Kinder substanzabhängiger Eltern

Zur Lebenssituation der Kinder und Möglichkeiten der Hilfe am Beispiel der Sozialen Gruppenarbeit


Bachelorarbeit, 2012

78 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse
1.2 Wissenschaftliche Relevanz
1.3 Politische Aktualität
1.4 Definitionen
1.5 Aufbau der Arbeit

2 Grundlagen
2.1 Substanzbezogene Störungen am Beispiel Alkohol
2.1.1 Epidemiologie
2.1.2 Entstehungsbedingungen einer Abhängigkeit
2.1.2.1 Die Droge
2.1.2.2 Das Sozialfeld
2.1.2.3 Das Individuum
2.1.3 Verlauf einer Alkoholabhängigkeit
2.1.4 Auswirkungen einer Alkoholabhängigkeit
2.2 Familie
2.2.1 Der Familienbegriff
2.2.2 Familienregeln
2.2.3 Familiensystem
2.2.4 Erziehungsverhalten
2.2.5 Bindung
2.2.6 Entwicklungspsychologie

3 Kinder substanzabhängiger Eltern
3.1 Zahlen und Fakten
3.2 Familiensituation
3.3 Kontrollparameter
3.4 Risiko- und Schutzfaktoren bei der Aufklärung einer erhöhten Abhängigkeitsgefährdung
3.4.1 Kindbezogene Risikofaktoren (Vulnerabilität)
3.4.2 Biologische Erklärungsansätze/genetische Risikofaktoren
3.4.3 Umgebungsbezogene Risikofaktoren (Stressoren)
3.4.4 Kindbezogene Schutzfaktoren (Resilienz)
3.4.5 Umgebungsbezogene Schutzfaktoren (Soziale Unterstützung)
3.5 Auswirkungen auf das Kind/Entwicklungsprognose des Kindes
3.6 Anpassungsbestrebungen/Anstrengungen zur Belastungsbewältigung
3.7 Auswirkungen auf die Zukunft

4. Die Rolle der Sozialen Arbeit und ihre Hilfemöglichkeiten
4.1 Hilfen für Kinder substanzabhängiger Eltern
4.2 Theoretische Bezugswissenschaften
4.3 Zuständigkeiten innerhalb der Sozialen Arbeit
4.4 Grundsätze der Präventionsarbeit
4.5 Soziale Gruppenarbeit
4.5.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
4.5.2 Zielgruppe
4.5.3 Eckdaten
4.5.4 Methoden
4.5.5 Zielsetzung
4.5.6 Rahmenbedingungen
4.5.7 Elternarbeit

5. Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Die Abbildungen auf dem Deckblatt unterliegen einer Creative Commons-Lizenz (ohne Urheberrechte) und sind verfügbar unterwww.flickr.com

Abbildung 1 : Dreiecksschema für Bedingungsfaktoren der Drogenabhängigkeit

Abbildung 2: Hypothetische Konstellation im Alkoholentzug

Abbildung 3: Die Ursachen der Sucht. Phasenkonzept der Sucht mit die (!) Entwicklung

steuernden Risiko- und Schutzfaktoren

Abbildung 4: Risiko- und Schutzfaktoren in der Entwicklung des Kindes

Abbildung 5: Arbeit mit dem familiären Umfeld- ambulanter Bereich

1. Einleitung

1.1 Erkenntnisinteresse

Die Idee zur Bearbeitung des Themas ,Substanzabhängigkeit’ entwickelte sich in den vergangenen zwei Jahren. Geweckt wurde mein Interesse im Modul ,Störung, Leiden, Anderssein’ in dem ich eine Hausarbeit über den Zusammenhang von psychischen Störungen und Sucht verfasste.

Vor einem Jahr begleitete ich als Ehrenamtliche eine Gruppe substanzabhängiger Jugendlicher aus der Suchtklinik ,Schloss Börstingen’ bei einer Freizeit. Dabei interessierte ich mich sehr für die einzelnen Persönlichkeiten, ihre Geschichte und ihren Weg in und aus der Abhängigkeit. In meinem Praxissemester, das ich zu 50% in der mobilen Jugendarbeit und zu gleichen Teilen in der Sozialen Gruppenarbeit absolvierte, wurde ich permanent mit dem Thema Abhängigkeit und dem familiären Hintergrund konfrontiert. In der mobilen Jugendarbeit kommt man mit einem breiten Spektrum von verschiedenen Substanzen und Abhängigkeiten in Berührung. Der Träger ,Kinder- und Jugendwerkstatt Eigensinn’, bei dem ich mein Praktikum absolvierte, gründete 2006 ,Die Seifenblasen’, eine spezielle Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien.

Leider habe ich diesen Bereich im Studium nicht weiter vertieft und möchte nun die Chance der Bachelorarbeit nutzen, um mich dem Thema ,Kinder substanzabhängiger Eltern’ auf wissenschaftliche Weise zu nähern. Die Frage, die ich mit dieser Arbeit klären möchte lautet: ״Welche Auswirkungen hat die elterliche Substanzabhängigkeit auf deren Kinder in Bezug auf eine eigene Abhängigkeitsentwicklung und wie kann die Soziale Arbeit dort präventiv tätig sein?“

Das Thema Sucht tangiert eine Reihe von Wissenschaftsbereichen. Neben den Sozialwissenschaften beschäftigt sich in erster Linie die Psychologie, Biologie und Pharmakologie mit den Auswirkungen von substanzbezogenen Störungen (vgl. Blätter 2007, s. 84). Die Soziale Arbeit kommt in fast allen Arbeitsbereichen mit substanzabhängigen Klientinnen oder deren Angehörigen in Kontakt.

1.2 Wissenschaftliche Relevanz

Laut Michael Klein leben in Deutschland 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche, die bis zu ihrem 18. Lebensjahr zeitweise oder die gesamte Kindheit in einer abhängigkeitsbelasteten Familie aufgewachsen sind (vgl. Klein 2008b, s. 22/ Klein, Moesgen, Schulz 2012, s. 109). In dieser Zeit sind sie unmittelbar von der Substanzabhängigkeit ihrer Eltern betroffen (vgl. Mayer 2003, s. 12).

Diese Zahl lässt erkennen, dass Sucht ein gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, das nur durch die gesamte Gesellschaft gelöst werden kann. Neben den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit muss sich auch die Wirtschaft, Politik, Familie, Schule und jeder Einzelne mit diesem Thema beschäftigen, (vgl. Dyckmans 2011, s. 10).

Kinder substanzabhängiger Eltern waren für die Einrichtungen der Suchthilfe nicht immer von Relevanz (vgl. Thomasius 1996, s. 1). Im Mittelpunkt der Forschung, der Therapie wie auch in der Beratung stand lange Zeit allein der/die Substanzabhängige. Die Angehörigen von Substanzabhängigen wurden erst nach und nach mit ihren Anliegen in den sozialen Hilfesystemen wahrgenommen. Erstmals befasste sich die ,Deutsche Hauptstelle gegen Suchtgefahren’ im Oktober 1976 mit dem Thema ,Familie und Suchterkrankung’. Prof. Dr. Joachim Gerchow formulierte damals das Schlusswort wie folgt:

"Eine wichtige Konsequenz scheint mir (...) darin zu bestehen, daß (!) die Familie als therapeutische Einheit zu sehen ist. Auf diesem relativ wenig durchforschten Gebiet wird noch sehr viel zu leisten sein. Es ist ein weites Feld, auf dem öffentliche Institutionen mit ihren Hilfsangeboten und Familien Zusammenarbeiten müssen" (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (1992) Programmheft zur Fachkonferenz ״Sucht 1992", s. 2 in Thomasius 1996, s. 1).

Die Situation der Kinder wurde lange Zeit nicht berücksichtigt, obwohl zu jener Zeit schon bekannt war, dass Substanzabhängigkeiten in Zusammenhang mit Beziehungsstörungen stehen, wovon das ganze Umfeld des Abhängigen betroffen ist (vgl. Mayer 2003, s. 12). Bereits Philosophen wie Plutarch nahmen im Bereich der Alkoholabhängigkeit die Folgen für die Kinder wahr. Zobel zitiert nach Goodwin 1985, Plutarch (45-125 n. Chr.) mit seinem bekannten Satz ,Trinker zeugen Trinker’ (vgl. Goodwin 1985 in Zobel 2006, s. 13). Im 18. Jahrhundert, ausgelöst von der Gin-Epidemie in England, wiesen verschiedene wissenschaftliche Disziplinen auf die Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs der Eltern auf die Kinder hin. Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die spätere Abstinenzbewegung mit der Situation der Kinder beschäftigt. Hierbei fasste Oort im Jahre 1909 den dortigen wissenschaftlichen Stand zusammen. Danach gerieten die Kinder wissenschaftlich immer wieder in Vergessenheit. Durch die Arbeiten von Black (1982/1988), Woititz (1983/2003) und Lambrou (1990) vor allem aber durch Wegscheider (1981/1988) sind sie wieder, vor allem in der wissenschaftlichen, psychologischen Forschung und im klinischen Bereich, in den Blickpunkt geraten (vgl. Zobel 2006, s. 13). Die genannten Wissenschaftler strukturierten die Situation der Umgebung der Kinder systematisch und brachten sie theoretisch in Zusammenhang. Die Entwicklungsrisiken werden vor allem in den Studien von Cotton im Jahr 1979 dargelegt, die im Kapitel ,Kinder substanzabhängiger Eltern’ näher erläutert werden. In der Folgezeit wurden Faktoren aufgestellt, die eine erhöhte Gefährdung einer Suchtentwicklung der Kinder von Alkoholabhängigen darstellen. Um neben anderen, diese Risikogruppe zu erforschen, etablierte sich die Entwicklungspsychopathologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin (vgl. Zobel 2006, s. 13f). Für die betroffenen Kinder wurden pädagogische und psychologische Maßnahmen entwickelt, bei denen ihnen effektiv geholfen werden kann. Hierbei besteht allerdings das Problem der Stigmatisierung. Die Forschung zeigt eine defizitorientierte Haltung, in dem sie ihr hauptsächliches Interesse an die Auffälligkeiten und Störungen der Kinder richtet. In den letzten Jahren, sind die wissenschaftlichen Disziplinen bemüht, in ihren Forschungen auch ressourcenorientierte Komponenten wie Kompetenzen, Ressourcen und Entwicklungschancen zu berücksichtigen (vgl. Zobel 2006, s. 22).

An dieser stelle ist auf die Resilienzförderung aufmerksam zu machen, die in Kapitel 3.4.4 näher erläutert wird. Da sich die gemachten Erfahrungen in jungen Jahren tief einprägen und davon auszugehen ist, dass die Kinder anhaltend und intensiv unter ihrer Situation leiden, gewannen familien- und system о ri enti erte Konzepte in der Theorie wie auch in der Therapie immer mehr an Bedeutung (vgl. Mayer 2003, s. 12).

1.3 Politische Aktualität

Auch die Bundesregierung hat in den letzten Jahren die Situation und den hohen Unterstützungsbedarf der Kinder in suchtbelasteten Familien erkannt und aufgrund der Erforderlichkeit von Hilfeangeboten verschiedene Aktionsprogramme ins Leben gerufen.

Vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wurde in den Jahren 2006 bis 2010 ein Aktionsprogramm ,Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme’ entwickelt, in dem es um präventive Unterstützungs- und Hilfeangebote für Eltern ab der Schwangerschaft bis zum 3. Lebensjahr des Kindes geht, das speziell an Familien in belasteten Lebenssituationen Z.B. suchtbelastete Eltern gerichtet ist. Dabei sollen möglichst früh Entwicklungsrisiken des Kindes erkannt und die Erziehungskompetenz der Eltern gestärkt werden. Es wurde 2007 ein ,Nationales Zentrum früher Hilfen’ (NZFH) entwickelt, welches den ,Bund fachlicher Begleitung’ für den weiteren Ausbau von ,lokalen Netzwerken früher Hilfen’ sichert. Dieses Zentrum wird nun bis 2014 gefördert (vgl. Dyckmans 2011, s. 91). Im Vorwort des Drogen- und Suchtberichts vom Mai 2012 schreibt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung: ״Oberstes Ziel der Drogen- und Suchtpolitik der Bundesregierung bleibt es, alles zu tun, damit Sucht gar nicht erst entsteht. Suchtprävention ist besonders wirkungsvoll, wenn sie im Kindes- und Jugendalter ansetzt. Kinder und Jugendliche müssen darin unterstützt und gefördert werden, zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranzuwachsen. Sie müssen lernen, Probleme und belastende Lebenssituationen anders zu bewältigen als mit Suchtmitteln und Drogen“ (Dyckmans, Mechthild 2012, s. 3). Der veraltete Aktionsplan von 2003 wurde durch eine nationale Strategie zur Drogen- und Suchtpolitik abgelöst, die in Zusammenarbeit mit dem ,Bundesministerium für Gesundheit’ (BMG) erstellt wurde und im Februar 2012 das Bundeskabinett passierte. Gleichzeitig muss die Wirtschaft in die Verantwortung genommen werden, durch Selbstkontrolle die ,Verhaltensregeln des Deutschen Werberats über die kommerzielle Kommunikation für alkoholhaltige Getränke’ einzuhalten und keine Werbebotschaften an Jugendliche zu richten. Die Altersgrenzen zum Jugendschutz müssen eingehalten und im Sinne einer reduzierten Verfügbarkeit, kein Alkohol an Kinder und Jugendliche verkauft werden (vgl. Dyckmans 2012, s. 10). Spezielle Präventionsprojekte werden in Punkt 4.1 vorgestellt.

1.4 Definitionen

Eine einheitliche Definition von Abhängigkeit oder Sucht gibt es nicht. Es besteht eine Vielzahl von unterschiedlichen Definitionen, die jeweils kritisch zu beleuchten sind. Selbst die internationalen Klassifikationen ,International Classification of Diseases’ (künftig ICD-10) und ,Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders’ (künftig DSM-IV) orientieren sich an unterschiedlichen diagnostischen Bereichen (vgl. Dollinger, Schmidt-Semisch 2007, s. 8).

Im Titel wird bezogen auf die aktuelle Diskussion über Begrifflichkeiten die Ausdrucksweise ,Abhängigkeit’ verwendet. Dieser auslegungsbedürftige Begriff wird von der WHO (World Health Organization) im ICD-10 unter F1x.2 Abhängigkeitssyndrom folgendermaßen beschrieben:

״Es handelt sich um eine Gruppe körperlicher, Verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz oder einer Substanzklasse für die betroffene Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die von ihr früher höher bewertet wurden. Ein entscheidendes Charakteristikum der Abhängigkeit ist der oft starke, gelegentlich übermäßige Wunsch, psychotrope Substanzen oder Medikamente (ärztlich verordnet oder nicht), Alkohol oder Tabak zu konsumieren“(WHO 2011, s. 114).

Die ICD-10 ist zu Deutsch die internationale Klassifikation der Krankheiten und Gesundheitsprobleme, welche von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt wurde. Das Wort Sucht stammt vom althochdeutschen ,suht’ und mittelhochdeutschen ,siech’ ab und bedeutet Krankheit (vgl. Duden 2012/ Bilitza 2009, s. 11/ Kuntz 2007, s. 38). In der Geschichte wurde dementsprechend der Sucht ein krankhafter Charakter zugesprochen. Heute umschreibt man Sucht mit einem krankhaften Drang oder Verlangen nach einer Substanz oder Handlung bzw. dem Zustand stofflicher oder nicht stofflicher Abhängigkeit (vgl. Bilitza, 2009, S.11). Tretter zitiert Suchtforscher Klaus Wanke im Jahr 2000 folgendermaßen: ״Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand, dem die Kräfte des Verstandes untergeordnet werden. Es verhindert die freie Entfaltung der Persönlichkeit und mindert die sozialen Chancen des Individuums“ (Wanke, Klaus in Tretter 2008, s. 5). Bei der Substanz Alkohol ist die Abhängigkeit davon gekennzeichnet, dass der Abhängige nicht mehr in der Lage ist seinen Konsum zu kontrollieren, da er dem Verlangen nach Alkohol nicht widerstehen kann (vgl. Tretter 2008, s. 5). In den wissenschaftlichen Klassifikationen DSM-IV und ICD-10 ist der Begriff ,Sucht’ nicht mehr zu finden. Trotzdem ist er in der Fachliteratur wie auch in der Gesellschaft umgangssprachlich noch häufig in Gebrauch, weshalb er auch in dieser Bachelorarbeit verwendet wird. Neben der Bezeichnung Abhängigkeitssyndrom aus dem ICD-10, wird im DSM-IV von Substanzabhängigkeit gesprochen. Beide Definitionen stimmen jedoch weitgehend überein und besagen, dass der Substanzkonsum gegenüber anderen Verhaltensweisen vorgezogen und der Konsum trotz schädlicher Folgen fortgesetzt wird (vgl. Ristu. a. 2006, S. 13).

Abhängigkeit ist neutraler und weniger negativ behaftet. Es gelingt dem Begriff allerdings nicht, das charakteristische süchtige Verhalten abzubilden, weshalb der aussagekräftigere Ausdruck ,Sucht’ in dieser Arbeit ebenso verwendet wird (vgl. Kuntz 2007, s. 38f/ Bilitza 2009, s. 11-13). Im Bereich der in dieser vorliegenden Arbeit als Beispiel herangezogenen Alkoholabhängigkeit, wird in der diagnostischen Einteilung des ICD-10 der ,schädliche Gebrauch’ oder im Sinne des DSM-IV ,Missbrauch’ unterschieden (vgl. Schmidt, Schmidt 2003, s. 8). Während der Begriff ,Abhängigkeit’ die psychische und körperliche Abhängigkeit beinhaltet, handelt es sich bei dem schädlichen Konsum um die Gesundheitsschädigung körperlicher und seelischer Art. Abhängigkeit und schädlicher Gebrauch können, müssen aber nicht in Korrelation auftreten (vgl. Schmidt, Schmidt 2008, s. 8). Bei den Begriffen Missbrauch und schädlichem Gebrauch weichen die wissenschaftlichen Klassifikationen von einander ab. Während im ICD-10 unter schädlichem Konsum ausschließlich auf die Beeinträchtigung der körperlichen und psychischen Gesundheit hingewiesen wird, beinhaltet die Definition Missbrauch im DSM-IV auch die sozialen Probleme, die der Alkoholmissbrauch mit sich bringt (vgl. Edwards et al. 1981 in Rist u. a. 2006, s. 12f).

Ich bin mir dieser Problematik der Begriffsbestimmungen bewusst und werde in den folgenden Kapiteln erläutern, welche Bedeutung ich dem Begriff Abhängigkeit beimesse. Da ich mich ausschließlich auf stoffgebundene Abhängigkeiten beziehe, habe ich den Begriff durch die Bezeichnung ,Substanzabhängigkeit’ eingegrenzt. Zur inhaltlichen Erläuterung der verwendeten Begrifflichkeiten ist vorweg anzumerken, dass sich die Substanzabhängigkeit der Eltern auf das ganze Leben der Kinder auswirken kann. Dadurch ist eine Assoziation mit einer bestimmten Altersgruppe nicht möglich. Es handelt sich um eine Generationsbeziehung, die nie endet. Ein Kind bleibt Kind seiner Eltern (vgl. Mayer 2003, s. 12, 14). Deshalb ist das ebenfalls im Titel befindliche Wort ,Kind’ in seiner Bedeutung biologisch zu verstehen und nicht an ein Alter gebunden. Hier ist auch darauf hinzuweisen, dass nicht nur eine Beschränkung auf die biologisch abstammende Kinder besteht, sondern auch adoptierte Kinder, Pflegekinder u.ä. zu berücksichtigen sind. Wichtig ist dabei, dass das Kind bei substanzabhängigen Eltern oder Elternteile aufgewachsen ist. Im Bereich der genetisch vererbten Aspekte sind selbstverständlich ausschließlich leibliche Kinder betroffen.

1.5 Aufbau der Arbeit

Zur vollständigen Darstellung des Themas ist es nicht ausreichend sich ausschließlich mit Sozialwissenschaften und soziokulturellen Bedingungen zu beschäftigen. Zum Verständnis einer Suchtstörung sollten auch medizinische, neurobiologische, pharmakologische, genetische und psychologische Bedingungen beachtet werden (vgl. Degkwitz 2007, s. 59/ Blätter 2007, s. 84).

Deshalb geht es im Kapitel ,Substanzbezogene Störungen am Beispiel Alkohol’ nach der Epidemiologie vor allem im Kapitel 2.1.2 Entstehungsbedingungen einer Abhängigkeit, um das Individuum, die Drogenwirkung und das Sozialfeld, wobei psychologische, soziologische wie auch neurobiologische Komponenten berücksichtigt sind.

In Kapitel 2.1.3 wird der Verlauf einer Alkoholabhängigkeit dargestellt, um anschließend deren Auswirkung zu thematisieren. Neben diesen substanzbezogenen Grundlagen bedarf es auch der Erläuterung des Familienbegriffs. Um die Zusammenhänge der Belastungen von Kindern Substanzabhängiger zu verstehen, ist es hilfreich, über interne Familienregeln, das Familiensystem und das Erziehungsverhalten zu informieren. Fachliche Grundlagen sind die Themen der Bindung und der Entwicklungspsychologie.

Neben Zahlen und Fakten folgt die Beschreibung der belastenden Familiensituation des Kindes und Kontrollparametern, die den Entwicklungsverlauf unabhängig mitbestimmen.

In Kapitel 3.4 geht es anschließend um die eigentlichen Risiko- und Schutzfaktoren bei der Aufklärung einer erhöhten Abhängigkeitsgefährdung, die in den weiteren Kapiteln getrennt von kind- und umweltbezogenen Faktoren behandelt werden. Die letztendlich direkten Auswirkungen der elterlichen Substanzabhängigkeit kommen in Kapitel 3.5 zum Ausdruck. Indirekte Auswirkungen in Form von Anpassungsbestrebungen zur Belastungsbewältigung werden im Folgenden behandelt. Abschließend werden Auswirkungen auf die Zukunft kurz erläutert.

Im vierten Hauptgliederungspunkt geht es um die Rolle der Sozialen Arbeit und der konkreten Hilfe für die Kinder substanzabhängiger Eltern. Nachdem allgemein Hilfen für Kinder substanzabhängiger Eltern vorgestellt werden, wird die theoretische Bezugswissenschaft der Sozialen Arbeit hergeleitet, wonach die Hilfe in den einzelnen Einrichtungen zu verorten ist. Bei der tatsächlichen Hilfe der Kinder werden zunächst Grundsätze der Präventionsarbeit dargstellt, um sie anschließend am Beispiel Soziale Arbeit zu konkretisieren.

Es handelt sich hierbei um eine Bachelorarbeit der Fakultät Soziale Arbeit und wurde getreu den Hochschulstandards für Hausarbeiten erstellt. Das Ergebnis dieser Arbeit beruht auf einer ausführlichen Literaturrecherche. Aufgrund der Vielzahl von Wissenschaftlern und Studien sowie deren unterschiedlichsten Herangehensweisen und Erkenntnissen, musste auf zusammenfassende Sekundärliteratur zurückgegriffen werden, um eine einheitliche, nachvollziehbare Grundlage zu schaffen.

2. Grundlagen

2.1 Substanzbezogene Störungen am Beispiel Alkohol

Es gibt mehrere alkoholbezogene Störungen. Zu nennen ist hierbei die akute Alkoholvergiftung bzw. nach ICD-10 unter F10.0 die Alkoholintoxikation, das einfache Entzugssydrom nach F.10.3 oder das Entzugssyndrom mit Delier F 10.4. Zu erwähnen sind auch die psychotischen Störungen nach F.10.5 und die Begleiterkrankungen, die auch hier immer wieder unter komorbiden Störungen erwähnt werden. Bei dieser Arbeit wird vor allem das Abhängigkeitssyndrom thematisiert (vgl. Banger u. a. 2006, s. 30-34).

2.1.1 Epidemiologie

Deutschland gehört im internationalen Vergleich zu den Hochkonsumländern von Alkohol, mit einem Pro-Kopf-Konsum von mehr als 6,9 Litern Reinalkohol im Jahr. Im Vergleich zum Jahre 1995 waren es noch 11,1 Liter (vgl. Gärtner et al. 2012). Laut dem statistischen Bundesamt wurden im Jahre 2010, 115436 vollstationäre Patienten mit der Diagnose F10.0 - Psychische- und Verhaltensstörungen durch ,akute Alkoholintoxikation’ (akuter Rausch) aus dem Krankenhaus entlassen (vgl. Statistisches Bundesamt 2012). In unserer Gesellschaft leben 1,3 Millionen Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit, laut DSM IV betrifft dies 2,4 % der Bevölkerung. 9,5 Millionen Menschen konsumieren Alkohol in riskanter Form, wovon man bei 3,8 % bereits von Missbrauch sprechen kann (vgl. Schmidt 2006, s. 14/ Dyckmans 2012, s. 18/ Pabst 2008)[1].

Jährlich sterben 73.000 Menschen aufgrund ihrer Substanzabhängigkeit. Im Jahr 2004 wurden bei 992.000 Menschen eine alkoholbezogene Erkrankung, Unfälle oder Verletzungen diagnostiziert (vgl. Rehm et al, 2009). Zahlreiche Angehörige und vor allem Kinder sind davon betroffen (vgl. Dyckmans 2012, s. 18). Wenn man allerdings bedenkt, dass etwa 80% der erwachsenen Menschen regelmäßig Alkohol konsumieren und davon nur ca. 3% alkoholkrank werden (die restlichen trinken selten oder leben abstinent), stellt sich die Frage, aus welchen Gründen und mit welchen Folgen Menschen suchtkrank werden und wo die Soziale Arbeit ansetzen kann, um eine Abhängigkeit zu verhindern. Während sich dieses Kapitel mit der Frage ,Was macht Menschen krank’, beschäftigt, wird diese Frage im Kapitel ,Hilfemöglichkeiten’ durch ,Was hält Menschen gesund?’ ersetzt (vgl. Laging 2005, s. 37/ Kolitzus 2004, s. 22). Studien zu den häufig verwendeten Begriffen ,Vulnerabilität’ und ,Resilienz’, die ersteres das Risiko einer Suchtentstehung wahrscheinlicher machen und letzteres als Schutzfaktor die Wahrscheinlichkeit mindern, sind in der Suchtforschung selten und mit hohem Aufwand verbunden (vgl. Reis 2012, s. 9). Sie werden aber im Kapitel ,Kinder substanzabhängiger Eltern’ behandelt.

2.1.2 Entstehungsbedingungen einer Abhängigkeit

Wie eine Abhängigkeit entsteht, ist auch heute noch umstritten. Früher ging man davon aus, dass das Suchtpotential einer psychotropen Substanz Auslöser einer Abhängigkeit darstellt. Heute spricht man vom ,biopsychosozialen Modell’, begründet durch Feuerlein et al. 1998. Je nach Disziplin werden andere Aspekte der biologischen, psychischen oder sozialen Ursachen in den Vordergrund gestellt. Bereits innerhalb der psychologischen Disziplin gibt es zwei Forschungszweige mit anderem Gegenstandsbereich und anderer Vorgehensweise, die empirisch-experimentelle und die psychoanalytische Psychologie. Während die Psychoanalyse psychische Phänomene wie Übertragung und Abwehr untersucht, ist dies aus Sicht der empirisch-experimentellen Psychologie ein Untersuchungsfehler (vgl. Bilitza 2008, s. 13). Aus Sicht der Psychoanalyse ist es Aufgabe des ,Ich’, zwischen dem Triebverhalten ,Es’ und der Vernunft ,über-lch’ ein Gleichgewicht herzustellen. Das Verlangen nach einer Substanz stärkt das ,Es’, was es dem ,Ich’ erschwert, das Gleichgewicht zu halten (vgl. Tretter 2008, s. 39). Der Alkohol hingegen dämpft das ,über- Ich’. ״Psychoanalytiker sagen, dass das ,über-lch’ durch den Alkohol aufgelöst wird und dann das ,Es’ das ,Ich’ unter die Kontrolle der Triebe bringt. Dieser Lustzustand ist der Antrieb für weiteren Drogenkonsum(...)Das ,über-lch’ ist die Bremse des Verhaltens, das ,Es’ ist das Gas des Verhaltens. Der Alkohol löst die Bremse und gibt Gas!“ (Tretter, Felix 2008, s. 40). Ein weiteres Problem bei der Darstellung einer Suchtentstehung ergibt sich daraus, dass verschiedene Wissenschaftsdisziplinen unterschiedliche Modelle entwickelt haben, wie eine Sucht entsteht. Biologisch orientierte Modelle beziehen sich auf die Veränderungen im Hirn und den Organen, während psychologische Modelle Lern-, Bewältigungs-, konfliktdynamische, motivationale oder persönlichkeitsorientierte Aspekte in den Vordergrund stellen. Soziologische Modelle fokussieren sich auf makrosoziale Aspekte. Rollenzuschreibungen, wie zum Beispiel das Bewältigen von ,Entwicklungsaufgaben’ oder der Substanzkonsum als Ausdruck eines sozialen Standes, befinden sich an der Schnittstelle von Soziologie und Psychologie. Parallel dazu gibt es noch die Drogenpolitik, die entscheidend dafür ist, ob eine Substanz legal oder illegal und wie verfügbar diese ist (vgl. Reis 2012, s. 8).

Das triadische System, das zum Beispiel von Feuerlein 1989 beschrieben wird, beschreibt die Wechselwirkung von Umwelt, Person und Droge. Dabei wird pro Ebene zwischen Risiko- und Schutzfaktoren unterschieden (vgl. Reis 2012, s. 9/ Weichold 2003, s. 168). ״Manche Drogen haben ein hohes Suchtpotential (...), manche Menschen haben ein persönliches hohes Suchtrisiko (...) und manche Lebensbereiche gehen mit einem hohen Suchtrisiko einher (!)“ (Tretter, Felix 2008, s. 12).

״In jedem Fall bedarf es eines multidisziplinären, lebenslang orientierten Mehrebenen­Modells, in dem die Transaktionalitäten verschiedener Drogen, Person- und Umweltbedingungen verrechnet werden, wobei biologische, psychische und soziale Wirkmechanismen die ״missing links“ zwischen Risiko-, Schutz- und Suchtentwicklung bilden“ (Reis, Olaf 2012, s. 10).

Zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeiten werden wie bereits angedeutet, in jeder Profession andere Modelle entwickelt. Diese Modelle lassen sich mit ihren Ursachen, die eine Abhängigkeit begünstigen, im ,Ursachen-Trias’ von Kielholz und Ladewig (1972) zusammenfassen. Es setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich bei einer Substanzabhängigkeit um einen multifaktoriellen Prozess handelt, in welchem das Individuum, die Substanz und das Sozialfeld Zusammenwirken (vgl. Laging 2005, s. 32/ Feuerlein 1969, Kielholz u. Ladewig 1972 in Soyka, Küfner2008, s. 20/ Morgenroth 2010, s. 15/ Kaufmann 2007, s. 150). Diese Bedingungen, lassen sich in einem Dreieck grafisch am besten darstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: (Soyka, Küfner 2008, s. 21)

Im Schaubild wird der Begriff Droge verwendet, worunter alle psychotropen Substanzen zu verstehen sind. Die Droge ist aufgrund ihrer erstmals positiven Wirkung für den/die Konsumentinnen attraktiv. Bei Alkohol wird zum Beispiel die Wirkung als euphorisierend und angenehm empfunden. Das Abhängigkeitspotential der Droge ist dabei ebenfalls sehr entscheidend. Ein dritter Faktor, der die Gefahr beeinflusst, ist die Verfügbarkeit der Substanz. Der zweiten Ecke, dem Sozialfeld, sind die sozialen Rahmenbedingungen des Individuums und die sozialen Beziehungen zugeordnet. Darin wird vor allem darauf geachtet,

welche Einstellung das soziale Umfeld gegenüber dem Suchtmittelkonsum hat. Beim Umgang mit der Droge wird das Individuum am Beispiel eines Jugendlichen beeinflusst, durch die Familie, die Peergroup, die Schule oder den Arbeitsplatz. Ergänzend ist anzumerken, dass Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft völlig legitim ist. Beim Individuum mit seinen angeborenen und erworbenen Eigenschaften geht es um die physiologischen und psychologischen Faktoren, welche durch genetische Einflüsse und Lebensereignisse bestimmt werden. Ein Kind oder Jugendlicher entwickelt im Laufe seines Lebens Problemlösestrategien, um mit Krisen zurechtzukommen. Gelingt dies dem Kind/Jugendlichen weniger und kommt ein geringes Selbstwertgefühl oder der Eintritt in die Pubertät hinzu, können diese Faktoren den Einstieg in eine Abhängigkeitserkrankung begünstigen, (vgl. Soyka, Küfner2008, s. 21/ Nessler, Häßler, Thomasius 2009, s. 27f).

Das Drei-Faktoren-Modell mit den Komponenten Droge, Individuum und Sozialfeld steht wie bereits erwähnt in einer widersprüchlichen Wechselbeziehung. Am Beispiel des Alkohols entsteht ein ,Teufelskreis’. Der Alkohol wird als Problemloser eingesetzt, der eventuell auf kurze Zeit hilft, jedoch die Probleme nur größer werden lässt. Im Bereich der Neurobiologie kommt es zu einer Toleranzentwicklung und einem Sensitivierungsprozess. Auf körperlicher Art tauchen Entzugserscheinungen und Erkrankungen auf. Auf der psychischen Ebene wird der Alkoholkonsum als Entspannung empfunden, jedoch werden auch alternative Problemlösemöglichkeiten geschwächt. Darüber hinaus steigern sich die Probleme und Konflikte im sozialen Bereich (vgl. Soyka, Küfner2008, s. 20f).

2.1.2.1 Die Droge

Drogen haben ein unterschiedliches Suchtpotential. Obwohl Alkohol zu den Drogen zählt, die ein niedrigeres Suchtpotential aufweisen, ist er trotzdem mit Vorsicht zu genießen. Bei der Wirkung von Alkohol spricht man auch von einem ,biphasischen Verhaltenseffekt’. In geringen Mengen wirkt Alkohol aktivierend durch eine Entspannung, in hohen Mengen jedoch dämpfend. Dieser Effekt kann derzeit auf biochemischer Ebene noch nicht vollständig nachvollzogen werden (vgl. Tretter 2008, s. 12). ״Ein schlüssiges Bild der Neurobiologie der Sucht fehlt noch“ (Tretter, Felix 2008, s. 15). Auch Johannes Lindenmeyer ist der Auffassung, dass eine neurobiologische Theorie am Beispiel Sucht noch aussteht (vgl. Lindenmeyer 2005, s. 29).

Allerdings finden sich in der Literatur reichliche Ausführungen komplexer Modellannahmen über die Neurobiologie der Sucht bzw. den Wirkmechanismen von Drogen, die hier aufgrund der Übersichtlichkeit nicht einzeln aufgeführt werden. Die immer wieder beschriebene Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen sind allerdings durchaus zu erwähnen. Der chronische Alkoholkonsum führt zu neuroadaptiven Veränderungen im Gehirn, die eine Toleranzentwicklung wie auch Entzugssymptome erklären können (vgl. Müller, Heinz 2012, s. 17). Durch regelmäßigen Alkoholkonsum kann sich eine Verträglichkeit entwickeln, die sich so auswirkt, dass bis zu einer doppelten Menge Alkohol benötigt wird, um die gleiche Wirkung zu erreichen. Lindenmeyer erklärt diese Toleranzsteigerung anhand einer Zweiphasenwirkung. Die gewollte, angenehme Hauptwirkung des Alkohols (im glutamatergen und GABAergen System) zieht unangenehme Nachwirkungen nach sich. Sie sind weniger ausgeprägt, aber von längerer Dauer. Bei wiederholtem Konsum können sich mit der Zeit die unangenehmen Nachwirkungen in Entzugserscheinungen weiterentwickeln, die sich durch Zittern, Schwitzen, Unruhe, Ängste, Herzklopfen, Erbrechen bis sich sogar epileptische Entzugskrampfanfälle oder psychotische Zustände, bemerkbar machen. Um über die Entzugserscheinungen hinweg, wieder die erwünschte Hauptwirkung zu erzielen, benötigt der Konsument viel mehr Alkohol (vgl. Lindenmeyer 2005, s. 29f). Es ist anzunehmen, dass eine Toleranzentwicklung und die Entstehung von Entzugssymptomen sehr komplexe Abläufe sind, bei denen verschiedene neuronale, hormonelle und zelluläre Systeme beteiligt sind. Die hierbei wichtigsten Neurotransmitter heißen Glutamat, Dopamin, GABA, Katecholamine, Serotonin und Acetylcholin (vgl. Soyka, Küfner 2008, s. 23). Wobei die Veränderungen vor allem auf die GABAergen und glutamatergen Neurotransmission zurückzuführen sind (Krystal et al. 2006, Tsai et al. 1995 in Müller, Heinz 2012, s. 18). Die neurobiologische Grundlage dafür ist eine Neuroadaption, die dafür sorgt, dass ein Gleichgewichtszustand zwischen exzitatorischen und inhibitorischen Funktionen im Gehirn aufrechterhalten wird (vgl. Koob, LeMoal 1997 in Müller, Heinz 2012, s. 17f). ״GABA ist der vorherrschende inhibitorische Neurotransmitter im Gehirn und gemeinsam mit dem exzitatorischen Botenstoff Glutamat entscheidend an der schnellen Informationsverarbeitung im Bereich kortikaler und subkortikaler Areale beteiligt“ (Heinz, Andreas; Müller, Christian A. 2012, s. 18).

Beim Konsum von Alkohol wird die erregend wirkende Funktion des Glutamat-Systems gehemmt und die hemmend wirkende Funktion der GABA- und das Dopamin-System verstärkt (vgl. Tretter 2008, s. 16). Während die GABA-Rezeptoren Beruhigungszustände vermitteln, sind die Dopamin-Rezeptoren für einen Lustzustand zuständig, was im Ganzen zu einer angenehmen Entspannung führt. Nach Abbau des Alkohols im Blut finden sich die Systeme wieder in das ursprüngliche Gleichgewicht ein. Die Reaktionsfähigkeit nimmt unter Alkoholeinfluss, aufgrund der Dämpfung des Glutamat-Systems, ab. Bei höherer Dosis kann sich dies allerdings in eine gesteigerte Erregbarkeit ändern (vgl. Tretter 2008, s. 36).

Bei chronischem Konsum besteht die Gefahr, dass die Systeme ihre Eigenaktivität verlieren. Durch eine körperliche Abhängigkeit passen sich die Neurotransmitter dem anhaltenden Alkoholkonsum an. Beispielsweise erhöht sich das Glutamat-System, während sich das GABA-System herunterfährt. Durch die ständige Alkoholzufuhr wird das neurochemische Gleichgewicht auf eine künstliche Art und Weise ausgeglichen. Hier wird die Entwicklung einer Toleranz deutlich, bei der/die Abhängige glaubt, mehr Alkohol zu vertragen. Wird nun das künstliche Gleichgewicht durch das Unterbrechen der Alkoholzufuhr gestört, kommt es zu einem neurochemischen Ungleichgewicht. Durch das erhöhte Glutamatsystem und das Übergewicht an Noradrenalin entstehen die bereits erwähnten Entzugserscheinungen (vgl. Tretter 2008, s. 37f/ Müller, Heinz 2012, s. 18).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie jedes andere Verhalten wird auch das Abhängigkeitsverhalten erlernt. Anfangs ist der Drogenkonsum nur eine Verhaltensoption von vielen. Damit sich der Konsum wiederholt, muss sich die Droge gegenüber anderen Optionen vorerst positiv bewähren (vgl. Stevens, Rist 2012, s. 21). Alle Rauschdrogen haben das gemeinsame Merkmal, dass sie die Fähigkeit haben, durch ihre euphorisierende Wirkung ein mesolimbisches Belohnungssystem zu aktivieren und die Konzentration des Neutrotransmitters Dopamin zu erhöhen (vgl. Ho et al. 2010 in Müller, Heinz 2012, s. 18). Der Belohnungseffekt bzw. die Luststeigerung durch den Drogenkonsum führt zu wiederholtem Drogenkonsum. Auch Tierexperimente bestätigen die Annahme, dass Drogen einen Belohnungseffekt hervorrufen (vgl. Tretter 2008, s. 38f/ Soyka, Küfner 2008, s. 51). Es wird zwischen angenehmen Auswirkungen einer Substanz, genannt ,liking’ und dem Verlangen nach der Wirkung ,wanting’ nach Berridge und Robinson 1998 unterschieden. Soyka und Küfner beschreiben dieses Phänomen nach Tabakoff 1983 mit den Begriffen ,Verstärkungslernen’ mit den positiven Vorgängen und das ,Vermeidungslernen’ mit der Angst vor dem Entzug (vgl. Soyka, Küfner 2008, s. 51). Reize lösen beim Abhängigen eine erhöhte Dopaminausschüttung aus und aktivieren damit das mesolimbische Belohnungssystem. Mit der Zeit passt sich das zentrale Nervensystem diesem Belohnungssystem an, was zu einer Aufrechterhaltung des Alkoholkonsums führt.

Die Substanz gewinnt an Bedeutung und wird anderen Verhaltensoptionen trotz negativer Konsequenzen vorgezogen (vgl. Stevens, Rist 2012, s. 21). Neutrale Reize, die normalerweise angenehme Gefühle beim Konsum auslösen, erzeugen nun ein starkes Verlangen nach der Substanz. Dafür sind biochemische Vorgänge verantwortlich, die für eine Verstärkung und Belohnung verantwortlich sind. Eine Alkoholabstinenz führt dann zu einem Dopaminmangel, welcher wiederum das Suchtmittelverlangen hervorruft und Emotionen wie Reizbarkeit, Depressivität oder Ärger bewirken kann. Nur durch Alkoholkonsum kann der Endorphinmangel wieder ausgeglichen werden. Vom ,Suchtgedächtnis’ wird vor allem dann gesprochen, wenn das Verlangen nach Alkohol durch externe oder interne Reize ausgelöst wird, die auch dann auftauchen, wenn die Substanz nicht vorhanden ist. Diese Reize wurden in der Vergangenheit mit dem Alkoholkonsum in Verbindung gebracht. Jene können sehr unspezifisch sein zum Beispiel: Örtlichkeiten, Situationen, Stimmungen, Personen oder Tageszeiten etc. Sie lösen einen Suchtdruck aus und beinhalten somit ein großes Rückfallrisiko. In zahlreichen Untersuchungen wurden reflexhafte Veränderungen nachgewiesen. Neben den emotionalen Empfindungen wie Erregung oder Verlangen wurden auf der physiologischen- und kognitiven Ebene auch Veränderungen, wie zum Beispiel Speichelfluss, Herzfrequenz, Neurotransmitterausschüttung oder Reaktions- und Informationsverarbeitungs­geschwindigkeit beobachtet (vgl. Müller, Heinz 2012, s. 18f/ Lindenmeyer 2005, s. 30f/ Soyka, Küfner2008, s. 51).

2.1.2.2 Das Sozialfeld

Die Umwelt der Person beinhaltet neben der Berücksichtung des unmittelbaren Umfelds, auch die Gesellschaft. Riskanter Alkoholkonsum ist problematischerweise Teil unserer Trinkkultur. Er ist nicht nur erlaubt, sondern erhält eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Nicht nur bei festlichen Angelegenheiten, auch zum Essen oder zu anderen Anlässen wird konsumiert, dabei sind sogar kleinere Räusche gesellschaftlich toleriert. Alkohol wird gerne mit guter Laune, Spaß und Geselligkeit in Verbindung gebracht, über ,Alkoholleichen’ wird jedoch missbilligend den Kopf geschüttelt (vgl. Häßler, Nessler, Thomasius 2009, s. 43/ Sting, Blum 2003, s. 22). In Bezugnahme auf Reis 2012 s. 9 ist Alkohol nach eigener Einschätzung leicht zu beschaffen und relativ günstig zu erstehen.

Die Familie stellt das nächstliegende Umfeld eines Menschen dar. Im Jugendalter sind schlechte Vorbilder wie zum Beispiel alkoholabhängige Eltern oder alkoholkonsumierende Cliquen entsprechende Risikofaktoren (vgl. Lindenmeyer 2008, s. 66f). Das direkte Umfeld der Jugendlichen ist dabei entscheidend. Je nach Trinkkultur der Peergroup, passt sich der Alkoholkonsum des Jugendlichen an (vgl. Dyckmans 2011, s. 21). Dabei ist entscheidend, dass der erste Probierkonsum meistens nicht ausschließlich positiv erlebt wird, sondern unangenehme Nebenwirkungen mit sich bringt. Um den Konsum fortzusetzen, müssen somit negative Wirkungen überwunden werden um über längere Zeit und wiederholten Konsum ausschließlich positive Erfahrungen zu machen. Hier kommt die Peergroup als konsumverstärkender Faktor hinzu, indem sie die Wirkungseffekte der Substanz hervorhebt und die unangenehmen Nebenwirkungen relativiert. Auch die soziale Anerkennung durch den Substanzkonsum trägt zur Überwindung der Konsequenzen bei (vgl. Stevens, Rist 2012, s. 22). Aber auch das Konzept des Modelllernens bestätigt die Annahme, dass nicht nur eigene Erfahrungen mit einer Substanz zur Verhaltensänderung beitragen. Schon im Alter von drei Jahren, macht ein Kind die ersten Beobachtungen der Wirkungsweise von Alkohol und in welchen Gelegenheiten er konsumiert wird. Das Kind begreift, dass der Alkoholkonsum zum Erwachsensein dazugehört. Wie bei Kleidung oder Musikstil werden Menschen in allen Bereichen durch Vorbilder, Freunde oder Eltern beeinflusst, so auch im Umgang mit Substanzkonsum. Sogar aus Medien wie Film und Fernsehen werden Konsumeinstellungen übernommen. Dieses Phänomen wurde von Sorgent et al. 2001 anhand von Rauchern festgestellt. Das Modelllernen oder auch Beobachtungslernen sagt aus, dass allein das Beobachten von konsumierenden Menschen oder die Einstellungen der Menschen gegenüber der Substanzeinnahme zu einer Abhängigkeit führen können (vgl. Stevens, Rist 2012, s. 25). Aber nicht nur die Konsumeinstellungen der Familie spielen eine Rolle, sondern auch wie die Familie oder Partner mit einem Substanzabhängigen umgehen. Es besteht zum Beispiel die Gefahr, dass die Familie ungewollt als Stabilisierungsfaktor der Substanzabhängigkeit fungiert, da der Abhängige umso mehr trinkt, je mehr die Angehörigen intervenieren. Der an dieser stelle oft auftauchende Teufelskreis, der später im Kapitel ,Auswirkungen einer Alkoholabhängigkeit’ erläutert wird, nennt man Co-Abhängigkeit (vgl. Tretter 2008, s. 42f). Neben dem Aspekt der Co-Abhängigkeit ist bekannt, dass die Familienatmosphäre in suchtbelasteten Familien häufig problembelastet ist. Getrennte oder geschiedene Eltern sind bei etwa 50% der Drogenabhängigen zu beobachten. Die so genannten Broken-Home-Familien sind mit 30% in der ganzen Gesellschaft allerdings auch keine Seltenheit. Der Erziehungsstil und der Substanzkonsum der Eltern sind ebenfalls entscheidend. Darüber hinaus gibt es immer wieder Forschungen, die den biologischen Faktor und die Vererbbarkeit der Vulnerabilität gegenüber Abhängigkeitserkrankungen zu belegen versuchen. Diese Erkenntnisse stammen von Klein 2001 (vgl. Tretter 2008, s. 43). Es ist in unserer Gesellschaft sehr schwer, sich den legalen Drogen wie Alkohol zu entziehen. Selbst die Freizeit wird mit Drogenkonsum verbunden, beim Sport oder auch Musikmachen wird Alkohol konsumiert (vgl. Tretter 2008, s. 43f). Wilken 2010 weist allerdings darauf hin, dass das Verhalten nicht direkt von den Umwelteinflüssen abhängig ist, sondem danach, wie das Kind diese Einflüsse verarbeitet und interpretiert (vgl. Klein, Moesgen, Schulz 2012, s. 109).

2.1.2.3 Das Individuum

An einer Reihe von Studien wurde versucht, eine genetische Disposition von Abhängigkeit nachzuweisen. Anhand von Zwillings-, Adoptions- und High-Risk-Studien und kürzlich auch durch neuro- und molekularbiologische Methoden kann angenommen werden, dass die Entstehung einer Abhängigkeit am Beispiel Alkohol zu etwa 50% durch genetische Faktoren bestimmt ist. Die Forschungsbefunde machen deutlich, dass familiäre Vorbelastung von Substanzproblemen als ein hoher Risikofaktor für eine Entwicklung von Abhängigkeit angesehen werden kann. Dieser Aspekt wird im Kapitel ,Kinder substanzabhängiger Eltern’ unter dem Punkt 3.4.3 nochmals aufgegriffen. Hierzu wurden sogar zahlreiche Tierexperimente gemacht, wobei es gelungen ist, Nagern eine Alkoholpräferenz anzuzüchten (vgl. Lieb 2005, s. 3/ Müller, Heinz 2012, s. 16/ Soyka, Küfner 2008, s. 69-78). Neben diesen Erkenntnissen wurde auch herausgefunden, dass es Völker wie beispielsweise in Japan, China und Vietnam gibt, die weniger Alkohol vertragen als Probanden aus kaukasischen oder afrikanischen Ländern (vgl. Soyka, Küfner 2008, s. 73). Eine Unempfindlichkeit gegenüber der Alkoholwirkung stellt hingegen einen wesentlichen Risikofaktor dar, um eine Alkoholabhängigkeit zu entwickeln. Nach Schuckit und Smith 1996 empfinden die Betroffenen nur in geringen Maßen die Auswirkungen des Alkohols. Auch bei hoher Dosis zeigt der Körper keine Warnsignale, die vor weiterem Konsum schützen. Durch die benannten genetischen Untersuchungen wurde herausgefunden, dass die so genannte Alkoholtoleranz zu 60% erblich bedingt ist. Im Bereich der Neurobiologie, nach Heinz et al. 1998, ist dieses Phänomen durch eine Unterfunktion der serotonergen Transmission zu erklären. Dies bedeutet, dass der Betroffene weniger empfindlich gegenüber den GABA- Rezeptoren ist, welche für die sedierende Wirkung des Alkohols zuständig sind. Die körperlichen Warnsignale, die vor weiterem Konsum schützen sollen, sind unangenehme Symptome wie Hautrötungen oder Juckreiz. Diese werden sehr vereinfacht ausgedrückt, durch verschiedene Genvarianten ausgelöst. Müller und Heinz stützen sich hierbei auf Agarwal und Goedde 1992. Es werden zwar Auswirkungen auf die Empfindlichkeit gegenüber der Alkoholwirkung und dem damit verbundenem Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung diskutiert, die genaue Funktion der Genvarianten ist allerdings noch ungeklärt (vgl. Müller, Heinz 2012, s. 17). In der Psychodynamik einer Erkrankung beschreibt Bilitza im Jahr 2009 folgenden Ablauf: Die Lebensgeschichte und psychische Entwicklungsbedingungen bilden das psychische Strukturniveau. Misslingt danach die Anpassung an die Lebenssituation in Bezug auf eine Ausbildung, Beruf oder Partnerwahl, kann sich daraus eine Fehlanpassung in Form von psychosomatischen Erkrankungen entwickeln. Diese Fehlanpassung kann durch Konsum von chemischen Substanzen zur Sucht führen (vgl. Bilitza 2009, s. 14). Auch das Alter spielt bei der Suchtentstehung eine Rolle. Das Risiko durch suchtkranke Eltern kann unterschiedlich ausfallen, je nachdem ob das biologische Kind noch ,Kind’ oder bereits erwachsen ist(vgl. Reis 2012, s. 10).

״Ein Individuum durchläuft in seiner lebenslangen Entwicklung unterschiedliche vulnerable Phasen, sowohl was die biologische als auch die psychische Empfänglichkeit für Substanzen und Risiken oder Schutzfaktoren angeht.(...) Das Jugendalter gilt insofern als besonders vulnerable Zeitspanne, als dass hier die meist ersten Erfahrungen mit psychoaktiven Substanzen gemacht werden“ (Reis, Olaf 2012, s. 10).

Im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren konsumiert man in Deutschland zum ersten Mal Alkohol. Irgendwann wird der Alkoholkonsum zur Gewohnheit. 85-90% der Erwachsenen trinken regelmäßig aus Gewohnheit Alkohol (vgl. Lindenmeyer 2008, s. 63-65/ Weichold 2003, s. 166). Im Jugendalter sind neben den bereits erwähnten schlechten Vorbildern auch wenig abwechslungsreiches Freizeitverhalten und nicht mitwachsende Selbstsicherheit Bedingungen, die eine Entwicklung beschleunigen können. Damit verbunden sind ungenügende Bewältigungs- oder Konfliktlösungsmöglichkeiten. Sie sind Auslöser dafür, dass sich nüchterne Jugendliche in manchen Situationen unsicher und hilflos fühlen (vgl. Lindenmeyer 2008, s. 66f). Die Jugend als Lebensphase zeichnet sich dafür aus, durch die besonders ausgeprägte Experimentierfreude und Risikobereitschaft, sich mit Rauschmitteln auszuprobieren. ״Epidemiologische Studien haben wiederholt gezeigt, dass die so genannte Progression des Substanzkonsums bei fast allen Adoleszenten in einer konstanten Abfolge geschieht, wobei die späteren Stadien nur von einer Minderheit erreicht werden“ (Morgenroth, Christine 2010, s. 13). Die bei Morgenroth erwähnten Stadien, beziehen sich auf die verschiedenen Substanzen. Einsteigerdrogen sind oft Nikotin und Alkohol, gefolgt von Cannabis, Amphetaminen und Ecstasy über Kokain bis hin zu Heroin. Bei gelungener Bewältigung von Lebensübergängen wird der Konsum von illegalen Drogen schnell wieder aufgegeben, spätestens mit dem Einstieg ins Berufsleben oder dem Gründen einer Familie. Nur 10% der Jugendlichen, die mit Drogen experimentieren, entwickeln ein Drogenproblem (vgl. Morgenroth 2010, s. 13/Weichold 2003, s. 166).

Wie bereits angedeutet, konsumieren Jugendliche Alkohol meist, um mit den Veränderungen durch die Pubertät fertig zu werden. Zum Beispiel erleichtert Alkohol die Gestaltung von Beziehungen zum anderen Geschlecht, da Alkohol durch seine Katalysatorfunktion ,lockerer’ macht (vgl. Reis 2012, s. 11f). Jugendliche trinken darüber hinaus, um Spaß zu haben, ihre Schüchternheit zu verlieren und somit Hemmungen zu überwinden (vgl. Dyckmans 2011, s. 21). Die Jugendlichen heute haben im Vergleich zu den späten 1960er Jahren mehr finanzielle Mittel, eine größere Selbständigkeit und damit eine höhere Selbstbestimmung, (vgl. Tretter 2008, s. 45). Der Ablöseprozess von der Familie und das Erlangen von mehr Autonomie und emotionaler Unabhängigkeit beinhaltet die Gefahr, dass gerade Jugendliche durch die Sehnsucht nach Unabhängigkeit und Erwachsen-Sein in eine andere Art Abhängigkeit geraten (vgl. Reis 2012, s. 12). Auch in der Psychoanalyse taucht dieses Dilemma auf. Auf der Suche nach dieser Freiheit und Selbstbestimmung der Lust geraten Menschen immer wieder an Suchtmittel, die aufgrund ihrer Wirkung Fürsorglichkeit Vortäuschen, in Wirklichkeit aber eine Zerstörung des Selbst bewirken. Das Paradoxe besteht darin, dass Menschen auf der Suche nach Autonomie in eine grausame Abhängigkeit geraten (vgl. Bilitza 2009, s. 8). In der Phase der Abhängigkeit gibt es dann letztendlich keine Alternative mehr für die Substanz. Wenig Selbstkontrolle oder eine niedrige Frustrationstoleranz in Form von Nervosität, Ungeduld oder Aggressivität beschleunigen eine Abhängigkeit (vgl. Lindenmeyer 2008, s. 66). Auch bei Enttäuschungen in sozialen Beziehungen neigen Menschen dazu, sich zum Schutz vor weiteren Kränkungen zurück zu ziehen. Drogen können dabei ,helfen’ sich von sozialen Kontakten unabhängig zu machen. Dieser Rückzug verhindert den Umgang mit und die Bewältigung von Kränkungen. Der Aufbau von belastbaren Beziehungen bleibt aus. Im Gegenteil, leiden sie aufgrund des Rückzugs unter Einsamkeit, welche durch die Funktion der Drogen verstärkt wird (vgl. Nitzschke 2009, s. 46f). Die Angst vor dem Umgang mit anderen Menschen wird auch als soziale Phobie bezeichnet, welche auch ein Risikofaktor, in Form einer Selbstmedikamentierung zur Stressreduzierung, für eine Abhängigkeitsentwicklung darstellen kann (vgl. Kolitzus 2004, s. 23). Hurrelmann ist mit Bezugnahme auf sein Gesundheitskonzept zu folgender Erkenntnis gelangt: ״Der unkontrollierte Drogengebrauch ist hingegen Ausdruck einer zumindest problematischen Form der Lebensbewältigung, insofern zwar auch ein Versuch der Bewältigung von Belastungen, aber auch ein inadäquater Versuch: Die Droge wird zu dem Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt“ (Hurrelmann, Klaus; Bründel, Heidrun 1997, s. 9 in Laging 2005, s. 130). Frühe soziale Stresserfahrungen bzw. Entwicklungstraumata aus der ersten Lebenszeit, ausgelöst von nahen Bezugspersonen scheinen eine spätere Abhängigkeitsentwicklung zu beeinflussen (vgl. Heinz, Müller 2003, s. 17/ Morgenroth 2010, s. 15). Hier ist die Rede von unzureichender Versorgung, körperlicher und psychischer Gewalt, bis hin zu sexuellem Missbrauch. Das Kind ist solchen traumatisierenden Ereignissen und Überwältigungserfahrungen hilflos ausgesetzt (vgl. Morgenroth 2010, s. 15). Das Problem der Komorbidität von Sucht in Verbindung mit anderen psychischen Störungen hat in den letzten Jahren an Bedeutung zugenommen. Wie sie jedoch in einer Wechselbeziehung stehen bzw. Gegenseitige Ursache sind, ist noch unklar (vgl. Tretter 2008, s. 45). Laut Hurrelmann und Hesse 1991 dient der Alkoholkonsum aus entwicklungspsychologischer Perspektive zur Überwindung von Entwicklungszielen wie Aufbau eines eigenen Freundeskreises, Ablösung von den Eltern und Aufbau eines individuellen Wertesystems (vgl. Rist, Stevens 2012, s. 21).

Es ist kritisch anzumerken, dass das Mehrfaktorenmodell lediglich eine Sammlung von einzelnen Forschungsergebnissen zu Risiko- und Schutzfaktoren darstellt. Eine genaue Auslegung der Wechselwirkung einzelner Faktoren zueinander ist aufgrund der Vielzahl der Bedingungsfaktoren nicht möglich. Zudem weist Rothenbacher im Jahr 2000 darauf hin, dass die Zusammensetzung der Bedingungsfaktoren bei jedem Individuum anders ausfällt (vgl. Laging 2005, s. 128).

2.1.3 Verlauf einer Alkoholabhängigkeit

Es ist sehr schwer den Verlauf einer Suchtentstehung festzumachen. Während der ICD-10 vorangehend vor einer Abhängigkeit von missbräuchlichem Konsum spricht, beginnen andere diagnostische Erhebungsmodelle bereits beim Erstkonsum in Form von experimentellem Probierkonsum, welcher sich weiterentwickelt zum Gewohnheitskonsum und Missbrauch (vgl. Reis 2012, s. 8). Johannes Lindenmeyer macht darauf aufmerksam, dass sich eine Abhängigkeit sehr individuell entwickelt und sehr schleichend verläuft. Es ist nicht an einer bestimmten Persönlichkeit festzumachen, die Vererbung bezieht sich meist nur im Rahmen der Wirkungen im Gehirn und der Grund einer schweren Kindheit oder Schicksalsschlägen ist oft Folge einer Alkoholabhängigkeit. Er beschreibt allerdings, dass die Entstehung einer Abhängigkeit in der Regel in drei Schritten verläuft. Diese Schritte unterteilt er in ,Das erste Mal’, ,Gewohnheit’, und ,Abhängigkeit’. Von der Gewohnheit wird der Alkoholkonsum zur Abhängigkeit aufgrund der Entstehung von Entzugserscheinungen (körperliche Abhängigkeit) oder eines Suchtgedächtnisses (psychische Abhängigkeit) (vgl. Lindenmeyer 2008, s. 62-67).

Auch Tretter bezieht sich auf diese Stadien des suchtbedingten Verhaltens, welches auf alle Süchte anzuwenden ist und hier nur sehr verkürzt dargestellt wird. Mit fließenden Übergängen wird das Gelegentliche zum Gewohnten, das Gewohnte zum Missbrauch oder schädlichem Gebrauch, bis hin zur Abhängigkeit (vgl. Tretter 2008, s. 3f). An dieser stelle sollten die Definitionen der einzelnen Stadien zur Verdeutlichung nochmals dargestellt werden.

Am Beispiel Alkohol beschreibt Tretter nach Jelűnek, dass gelegentlicher Konsum bei einem 70kg schweren Mann ca. 40g Alkohol, dies entspricht ein- bis zwei Flaschen Bier, gelegentlich beim Essen unproblematisch ist. Für Frauen jedoch gilt die Hälfte. Beim Gewohnheitskonsum besteht bereits bei geringen Mengen die Gefahr einer körperlichen Abhängigkeit. Beim Missbrauch spricht man bereits von konfliktbezogenem Konsum. Hier wird Alkohol in hohen Dosen konsumiert, neben exzessiven Trinkphasen ist vor allem der anhaltende Missbrauch sehr schädlich (vgl. Tretter 2008, s. 4).

[...]


[1] Bei den Prozentzahlen wurde noch von einer Bevölkerungszahl von 52.010.517 Personen ausgegangen. (Stand: 31.12.2005, Statistisches Bundesamt)

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Kinder substanzabhängiger Eltern
Untertitel
Zur Lebenssituation der Kinder und Möglichkeiten der Hilfe am Beispiel der Sozialen Gruppenarbeit
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
78
Katalognummer
V434370
ISBN (eBook)
9783668767973
ISBN (Buch)
9783668767980
Dateigröße
1142 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sucht, FAS, Soziale Arbeit, Substanzabhängigkeit, Familie, Co-Abhängigkeit, Kinder, Alkohol, Resilienz
Arbeit zitieren
Elisa Teufel (Autor), 2012, Kinder substanzabhängiger Eltern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434370

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kinder substanzabhängiger Eltern



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden