Der Schwesternkonflikt in Marilynne Robinsons "Housekeeping" (1980)


Seminararbeit, 2003

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

I. Einleitung

Die Protagonisten in Marilynne Robinsons „Housekeeping“ sind die Erzählerin Ruth, ihre jüngere Schwester Lucille und deren Tante Sylvie. Die Handlung des Buches „Housekeeping“ findet in Fingerbone statt, einem kleinen Städtchen an einem See in den Bergen von Idaho. Edmund Foster, der Großvater der beiden Mädchen, baute das Haus und lebte dort mit seiner Frau Sylvia, die Großmutter, bis er auf der Zugfahrt in den Mittleren Westen bei einem Unfall im See stirbt. Seine Töchter Molly, Helen und Sylvie verlassen das Elternhaus als sie erwachsen sind: Molly, die Älteste, wandert nach China aus und erfüllt missionarische Dienste, Helen heiratet in Nevada und lebt anschließend in Seattle mit ihren zwei kleinen Töchtern Ruth und Lucille, bis sie ihre Kinder in Fingerbone im Haus ihrer Mutter abgibt, so dass die Großmutter sich um die zwei kleinen Mädchen kümmern kann, da Helen zu der Zeit beschließt, Selbstmord zu begehen, da sie mit den Lebensumständen nicht mehr zurechtkommt.

Als Jahre später die Großmutter stirbt, übernehmen ihre Schwägerinnen Lily und Nona die Erziehung von Ruth und Lucille, jedoch sind beide Frauen auch schon über 60 Jahre und fühlen sich für diese Aufgabe bereits zu alt, so dass sie Sylvie rufen, die jüngere Schwester Helens, die für lange Zeit verschwunden war und auch noch nichts über den Tod der Mutter Sylvia wusste. Sie soll sich um die beiden Mädchen kümmern, da sie selbst unverheiratet und kinderlos ist.

Unter Sylvies Erziehung entwickeln die beiden Schwestern sich in unterschiedliche Richtungen, denn während Ruth in Sylvie nicht nur den Erziehungsberechtigten sieht, findet sie auch ihre beste Freundin in ihr, die sie an Transzendenz heranführt. Lucille hingegen fühlt sich nicht wohl in dem abgeschiedenen Haus und sucht den Kontakt zu Altersgenossen, bis sie schließlich bei ihrer Lehrerin einzieht, da sie mit Sylvies unkonventionellen Erziehungsmethoden nicht zurechtkommt. Als eine Anhörung angeordnet wird, die entscheiden soll, ob Sylvie in der Lage ist, Ruth eine ordentliche Erziehung zu bieten, beschließen Ruth und Sylvie, das Haus in Fingerbone niederzubrennen und verlassen den Ort.

Schwesternkonflikte haben schon recht früh in der Dichtung ihren Platz erhalten, bereits Sophokles1 schildert in „Antigone“ den Konflikt der Schwestern Antigone und Ismene, die Töchter des Ödipus, in dem Antigone, die stur und stolz ist, den Kampf verliert und ihr Leben lassen muss, wovor ihre vernünftige und ausgleichende Schwester Ismene sie bewahren will.

Weiterhin sind auch Maria Stuart und Queen Elizabeth I in der Geschichte und Literatur ein Begriff für Schwesterkonflikte mit nicht minder verheerenden Folgen2.

Auch in Robinsons Roman ist der Schwesternkonflikt maßgeblich an der weiteren Entwicklung der Geschehnisse beteiligt, doch was sind die Auslöser für diesen Konflikt? Die schwierigen Lebensumstände oder die stets wechselnden Erziehungsberechtigten, die Ruth und Lucille kein Zuhause geben konnten?

Inwieweit hat der Selbstmord der Mutter, die ohnehin schon alleinerziehend war, Einfluss auf die Mädchen genommen? Inwieweit die Erziehung der Tante Sylvie? Wie konnte es zu einem totalen Zusammenbruch der Schwesternbeziehung von Ruth und Lucille kommen, wodurch lässt sich ihr Auseinanderdriften erklären?

In diesem Essay werde ich versuchen, auf diese Fragen Antworten zu finden und den Schwesternkonflikt erklärbar zu machen, indem ich die Charaktere der Schwestern Ruth und Lucille erkläre und anschließend an den Beispielen, wie die Umstände und Personen des Romans unterschiedliche Auswirkungen auf ihr Verhalten haben, den Schwesternkonflikt verständlich mache.

II. Hauptteil

II.1.Charakteristika der Schwestern Ruth und Lucille

II.1.1.Ruth

Ruth ist in Robinsons Roman die Ältere der beiden Schwestern, die jedoch außer Sylvie nicht an anderen Kontakten interessiert ist, sondern in Sylvie die beste Freundin sieht, die sie auch mit Spiritualität vertraut macht und ebenso wie Sylvie Freude an der Natur findet und durch sie einen Reifeprozess durchläuft, der einer inneren Wandlung gleichkommt, so dass sie zum Schluss eins mit der Natur sind, als sie Fingerbone verlassen, indem sie- als einzige Möglichkeit, um nicht entdeckt oder verfolgt zu werden von der Polizei, nachdem sie das Haus in Brand gesteckt haben- den See, in dem auch der Großvater und die Mutter Helen ums Leben gekommen sind, durchqueren.

Ruth ist die Erzählerin des Romans. Sie erzählt mit einer gewissen Wehmut, als sie am Ende der Geschichte von Lucille spricht, aber auch mit einer Reife, die den Leser an den Geschehnissen teilhaben lässt.

Bereits im ersten Satz des Romans sagt Ruth, dass sie die Ältere der beiden Schwestern ist „My name is Ruth. I grew up with my younger sister, Lucille, under the care of my grandmother, Mrs. Sylvia Foster, and when she died, of her sisters- in- law, Misses Lily and Nona Foster, and when they fled, of her daughter, Mrs. Sylvia Fisher.” (S.3)

Bereits in diesem Satz werden dem Leser sehr viele Informationen vermittelt, die bereits fast die ganze Handlung des Romans wiedergeben, u.a. die Information, dass Ruth die Ältere ist, da im Verlauf der Geschichte der Eindruck entstehen könnte, Lucille sei die Ältere aufgrund der Bevormundungen und das herabsetzende Verhalten Lucilles an Ruth in der Schule. „Mr. French was not an unkind man, but he took an inquisitor`s delight in unanswerable questions. He tossed his chalk and watched me sharply. `She knows what you´re going to say´, Lucille said. `I don`t know if she´ll work harder this year or not. She will or she won´t. You can´t really talk to her about practical things. They don´t matter to her.She hasn´t figured out what matters to her yet. She likes trees. Maybe she´ll be a botanist or something.´ Mr. French eyed me doubtfully. `Are you going to be a botanist, Ruthie?´ I said `I don´t think so.´ Mr. French sighed and stood up and put down his chalk. `You´re going to have to learn to speak for yourself, and think for yourself, that´s for sure.`” (S. 135)

Allein hier wird deutlich, dass Lucille Ruth zwar helfen will, als der Lehrer beide zur Rede stellt, weil sie beinah beide ein halbes Jahr lang die Schule geschwänzt heben, aber dadurch setzt sie Ruths Fähigkeiten, für sich selbst einzustehen, deutlich herab. Auch der Lehrer selbst rät ihr als erstes, zu lernen, für sich zu denken und zu sprechen, da Lucille zwar für sie denkt, als sie sie in Schutz nimmt und sagt, Ruth will eventuell Botanikerin werden und braucht keine Schule, jedoch in Wirklichkeit ist das überhaupt nicht der Fall bei Ruth. Darüber hinaus verdeutlicht das noch der Name „Ruthie“, der sie zusätzlich in ihrer Autorität untergräbt und vermuten lässt, es handele sich um ein kleines Mädchen. Auch Lucille gebraucht diese Bezeichnung sehr oft.

Robinson wählte den Namen Ruth jedoch nicht zufällig, denn das englische Adjektiv „ruthless“ bedeutet übersetzt „rücksichtslos, unbarmherzig, hart“. Ruth ist im Nehmen die Härtere der beiden Schwestern, die unablässig ihren Weg geht, auch wenn die Umstände nicht einfach sind und Lucille Ruth oft das Gefühl gibt, Ruth wisse nicht, was sie will.

Bereits in der Bibel steht der Name Ruth für eine Frau, die ihren Weg geht und der Wahrheit ins Gesicht sieht. „Rut“ ist in der Bibel eine Moabiterin, die mit ihrer Schwiegermutter Noomi in deren altes Land zurückkehrt, nachdem das Land der Moabiter zu einer Zeit der Hungersnot barmherzig zu Noomi und ihren Söhnen war. Die Menschen können nicht verstehen, warum sie gehen, aber Rut geht mit Noomi, ebenso Orpa, die andere Schwiegertochter Noomis, die aber nach Noomis Zureden, nicht zu gehen, bleibt. Rut ist jedoch fest entschlossen und nicht davon abzubringen, sie geht mit Noomi.

„Rut antwortete: `Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch´ so gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem

kamen.“3

Weiterhin schreiben Cathy M. Davidson und E. M. Broner3 über das Buch Rut: „Long deprived her true home, is de- civilized and quite literally `naturalized`, drawn back into primal relation with the natural world… Important actions are initiated by women...and the witnesses and commentators are the women of the neighborhoodRut and Noomi bring pleasure and comfort to each other..“ (S.3)

Vergleichbar dazu ist der „Auszug“ von Ruth mit ihrer Tante Sylvie. Beide lassen ein Leben hinter sich, in dem es beiden zwar gut ging, aber sie suchen ihr Glück dennoch woanders und brechen alle Brücken zur Vergangenheit ab, wohingegen Lucille- ebenso wie Orpa- sich beiden nicht anschließt, sie kapselt sich schon vorher ab(s.II.2.).

Zu Ruths Charakter lässt sich sagen, dass äußere Eindrücke sehr stark Einfluss auf Ruth ausüben. Sie geht zwar ihren Weg, dennoch kommt die Frage auf, inwieweit der Tod der Mutter Helen, die Freundschaft und Erziehung Sylvies ihren Charakter und Leben beeinflussen. Dazu mehr in den Kapiteln II.2.1 bis II.2.3.

II.1.2.Lucille

Lucille ist die jüngere der beiden Schwestern. Sie verhält sich jedoch im Hinblick auf Ruth, wie wenn sie die Ältere wäre, indem sie für sie spricht, wie wenn Ruth ein unmündiges Kind wäre. (s. II.1.1.)

Lucille verändert sich in dem Roman sehr deutlich, während Ruth innerlich gereift ist, ist der Reifungsprozess Lucilles sehr klar zu sehen. Sie reift von der kleinen Schwester zu einem Teenager, der eigene Wege gehen möchte und eigene Ansichten vertritt: „Lucille was, often enough, a touchy, achy, tearful creature. Her clothes began to bind and pull, to irk and exasperate her. Her tiny, child- nippled breasts filled her with shame and me with alarm. Sylvie did tell me once that Lucille would mature before I did because she had red hair, and so it transpired. While she became a small woman, I became a towering child.” (S.97)

Besonders deutlich tritt das hinsichtlich ihrem Verhältnis zu ihrer Tante Sylvie auf. Im Laufe des Romans wird klar, dass Lucille Kontakte zu Altersgenossen, zu anderen Menschen im allgemeinen sucht, was sich sogar dahingehend zuspitzt, dass sie eines Nachts das Haus in Fingerbone verlässt und zu ihrer Lehrerin Mrs. Royce zieht und somit von sich aus den Kontakt zu Sylvie und Ruth abbricht.

Ebenso wie Robinson den Namen „Ruth“ auswählte, so ist auch der Name Lucille kein Zufall. „Lucille“ leitet sich in den meisten romanischen Sprachen vom Wort „Helligkeit“/ „Licht“ ab. So ist auch zu erklären, weshalb Lucille keinerlei Verständnis für Sylvies Vorliebe, in der Dunkelheit zu sitzen, aufbringt. Sie fühlt sich nicht wohl, wohingegen Ruth sich von Sylvies Angewohnheiten mitziehen lässt und am Ende die Dunkelheit und die Natur nutzt für ihren Reifeprozess. „Sylvie was sitting in the moonlight, waiting for us.I knew what the silence meant, and so did Lucille. …in such a boundless and luminous evening, we would feel our proximity with our finer senses…(Lucille) stood up and pulled the chain of the overhead light. The window went black and the cluttered kitchen leaped, so it seemed, into being, as remote from what had gone as this world from the primal darkness….Lucille had startled us all, flooding the room so suddenly with light…in the light we were stratled and uncomfortable.” (s.100f)

Lucille ist diejenige, die den Kontakt zu Schulfreundinnen sucht und sehr viel Interesse an Äußerlichkeiten aufbringt. Sie kauft sich Modezeitschriften, über die sie später mit ihren Freundinnen redet, sie näht sich eigene Kleidungsstücke und sie will ihrer Schwester beim Haarstyling helfen, wobei sie hierbei ungefragt vorgeht und somit wieder ihre Schwester Ruth wie ein kleines Kind behandelt. „`Change your clothes“´, she said. `I´ll fix your hair.´ There was urgency in her manner.” (S.119)

[...]


1 Sophokles: Tragödiendichter, 496- 406 v. Chr.

2 Friedrich Schiller. Maria Stuart. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Herausgegeben von Christian Grawe, Stuttgart: Philipp Reclam- Verlag

3 Die heilige Bibel. Das Neue Testament. Das Buch Rut, Kapitel 1, Vers 16 bis 19

4 Cathy M. Davidson, E. M. Broner. The lost tradition. Mothers and daughters in literature. New York: Frederick Ungar Publishing Company, 1980

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Der Schwesternkonflikt in Marilynne Robinsons "Housekeeping" (1980)
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Anglistik, Amerikanistik und Anglophonie)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V43336
ISBN (eBook)
9783638411608
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Schwesternkonflikt, Marilynne, Robinsons, Housekeeping, Proseminar
Arbeit zitieren
Daniela Artuso (Autor), 2003, Der Schwesternkonflikt in Marilynne Robinsons "Housekeeping" (1980), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43336

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