Die letzten Jahrzehnte wurden von einem vielfältigen Überschreiten nationaler Strukturen geprägt, ob durch Prozesse von Globalisierung oder Europäisierung. Dennoch ist die zentrale Bezugseinheit für Identität, Kommunikation, Bildung, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik weiterhin der Nationalstaat. Auch die Soziologie bezog sich bisher primär auf den Nationalstaat, welcher sich durch einen klaren Raumbezug und Regulierungsmaßnahmen im Inneren auszeichnet. Die Dynamik der europäischen Integration entzieht der Soziologie jedoch diesen Bezugsrahmen und die daran geknüpften Forschungsinstrumente scheinen zunehmend in ihrer Anwendbarkeit unbrauchbar.
Die europäische Integration strukturiert die Gesellschaften neu und beeinflusst die Lebensbedingungen der Bürger immer deutlicher, weshalb es einer Analyse jenseits des methodologischen Nationalismus bedarf, der die Bezugseinheit des Nationalstaats ins Zentrum stellt. Die sich herausformierte Europasoziologie nimmt sich diesem Spannungsverhältnis zwischen Nationalstaaten und europäischen Verflechtungsprozessen, die den nationalstaatlichen Horizont überschreiten, an. Die Forschung stößt hierbei auf das fundamentale Problem, dass die Europäische Union eine enorme wirtschaftliche Integrationskraft besitzt, jedoch die Sozialintegration bislang auf der Strecke bleibt und die Sozialpolitik größtenteils nationalstaatlich organisiert wird.
Daraus ergibt sich, dass beispielsweise neue soziale Ungleichheiten, die durch die wirtschaftliche Integration verursacht werden, nicht angemessen auf europäischer Ebene ausgeglichen werden können. Die Europäische Einigung ist schon so weit fortgeschritten, dass es notwendig erscheint, stärker auf Faktoren der Ungleichheitskonstitution Bezug zu nehmen, die aus dem Zusammengehen der europäischen Mitgliedsländer erwachsen, womit sich folgende Arbeit beschäftigen wird. Zentral ist hierbei die Frage, welche neuen sozialen Ungleichheiten und Spaltungen im gesamteuropäischen Konfliktraum entstanden sind. Diese Arbeit beabsichtigt daher, die europäische Ungleichheitsdynamik zu charakterisieren und mögliche Alternativen zum Binnenblick des Nationalen aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entgrenzung sozialer Ungleichheit
3. Der gesamteuropäische Konfliktraum sozialer Ungleichheiten
3.1 Europäisierte Gruppen
3.2 Vermarktlichung von Lebenslagen
3.3 Interregionale Ungleichheiten
3.4 Lösungsstrategien der Europäischen Union
4. Vom methodologischen Nationalismus zum methodologischen Kosmopolitismus?
5. Fazit
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die durch den europäischen Integrationsprozess entstandenen neuen sozialen Ungleichheiten und Spaltungslinien im gesamteuropäischen Raum und analysiert, inwieweit die Europasoziologie diesen Herausforderungen mit klassischen nationalstaatlichen Analyseinstrumenten oder neuen, kosmopolitischen Perspektiven begegnen kann.
- Transformation sozialer Ungleichheit durch den Europäisierungsprozess
- Differenzierung zwischen Europagewinnern und Europaverlierern
- Vertikale und horizontale regionale Ungleichheiten in Europa
- Effektivität der europäischen Kohäsions- und Strukturpolitik
- Diskussion des Perspektivwechsels vom methodologischen Nationalismus zum Kosmopolitismus
Auszug aus dem Buch
3.2 Vermarktlichung von Lebenslagen
Es bestehen direkte und indirekte Folgeeffekte der Europäisierung in Blick auf soziale Lagen und Lebenschancen. Der Druck auf die Regulierungs- und Redistributionskraft nationalstaatlicher Systeme treibt eine Vermarktlichung voran und verändert Strukturen innerstaatlicher Ungleichheit durch die Verräumlichung von sozialer Ungleichheit (vgl. Mau 2010, 342). Somit setzt der erweiterte gemeinsame Markt das Individuum einer größeren Konkurrenz aus. Vor allem immobile und unflexible Bevölkerungsgruppen sind auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Zum einen Teil wird dies durch den Globalisierungsprozess hervorgerufen, zum anderen Teil tragen die Integrationsbestrebungen der europäischen Wirtschaft maßgeblich dazu bei.
Vobruba spricht hierbei von dem Problem der „prekären Gleichartigkeiten“ (Vobruba 2007, 33), die durch die Transnationalisierung von Güter- und Arbeitsmärkten entstehen. Gleiche Branchen und Arbeitsmärkte, die ehemals national abgeschottet waren, finden sich auf einem gemeinsamen Terrain wieder. Es stellt einen Aufbruch der segmentären Differenzierung dar, welches zuvor Gleiches von Gleichem getrennt hat und stärkt so in gleichem Maße die Kooperationschancen als auch die Konkurrenz auf dem europäischen Markt. (vgl. Vobruba 2007, 33f.)
Der offene Wettbewerb in der EU erhöht vorhandene wirtschaftliche Dynamiken. Beschäftigte in traditionellen Industrien und peripheren Regionen außerhalb der großen europäischen Zentren sind länderübergreifend von Benachteiligungen betroffen. Durch den Anstieg der innereuropäischen Arbeitsteilung sehen sich primär die transnational agierenden größeren Unternehmen im Vorteil. Einstige nationale Ordnungen, wie das Ausbildungssystem, die Wohlfahrtsinstitutionen und die Beschäftigungsverhältnisse boten in der Nachkriegszeit eine gewisse Stabilität, die durch die Liberalisierung des Marktes weitestgehend aufgehoben wurde. Wettbewerbsfähigkeit ist der Schlüsselbegriff auf dem europäisierten Arbeitsmarkt geworden. Fähigkeiten und Qualifikationen sind wichtiger denn je, um nicht auf der Seite der sozialen Verlierer in Europa zu stehen. Berufsgruppen mit hoher Bildung, wie Ärzte, Architekten, Manager, Beamte und Anwälte zählen vorwiegend zu Integrationsgewinnern. So entstehen „Insider“ und „Outsider“ des Arbeitsmarktes.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Herausforderung für die Soziologie, den Nationalstaat als primäre Bezugseinheit aufgrund des europäischen Integrationsprozesses zu hinterfragen und die Notwendigkeit einer Europasoziologie zu begründen.
2. Die Entgrenzung sozialer Ungleichheit: Dieses Kapitel erläutert den Wandel von national verorteten hin zu entgrenzten, supranational verflochtenen Ungleichheitsstrukturen durch die Europäisierung.
3. Der gesamteuropäische Konfliktraum sozialer Ungleichheiten: Es wird analysiert, wie durch die europäische Integration neue soziale Spaltungslinien zwischen verschiedenen Gruppen und Regionen entstehen.
3.1 Europäisierte Gruppen: Hier werden die sogenannten Europagewinner untersucht, die aktiv vom europäischen Markt und der erhöhten Mobilität profitieren.
3.2 Vermarktlichung von Lebenslagen: Dieses Kapitel behandelt die ökonomischen Druckfaktoren und die resultierende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, die soziale Statusunterschiede verschärfen.
3.3 Interregionale Ungleichheiten: Es wird auf die räumlichen Disparitäten zwischen prosperierenden Zentren und stagnierenden Peripherien innerhalb Europas eingegangen.
3.4 Lösungsstrategien der Europäischen Union: Hier werden die EU-Kohäsionspolitik und deren begrenzte Möglichkeiten zur sozialen Umverteilung diskutiert.
4. Vom methodologischen Nationalismus zum methodologischen Kosmopolitismus?: Dieses Kapitel diskutiert den theoretischen Ansatz des Kosmopolitismus als Alternative zur nationalstaatlich begrenzten Perspektive in der Europaforschung.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit einer europäischen Solidarität, um die Polarisierung zwischen Gewinnern und Verlierern der Integration zu überbrücken.
6. Literaturverzeichnis: Dies enthält die Auflistung aller im Text zitierten Quellen.
Schlüsselwörter
Europasoziologie, soziale Ungleichheit, Integration, methodologischer Nationalismus, Kosmopolitismus, Europäisierung, Europagewinner, Europaverlierer, interregionale Disparitäten, Kohäsionspolitik, Konfliktraum, Arbeitsmarkt, Umverteilung, soziale Identität, Transnationalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Analyse der sozialen Ungleichheit im Kontext des europäischen Integrationsprozesses und den daraus resultierenden neuen Konfliktlinien innerhalb Europas.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Transformation sozialer Räume, die Spaltung zwischen Gewinnern und Verlierern der Europäisierung sowie die regionale Ungleichheit innerhalb des europäischen Wirtschaftsraums.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die europäische Ungleichheitsdynamik zu charakterisieren und die Frage zu beantworten, ob die Europaforschung einen Perspektivwechsel vom methodologischen Nationalismus zum methodologischen Kosmopolitismus vollziehen sollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-soziologische Auseinandersetzung, die den aktuellen Forschungsstand zur Europasoziologie sichtet und Ansätze, wie etwa den kosmopolitischen Blick von Beck und Grande, kritisch diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entgrenzung sozialer Ungleichheit, die Entstehung neuer Gruppenidentitäten sowie territoriale Disparitäten und diskutiert die Wirksamkeit der regionalpolitischen Lösungsstrategien der Europäischen Union.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Europasoziologie, soziale Ungleichheit, methodologischer Kosmopolitismus, Europäisierung und interregionale Divergenzen charakterisiert.
Inwiefern beeinflusst die EU-Kohäsionspolitik die regionale Ungleichheit?
Die Arbeit legt dar, dass die Kohäsionspolitik zwar als Instrument gegen regionale Disparitäten dient, ihre Wirkung jedoch durch die Abhängigkeit von wirtschaftlich starken Nationalstaaten und das Fehlen einer echten europäischen Fiskalkompetenz begrenzt ist.
Warum wird der "methodologische Nationalismus" als problematisch angesehen?
Der methodologische Nationalismus wird als unzureichend betrachtet, da er soziale Prozesse weiterhin primär innerhalb nationaler Grenzen analysiert, während die europäische Realität bereits durch transnationale Verflechtungen und multiple Bezugsräume geprägt ist.
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- Janika Abel (Author), 2017, Europa aus dem Gleichgewicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434741