Heinrich von Kleists Aufsatz "Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden" stellt die konventionelle Klugheitsregel "Erst denken, dann sprechen" gewaltig auf den Kopf. Vermutlich ist mir Kleists Sichtweise so sehr im Gedächtnis geblieben, weil mir die Vorstellung, dass die Gedanken erst beim Sprechvorgang entwickelt werden, bisher fremd war und doch auf den ersten Blick sehr interessant und nachvollziehbar erscheint.
Ich möchte in dieser Ausarbeitung ganz allgemein der Frage nachgehen, wie Denken, Sprechen und auch Schreiben zusammenhängen. Letzteres findet in dem zugrunde liegenden Aufsatz zwar weniger Beachtung, aber ich finde es dennoch erwähnenswert.
Zunächst möchte ich Inhalt und Aufbau des Aufsatzes untersuchen und herausstellen, welche Erkenntnis Kleist gewinnt. Seine Argumentation soll daraufhin kritisch betrachtet werden und ich werde auf mögliche Paradoxien aufmerksam machen.
Bezüglich Kleists Behauptungen stelle ich folgende These auf: Kleist widerspricht seiner eigenen These, dass Denken und Sprechen synchron ablaufen müssen, in dem Moment, in dem er sie erläutert. Wo erscheint seine Argumentation nachvollziehbar, wo finden sich Ungereimtheiten?
In diesem Zusammenhang gehe ich auf einen weiteren Aufsatz Kleists: "Von der Überlegung (Eine Paradoxe)" ein, da Kleist hier von einem sehr ähnlichen Thema spricht, nämlich von der Abfolge von Überlegung und Handlung.
Darauf folgend möchte ich nicht nur Denken und Sprechen betrachten, sondern auch das Schreiben und dabei der Frage nachgehen, ob Kleist bei seinem Schreibprozess eher planlos vorging und er die Gedanken erst beim Schreiben entwickelte oder ob die Gesamtkonzeption bereits zu Beginn feststand. Dies ist schwer zu untersuchen, da wir Kleist nicht beim Schreiben beobachten konnten, aber ich werde in seinem Werk "Das Erdbeben in Chili" nach Anhaltspunkten suchen, die ihn zu einem der beiden Schreibtypen zuordnen lassen.
Zuletzt wird versucht, ein Fazit aus den Erkenntnissen zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Untersuchung von Inhalt und Aufbau
3. Belege und Widersprüchlichkeiten
4. Aggressionen als Motor des Schaffensprozesses
5. Gedanken beim Reden – Gedanken beim Schreiben
6. Vorgang des Schreibprozesses
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang von Denken, Sprechen und Schreiben anhand der Werke von Heinrich von Kleist. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, ob Kleists These der allmählichen Gedankenverfertigung beim Reden auf den Schreibprozess übertragbar ist und inwiefern dabei bewusste Planung auf unbewusste, durch Erregung gesteuerte Schaffensprozesse trifft.
- Heinrich von Kleists Aufsatz "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden"
- Analyse des Zusammenhangs von Denken, Sprechen und Schreiben
- Die Rolle von Agression und kriegerischen Situationen als Motor für Kreativität
- Untersuchung des Schreibprozesses anhand von "Das Erdbeben in Chili"
- Kritische Reflexion von Paradoxien in Kleists Argumentation
Auszug aus dem Buch
3. Belege und Widersprüchlichkeiten
Nachdem nun die Beispiele, die Kleist ausführt, auf seinen daraus folgenden Erkenntnisgewinn untersucht wurden, werde ich seine Argumentation kritisch betrachten. Meine bereits eingangs aufgestellte These lautet: Kleist widerspricht seiner eigenen These, dass Denken und Sprechen synchron ablaufen müssen, in dem Moment, in dem er sie erläutert.
Zunächst werde ich Argumente nennen, die für einen logischen Aufbau und eine nachvollziehbare Begründung bei Kleist sprechen und dann jene, die seinen Aufsatz paradox erscheinen lassen.
Zunächst einmal kann man vermuten, dass Kleist den Adressaten einbringt, um sich ein Gegenüber vorzustellen, welches ihn in einen erregten Gemütszustand versetzt und seine These somit glaubhaft macht. Der Adressat ermöglicht somit erst die sich entwickelnde Argumentation. Weiterhin ist der Adressat praktisch ein Versuch, mit dem Kleist prüft, wie weit ihn die Argumentation, also die Erregung des Gemüts, führt. So gesehen ist der Textaufbau eine Assoziationskette Kleists, deren Ausgang er selbst nicht kennt.
Gerhard Schulz schreibt, dass der Aufsatz die Art und Weise demonstriert, wie Kleist sich Stoffe aneignet und sie Stück für Stück weiterentwickelt bis zum Endresultat. Zu Beginn hat er nur eine vage Vorstellung, die ihn zum Schreiben drängt und in der Auseinandersetzung mit dem Stoff oder auch im Gespräch gelangt er zur Erkenntnis – über das Werk und über sich selbst. Dies ist Kleists Weg zu völliger Deutlichkeit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zum Zusammenhang von Denken, Sprechen und Schreiben sowie der These, dass Kleist seiner eigenen Theorie widerspricht.
2. Untersuchung von Inhalt und Aufbau: Analyse der sechs Beispiele aus Kleists Aufsatz und Erläuterung der Synthese von Kognition und Kommunikation.
3. Belege und Widersprüchlichkeiten: Kritische Betrachtung der Argumentationsstruktur und Aufdeckung der Paradoxie zwischen Kleists These und dem durchdachten Aufbau seines Textes.
4. Aggressionen als Motor des Schaffensprozesses: Untersuchung der Ähnlichkeiten zu "Von der Überlegung" und der Rolle von Kampf und Erregung für den kreativen Prozess.
5. Gedanken beim Reden – Gedanken beim Schreiben: Theoretische Abgrenzung der Sprech- und Schreibprozesse unter Verwendung von Raibles Erkenntnissen zum epistemischen Schreiben.
6. Vorgang des Schreibprozesses: Anwendung der Erkenntnisse auf Kleists Erzählung "Das Erdbeben in Chili" hinsichtlich Schreibstil, Erzählperspektive und Zufallsstrukturen.
7. Resümee: Zusammenfassende Bewertung der Untersuchungsergebnisse und Reflexion der methodischen Herausforderungen bei der Übertragung der These auf Kleists literarisches Werk.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Gedankenverfertigung, Sprechen, Schreiben, Denken, Kreativität, Erregungszustand, Agonale Struktur, Schreibprozess, Paradoxie, Das Erdbeben in Chili, Literaturanalyse, Kommunikation, Kognition, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists Aufsatz über die Gedankenverfertigung beim Reden und überträgt die dort aufgestellten Thesen auf den menschlichen Schreibprozess sowie auf Kleists literarisches Werk.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Wechselwirkung von Denken und sprachlicher Artikulation, die Bedeutung von Erregung und Aggression für schöpferische Prozesse sowie die methodischen Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Ausdrucksweise.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob Kleists These, dass Gedanken erst während des Sprechens entstehen, auch auf das Schreiben zutrifft und ob Kleist in seinen eigenen Texten dieser Theorie durch eine eigentlich vorab geplante Struktur widerspricht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Kleists eigene Essays kritisch mit der Sekundärliteratur vergleicht und seine literarischen Erzähltechniken, insbesondere in "Das Erdbeben in Chili", auf Anhaltspunkte für den Schreibprozess hin untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Kleists Beispiele aus seinem Aufsatz detailliert analysiert, die Rolle von "Gegnern" im Schreibprozess beleuchtet und die theoretische Abgrenzung zwischen Reden und Schreiben anhand medientheoretischer Ansätze vorgenommen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Gedankenverfertigung", "Kreativität", "Erregungszustand" und die spezifischen Analysemethoden der Kleist-Forschung geprägt.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Zufalls bei Kleist?
Der Autor stellt fest, dass Kleist den Zufall gezielt als sprachliches und handlungstreibendes Mittel einsetzt, was wiederum als Indiz dafür gewertet wird, dass der Schreibprozess selbst als ein unvorhersehbarer, kreativer Vorgang verstanden werden kann.
Warum ist Kleists "Das Erdbeben in Chili" für die Untersuchung so wichtig?
Dieses Werk dient als praktisches Fallbeispiel, um die theoretische These über den "Schreibertyp", der seine Gedanken erst im Prozess entwickelt, zu prüfen, da es komplexe, teils paradoxe narrative Strukturen aufweist.
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- Anonym (Autor:in), 2016, Über das Zusammenspiel von Denken, Sprechen und Schreiben bei Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434753