Im August 2004 besucht die damalige deutsche Bundesentwicklungsministerin, Frau Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag der Niederschlagung des Aufstands der Herero und Narma gegen die deutschen Kolonieherren. Bei dieser Gedenkfeier entschuldigte sich die Ministerin als erste Vertreterin der Bundesrepublik Deutschland bei den Volksgruppen in Namibia für die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands und sprach als erste offizielle Vertreterin Deutschlands von einem Völkermord. Infolgedessen ist eine neue Entschuldigungs- und Entschädigungsdebatte in der deutschen Gesellschaft aufgekommen, die zu einer Bedeutungsverschiebung des politischen Diskurses geführt hat.
Diese Arbeit will untersuchen, welche Wirkung die Entschuldigung auf die anderen gesellschaftlichen Teilbereiche hat. Eine Betrachtung aller gesellschaftlichen Teilbereiche würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Beispielhaft wird die Bedeutungsverschiebung des Diskurses im Bereich der Bildung analysiert. Hierzu wird das Schulbuch herangezogen. Schulbücher sind Orte, an denen gesellschaftliche Diskurse rekonstruiert werden. Die Arbeit soll aufzeigen, ob der geänderte gesellschaftliche Diskurs sich auf die Darstellung im Schulbuch auswirkt. Die Fragestellung lautet daher: Welche Wirkung hat ein geänderter gesellschaftlicher Diskurs auf die Darstellung der deutschen Kolonialgeschichte im Schulbuch? Ändert sich der Sprachgebrauch, um die historischen Ereignisse zu beschreiben? Werden andere Bilder oder Quellen genutzt als bisher? Wandelt sich die Darstellung von einer kolonialgefärbten einseitigen, rassistischen Geschichtsbetrachtung zu einer neutralen Sichtweise auf die Ereignisse?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Foucaults Werkzeugkiste
2.2 Die Diskursanalyse
3. Der Völkermord an den Herero und Narma
4. Wissenschaftliche Neuentdeckung der deutschen Kolonialvergangenheit
5. Auswirkung der Diskursverschiebung auf die Darstellung im Schulbuch
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern eine Bedeutungsverschiebung im gesellschaftlichen Diskurs zur deutschen Kolonialgeschichte, ausgelöst durch offizielle Entschuldigungen, eine entsprechende Veränderung in der Darstellung innerhalb von Schulbüchern bewirkt. Dabei wird analysiert, ob sich Sprachgebrauch, Bildauswahl oder die Vermittlung rassistischer Narrative unter dem Einfluss machttheoretischer Konzepte von Michel Foucault gewandelt haben.
- Diskurstheoretische Analyse nach Michel Foucault (Macht, Wissen, Dispositiv)
- Kritische Diskursanalyse als methodischer Rahmen
- Aufarbeitung des Völkermords an den Herero und Narma
- Verhältnis von politischem Diskurs und staatlich vermitteltem Schulwissen
- Untersuchung von Rassismus und kolonialen Denkmustern in Schulbüchern
Auszug aus dem Buch
2.1 Foucaults Werkzeugkiste
Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, wie Diskurse in der Gesellschaft wirken. In der Alltagssprache wird der Begriff Diskurs als öffentlich diskutiertes Thema, als eine spezifische Argumentationskette oder als Äußerungen in der Politik aufgefasst. Sowohl in der Alltagssprache als auch in der Wissenschaft wird der Diskursbegriff unterschiedlich verstanden. Die angelsächsische Diskursforschung leitet sich aus den Sprachwissenschaften ab, dagegen greift die französische Diskurstheorie auf die Bedeutungsassoziationen der institutionellen Regulierung und den Öffentlichkeitsbezug zurück. Michel Foucault hat ein Diskurskonzept entwickelt, das sich unter gesellschaftstheoretischen, philosophischen und geschichtswissenschaftlichen Gesichtspunkten mit Diskursen als Erscheinungsformen des Wissens beschäftigt. (vgl. Keller, 2011, S. 97). Foucaults Theorien bieten den Vorteil, dass sie nicht nur für eine wissenschaftliche Disziplin anwendbar sind, sondern Eingang in das gesamte Wissenschaftsspektrum gefunden haben (vgl. Parr, 2014b, S. 309). Der Theoriebildungsprozess bei Foucault war nicht starr, sondern dynamisch. Seine Konzepte und Begriffsbestimmungen unterlagen immer der Neuinterpretation und Umdeutung aus denen sich seine Definitionen für die Begriffe Diskurs, Aussagen, Wahrheit, Macht, Wissen und Dispositiv entwickelt haben (vgl. Kammler, 2014a, S.11). Foucault bezeichnet diese Konzepte auch als Werkzeuge.
„Was ich geschrieben habe, sind keine Rezepte, weder für mich noch für sonst jemand. Es sind bestenfalls Werkzeuge (...)“ (Foucault 1996, S. 25).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Fragestellung nach der Wirkung gesellschaftlicher Diskurse auf die Schulbuchdarstellung der deutschen Kolonialgeschichte anhand der Entschuldigungsdebatte des Jahres 2004 vor.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert Michel Foucaults Konzepte wie Diskurs, Macht, Wissen und Dispositiv sowie die Methode der kritischen Diskursanalyse nach Jäger.
3. Der Völkermord an den Herero und Narma: Ein historischer Abriss thematisiert den Genozid in Deutsch-Südwestafrika und die daraus resultierenden Debatten um Entschuldigungen und Entschädigungen.
4. Wissenschaftliche Neuentdeckung der deutschen Kolonialvergangenheit: Hier wird der wachsende wissenschaftliche Fokus auf die Kolonialgeschichte beleuchtet und der Stand der Forschung zur Darstellung in Schulbüchern zusammengefasst.
5. Auswirkung der Diskursverschiebung auf die Darstellung im Schulbuch: Anhand existierender Studien wird analysiert, ob der gesellschaftliche Diskurswechsel tatsächlich zu einer veränderten Darstellung im Schulbuch geführt hat oder ob alte Muster fortbestehen.
6. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass sich eine Diskursverschiebung bisher nicht signifikant in der Schulbuchdarstellung widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Diskursanalyse, Michel Foucault, deutsche Kolonialgeschichte, Schulbuch, Völkermord, Herero, Narma, Macht, Wissen, Dispositiv, Rassismus, Geschichtsunterricht, Erinnerungskultur, Bildungsauftrag, Herrschaftsverhältnisse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen einem veränderten gesellschaftlichen Diskurs über die deutsche Kolonialvergangenheit und der Art und Weise, wie diese Geschichte in Schulbüchern dargestellt wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Diskurstheorie von Michel Foucault, die historische Aufarbeitung des Genozids an den Herero und Narma sowie die Analyse der Schulbuchdidaktik in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es herauszufinden, ob eine offizielle staatliche Anerkennung von Schuld (Entschuldigungsdebatte) eine Transformation der rassistisch geprägten Narrative in Geschichtsschulbüchern bewirkt hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Als methodischer Rahmen dient die kritische Diskursanalyse, wobei theoretisch auf das von Michel Foucault entwickelte Instrumentarium zurückgegriffen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, einen historischen Abriss des Kolonialismus, die Vorstellung wissenschaftlicher Studien zum Schulbuchdiskurs und eine abschließende Analyse der Ergebnisse.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Diskurs, Machtmechanismen, Dispositiv, kolonialer Rassismus und Erinnerungskultur.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin hinsichtlich der Schulbücher?
Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass trotz der neuen gesellschaftlichen Entschuldigungs- und Entschädigungsdebatte keine deutliche Abkehr von alten, einseitigen Diskursmustern in den analysierten Schulbüchern erkennbar ist.
Warum fungiert das Schulbuch als zentraler Untersuchungsgegenstand?
Das Schulbuch gilt als staatlich autorisiertes Medium, das kollektives Gedächtnis konstruiert und vermittelt, wodurch es ein ideales Objekt für die Analyse gesellschaftlich reproduzierter Wissensformen darstellt.
- Citar trabajo
- Petra Drewitz (Autor), 2018, Eine Entschuldigung mit Folgen? Thematisierung der deutschen Kolonialgeschichte im Schulbuch, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/433630