Die Sprache der Paradoxie und die Philosophie in Igor Bauersimas "norway.today"

"Sterben, um die Wahrhaftigkeit des Lebens zu fühlen“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

29 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. EINLEITUNG

1. INHALTLICHEW ABRTSS UNP FOWMALE GLIEDEWUNG PES STUCK?*

2. REALITATSBEZUG DES STUCKS

3. PIE PARAPOXIE UNP PHILOSOPHIE IM STUCK:
3.1 Sprache - Parapoxie unp Komik als sprachliches Mittel
3.2 Philosophische Basts Augusts Wahrnehmungsskepsis
3.3 Funktion und Wirkung betder Phanomene?

4. DIDAKTISCHE BETRACHTUNG
4.1 Was gibt es zu lernen? - Darstellung der Potenziale und Einsatzmoglichkeiten
4.2 Diskussion einiger Aufgaben aus dem Unterrichtsmodell „EinFach Deutsch" ZU NORWAY. TODAY.

5. ABSCHLUSSBEMERKUNG

LITERATURVERZEICHNIS

Prtmarliteratur

Sekundarliteratur

INTERNETQUELLEN

ANLAGEN

Anlage 1

Anlage 2

Anlage 3

Anlage 4

0. Einleitung

„Marathon durch die Untiefen des Lebensul, titelt die westfalische Zeitung 2002 und meint damit nichts anderes als die Inszenierung Igor Bauersimas Stuck norway.today. Ein Theaterstuck, inspiriert durch einen realen Fall, der durch die Presse ging, aufgearbeitet und lebensbejahend. Adoleszenz, die Suche nach dem eigenen Ich, dem eigenen Sinn. Ein echtes Leben dominiert von virtueller und medialer Scheinwirklichkeit. Fake scheint wahrer als die Wahrheit. Das Ich suchen im Dschungel der Menge an eigenen Identitaten, die man sich selbst schafft durch Internet und Virtualitat. Jugendliche erhalten durch moderne „social“ media standig Neuigkeiten. Es findet ein wahrer Informationsuberschuss statt. Es kommt zu Bewertungen durch Likes. Jugendliche werden anhand von deren eigenen Launen bewertet, kritisiert und auch offentlich zu Schau gestellt. Sie sind dem medialen Sog ausgesetzt und verlieren dadurch den Blick fur die Realitat. Igor Bauersima thematisiert genau dieses Problem des Realitatsverlustes durch die Nutzung der Medien. Zahlreiche Angebote zur Identitatsbildung werden den Jugendlichen durch die Medien geliefert, doch gelten diese als unerreichbar, da ein allgemeines Streben nach Perfektion im Mittelpunkt des Handelns steht. Die Fulle der Option beeinflusst die Jugendlichen und erhoht den Druck, den Idealen gerecht werden zu wollen. Im schlimmsten Fall fuhrt das zur Ausweglosigkeit. Bauersima gelingt es, ein Stuck zu konzipieren, das ernsthaft und echt Probleme von jungen Erwachsenen zwischen Schein und Sein und dem ganz nahen und echten Spuren von Leben durch den Freitod thematisiert. Er schafft es, durch Paradoxe Momente und Schwarzen Humor einen lebensbejahenden Text uber Selbstmord zu schreiben, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren. Das Stuck ist in vielerlei Hinsicht geeignet, im Literaturunterricht eingesetzt zu werden. Es birgt sowohl inhaltlich und sprachlich als auch stilistisch viel an Potenzial, um aus und an ihm zu lernen.

In meiner Hausarbeit mochte ich einen dieser Aspekte herausnehmen und diesen zunachst literaturwissenschaftlich darlegen. Darauf aufbauend diskutiere ich ein thematisch passendes Aufgabenrepertoire hinsichtlich verschiedener Aspekte. Wie bereits angesprochen, nutzt Bauersima gezielt das Paradoxe Moment, um die Ambivalenz der beiden Protagonisten aufzuzeigen. August, einer der beiden, sehnt sich nach dem echten Empfinden, nach Authentizitat und dennoch gelingt es ihm nur uber Zitate „seine“ Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Die verwendeten Zitate sind dabei[1] meist philosophisch und so bietet es sich an, Paradoxie und Philosophie als Komplex zu betrachten. Bevor ich in diesen Schwerpunkt einsteige, werde ich zunachst kurz den Inhalt und Aufbau des Werkes darlegen, um eine Ausgangslage fur tiefere Betrachtungen zu haben.

1. Inhaltlicher Abriss und formale Gliederung des Stucks

norway.today ist ein Stuck mit exakt zwei Protagonisten. Julie und August begegnen sich in einem Chatroom. Julie findet in August einen seelenverwandten Wegbegleiter, der den durch sie initiierten Plan, gemeinsam Selbstmord zu begehen, annimmt. Beide leiden unter der mangelnden Echtheit des Lebens - August sucht nach Authentizitat, leidet unter seiner Lebensangst und Depression; Julie ist dem Uberangebot, der Uberreizung an allem uberdrussig. ,,Mitten im Winter reisen die beiden Jugendlichen mit den „Hochsommernamen“ nach Norwegen, um sich von einem 600 m hohen Felsen in den Tod zu sturzen.“[2] Vom virtuellen Schauplatz des Chatrooms, an dem sich beide uber den Mangel an Realem beklagen, „sturzen“ sie sich in das Reale, um in diesem hochsten Akt des Lebens die Unendlichkeit der Freiheit und des Ichseins zu spuren. Zum dramatischen Hohe- und Wendepunkt kommt es, als Julie wahrend eines Gerangels mit August beinahe wirklich absturzt. Die wunderschone und wahrhaftige Natur tragt das Ubrige zum Zweifeln der beiden bei. Durch dieses Geschehen kommen die beiden sich naher. Trotz dessen, dass sich beide nach dem Echten und Spurbaren sehnen, gelingt es ihnen nicht, sich auch tatsachlich auf das Leben einzulassen. Hier wird auch das Paradoxe deutlich, das im Zentrum dieser Arbeit stehen soll und deshalb an dieser Stelle zunachst ausgespart wird. „Die Beiden springen nicht in den Tod, ob sie aber nur „am Leben“ bleiben oder „im Leben“ sein werden, bleibt eine offene Frage. [...] norway.today ist weder ein Lehr- noch ein Warn-Stuck. Es ist, trotz oder gerade wegen seines im wahrsten Sinne des Wortes existenziellen Themas, ein groftes Pladoyer fur das Leben.“[3]

Im Aufbau findet sich eine Gliederung durch „Szenenwechsel“, eine klassische Einteilung in Akte bleibt aus. Der Spannungsbogen hingegen ahnelt dem eines klassischen Dramas mit einem Hohe- und Wendepunkt bei Julies Beinaheabsturzes. Die Katastrophe oder das Happy End bleiben jedoch aus - das Ende ist demnach ein offenes. Im Gegensatz zur konventionellen Zeitstruktur, die linear innerhalb eines Tages und einer Nacht verlauft, gibt es keine Einheit des Ortes. Der Wechsel von Chatroom nach Norwegen ist ein Kontrast, der den inneren Konflikt der beiden Jugendlichen zwischen Fake und Realitat aufterlich inszeniert. Das dramaturgische Konzept eroffnet sich durch genau diese widerspruchliche Darstellung von Schein und Sein. Diesen Internetkids gelingt es nicht, das Echte einfach auf sich wirken zu lassen. Sie suchen das Echte und zerstoren jeden Moment der Wahrhaftigkeit durch Kunstlichkeit und Fake.[4] Die beiden sind im Gegensatz zu ihrem eigenen Selbstkonzept fur den Rezipienten klar gezeichnet und psychologisch komplex gedacht. Sie bilden zwei Prototypen der modernen „Medienteenies“ ab und sind damit Reprasentanten einer Generation. „Inhaltlich ist diese Intermedialitat, die im Dramentext ausdrucklich konzipiert ist, eine kritische Reaktion auf die heutige Medienumwelt, dramaturgisch verlasst das Stuck damit den Rahmen der Konvention und weist Momente eines postmodernen Dramas auf.“[5]

2. Realitatsbezug des Stucks

„Asche im Netz

Ein lebensmuder Norweger fahndete uber das Internet nach Gleichgesinnten - und
sprang dann gemeinsam mit einerjungen Osterreicherin in den Tod.“[6]

So titelt der Spiegel Online am 28.02.2000 und nimmt Bezug auf einen tragischen Suizid zweier junger Menschen in Norwegen. Ein 25-jahriger Norweger suchte in einem Internetforum nach einer Begleitung in den Tod. Schon 9 Tage nachdem er sein Gesuch gepostet hatte, war alles arrangiert und er sturzte sich gemeinsam mit einer 17 Jahre jungen osterreichischen Schulerin 600 m tief vom Prekestolen (Konigstuhl) am Lysefjord hinab. "Selbstmord im Internet verabredet", meldeten die Agenturen. Seitdem wissen schockierte Zeitungsleser, dass man im World Wide Web nicht nur nach gebrauchten Autos suchen kann, nach Aktienkursen oder schnellem Sex, sondern auch nach einem Gefahrten fur den Tod. "Subject: Suicide partner", hatte Daniel V. in maximaler Deutlichkeit uber seinen Aufruf getippt [...]“[7] Die Grunde, weshalb die beiden jungen Menschen ihrem Leben ein Ende setzten, blieben weitgehend ungeklart. Letztlich war es nur moglich, die letzten Tage zu rekonstruieren und festzustellen, dass diese letzte Reise akribisch geplant war. Mit einem Taxi lieften sie sich zur Prekestol- Hutte am schneebedeckten Felsen chauffieren. "Es war nicht wie sonst, wenn zwei junge Menschen zusammen sind. Es war eine unheimliche Stimmung, aber keiner von denen schien Angst zu haben", erinnerte sich der Taxifahrer.“[8] Das junge Madchen hinterlieft einen Abschiedsbrief an ihre Eltern. Ihre Sachen wurden spater gefunden - ein Zelt, Bier, ein Videorekorder, Kleidung, Schlafsacke ... . Das Internetforum a.s.h. (dt. Asche), alt.suicide.holiday, bot die perfekte Plattform fur das Selbstmordkommando. Hier finden sich allerlei Tipps und Tricks, wie und womit man sein Leben effektiv beenden kann. Wenn sogar der Selbstmord, ein Moment, in dem man ganz bei sich ist, ganz intim ist, zum Thread in einem Forum wird, stellt sich die Frage nach dem Nutzen von modernen Medien.

Dieser Todesfall wurde zum thematischen Futter fur Bauersima, der durch die Art seiner Inszenierung es nicht nur schafft, Lebensmut zu stiften, sondern auch, ohne respektlos zu wirken, Kritik ubt und Ambivalenzen am Verhalten seiner Protagonisten auftert und aufzeigt. Das Schauspiel selbst ist eine Auftragsarbeit und das Thema Ergebnis der Recherchearbeit, bei der Bauersima auf den Presseartikel uber diesen Doppelmord stieft.

3. Die Paradoxie und Philosophie im Stuck

3.1 Sprache - Paradoxie und Komik als sprachliches Mittel

Eigentlich gibt es keine Grund sich umzubringen. Ebenso wenig findet sich aber einer es nicht zu tun.

Diese Ambivalenz ist stellvertretend fur den inneren Konflikt der beiden Protagonisten und ist die Antriebskraft der sprachlichen Komik, die einen schmunzeln, den Kopf schutteln oder die Stirn runzeln lasst angesichts der morbiden Thematik von norway.today. Es lohnt sich in der sprachlichen Analyse am Anfang von allem zu beginnen: dem Titel. Er ist malerisches Sinnbild des Wunsches, sich grundlos umzubringen, um endlich das Leben zu spuren und erlost zu sein von allen Lasten der menschlichen Existenz. norway.today entspricht der gangigen Internetsprache, welche durch die permanente Kleinschreibung der Worter sowie dem Punkt zwischen beiden Wortern anstatt eines Leerzeichens deutlich gemacht wird. Kurz und knapp wirkt es, fast wie der Betreff einer Email, der an einen Termin erinnern soll: Norwegen-heute. SchlieEt man die Augen und gibt sich nur der akustisch-phonetischen Wirkung hin, kommt eine dritte Wirkmoglichkeit ins Spiel [no way to die (kein Weg zum Sterben)], allein dies kann den Ausgang des Stuckes vorwegnehmen, versteht man den Titel auf diese Weise zu lesen/[9] Die symbolische Ebene des Stucks bebildert die Idee von Gegensatzen. Der Schwarze Humor und das Paradoxe wird durch Bauersima nicht allein in den AuEerungen und dem Verhalten der Protagonisten inszeniert, sondern ist vielmehr im gesamten Ausbau im Konzept des Stucks verankert. Es ist grundsatzliche und basale Essenz, die dem Stuck diesen besonderen Klang, diese enorm amusante bunte Atmosphare im schwarzen, leeren Raum verleiht. Ein Sprung in den Tod, der die Glieder durch eine fast schon sportliche Bewegung in Totenstarre verwandelt. Zwei „Sommermonate“ - Juli(e) und August, wollen sich im tiefsten Winter im kalten Norden in den Tod sturzen. Zweimal Sommer heben sich im zweifachen Winter, betont durch den Winter und die Betonung durch die Wahl des Ortes, Norwegen, im Nichts auf. „Das Ziel ist: fast nicht da zu sein. Also nirgends sein.“[10] Ein weiterer Gegensatz sind die zwei Orte, an denen die Handlung spielt - Chatroom versus Norwegens Landschaft. Der dunkle, schwarze Chatroom, ein Vakuum, ein Ort unpersonlicher Sinnentleerung.

Ein Raum des Nichts, in dem nach dem Leben gesucht wird. Das Leben in Form von echten Menschen, die sich virtuell darstellen. Hier wird bereits im Setting die Grundsatzfragen nach Authentizitat, Wahrnehmung und Individualitat aufgeworfen. Schon im Chatroom, obwohl es hier keine realen Handlungen, auEer dem Tippen von Texten gibt, entsteht eine seltsame Komik durch das Zusammenspiel von Sprache und Situation. Julie beginnt ihren zunachst monologisch wirkenden Thread mit der Ansage, sie wolle das Leben sein lassen.[11] Fur sie gibt es „nicht viele Leute, die den hochsten Akt des Lebensvollzuges begreifen, also verstehen, was >sich selbst aus der Welt schaffen< heiEt fur die Wurde eines Menschen.“[12] Sie plaudert uber Dinge, die fur andere unaussprechlich sind. Sie sinniert uber das Leben und erklart ihre Zivilisationsmudigkeit. Sie kann niemals sie selbst sein, versteht das sinnlose Streben hin zum Uberfluss anderer nicht. Julie versucht, Rechenschaft daruber abzulegen, warum sie Selbstmord begehen mochte. Ihre Sprache ist sachlich, nahezu emotionslos. Es ist sehr auffallig, dass immer wieder Pausen entstehen, in denen sie scheinbar auf eine Antwort anderer User wartet. Trotz dessen, dass es sich um ein Forum fur Selbstmord handelt, scheint keiner Interesse an einem Freitod mit Julie zu haben. Es scheint auch hier genau Julies Kritik am Leben abzubilden. Alle geben vor, etwas zu sein, was sie nicht sind. Sie sind in einem Forum, aber nicht, um sich ,,in Echt“ umzubringen. Julie kann, laut ihrer Aussage, nur in ihrer ,,eigenen Gesellschaft“ glucklich sein, weil sie dann ,,ganz wahr sein darf‘[13]. Sie sehnt sich nach dem Nichts, denn sie hatte bereits alles. Ihre Familie und Freunde „[...] hab[en] [ihr] die Welt serviert, ich habe von allem gehabt, und ich habe auch alles wieder ausgespuckt, kaum hatte ich es im Mund.[14] “ Mit August kommt ein zweiter Protagonist ins Spiel. Obwohl er eindeutig auf Julie reagiert, antwortet er ihr zunachst nicht. Der Dialog der beiden gleicht zunachst zwei parallel verlaufenden Monologen. Es wirkt grotesk, dass Julie eine Begleitung und August nach dem Echten sucht, beide aber zunachst nicht in der Lage sind, nicht einmal in einem kunstlichen Raum, in eine „schein-echte“ Kommunikation zu treten. In jeder noch so kleinen Einheit widerspiegelt Bauersima die Gegensatze von Fake und Realitat und die Frage nach der Grenzen von beidem. Es lieEen sich unzahlige Beispiele fur das Komische in den Dialogen und die sprachlichen Fettnapfchen, in die beide immer wieder treten, finden. August ist zudem oftmals sehr unsicher, was sich in seinen Formulierungen auEert. „[...] Weil ... Also ich heiEe August und ... Fragt mich bitte nicht warum. Ich weiE es nicht. Ich hab damit nichts zu tun. [,..]“.[15]

Norwegen hingegen ist dazu der komplette Gegensatz. Norwegens Natur versinnbildlicht die pure Realitat: Kalte, Schnee, die Aussicht, die Felsklippe und vor allem das Polarlicht als das wahre Naturereignis. Nur in der Natur und in zwischenmenschlichen Begegnungen lassen sich Ansatze authentischer Momente finden. Dies soil auch einen Kontrast zur virtuellen Chatroomwelt darstellen. Die fiktiven Momente finden hauptsachlich im Zusammenhang mit virtuellen Medien statt. Die Protagonisten wollen die Realitat in ihre virtuelle Welt zu zwingen, indem sie versuchen, alles auf Video festzuhalten. Allerdings erweist sich dieser Versuch als aufterst unbefriedigend. Die Vorstellung des Abschieds missgluckt, da sich der grofte Abgang scheinbar nicht inszenieren lasst. Am Ende fehlen die triftigen Grunde fur den Selbstmord.[16] Den Hohepunkt des Aufeinandertreffens von Realitat und Virtualitat bildet eine vermeintliche Liebesszene. Beide entwickeln eine sexuelle Begegnung im Konjunktiv, lassen sich zu Akteuren eines Kopfkinos werden. „Julie und August wollen handeln, wollen Gefuhle offenbaren, spielen aber lieber als Statisten eine Rolle im selbst entwickelten pornografischen Film, weil sie es nicht anders kennen, nicht mehr anders als virtuell denken und handeln konnen und ihre Fassade nicht aufgeben wollen.“[17] In dem inszenierten Liebesakt prallen nicht nur Schein und Sein in dem Tun, bzw. Nichttun der beiden aufeinander, sondern vor allem in der Sprache der beiden. Vulgare Jugendsprache trifft auf poetisch-metaphorischen Sprachgebrauch. „Nummer“, „rummachen“, „nimm mich“, „ficken“[18] als derbes pornografisches Kopfkino steht sanften Offenbarungen wahrer Gefuhle gegenuber - „sich lieben“, ,,wie zwei kleine Kaffeeloffel“, „verliebt sein“[19]. Auch dieses Gesprach wird in Sinne des modern social lifestyles auf Videotape festgehalten. ,,Die Videotapes, welche stellvertretend als Symbol der zweiten, virtuellen Realitat stehen, werden vernichtet und stellvertretend umgebracht. Den hochsten Akt des Lebens erfahren nun die Medien, wahrend Julie und August es zunachst erstmal mit dem echten, normalen Leben versuchen werden.[20]

3.2 Philosophische Basis Augusts Wahrnehmungsskepsis

„So nimmt das Bewusstsein keinen unbeteiligten Beobachtungsstandpunkt ein, sondern ist immer engagiertes Bewusstsein, weil es aufden Kontaktzur Welt angewiesen ist.“[21]

Wenn alles das, was wir wahrnehmen, in unserer Wahrnehmung gepragt ist durch unsere Erfahrungen, unser Denken und Fuhlen, wie es laut der Phanomenologie und dem Zitat beschrieben ist, dann ist Augusts Zweifeln an dem Sein dessen, was wir sehen, nicht unbegrundet. Er geht in seiner Kritik soweit, zu behaupten, dass der Mensch das Echte uberhaupt nicht wahrnehmen kann, die Erkenntnis ware ein Trug und alles sei Fake.[22] Auch Kant, auf den sich August bezieht, ohne sich zunachst an seinen Namen zu erinnern, stellte die Fragen Was kann ich wissen? Und woher nehme ich dabei meine Sicherheit? Julie stellt im Chatroom eine Frage, die er richtig beantworten soll, um gemeinsam mit ihr auf die letzte Reise zu gehen.

„JULIE [...] Vernunft. Was ist das?

[...]

AUGUST Vernunft? Was ist Vernunft? Vernunft ist krank. WeiE dochjeder?

[...] Da war doch dieser Philosoph, der hat sich also nicht

umgebracht, zum Beispiel, aber der hat rausgefunden, dass wir Augen haben,umnichtzusehen,undOhren, um nicht zu horen. [...] Also der sagt, dass sich die Vernunftauf dieseAugen, die nicht sehen, und diese Ohren, die nicht horen, verlasst. Und deshalb sei die Vernunft ein unvernunftiges Konzept.“[23]

August bedient sich bei Immanuel Kant, um seine eigene Disposition zum Leben und der Welt zu erklaren, lasst dabei aber keinen Zweifel offen, dass er uber kein kompetentes philosophisches Wissen verfugt. Im Gegenteil, er macht sich durch sein Beispiel mit dem Schreibtischstuhl[24] geradezu lacherlich, weil er an Kant vorbei denkt. Kant steht mit seiner Auffassung von der Beziehung zwischen Vernunft und sinnlicher Erfahrung als Vermittler zwischen den Rationalisten und Empiristen. Weder sah er die Vernunft als ordnende Instanz fur die sinnliche Erfahrung, aus der dann die Erkenntnis erwachsen kann, noch betrachtete er das Phanomen genau andersherum, dass die Erkenntnis basierend auf der sinnlichen Erfahrung begrundet sei. Fur Kant greifen beide Instanzen ineinander, sie wirken als Einheit - Sinneserfahrung und Verstand verschmelzen. Die durch die Sinne erfassten Dinge werden durch den Verstand geformt.

[...]


[1] Kuper, Markus: Westfalische Nachrichten, Munster, 27.09.2002.

[2] Payrhuber, F.-J., & Henning, F. (2012). Jugendtheaterstucke der Gegenwart. Zwolf Unterrichtsmodelle zur Jungen Dramatik fur die Sekundarstufen (Bd. 35). (G. Lange, Hrsg.) Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH, S. 115.

[3] Payrhuber, F.-J., & Henning, F. (2012). Jugendtheaterstucke der Gegenwart. Zwolf Unterrichtsmodelle zur Jungen Dramatik fur die Sekundarstufen (Bd. 35). (G. Lange, Hrsg.) Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren GmbH, S. 118.

[4] Vgl. ebd: S. 119.

[5] Ebd: S. 120.

[6] Wolf, Martin: Asche im Netz (2000), unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15807623.html [abgerufen am: 04.04.2017].

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Muller, Tobias: ZH an Ruhr und Rhein. In: NZZ, Internationale Ausgabe, 12. Dezember 2000.

[10] Bauersima (2015): S. 13.

[11] Vgl. Ebd: S. 11.

[12] Ebd: S. 11.

[13] Bauersima (2015): S. 12.

[14] Ebd: S. 54.

[15] Ebd: S. 12.

[16] Freund, A. (2007). Fake ist total real. Das Theater von Igor Bauersima. Marburg: Tectum Verlag.

[17] Greese, B. (2011): S. 63.

[18] Vgl. Bauersima (2015): S. 47/48.

[19] Vgl. Ebd: S. 47/48.

[20] Wehren-Zessin, H. (2003): If you are thinking about suicide... In: Praxis Deutsch. Zeitschrift fur den Deutschunterricht. Fischer Verlag GmbH, S. 51-55.

[21] Burkard/Kunzmann/Wiedmann: dtv-Atlas Philosophie. Munchen: dtv, 2009. S. 197.

[22] Vgl. Bauersima, I. (2015): S. 13.

[23] Bauersima, I. (2015): S.18/19.

[24] Vgl. S. 13.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Die Sprache der Paradoxie und die Philosophie in Igor Bauersimas "norway.today"
Untertitel
"Sterben, um die Wahrhaftigkeit des Lebens zu fühlen“
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
3,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V434721
ISBN (eBook)
9783668761971
Dateigröße
1936 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprache, paradoxie, philosophie, igor, bauersimas, sterben, wahrhaftigkeit, lebens
Arbeit zitieren
Juliane Richter (Autor), 2017, Die Sprache der Paradoxie und die Philosophie in Igor Bauersimas "norway.today", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434721

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