer Lebenserfahrungen hängen allerdings von der subjektiven Bewertung der Risikobelastung ab, womit die Bedeutung gemeint ist, die Kinder oder Jugendliche selbst dem Risikofaktor beimessen und wie sie diese negativen Erfahrungen in ihr Selbstkonzept einverleiben. (vgl. ebd., S. 44 nach Wadsworth 1999; Rutter 2001)

4.2 Das Schutzfaktorenkonzept

„Unter risikomildernden bzw. schützenden/protektiven Bedingungen werden […] psychologische Merkmale oder Eigenschaften der sozialen Umwelt verstanden, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit psychischer Störungen senken bzw. die Auftretenswahrscheinlichkeit eines positiven bzw. gesunden Ergebnisses (z.B. soziale Kompetenz) erhöhen.“ (Wustmann 2004, S. 44 zitiert nach Rutter 1990, Klammer im Original)

Bezüglich schützender oder risikomildernder Faktoren sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass diese als Gegenbegriffe zu den risikoerhöhenden Faktoren konzipiert wurden. Allerdings dürfen diese protektiven Merkmale nicht einfach als gegenteilig verstanden werden. Vielmehr sollten risikoerhöhende und risikomildernde Faktoren methodisch und qualitativ voneinander getrennt werden. (vgl. ebd., S. 44 f. nach Rutter 1985) Es kann demnach von einer Pufferwirkung gesprochen werden. Ein Schutzfaktor ist dann wirksam, sobald eine Gefährdung vorliegt. Sollte keine Risikobelastung vorliegen, so hätte auch der Faktor keine protektive Bedeutung. Sobald sich ein Faktor unabhängig davon positiv auswirkt, ob ein Risiko besteht oder nicht, „so könnte von einer generellen und entwicklungsförderlichen Bedingung gesprochen werden.“ (Wustmann 2004, S. 45 nach Scheithauer et al. 2000)

Unter risikomildernden Faktoren werden personale Ressourcen (Eigenschaften des Kindes) und soziale Ressourcen (Schutzfaktoren in der Betreuungsumwelt der Kinder) verstanden. Somit lassen sich schützende Bedingungen drei zentralen Einflussebenen, nämlich dem Kind, der Familie und dem außerfamiliären sozialen Umfeld zuordnen. Alle drei Bereiche sind eng miteinander verwoben und bedingen sich wechselseitig. (vgl. ebd., S. 46 nach Garmezy 1985) Eine genauere Klassifizierung hinsichtlich schützender Bedingungen geben Scheithauer und Petermann (vgl. ebd., S. 46 nach Scheithauer & Petermann 1999). Unter (1)kindbezogenen Faktoren werden Eigenschaften verstanden, die das Kind von Geburt an aufweist, wie beispielweise ein positives Temperament. (2)Resilienzfaktoren sind Eigenschaften, die sich das Kind in der Interaktion mit seiner Umwelt und durch die erfolgreiche Bewältigung von altersspezifischen Entwicklungsaufgaben aneignet, welche eine besondere Rolle einnehmen bei der Bewältigung von ungünstigen Lebensumständen. Darunter fallen beispielsweise ein positives Selbstwertgefühl, ein aktives Bewältigungsverhalten und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. (3)Umgebungsbezogene Faktoren sind innerhalb der Familie und im weiteren sozialen Umfeld des Kindes zu lokalisieren. Darunter werden beispielsweise Modelle positiven Bewältigungsverhaltens verstanden sowie eine stabile emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson.

Risikomildernde bzw. schützende Bedingungen haben somit einen erheblichen Einfluss auf die erfolgreiche Bewältigung von Stress-und Risikosituationen. Sie schwächen negative Risikobelastungen ab, kompensieren sie oder heben sie gar auf, indem sie die Anpassung des Kindes an die Umwelt fördern. Somit wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Kind mit Belastungen besser und gewappneter umgehen und Problemsituationen besser bewältigen kann. Daraus ergibt sich, dass insbesondere Förderbedarf bei den Resilienzfaktoren und den umgebungsbezogenen Schutzfaktoren besteht. (vgl. Wustmann 2004, S. 46 f.)

Multiple Ressourcen, also mehrere schützende Bedingungen, können sich summieren und gegenseitig bedingen, wodurch eine gute Anpassung trotz ungünstiger Lebensumstände wahrscheinlicher wird. Beispielsweise ist die Qualität der Bindung zu Bezugspersonen mit einem positiven Selbstbild und einem höheren Gefühl der Selbstwirksamkeit verbunden. (vgl. ebd., S. 47 nach Egeland et al. 1993) Dies führt dazu, dass manche Menschen später eher in der Lage sind, zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen und soziale Unterstützung durch andere Menschen zu mobilisieren (vgl. ebd., S. 47).

Zusammenfassend lässt sich also eine Heterogenität der Effekte feststellen, denn je nach Person-und Kontextmerkmalen sowie Störungsart können risikomildernde und risikoerhöhende Bedingungen unterschiedliche Auswirkungen haben. So muss immer der Einzelfall betrachtet werden, was bedeutet, dass jeweils problemspezifisch, differenziert und individuell vorgegangen werden sollte. Die Aufklärung von differentiellen Entwicklungsprozessen sowie von Anpassungs-und Wechselwirkungsmechanismen wird die zukünftige Aufgabe der Resilienzforschung sein. Dabei gilt es zu berücksichtigen, in welcher Abfolge und Kombination Risikobedingungen auftreten und wie diese Bedingungen über die Zeit hinweg miteinander interagieren. Des Weiteren ist zu untersuchen, wie in Phasen erhöhter Vulnerabilität risikoerhöhende Faktoren wirken. Zudem ist zu beachten, dass sich risikoerhöhende Faktoren gegenseitig verstärken und kumulieren. Risikomildernde und risikoerhöhende Bedingungen sind unter dem Aspekt der Alters weiter zu erforschen und sollten vor dem Hintergrund der verschiedenen Einflussebenen, wie Kind, Familie, Bildungsinstitutionen und dem sozialen Umfeld betrachtet werden. Weiterhin stellt sich die Frage, wie protektive Bedingungen mit Risikobedingungen interagieren und welche Bedeutung die kindlichen Kompetenzen bei der Auseinandersetzung mit risikoerhöhenden Bedingungen haben. (vgl. ebd., S. 54) Generell ergibt sich aus der Gegenüberstellung von kind-und umgebungsbezogenen Risiko-und Schutzfaktoren sowie von Resilienz-und Vulnerabilitätsfaktoren erst die Möglichkeit, eine Aussage zu treffen hinsichtlich der Belastung des Kindes, wodurch eine Prognose über den möglichen Entwicklungsverlauf gestellt werden kann. (vgl. ebd., S. 56 nach Scheithauer et al. 2000) Diese verläuft mit hoher Wahrscheinlichkeit positiv, je mehr protektive Bedingungen vorhanden sind, da Risikosituationen dann erfolgreicher bewältigt werden können. Aus diesem Grund haben die Erhöhung von solchen protektiven Bedingungen sowie die Verminderung von Risikoeinflüssen einen besonderen Stellenwert innerhalb der Resilienzforschung. (vgl. Wustmann 2004, S. 56)

5 Modelle von Resilienz

Im Folgenden werden vier Modelle von Resilienz vorgestellt. Diese Modelle berücksichtigen das Zusammenspiel von Risikobedingungen und Schutzfaktoren und liefern einen Ansatz für Präventions-und Interventionsansätze. Es lassen sich insgesamt drei Forschungsansätze feststellen, denen die verschiedenen Modelle von Resilienz zugeordnet werden können. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 36 nach Masten & Reed 2002) Beim (1)variablenbezogenen Ansatz steht das Zusammenspiel von Risiko-und Schutzfaktoren im Vordergrund. Es stellt sich die Frage, inwiefern diese die Entwicklung des Kindes beeinflussen. Der (2)personenzentrierte Ansatz untersucht die unterschiedlichen Entwicklungen hinsichtlich der Risiko-und Schutzfaktoren auf individueller Ebene, während sich der (3)entwicklungspfadbezogene Ansatz verstärkt resilienten Entwicklungsverläufen zuwendet und die zeitliche Perspektive stärker mit einbezieht. Der variablenbezogene Ansatz wird in weitere Wirkmodelle unterschieden (vgl. ebd., S. 36 f. nach Wustmann 2004), die im Folgenden erläutert werden.

5.1 Das Kompensationsmodell

Dieses Modell geht davon aus, dass Schutzfaktoren eine ausgleichende Wirkung für risikoerhöhende Bedingungen haben. Die Risikofaktoren werden demnach von den Schutzfaktoren neutralisiert. Diese Faktoren können zum einen direkt auf die Entwicklung des Kindes einwirken, wie beispielsweise bei der Förderung von sozialemotionalen Kompetenzen oder sie beeinflussen die Entwicklung des Kindes indirekt, wie über Elterntrainings, die darauf abzielen, das Erziehungsverhalten der Eltern zu verbessern. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 36)

5.2 Das Herausforderungsmodell

Bei diesem Modell liegt der Schwerpunkt auf dem Bewältigungsprozess. Das Kind erlebt diesem Modell nach Risiko und Stress als Herausforderung, bei deren Bewältigung es zu einer Kompetenzsteigerung und neuen Bewältigungsstrategien kommt, auf die immer wieder zurückgegriffen werden kann. Hierbei ist Voraussetzung, dass das Ausmaß der Belastung als bewältigbar eingeschätzt werden muss. (vgl. Fröhlich-Gildhoff & RönnauBöse 2014, S. 37)

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Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Wege aus der Jugendkriminalität. Wie profitiert die Jugendhilfe von der Resilienzforschung?
Autor
Jahr
2018
Seiten
81
Katalognummer
V432824
ISBN (eBook)
9783956875717
ISBN (Buch)
9783956875731
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Desistance, Jugendgerichtshilfe, Jugendhilfe im Strafverfahren, Jugend, Kriminalität, Gefängnis
Arbeit zitieren
Tobias Wolf (Autor), 2018, Wege aus der Jugendkriminalität. Wie profitiert die Jugendhilfe von der Resilienzforschung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/432824

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