Die Dekonstruktion von Metapher und Sprache. Über den Gattungsunterschied von Literatur und Philosophie


Seminararbeit, 2014
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Reading Diaries
2.1. Über Derrida - Gibt es eine philosophische Sprache?
2.2. Über Bennington - Die Metapher
2.3 Über Nietzsche - Über Wahrheit und Lüge

3. Abschlussreflexion
3.1. Über die Metapher
3.2. Über die Sprache
3.3 Über den Gattungsunterschied

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einführung

„Die Dekonstruktion besteht nicht darin, von einem Begriff zu einem anderen überzugehen, sondern darin, eine begriffliche Ordnung ebenso wie die nicht- begriffliche Ordnung, an der sie sich artikuliert, umzukehren und zu verschieben.“1

In eine Abschlussreflexion zu einem Lektüreseminar nach der Close Reading-Methode zur Dekonstruktion und Debatte um den ‚ Gattungsunterschied ‘ zwischen Philosophie und Literatur einzuführen, erweist sich als komplexes Unterfangen angesichts der erforderlichen wissenschaftlichen Form und zu vermittelnden theoretischen Rahmung. Gründe dafür sind die Entlarvung, Dekonstruktion und Reflexion solcher Konstrukte und Interpretationen, die wir der Abschlussreflexion vorausgehend im Seminar vorgenommen haben.

Im Anschluss an dieses Seminar sollen nun an Hand erstellter Reading Diaries und einer übergreifenden Abschlussreflexion Kernbegriffe Derridas Dekonstruktion entschlüsselt werden sowie der Frage nach dem „Gattungsunterschied“ von Philosophie und Literatur nachgegangen werden. Diese Frage basiert auf einer tradierten Gegenüberstellung einer philosophischen, non- metaphorischen Sprache gegenüber der literarischen Kunst, die einen notwendigen Übersetzungsprozess inkludiert, der wiederum einen Diskurs über un-/mögliche Sinnverluste mit sich zieht. Von diesem Ausgangspunkt aus entfalten sich Derridas Thesen zur Dekonstruktion, die einerseits eine „Arbeit an begrifflichen Systemen“2 bedeutet und andererseits diese Systeme neu ordnen und verschieben will. Die Reflexion über kanonisierte Begriffskonstrukte sowie kategoriale Differenzen verkehrt Derrida in eine Reflexion philosophischer Sprache, deren un-/mögliche Existenz und den Entzug ihres identifikatorischen Charakters3. In Derridas Dekonstruktion sollen „Grenzen und Differenzen […] nicht getilgt werden, sondern vielmehr selbst als ein konstitutives Moment des Philosophierens hervortreten.“4 Somit steht Derrida in der Tradition der Kritik moralischer Werte und ihrer Schöpfung qua diskursiver Distinktion, wie auch schon Freud und Nietzsche sie vornahmen5. Derridas Thesen werden in Unterkapiteln zu Metapher, Sprache und Gattungsunterschied rekapituliert und seinen Kritikern - im positiven wie negativem Sinne - gegenübergestellt. Zu diesen Perspektivgebern sind Adorno, Bennington, Freud, Habermas und Nietzsche zu nennen.

Dabei ist den Autoren das „mit Begriffen gegen Begriffe“ Arbeiten eine gemeinsame Vorgehensweise. Auf Grund dieser Praktik wird in der Abschlussreflexion ein Fokus auf die Sprache als gattungskonstituierendes Moment gelegt.

2. Reading Diaries

Die Lesetagebücher sind in chronologischer Reihenfolge des Verfassens und Seminarverlaufs dargestellt. Das erste Lesetagebuch zu Derrida habe ich nach der dritten Close Reading- Seminarsitzung zu Derridas Pr é jug é s und Habermas‘ Exkurs zur Einebnung des Gattungsunterschiedes verfasst, sodass ich bereits eine Ahnung der Dekonstruktion Derridas und Habermas‘ Kritik an ihr haben konnte. An das Lesetagebuch zur philosophischen Sprache mit Fragezeichen erschien es mir thematisch sinnvoll Die Metapher im zweiten Lesetagebuch zu bearbeiten, in der Bennington Derrida zu erklären anstrebt, der wiederum schriftlich - auf derselben Seite - reagiert. Als ich sodann eine gattungsspezifische Sprache sowie die Metapher, ein eigentlich literarisches Instrument, zu verstehen suchte, erschien es mir nur logisch im letzten Lesetagebuch mich mit der Sprachkonstruktion und -funktion in Nietzsches Ü ber Wahrheit und L ü ge auseinanderzusetzen. Die Reading Diaries stellen in Folge Hauptthesen und meine eigenen Unklarheiten zusammen, die in der anschließenden Abschlussreflexion in Teilaspekten vertieft und seminarübergreifend mit weiterer Lektüre verknüpft werden.

2.1. Über Derrida - Gibt es eine philosophische Sprache?

In insgesamt drei Lesedurchgängen habe ich versucht, Derridas Gedanken nachzuverfolgen. Zunächst schien mir der vorangestellte Fragenkomplex recht simpel und zugleich paradox. Er widmet sich der Frage nach einer „spezifisch philosophische[n] Schreibweise“6. Nach der bisherigen Lektüre der Dekonstruktion Derridas, die ich als Befürwortung der Aufgabe von Genregrenzen las, empfand ich diese Fragestellung als begrifflich unangemessen. Aus meiner Sicht könnten nach Aufgabe der Kategorisierung von Literatur und Philosophie weder der eine noch der andere Begriff so weiter genutzt werden. Ein Neologismus wäre zu finden oder aber wir verfahren über den Allgemeinbegriff des „Texts“ wie Derrida fortan schreibt. Im weiteren Leseverlauf frage ich mich, wer eigentlich diese Fragen stellt. Sie erscheinen mir alle vier in Bezug auf Derridas Ausführungen recht simpel und oberflächlich - als haben sich die Fragenden nicht mit Derridas Theorien auseinandergesetzt. Eine andere Idee wäre, dass Derrida diese Fragen selbst stellt, um seine eigene Rezeption zu steuern und sich erklären zu können. Zurück zur ersten Frage und im ersten Lesedurchgang war somit Spannung aufgebaut, wie Derrida sich der offenbar durch vorherrschende Diskurse und Kategorisierungen beeinflussten Frage gegenüber äußern wird. „Alle Texte sind unterschiedlich“7, antwortet Derrida. Hier wird direkt ersichtlich, dass es keine Unterscheidung mehr nach Gattungen wie der Philosophie und Literatur gibt, sondern Worte Text ergeben, der sich in seiner individuellen Struktur von anderen distinguiert. Die Kombination von Vokabeln wie Text, Erwartungen und Diskursiver Entstehungskontext assoziiere ich mit den Aufschreibesystemen Friedrich Kittlers. Dieses Abgleiten in eine andere Theorie, die die Rezeption des Derridaschen Texts aus der kittlerianischen Perspektive herbeiführte, motivierte mich zu mehrfachen Lesegängen. Ich wollte Derrida als individuellen Text mit eigener Sichtweise und Theorie aufnehmen. Dieses Vorhaben stellte sich für mich als schwieriges Unterfangen dar.

In Folge fügt Derrida die wenigen Texte an, die versuchten „die Schrift, die Struktur und Physiologie eines noch nicht existierenden Auges zu entwerfen“8. Auch hier assoziiere ich direkt eine weitere wissenschaftliche Theorie: Howard Beckers Art Worlds (2008). Darin bespricht Becker unter anderem die Einführung neuer Konventionen, die am vorherrschenden Machtgefüge zerren und daher auf gemischte Rezeptionsweisen stoßen. Diese soziologische Theorie des symbolistischen Interaktionismus übertrage ich auf Diskurse als Machtgefüge, in denen auch Hoheiten herrschen, die durch neue Diskurse (in Textform) umgestoßen werden können.

Auch im zweiten Lesedurchgang kann der Text meine Aufmerksamkeit nur schwer binden. In diesem Durchgang erschien es mir spannend, dass Derrida sich entgegen seiner eigenen Ansicht immer wieder auf Begrifflichkeiten der Philosophie als identitäts- und somit konstrukt- und grenzstiftende Subjekte bezieht. In einem Seitenhieb auf Habermas Rezeption von Derridas Dekonstruktion deklariert eben letzterer bereits eine neue Schreibweise entwickelt zu haben, die sich zwischen den Polen von Literatur und Philosophie bewege und die er bereits angewandt habe. Weitere Fragen zu Autorschaft, Signatur und Zuschreibung als Fremdhandlung erinnern mich an die Themenkomplexe der Bildenden Künste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch hier wurden Bedeutung, Funktion und Notwendigkeit dieser Vorgehensweisen in Frage gestellt. Meine Assoziationen betten Derridas Dekonstruktion und philosophische Sprache in einen Kontext der Zeitgenossenschaft, die im kittlerianischen Sinne die Lage bezeichnen, die das Medium, also den Text von Derrida, bestimmten. Mit dieser Erkenntnis beschreitet das Reading Diary über die Reflexion des Texts eine weitere Ebene, die der Reflexion der Textrezeption.

Im dritten Lesedurchgang konnten Assoziationen, die bereits durchlebt waren, ausgeblendet und die Theorie als Text von Derrida detaillierter aufgenommen werden. Allerdings frage ich mich, ob die bisherigen zwei Lesedurchgänge von einer Erwartungshaltung, die geprägt war vom Eindruck der ersten Ausschnitte Derridas Dekonstruktion, negativ beeinflusst waren. Deren Schreibweise, ähnlich einem Bewusstseinsstrom, erleichterte mir Lesefluss und - verständnis im Gegensatz zur Position von Habermas und der philosophischen Sprache Derridas. Eine Antwort und Aufforderung zu diesem Umstand ließe sich wohl in Derridas Sicht lesen, dass an jeden Text ein text-individueller Maßstab gelegt werden muss.

Ich beginne also zum dritten und letzten Mal mit Fragenkomplex Nummer eins und lese erstmalig bewusst seine Antwort: Es gibt keine philosophische Sprache. Sie sei eine natürliche und keine universelle Sprache. Die Verwendung gewisser Modi durchsetze aber den philosophischen Diskurs, die wiederum als solche ein Kräfteverhältnis abbildeten und den Charakter des philosophischen Diskurses zugleich reflektierten. Im Angesicht meiner bisherigen Lektüre über Diskursanalyse scheint mir dies logisch und schlüssig.

Fragenkomplex Nummer zwei, der sich der Signatur und dem Eigennamen widmet, fragt also nach der Bedeutung jener in der Philosophie. Laut Derrida ist die Signatur im Beziehungsgeflecht zu AutorInnen, deren Eigenname und den Produktionsbedingungen zu lesen. Die Signatur sei niemals autonom und der Eigenname im rechtlichen Sinne des Patronymikon kein eigens gegebener Name. So müssten wir misstrauisch der Signatur gegenüber bzw. der Bühne, die ihr oft gegeben wird, bleiben und den Eigennamen nicht als derart identifizierend einstufen, wie es häufig geschieht. Es müsse ein Bewusstsein über dieses diskursive Ensemble herrschen, um folglich eine Analyse anfertigen zu können. Eine reine Signatur oder ein reiner Eigenname seien unmöglich. Die Einführung neuer, anderer Begrifflichkeiten sei notwendig, damit sich dazu einhergehend neue Regeln der Anwendung in Lektüreverfahren etablieren können. Dennoch zeigt sich Derrida unsicher, ob seine Theorie über Signatur und Eigenname im Sinne eines klassischen Modells möglich ist zu produzieren und rezipieren. Denn der Diskurs müsse eine Signatur und einen Eigennamen als „Kennzeichen des performativen Vorgangs“9 tragen, welche sich nicht vom Ensemble - ich verstehe es als Entstehungsbedingung des Diskurses - lösen lassen. „Das läuft nicht auf einen Relativismus hinaus, sondern drückt dem theoretischen Diskurs eine weitere Krümmung auf“10, so Derrida. Für mich bleibt dieser Satz selbst nach mehrmaligem Lesen kryptisch. Wie meint Derrida diesen Relativismus? Soll die Krümmung des Diskurses für Druck oder Unterdrückung durch einen vorherrschenden hierarchisch überlegenen Diskurs bzw. die Entstehungsbedingungen stehen? Oder meint die Krümmung des Diskurses eine selbstgeschaffene Verformung, um dadurch der eigenen Theorie einen bestimmten Wahrheitsgehalt in der Art der Selbstlegitimation zukommen zu lassen?

Im dritten Fragenkomplex wird Derridas Dekonstruktion mit Heideggers Destruktion in Beziehung gesetzt. Die Fragenden referieren ein Netz von Namen, die als Anhaltspunkte oder Markierungszeichen dienten, die die dekonstruktive Tätigkeit mit LandvermesserInnen verbänden. Derrida äußert sich daraufhin, dass dieses Netz eben nicht auf Metaphern oder Begriffe reduzierbar sei. Er kritisiert dabei an der Frage, dass sie dem Raum und seiner Erfahrung einen Vorrang einräumen würde. Weiterhin zeigt er auf, dass die Begriffsbilder der/des Fragestellenden beschränkt sind: „Sie wissen aber sehr wohl, daß [!] der Geometer kein ‚Landvermesser‘ mehr ist und daß [!] es noch ganz andere Erfahrungen des Raumes gibt als diese beiden.“11

Der letzte Themenkomplex spielt auf die Sprache als identitätskonstituierendes Medium an und fragt nach philosophischer Nationalität bzw. der französischen Philosophie. Derrida bezeichnet Sprache als Sub-Kode und untergliedert sie nach vorherrschendem Diskurs in Nationalsprache und Ursprungssprache, die er als Kategorien kritisiert und als „plump[e] Bezeichnungen“12 diskreditiert. In diesem Sinne verweist Derrida auf das Auseinanderfallen von Lektüre und Rezeption des Originaltexts seitens der Subjekte, die die Ursprungssprache sprechen und derjenigen, die diese Sprache nicht sprechen. Beispielhaft benennt er die Rezeption von Heidegger und Wittgenstein. In der Konsequenz gäbe es auch keine französische Philosophie. Denn jeder „Versuch einer Typologie würde ja gerade eine Interpretation voraussetzen, die im Konflikt Partei ergreift.“13 Schließlich sei die Identität einer philosophischen Nationalität durch diskursive Institutionen und deren Kampf um Vorherrschaft gezeichnet.

2.2. Über Bennington - Die Metapher

Das Kapitel Die Metapher bildet ein Kapitel unter dutzenden anderer in Benningtons Portrait von Jacques Derrida. In einem Inhaltsverzeichnis namens „Derridabase“ werden diese nicht nummeriert aufgeführt. Dies soll vermutlich das Aufkommen der Idee einer Hierarchisierung, Reihenfolge und Macht-/Struktur im derridaschen Sinne verhindern. Ein Blick auf das Vorwort erklärt schließlich den Inhalt des Portraits und dessen Form. Als systematisierte, für die LeserInnen zugängliche Wiedergabe Derridas Denken in Form interaktiver Software bezieht sich Bennington demnach auf die Informatik14. Dies erklärt sodann den Begriff der Derridabase als Abwandlung einer „Database“. Ganz wörtlich gelesen finden wir diese Derridabase - derridasche Basis wie fortlaufende Fußnoten oder Anmerkungen am Fuße des Textes Benningtons. Dieser zitiert nicht, er argumentiert. Derrida stellt den „Subtext“ im Sinne eines verorteten Untertexts. Der Versuch Derridas Denken systematisch abzubilden und das System dennoch offen zu halten, wird im Vorwort - das als solches nicht benannt ist - problematisiert. Besonders in Bezug auf die Überarbeitung vom Text wird ein Augenmerk gelegt, denn; Während Derrida Benningtons Ausführungen kannte und sich im Subtext absichtlich in seiner Sprache davon abwenden konnte, sollte Bennington keinerlei Bezug zu diesem Text nehmen. Es drängt sich mir an dieser Stelle die Frage nach der systematischen Untergrabung der systematischen Darstellung auf und welche Bedeutung dieser im Kontext der Verfasserabsicht zukommt.

Die Metapher erinnert mich - wie sie so über dem Text platziert ist - an Derridas Ausführungen zu Kafkas Vor dem Gesetz. In Unsicherheit wie nun Metapher, Allegorie, Bild und Symbol zueinander stehen, beginne ich eine Kurzrecherche. Gemein ist ihnen die Kategorisierung zur rhetorischen Figur. An diesem Punkt knüpfen sich diverse bekannte Gedankengänge Derridas über Gattungen, Klassifizierungen, un-/mögliche Gattungsunterschiede von Philosophie und Literatur, spezifische Sprachen und Schreibweisen sowie die Relation von Signifikant und Signifikat, dem Eigennamen und seiner bzw. der Übersetzung an.

Unter der Metapher ergießen sich Gedanken und Systeme, Produktion und Rezeption von Derrida und Bennington. Sie weisen eine deutlich unterschiedliche Schreibart auf. Während Benningtons Bemühungen zur systematischen Wiedergabe mir wie eine den LeserInnen gütige Nacherzählung und Nachahmung Derridas Texte erscheint, rebelliert Derridas eigener Text am Grund der Seite dagegen. In irritierender Form vermischt Derrida Philosophie und Religion in Fiktion und Realität. Hierbei verweise ich selbst auf die Dekonstruktion, in der der Begriff der Fiktion ein alle Kategorien aufhebender für Derrida zu sein scheint. Er zitiert in diesem Text andere Quellen, die mir bislang unbekannt bleiben. Eine fortlaufende Nummerierung, die in diesem Kapitel bei 23 beginnt, erweckt den Anschein von Fußnotentext. Dieser nimmt allerdings keinerlei Bezug auf die Erläuterungen Benningtons noch umgekehrt. Derridas narrativer Subtext, so will ich ihn trotz impliziter Kategorisierung nennen, drängt sich mir als Metapher auf. So las ich ihn über das Spiel von Macht, die Einschreibung in den Körper und die Beschneidung des Eigennamens sowie zur Frage der Selbstbeherrschung, welche wiederum dem Spiel von Macht zuzuordnen ist. In dieser Rezeption erscheint mir das System relativ und vermutlich zu stark geordnet für die Absichten der Autoren.

Bennington beginnt seine Argumentation mit Derridas Schreibweise, die auf einen Widerstreit zwischen philosophischer Gattung und dem Metaphernbegriff verweist. Obwohl die Metapher nicht unphilosophisch sei, erhielt sie ihre Überhöhung in der philosophischen Metapher, die „Name eines philosophischen Begriffs“15 ist. Die Verwendung des „Namens“ in diesem Kontext erscheint besonders delikat, da er an die Auslegungen von Derrida zu Eigennamen, deren unmögliche Selbstbestimmung und mangelnde Autonomie denken lassen.

Die Metapher stellt Bennington der Domäne begrifflicher Angemessenheit gegenüber und hierarchisiert sie. Die Angemessenheit nimmt dabei den Vorderrang ein, da sie auch mit dem Seriösen, dem Wahren und der Verantwortung gegenüber der artistischen Fiktion assoziiert sei. In diesem Sinne bliebe die Fiktion auch der Gattung Literatur zugeschrieben, inspiriere und fasziniere dabei aber die (Gattung) Philosophie. Die Metapher in der Philosophie Anwendung finden zu lassen, als Privileg im philosophischen Denken zu verankern, dagegen sträube sich die Philosophie aber forthin aus der Schmach von Irrationalismus. In diesem Kontext kritisiert Bennington schließlich Derrida im positiven, der ebenso eine Tendenz zum Missverständnis von der Metapher als Ursprung zur Wahrheitsfindung in der Philosophie setzt. Die Ausräumung dieses Missverständnisses könne sodann das Textverständnis Derridas erhellen.

In Anschauung der etymologischen Wurzeln philosophischer Begriffe deckt Bennington auf, dass „mythos“ und „logos“ im philosophischen Diskurs ineinander fallen und dies diskursiv „Vernunft“ genannt wird. Der Anschein der Seriosität dieser Vernunft empfiehlt sich uns schließlich „im Zuge einer zusätzlichen Mystifikation“16 an. Diese Betrachtungsweise verlocke allerdings zu kritischem Hinterfragen.

Eine interessante Randnotiz dazu scheint das absichtliche Spiel mit Metaphern und Etymologie von Derrida, die eine Übersetzung fast unmöglich machen und somit die Unübersetzbarkeit der Philosophie abbilden und proklamieren. Bennington setzt hier Derrida und seine (Verwendung von) Metaphern in Beziehung zu Diskurskräften und Symbolen. Fragen zu diesem Komplex gipfeln in der Erkenntnis, dass Derrida behauptet, es gäbe keine metaphorischen Texte, ausschließlich buchstäbliche Lektüre17. Bennington zitiert hier sogenannte „tropische Kräfte“18, die ich als Diskursmächte, -bedingungen oder -koalitionen verstehe. Sie sind es, die die Lektüre beeinflussen und das Signifikat aus dem Signifikanten entstehen lassen. In einer von sich selbst distanzierenden Weise bemerkt Bennington folglich:

„Da wir uns hier um eine möglichst buchstabengetreue Lektüre Derridas zu bemühen scheinen, liegt darin gerade für uns ein Problem, auf das wir genauer eingehen müssen.“19 Was sagt dies in Bezug auf Schein und Sein aus? Die Formulierung erscheint mir schief.

Bennington versucht in diesem Kapitel die großen und kleinen Bogen zu spannen: Was und wie schreibt Derrida, was meint er damit? Wie versteht Philosophie sich selbst? Wie versteht Derrida Philosophie, Gattungen, Übersetzungsakte und Begriffe als Zeichen Werden des Symbols? Welche Funktionen haben all diese Versatzstücke (im philosophischen Diskurs)? Bennington scheint recht erfolgreich wichtige Aspekte der derridaschen Ausführungen zur Metapher hier kurz und bündig zusammen getragen zu haben. In diesem Reading Diary bietet sich vorerst kein weiterer Raum, um über das Netz von Metaphysik-Metapher-Katachrese- Auslöschung zu sprechen. Für ein umfassenderes Textverständnis erachte ich kleinere Recherchen zu Donald Davidsons Metapherntheorie, dem Persona-Begriff oder Der wei ß en Mythologie Derridas für sinnvoll.

2.3 Über Nietzsche - Über Wahrheit und Lüge

Ähnlich wie wir es bei Derrida gelesen haben, vermischen sich in Ü ber Wahrheit und L ü ge von Nietzsche bereits 1873 Literatur und Philosophie im Sprachbild. Nietzsche beginnt seine Ausführungen mit dem pathetischen Ausruf der „hochmüthigste[n] [!] und verlogenste[n] Minute der ‚Weltgeschichte‘“20. Diese bezieht sich auf den Zeitpunkt der Erfindung des Erkennens durch das kluge Tier, welches den Menschen meint21. In dieser Einleitung Nietzsches kann zugleich auf die Genesis, die Schöpfungsgeschichte des Christentums, sowie auf die zweite Kränkung der Menschheit durch Darwin referiert werden.

Doch diese „Kurzgeschichte“ benennt Nietzsche sodann als Skizze einer Fabel, die im Zusammenhang auf seine folgenden Ausführungen sowie im Kontext des Seminars zu Derridas Dekonstruktion bereits ein einzelnes Reading Diary füllen könnte. Die Fabel als Erzählung mit moralischer Pointe, im Wörterbuch der Brüder Grimm auch „Erdichtung im Gegensatz der Wahrheit“22 genannt, kann sowohl in Bezug auf Derridas Dekonstruktion der Gattungsunterschiede als auch auf Nietzsches Unterscheidung von Lüge und Wahrheit diskutiert werden.

[...]


1 Derrida, Engelmann, Ahrens (1988): S.314.

2 Mende (2013): S.194.

3 Vgl. Elberfeld (2006): S.240.

4 Ebd.

5 Vgl. Lüdemann (2011): S.36f. Die moralische Konnotation tritt hier via Suche nach „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“ begrifflicher Konstrukte hervor.

6 Derrida (2004): S.262.

7 Derrida (2004): S.262.

8 Ebd.

9 Derrida (2004): S.270.

10 Ebd.

11 Derrida (2004): S.272.

12 Ders.: S.275.

13 Ders.: S.276.

14 Vgl. Bennington, Derrida (1994): S.7.

15 Bennington, Derrida (1994): S.128.

16 Dies.: S.132.

17 Vgl. Dies.: S.132f.

18 Dies.: S.133.

19 Bennington, Derrida (1994): S.133.

20 Nietzsche, Colli, Montinari (1988): S.875.

21 Vgl. Ebd.

22 Grimm, Grimm: http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GF00002 (Stand 12.03.2014)

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Dekonstruktion von Metapher und Sprache. Über den Gattungsunterschied von Literatur und Philosophie
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Philosophie und Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Rekonstruktion und die Debatte um den "Gattungsunterschied" zwischen Philosophie und Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V433513
ISBN (eBook)
9783668752726
ISBN (Buch)
9783668752733
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dekonstruktion, Metapher, Sprache, Gattung, Gattungsunterschied, Derrida, Nietzsche
Arbeit zitieren
Laura Kowalewski (Autor), 2014, Die Dekonstruktion von Metapher und Sprache. Über den Gattungsunterschied von Literatur und Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433513

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