Ziel dieser Magisterarbeit ist es, Entscheidungsprozesse bei mehreren Wahlen auf verschiedenen politischen Ebenen vergleichend zu analysieren und dabei auch die Beziehungen zwischen ebenenspezifischen und ebenenübergreifenden Einflussfaktoren zu berücksichtigen. Dies soll Antworten auf die Frage ermöglichen, unter welchen Voraussetzungen andere Wahlen von bundespolitischen Faktoren beeinflusst werden und ihre Ergebnisse somit als Stimmungstests für die Bundespolitik interpretiert werden können. Für eine umfassende Analyse des Wahlverhaltens ist es von zentraler Bedeutung, die Quellen der politischen Einstellungen der Wähler zu betrachten. Diesem Anspruch wird in der vorliegenden Arbeit durch die Untersuchung des Informations- und Kommunikationsverhaltens der Wähler – differenziert für die verschiedenen Wahlen – Rechnung getragen. Die Untersuchung widmet sich einer Vielzahl von Kommunikationsmodi: Neben den klassischen Massenmedien wird auch die Rolle des Internets, der Wahlkampfkommunikation der Parteien sowie der interpersonalen Kommunikation im sozialen Umfeld der Wähler berücksichtigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen des Wahlverhaltens
2.1. Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens
2.1.1. Der soziologische Ansatz
2.1.2. Der sozialpsychologische Ansatz
2.1.3. Der Rational-Choice-Ansatz
2.1.4. Diskussion der Ansätze
2.2. Theoretisches Erklärungsmodell des Wahlverhaltens
2.3. Einflussfaktoren der Wahlentscheidung
2.3.1. Soziales Umfeld und persönliche Lebenswirklichkeit
2.3.2. Ideologien und Werte
2.3.3. Parteiidentifikation
2.3.4. Allgemeine politische Lage und aktuelle Ereignisse
2.3.5. Öffentliche Meinung
2.3.6. Koalitionsorientierung und taktisches Wahlverhalten
2.3.7. Kandidatenorientierung
2.3.8. Themenorientierung
2.4. Der Einfluss kommunikativer Elemente auf das Wahlverhalten
2.4.1. Wirkungen der massenmedialen Kommunikation
2.4.1.1. Massenmedien und Themenorientierung
2.4.1.2. Massenmedien und Kandidatenorientierung
2.4.1.3. Massenmedien und Wirkungen auf langfristige Vorstellungen
2.4.2. Wahlwerbung und Wahlverhalten
2.4.3. Interpersonale Kommunikation und Wahlverhalten
3. Wahlverhalten im Mehrebenensystem
3.1. Vorbemerkungen: Wahlen im Mehrebenensystem – unterschiedliche Rahmenbedingungen und Interdependenzen
3.2. Theoretische Grundlagen der Einflussbeziehungen zwischen politischen Ebenen und Wahlen
3.2.1. Wahlzyklus-Ansätze
3.2.2. Der Second-Order-Election-Ansatz
3.2.3. Diskussion der Ansätze
3.3. Wahlspezifische Betrachtung der Einflussbeziehungen zwischen Haupt- und Nebenwahlen
3.3.1. Kritische Vorbemerkung: Wahlstudien mit Aggregatdaten
3.3.2. Einflüsse auf das Wahlverhalten bei Europawahlen
3.3.3. Einflüsse auf das Wahlverhalten bei Landtagswahlen
3.3.3.1. Studien auf der Basis von Aggregatdaten
3.3.3.2. Studien auf der Basis von Individualdaten
3.3.3.3. Landes- und wahlspezifische Einflussfaktoren auf das Landtagswahlverhalten
3.3.4. Einflüsse auf das Wahlverhalten bei Kommunalwahlen
3.4. Fazit: Modell zur Beschreibung ebenenspezifischer und ebenenübergreifender Einflüsse auf das Wahlverhalten
4. Kontext der Untersuchung: Das Wahljahr 2009
4.1. Der Ablauf des Wahljahres 2009 in Thüringen
4.2. Die Europawahl
4.3. Die Kommunalwahl
4.4. Die Landtagswahl
4.5. Die Bundestagswahl
5. Das Forschungsinteresse
6. Methodik der Studie
6.1. Panel-Befragungen: Charakteristika und Problemstellungen
6.2. Rekrutierung der Teilnehmer und Beschreibung der Personenstichprobe
6.3. Konzeption der Interview-Leitfäden und Durchführung der Interviews
6.4. Panelmortalität und Paneleffekt in der vorliegenden Studie
6.5. Analyse der Interviews
7. Auswertung Themenbereiche 1 und 2: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten im Mehrebenensystem
7.1. Auswertung Themenbereich 1: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten
7.1.1. Vorbemerkung: Die starken Parteianhänger
7.1.2. Das Wahlverhalten bei der Europawahl 2009
7.1.2.1. Stellenwert der Wahl und Wahlbeteiligung
7.1.2.2. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.2.3. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.3. Das Wahlverhalten bei der Kommunalwahl 2009
7.1.3.1. Stellenwert der Wahl
7.1.3.2. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.3.3. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.4. Das Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2009
7.1.4.1. Stellenwert der Wahl
7.1.4.2. Eindrücke aus dem Wahlkampf und Polarisierung im Vorfeld der Landtagswahl
7.1.4.3. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.4.4. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.4.5. Koalitionsorientierung und taktisches Wählen
7.1.5. Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2009
7.1.5.1. Stellenwert der Wahl und Eindrücke aus dem Wahlkampf
7.1.5.2. Einfluss der Parteiidentifikation
7.1.5.3. Einfluss von Kandidaten- und Themenorientierung
7.1.5.4. Koalitionsorientierung und taktisches Wählen
7.2. Auswertung Themenbereich 2: Wahlverhalten im Mehrebenensystem
7.2.1. Probleme der Differenzierung zwischen verschiedenen Ebenen und Wahlen
7.2.2. Ebenenspezifische und ebenenübergreifende Faktoren der Wahlentscheidung
7.3. Fazit: Wählertypologie und Modelle des Wahlverhaltens
7.3.1. Entwicklung einer Wählertypologie
7.3.2. Entwicklung ebenenspezifischer Modelle des Wahlverhaltens
7.3.2.1. Modell des Wahlverhaltens bei Bundestags- und Landtagswahlen
7.3.2.2. Modell des Wahlverhaltens bei Kommunalwahlen
7.3.2.3. Modell des Wahlverhaltens bei Europawahlen
8. Auswertung Themenbereich 3: Information, Kommunikation und Wahlverhalten
8.1. Tägliche politische Mediennutzung
8.2. Nutzung und Wirkungen der klassischen Massenmedien
8.2.1. Printmedien
8.2.2. Radio
8.2.3. Fernsehen
8.2.3.1. Fernsehnutzung im Vorfeld der Wahlen
8.2.3.2. Rezeption und Wirkung von TV-Duellen
8.3. Nutzung und Wirkung des Internets
8.3.1. Internetnutzung im Vorfeld der Wahlen
8.3.2. Nutzung des Wahl-o-mat
8.3.3. Bewertung von Web 2.0-Angeboten im Wahlkampf
8.4. Die Wahlkampfkommunikation der Parteien – Nutzung und Wirkungen
8.4.1. Klassische Wahlwerbung
8.4.2. Interpersonale Wahlkampfkommunikation
8.4.2.1. Wahlkampfveranstaltungen
8.4.2.2. Informationsstände
8.5. Interpersonale Kommunikation
8.5.1. Gesprächspartner und Umfang der Gespräche
8.5.2. Rolle der interpersonalen Kommunikation für das Informations- und Wahlverhalten
8.5.3. Homogenität des sozialen Umfelds
8.5.4. Thematisierung der Wahlentscheidung
9. Diskussion
9.1. Methodische Umsetzung
9.2. Themengebiete 1 und 2: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten im Mehrebenensystem
9.3. Themengebiet 3: Information, Kommunikation und Wahlverhalten
9.4. Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die Entscheidungsprozesse von Wählern bei mehreren Wahlen auf verschiedenen politischen Ebenen vergleichend zu analysieren und dabei das Zusammenspiel von ebenenspezifischen und ebenenübergreifenden Einflussfaktoren zu untersuchen. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der Rolle des Informations- und Kommunikationsverhaltens der Wähler sowie deren Beeinflussung durch verschiedene Kommunikationsmodi im Vorfeld der Wahlen.
- Analyse zentraler Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten (z.B. Parteiidentifikation, Themen- und Kandidatenorientierung).
- Untersuchung von ebenenspezifischen versus bundespolitischen Einflüssen in einem Mehrebenensystem.
- Erforschung der Bedeutung des Informations- und Kommunikationsverhaltens für die Wahlentscheidung.
- Erstellung von Modellen des Wahlverhaltens für verschiedene Wahlebenen.
- Vergleichende Betrachtung von Wählertypen basierend auf einer qualitativen Panelanalyse.
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Der soziologische Ansatz
Der Begriff „soziologischer Ansatz“ umfasst eine mikro- und eine makrosoziologische Perspektive. Die Entwicklung der mikrosoziologischen Perspektive geht auf die Studie „The People’s Choice“ von Lazarsfeld, Berelson und Gaudet aus dem Jahr 1944 zurück. Ziel der Untersuchung in Erie-County in den USA war es, zu beobachten, wie Menschen im Laufe des Wahlkampfes Wahlentscheidungen treffen und ggf. ändern (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 1). Zu diesem Zweck wurde die Panel-Methode angewandt (vgl. ebd.: 3f.). Die Untersuchung stellt die „erste systematische empirische Analyse der Einflüsse eines Wahlkampfes auf die Einstellungen und das Verhalten der Bürger“ (Dahlem 2001: 26) dar und gilt als Pionierstudie, da sie sich sowohl auf Faktoren der Wahlentscheidung als auch auf Effekte der Mediennutzung und der interpersonalen Kommunikation konzentrierte (vgl. Lazarsfeld et al. 1944: 5).
Grundlage für die Entwicklung der mikrosoziologischen Perspektive durch Lazarsfeld et al. war die Beobachtung, dass das weitgehend homogene soziale Umfeld, in dem die meisten Befragten lebten, der zentrale Bestimmungsfaktor ihrer Wahlentscheidung war (vgl. ebd.: 138f.), die Wahlentscheidung folglich „in Gruppen“ (vgl. ebd.: 137) gefällt wurde (siehe hierzu auch Abschnitt 2.3.1.). Die Wahlentscheidung eines Individuums ließ sich den Autoren der Erie-County-Studie zufolge mithilfe eines Indexes politischer Prädispositionen – bestehend aus den drei Indikatoren sozioökonomischer Status, Religionszugehörigkeit und Wohngegend – recht treffsicher voraussagen (vgl. ebd.: 25f.; 138f.). Die Forscher schlossen daraus, „[that] a person thinks politically, as he is, socially. Social characteristics determine political preferences.“ (ebd.: 26).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfragen ein, ob Wahlergebnisse einen Einfluss auf die öffentliche Meinung und zukünftige Wählerentscheidungen haben, und stellt das Ziel vor, Entscheidungsprozesse auf verschiedenen Ebenen vergleichend zu analysieren.
2. Theoretische Grundlagen des Wahlverhaltens: Hier werden zentrale Erklärungsansätze (soziologisch, sozialpsychologisch, Rational-Choice) und Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten vorgestellt und ein theoretisches Modell zur Veranschaulichung der Wirkungszusammenhänge entwickelt.
3. Wahlverhalten im Mehrebenensystem: Dieses Kapitel erörtert die spezifischen Herausforderungen von Wahlen in einem föderalen Mehrebenensystem, inklusive der Konzepte von Haupt- und Nebenwahlen.
4. Kontext der Untersuchung: Das Wahljahr 2009: Dieser Abschnitt kontextualisiert das seltene Ereignis von vier Wahlen innerhalb kurzer Zeit in Thüringen im Jahr 2009 und beschreibt die politischen Rahmenbedingungen.
5. Das Forschungsinteresse: Das Kapitel konkretisiert die zentralen Forschungsfragen der Arbeit in drei Themenbereichen: Einflussfaktoren, Mehrebenensystem sowie Information und Kommunikation.
6. Methodik der Studie: Es wird das Design der dreistufigen qualitativen Panelbefragung mit 21 Erfurter Bürgern erläutert, inklusive der Rekrutierung und Analysemethode.
7. Auswertung Themenbereiche 1 und 2: Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten im Mehrebenensystem: Hier werden die Ergebnisse der Panelbefragungen zu den Einflussfaktoren auf die vier Wahlen präsentiert und Modelle des Wahlverhaltens entwickelt.
8. Auswertung Themenbereich 3: Information, Kommunikation und Wahlverhalten: Dieser Teil wertet das Informationsverhalten der Befragten aus, einschließlich der Mediennutzung, des Wahl-o-mat und der interpersonalen Kommunikation.
9. Diskussion: Das abschließende Kapitel diskutiert die methodische Umsetzung der Untersuchung und resümiert die wichtigsten Forschungsergebnisse zum Wahlverhalten und zum Einfluss der Medien.
Schlüsselwörter
Wahlverhalten, Mehrebenensystem, Parteiidentifikation, Europawahl, Landtagswahl, Kommunalwahl, Bundestagswahl, Politische Kommunikation, Mediennutzung, Wahlkampf, Panelbefragung, Themenorientierung, Kandidatenorientierung, Koalitionsorientierung, Politikverdrossenheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht vergleichend die Entscheidungsprozesse von Wählern bei vier unterschiedlichen Wahlen (Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahl) im Jahr 2009 in Thüringen und deren Abhängigkeit von verschiedenen Einflussfaktoren und Informationsquellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Analyse von Wahlentscheidungsprozessen, der Einfluss kommunikativer Elemente auf das Wahlverhalten sowie die Beschreibung von ebenenspezifischen und ebenenübergreifenden Faktoren innerhalb eines föderalen Mehrebenensystems.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, wie Wähler in einer Mehrfachwahlsituation entscheiden, welche Faktoren dabei eine Rolle spielen und inwieweit Wahlen auf verschiedenen Ebenen von bundespolitischen Faktoren beeinflusst werden oder ebenenspezifische Logiken aufweisen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet einen qualitativen Forschungsansatz in Form einer dreistufigen Panelbefragung mit 21 Erfurter Bürgern, um individuelle Entscheidungsprozesse über den Zeitraum der verschiedenen Wahlen hinweg nachvollziehen zu können.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Wahlverhaltens erörtert, anschließend die Besonderheiten von Wahlen im Mehrebenensystem diskutiert und schließlich die Ergebnisse der Panelbefragungen bezüglich der Einflussfaktoren und des Informationsverhaltens der Wähler ausgewertet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Wahlverhalten, Mehrebenensystem, Parteiidentifikation, politische Kommunikation, Mediennutzung, Wählertypologie und Panelbefragung charakterisiert.
Welchen Stellenwert hatte die Europawahl für die Befragten?
Die Europawahl wurde von den meisten Befragten als weniger bedeutsam eingestuft als andere Wahlen, was zu einem geringeren Informationsaufwand und einer stärkeren Rückbesinnung auf die Parteiidentifikation als Entscheidungsheuristik führte.
Welche Rolle spielte die Parteiidentifikation bei der Kommunalwahl?
Im Gegensatz zu nationalen Wahlen spielte die Parteiidentifikation bei der Kommunalwahl eine untergeordnete Rolle; hier standen für die Befragten die Kandidaten und deren thematisches Engagement in ihrem direkten Lebensumfeld deutlich im Vordergrund.
- Quote paper
- Kirsten Petzold (Author), 2011, Ist Wahl gleich Wahl? Eine qualitative Untersuchung zu Wahlverhalten und politischer Information im "Superwahljahr" 2009 in Thüringen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434771