Über das Zusammenspiel von Denken, Sprechen und Schreiben bei Kleist


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Untersuchung von Inhalt und Aufbau

3. Belege und Widersprüchlichkeiten

4. Aggressionen als Motor des Schaffensprozesses

5. Gedanken beim Reden – Gedanken beim Schreiben

6. Vorgang des Schreibprozesses

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich von Kleists Aufsatz „Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden.“ stellt die konventionelle Klugheitsregel „Erst denken, dann sprechen“ gewaltig auf den Kopf. Vermutlich ist mir Kleists Sichtweise so sehr im Gedächtnis geblieben, weil mir die Vorstellung, dass die Gedanken erst beim Sprechvorgang entwickelt werden, bisher fremd war und doch auf den ersten Blick sehr interessant und nachvollziehbar erscheint.

Ich möchte in dieser Ausarbeitung ganz allgemein der Frage nachgehen, wie Denken, Sprechen und auch Schreiben zusammenhängen. Letzteres findet in dem zugrunde liegenden Aufsatz zwar weniger Beachtung, aber ich finde es dennoch erwähnenswert.

Zunächst möchte ich Inhalt und Aufbau des Aufsatzes untersuchen und herausstellen, welche Erkenntnis Kleist gewinnt. Seine Argumentation soll daraufhin kritisch betrachtet werden und ich werde auf mögliche Paradoxien aufmerksam machen.

Bezüglich Kleists Behauptungen stelle ich folgende These auf:

Kleist widerspricht seiner eigenen These, dass Denken und Sprechen synchron ablaufen müssen, in dem Moment, in dem er sie erläutert.

Wo erscheint seine Argumentation nachvollziehbar, wo finden sich Ungereimtheiten?

In diesem Zusammenhang gehe ich auf einen weiteren Aufsatz Kleists: „Von der Überlegung (Eine Paradoxe)“ ein, da Kleist hier von einem sehr ähnlichen Thema spricht, nämlich von der Abfolge von Überlegung und Handlung.

Darauf folgend möchte ich nicht nur Denken und Sprechen betrachten, sondern auch das Schreiben und dabei der Frage nachgehen, ob Kleist bei seinem Schreibprozess eher planlos vorging und er die Gedanken erst beim Schreiben entwickelte oder ob die Gesamtkonzeption bereits zu Beginn feststand. Dies ist schwer zu untersuchen, da wir Kleist nicht beim Schreiben beobachten konnten, aber ich werde in seinem Werk „Das Erdbeben in Chili“ nach Anhaltspunkten suchen, die ihn zu einem der beiden Schreibtypen zuordnen lassen.

Zuletzt wird versucht, ein Fazit aus den Erkenntnissen zu ziehen.

2. Untersuchung von Inhalt und Aufbau

Kleist adressiert sein Werk „Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden“[1] an „R. v. L.“. Diese Anfangsbuchstaben stehen für seinen Freund Rühle von Lilienstein, den er zu Beginn direkt anspricht: „so rathe ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund“[2] etc. Nach den ersten Zeilen fällt diese direkte Anrede bis zum Ende des Aufsatzes jedoch weg und der Text nimmt weniger die Form eines Briefes an, als mehr die einer Reproduktion der eigenen Gedanken, ohne die Absicht, mit jemandem darüber zu sprechen.

Kleist nennt seine These auf Französisch: „l` idée vient en parlant“[3], was so viel heißt wie: „Der Gedanke kommt beim Sprechen“ und eine Parodie von: „ Der Appetit kommt beim Essen“ ist. Nach Kleist verhält es sich also wie folgt: Eine Lösung oder Idee ergibt sich erst durch das laute Aussprechen der Gedanken, noch bevor sie zu Ende gedacht sind, da Sprache die Gedanken überhaupt erst bildet. Es findet somit eine Synthese von Kognition und Kommunikation statt.

Kleist entwickelt seine Argumentation in Form von sechs Beispielen, die man nach Rohrwasser wie folgt gliedern kann[4]:

1.) Der Autor und seine Schwester
2.) Molière und seine Magd
3.) Mirabeau und der Gesandte des Königs
4.) Die Lafontainesche Fabel von Fuchs und Löwe
5.) Reden in der Gesellschaft
6.) Der Student und seine Examinatoren

Diese kann man wiederum in drei Gruppen einteilen: 1.) und 2.) haben gemeinsam, dass sie von der Gegenwart einer vertrauten, wenn auch sich passiv verhaltenden Person handeln, während in Beispiel 3.) und 4.) von einem Widersacher oder Feind gesprochen wird. Dennoch bewirken Vertraute wie auch Feinde das Gelingen der Rede. Beispiel 5.) und 6.) beinhalten hingegen die Faktoren für das Misslingen der Rede.

Die einzelnen Beispiele möchte ich nun genauer auf ihre Beleghaftigkeit für Kleists These untersuchen.

Die Schwester hat die Funktion, den Redner in einen angespannten und erregten Gemütszustand zu versetzen, welcher dazu führt, die verworrenen Gedanken in eine klare Struktur zu bringen und zu einer Lösung zu finden. Dies bewirkt sie allein durch Blicke, kleine Bewegungen oder den Ausdruck des Begreifens, welche den Redner bestärken, als dass er diese Gesten z. B. als Unterbrechungsversuche deutet, denen er entgegen wirken muss.

Auch bei Molière hat dessen Magd keine aktive Rolle, aber sie löst unbeabsichtigt einen sprachlichen Einfall beim Redner aus, indem sie das Urteil des literarischen Publikums über sein gerade entstehendes Werk vorwegnimmt.[5]

Die Anwesenheit eines Gegenübers ist nach Kleist für den Redner unverzichtbar, da es diesem zu Erkenntnis verhilft. Ein solches agonales Gegenüber muss also nicht feindlich gesinnt sein, aber einen essentiellen Widerpart des Gegners darstellen, damit dieser in den notwendigen Erregungszustand versetzt wird.[6]

Ohne einen sichtbaren Absatz geht Kleist zum dritten Beispiel über, in dem er Argumente findet, dass eine Rede besonders gut in einer Krisensituation gelingen kann. Der Kontext des gewählten Beispiels ist die Französische Revolution, die in Kleists Werken immer wieder eine Rolle spielt. Mirabeau widersetzt sich dem Befehl des Königs, welcher ein Gesandter überbringt, indem er mit spontaner Wortgewalt zur Revolution aufruft.

Die Macht des Zufalls ist entscheidend: Vielleicht war es „das Zucken einer Oberlippe […] oder das zweideutige Spiel an der Manschette“[7], also eine zufällige Provokation des Gegners, die Mirabeau derart in Rage bringt, dass seine Rede praktisch zu einer unkontrollierbaren Naturgewalt wird. Seine Vernunft scheint ausgesetzt, doch gerade die ungeplante Rhetorik entscheidet über die Weltgeschichte.[8]

Kleist erklärt die Beleghaftigkeit seines Beispiels auf besondere Art und Weise: Er zitiert Teilsätze des Redners Mirabeau und kommentiert diese mit Hilfe von Parenthesen direkt im Anschluss, um den Erregungszustand, in dem sich Mirabeau genau im jeweiligen Moment befindet, herauszustellen. Dabei gelingt es ihm, diesen Zustand der Erregung auch in seine eigene Kommentaren einfließen zu lassen, beispielsweise durch Exklamativsätze: „Das war es, was es brauchte!“[9].

Anschließend geht Kleist dazu über, diese polare Interaktion der eigenen Psyche[10] mit einer Elektrizitätsmetapher zu veranschaulichen. Der Körper befindet sich urplötzlich in einem höchst erregten Zustand wieder, ist sozusagen elektrisiert, und nach Beendigung der Rede entlädt dieser sich wieder und Vernunft, Nachdenklichkeit und Beklemmung kehren ein.

Mit dem Satz „Doch ich verlasse mein Gleichniß, und kehre zur Sache zurück“[11] schafft Kleist eine Verbindung zum nächsten Beispiel.

Auch dieses ist wieder auf Französisch und handelt von einer Fabel, bei der ein Fuchs den Esel als Übeltäter darstellt und somit alle über diesen herfallen und der Fuchs selbst gerettet ist. Der Fuchs weiß zu Beginn noch nicht, worauf seine Rede hinausläuft und diese sich bildenden Gedanken beim Sprechen versteht Kleist wieder zu kommentieren. Ein typisches Merkmal für das improvisierte Sprechen sind Floskeln und Füllwörter, durch welche man sich Zeit verschafft. Sein Zwischenfazit lautet, dass Reden lautes Denken und die Sprache ein parallel laufendes Rad des Geistes ist.[12]

Vergleicht man Beispiel drei und vier, so stellt man fest, dass zwar beide vom Gelingen der Rede in kriegerischen Situationen handeln, aber unterschiedliche Konsequenzen haben. Mirabeau bewirkt mit seinen Worten den Umsturz der alten Ordnung; es gibt eine Revolution, während der Fuchs die alte Ordnung im Tierreich wiederherstellt: der Löwe bleibt König und stattdessen wird der Esel getötet.[13] Somit macht sich die performative Funktion von Sprache bemerkbar: Sprache wird hier als Mittel zur Kontrolle über die Realität eingesetzt und durch die Macht der Worte wird eine Wirklichkeit geschaffen.

Bei den letzten beiden Beispielen beschreibt Kleist den umgekehrten Fall, wenn Gedanken bereits vollendet sind und erst dann die Sprache eingesetzt wird, um diese auszudrücken.

In Beispiel fünf[14] erläutert er, dass es meistens Menschen trifft, die im Umgang mit der Sprache nicht besonders gewandt sind und in Umgebung einer Gesellschaft an einer Diskussion teilhaben wollen. Sie denken zwar klar, verlieren aber die notwendige Erregung und geraten in Verlegenheit, wenn sie zum Sprechen ansetzen, wodurch ihre Vorstellungen verworren und unverständlich ausgedrückt werden.

Aus dieser Argumentation zieht Kleist erneut das Fazit, dass Denken und Sprechen möglichst gleichzeitig ablaufen müssen.

In Beispiel sechs[15] behauptet Kleist, dass es nur einen gewissen Zustand unserer selbst gibt, der weiß und unterlegt dies damit, dass Fragen in Prüfungssituationen nur gut beantwortet werden können, wenn das Gemüt eine entsprechende Vorbereitung hat, damit es in einen Zustand der Erregung versetzt wird. Kleist verurteilt unbeschönigt öffentliche Examenssituationen, da dort nur auswendig gelerntes Wissen abgefragt wird und Prüfer zu befangen sind, um freie Urteile zu fällen.

Der Aufsatz schließt mit dem Satz: „Die Fortsetzung folgt“[16], was den Aufsatz unvollendet erscheinen lässt, wenngleich eine Fortsetzung gar nicht besteht.

Auffällig ist, dass der Text von militärischer Metaphorik durchzogen ist. Selbst im Beispiel mit seiner wohlgesonnenen Schwester vergleicht er sich mit einem großen General, den die Umstände drängen, wenn er befürchtet, dass seine Schwester ihm die Rede entreißen könnte[17]. Beispiel drei und vier haben die Krisensituation ohnehin schon zum Gegenstand, es geht um die „Vernichtung des Gegners“[18]. „Wer geschwinder als sein Gegner spricht, wird einen Vorteil über ihn haben, weil er mehr Truppen ins Feld führt“[19], heißt es in Beispiel fünf. Opponenten sind also zum einen förderlich, weil sie Kreativität beim Redner bewirken und zum anderen behindern sie in gesellschaftlichen Situationen.

Daraus kann man schließen, dass der Krieg die Sprache verändert und eine Verbindung von Reden, Denken und Handeln schafft, weil sich Gedanken überstürzen und Umstände drängen.[20]

Kennzeichen aller Beispiele ist die agonale Struktur der Kommunikation; die Kontrahenten verkörpern soziale Institutionen, die die Selbstentfaltung begrenzen. Daraus folgt Aggression, die als Katalysator schöpferischer Tätigkeit fungiert.[21]

Auf die Bedeutung von kriegerischen Situationen werde ich in Kapitel 4 genauer eingehen.

[...]


[1] Heinrich von Kleist: Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden, in: Sämtliche Werke und Briefe Bd. 2. Münchner Ausgabe, hg. von Roland Reuß / Peter Staengle, München 2011.

[2] Ebd. S. 284.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Michael Rohrwasser: Eine Bombenpost. Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben, in: Text + Kritik, hg. von Heinz Ludwig Arnold, München 1993, S.151-162.

[5] Vgl. Günter Blamberger: Heinrich von Kleist. Biographie. Frankfurt a. M. 2011, S.164.

[6] Vgl. Peter Phillip Riedl: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. An R. v. L., in: Kleist Handbuch. Leben-Werk-Wirkung., hg. von Ingo Breuer, Stuttgart/Weimar 2009, S. 150-152.

[7] Kleist: Verfertigung, S. 286.

[8] Vgl. Riedl: Kleist Handbuch, S. 150.

[9] Kleist: Verfertigung, S. 286.

[10] Vgl. Riedl: Kleist Handbuch, S. 150.

[11] Kleist: Verfertigung, S. 287.

[12] Ebd.

[13] Vgl. Rohrwasser: Eine Bombenpost, S. 156.

[14] Vgl. Kleist: Verfertigung, S. 288.

[15] Vgl. Kleist: Verfertigung, S. 288f.

[16] Vgl. Kleist: Verfertigung, S. 289.

[17] Ebd. S. 285.

[18] Ebd. S. 286.

[19] Ebd. S. 288.

[20] Vgl. Rohrwasser: Eine Bombenpost, S. 158.

[21] Vgl. Blamberger: Biographie, S. 164.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über das Zusammenspiel von Denken, Sprechen und Schreiben bei Kleist
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V434753
ISBN (eBook)
9783668759664
ISBN (Buch)
9783668759671
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, zusammenspiel, denken, sprechen, schreiben, kleist
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Über das Zusammenspiel von Denken, Sprechen und Schreiben bei Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434753

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