Anreize von Bail–Out–Regeln und Moral Hazard


Hausarbeit, 2011

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Euro-Stabilität als öffentliches Gut

3 Die Anreizwirkungen von Eurobonds
3.1 Der Europäische Stabilitätsmechanismus als temporärer Euro­bond
3.2 Die Anreizwirkung auf die Euro-Staaten
3.3 Die Anreiz Wirkung auf die Finanzmärkte

4 Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Europäische Währungsunion (EWU) wurde 1999 durch die Einführung des Euros als gemeinsame Währung von nun mehr 17 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) realisiert. Diese bilden zusammen die Euro-Zone. Schon früh wurde auf Schwachstellen in der Ausgestaltung der EWU hingewie­sen, da sie Anreizwirkungen vernachlässige (vgl. Bordo und Jonung, 1999, s. 1). Es können Probleme aus der Kombináton von zentraler Geldpolitik, übertragen auf die Europäische Zentralbank (EZB) und dem Verbleib der fiskalpolitischen Verantwortung auf jeweils nationaler Ebene, entstehen (vgl. Bordo und Jo­nung, 1999, S.4). Eine einheitliche Geldpolitik bei divergierender wirtschaftli- eher Entwicklung der EWU-Staaten führt zu Fehlentwicklungen in allen Staa­ten, die bezüglich Wachstum und Inflation von der durchschnittlichen Entwick­lung aller Staaten abweichen. Auf aggregierter Ebene erwies sich die Geldpo­litik der EZB bis 2007 als erfolgreich. Die Betrachtung der einzelnen Staaten ergibt ein anderes Bild. Die einheitliche Geldpolitik führte zu unterschiedlichen realen Zinssätzen. Diese ergeben sich aus dem Nominalzins abzüglich der Infla­tionsrate. Während in einem Teil der EWU sowohl Wirtschaftswachstum als auch Inflationsrate unter dem Durchschnitt der Euro-Zone verblieben, wiesen die PIGS-Staaten sowohl ein höheres Wachstum als auch eine höhere Infla­tionsrate auf[1]. Bei einem negativen realen Zinssatz erfüllt dieser nicht mehr seine Aufgabe das Kapital seiner bestmöglichen Verwendung zu zuführen, da jede Investition rentabel ist (vgl. Enderlein, 2010, S.8). Ein niedriger bzw. negativer Realzins gibt Anreize für erhöhten kreditfinanzierten Konsum und Investitionen sowohl auf privater als auch auf staatlicher Ebene. Die ungleiche Entwicklung der Wirtschaftsleistung und der Wettbewerbsfähigkeit einerseits und die Steigerung des Handels und der Verbundenheit der Kapitalmärkte an­dererseits, führten zu Leistungsbilanzungleichgewichten innerhalb der EWU (vgl. Horn et ah, 2010, s. 1).

Um Fehlanreizen der einheitlichen Geldpolitik bei gleichzeitig dezentraler Fis­kalpolitik vorzubeugen und finanzpolitische Stabilität zu gewährleisten, wur- den drei Mechanismen beschlossen. Zum einen sind die Kriterien des Stabi- litäts- und Wachstumpaktes (SWP) einzuhalten. Durch diesen erfolgt eine Festsetzung des zulässigen jährlichen Haushaltsdefizits auf 3 % und des Schul­denniveaus auf 60%, jeweils gemessen am BIP. Bei Nicht-Einhaltung sind Sanktionen in Form von Geldstrafen vorgesehen. Zum anderen wurde die Un­abhängigkeit der EZB beschlossen, um sie vor politischer Einflussnahme zu schützen. Außerdem ist es ihr untersagt die Verbindlichkeiten der Mitglieds­Staaten zu finanzieren. Den dritten Mechanismus stellt Artikel 125 des Ver­trags über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) dar. Die soge­nannte N0-Bail-Out-Klausel bestimmt den gegenseitigen Haftungsausschluss der Mitgliedsstaaten. Tatsächlich wurde keiner der drei Mechanismen einge- halten[2]. Während gegen die Kriterien des SWP regelmäßig verstoßen wurde und dies in keinem der Fälle finanzielle Konsequenzen nach sich zog, wurde Artikel 125 AEUV im Nachhinein großzügig interpretiert, sodass die Hilfspro­gramme möglich wurden (vgl. Sinn und Carstensen, 2010, s. 17). Die EZB ih­rerseits verlor im Rahmen der Euro-Krise an Unabhängigkeit. Derzeit kauft sie Staatsanleihen von Mitgliedsländern deren Bonität als schlecht eingestuft wird. Diese Entwicklungen zeigen nicht nur Mängel in der Konzeption der EWU auf, sondern bedingen auch ein weiteres Problem. Durch die Verstöße gegen die Regeln hat die EWU an Glaubwürdigkeit verloren, was sowohl Auswirkungen auf das Verhalten der Mitgliedsstaaten als auch auf das der Finanzmarktsak­teure haben kann. Es bedarf demnach neuer Regeln, wie im Falle neuerlicher Krisen verfahren werden soll. Dabei stellt sich die Frage, welche Anreize von Haftungsübernahmen ausgehen und ob mit diesen zwangsläufig eine Bail-Out­Blackmail verbunden sein muss (vgl. Meyer, 2010, S.51).

Die vorliegende Arbeit hat es zum Ziel das Anreizgefüge innerhalb der EWU zu untersuchen. Dies soll sowohl im Hinblick auf die Schuldner als auch auf den potenziellen Lender of Last Resort und die Finanzmärkte unter Bezug­nähme auf die aktuelle Situation in der EWU geschehen. Zunächst erfolgt daher eine wohlfahrtsökonomische Einführung, in der die Stabilität der EWU als öffentliches Gut angenommen wird. Es folgt eine Analyse der Anreize, die sich aus der Implementierung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) als quasi Eurobond und der Einführung von Eurobonds ergeben. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung und dem Fazit ab.

2 Die Euro-Stabilität als öffentliches Gut

Unter einem Bail-Out wird die Übernahme oder Tilgung von Verbindlichkei­ten eines illiquiden und/oder insolventen Dritten, sowie die Bereitstellung von Bürgschaften und Krediten an diesen verstanden (vgl. Stasch, 2009, s. 57). Eng damit verbunden ist der Begriff des Lender of Last Resort (LOLR), der als Kre­ditgeber letzter Instanz Liquidität bereitstellt. Als Begründer der Theorie über den LOLR gelten Thornton (1802) und Bagehot (1873), die beschrieben unter welchen Bedingungen eine Bereitstellung von Liquidität an Banken durch die Zentralbank gerechtfertigt ist (vgl. Stasch, 2009, S.49). Die zugrundeliegende Annahme ist, dass es aufgrund von vorhandener Systemrelevanz von Bankin­stituten im Falle einer Insolvenz derer zu Ansteckungseffekten und somit zum Marktversagen kommt. Ursächlich für Marktversagen können externe Effekte, das Vorhandensein öffentlicher Güter sowie Informationsasymmetrien sein (vgl. Endres, 2007, s. 175). Externe Effekte treten auf, wenn die Produktions- bzw. Nutzenfunktion eines Akteurs, die Produktions-bzw. Nutzenfunktion eines an­deren Akteurs direkt beeinflusst und eine Kompensation über den Marktme­chanismus nicht stattfindet. Handelt es sich um negative externe Effekte, so findet keine ausreichende Internalisierung der negativen Wirkung auf das be­troffene Individuum durch den Verursacher statt (vgl. Endres, 2007, s. 18). Externe Effekte treten häufig bei Vorhandensein öffentlicher Güter auf. Deren Charakteriska, die Nicht-Rivalität und Nicht-Ausschließbarkeit von deren Nut­zung, bedingen eine nicht pareto-optimale Ressourcenallokation (vgl. Mankiw, 2004, S.246)[3].

Fahrholz und Wójcik (2010) untersuchen mittels eines spieltheoretischen An­Satzes das Problem des Auftretens negativer externer Effekte innerhalb der Euro-Zone. Dabei werden nicht ausschließlich ökonomische Zusammenhänge, sondern ebenfalls politische Interaktionsprozesse berücksichtigt (vgl. Fahrholz und Wójcik, 2010, S.3). Wird die Stabilität der EWU bzw. des Euros als öffentliches Gut angenommen, so entstehen negative externe Effekte dadurch, dass der Zahlungsausfall eines Mitgliedsstaates das Risiko von Ansteckungsef­fekten für andere Staaten in sich trägt (vgl. Fahrholz und Wójcik, 2010, S.6). In diesem Zusammenhang bedeutet die Nicht-Rivalität der Nutzung des Gutes, dass alle Individuen von der Stabilität der EWU profitieren ohne, dass dieser Nutzen mit steigender Anzahl der Nutzer abnimmt. Da die Stabilität der EWU allen Euro-Staaten unbegrenzt zur Verfügung steht, ist Nicht-Ausschließbar keit gegeben. Aus diesen Gegebenheiten können Trittbrettfahrer-Probleme (free ri­ding) entstehen. Dabei wird der Nutzen, den ein Staat aus der vorhandenen Stabilität der Währungsgemeinschaft generiert als positiver externer Effekt bezeichnet[4]. Ziehen zu viele Individuen Nutzen aus der Stabilität der EWU, ohne dafür Sorge zu tragen, dass diese durch den übermäßigen ״Konsum“ nicht gefährdet wird, kann es (im Zeitverlauf) zu einer Beeinträchtigung der Stabi­lität kommen. Wird das öffentliche Gut auf Grund negativer externer Effekte zur knappen Ressource entsteht Rivalität im Konsum, wodurch es zum All­mendegut wird (vgl. Fritsch, Wein und Ewers, 2003, s. 104). Maßnahmen zur Erhaltung der Stabilität der EWU sind mit Kosten verbunden und erzielen nur dann eine Wirkung, wenn sich hinreichend viele Staaten dafür einsetzen. Da für den einzelnen Staat Unsicherheit hinsichtlich der Bereitschaft der an­deren Akteure besteht, ist sein Anreiz für die Stabilität der EWU einzutreten gering. Das individuell rationale Verhalten bedingt mit der Zeit eine kollektive Selbstschädigung (vgl. Fritsch, Wein und Ewers, 2003, s. 105). Der SWP wurde eingeführt um diese Stabilität zu gewährleisten. Die derzeitige Krise kann nicht auf die Nicht-Einhaltung des SWP zurückgeführt werden. Während Länder wie Spanien und Irland, die deutlich unter der Verschuldungshöchstgrenze la­gen und neben Griechenland am stärksten betroffen sind, haben Länder wie Deutschland, Frankreich, Österreich oder die Niederlande mehrmals gegen den Pakt verstoßen und weisen trotzdem die größte Stabilität auf (vgl. Enderlein, 2010, s. 7). Das Problem besteht nicht darin, dass der SWP nicht eingehalten wurde, sondern darin, dass Regeln bestehen, auf deren Verstoß keine Kon­Sequenzen folgen. Es mindert vor allem die Bereitschaft der Staaten, deren wirtschaftliche Entwicklung noch hinter den erfolgreichsten Volkswirtschaf­ten steht, Restriktionen in Kauf zu nehmen, wenn damit Kosten verbunden sind. Verstärkt wird das Trittbrettfahrer-Problem, wenn wohlhabendere Staa­ten ebenfalls gegen diese Regeln verstoßen. Letzterer Aspekt bedeutet zudem, dass bei finanzschwacheren Volkswirtschaften der Eindruck entsteht, dass fi­nanzstärkere Volkswirtschaften bei Nicht-Einhaltung von Regeln, die Stabilität gewährleisten sollen, das Entstehen externer Kosten zu Lasten des schwächeren Währungspartners in Kauf nehmen.

Fahrholz und Wójcik (2010) identifizieren in diesem Zusammenhang drei mög- liehe Externalitäten, die aus einer instabilen Währungsunion resultieren. Zum einen verschlechtere sich der Zugang zum Kapitalmarkt. Zum anderen ent­stünden schlechtere Wachstumsbedingungen oder Handelsbeziehungen. Schließ­lieh reduziere sich der politische Wille den Prozess der europäischen Intergra­tion zu fördern (vgl. Fahrholz und Wójcik, 2010, S.5). Da öffentliche Güter allen Individuen zur Verfügung stehen, ohne dass dies mit Kosten verbunden ist, wird jedes Individuum bestrebt sein den größtmöglichen Nutzen aus die­sem Gut zu erzielen. Dieser nimmt für die einzelnen Euro-Staaten verschiedene Formen an. Die Staaten der Euro-Peripherie profitierten von verbesserten Kon­ditionen am Kapitalmarkt und Kapitalimporten. Deutschland wird in diesem Zusammenhang vorgeworfen, es lebe auf Kosten der ausländischen Nachfra­ge, anstatt die Binnennachfrage zu stärken und die Handelsbilanzüberschüsse zu reduzieren (vgl. Sinn, 2010, s. 14). Die Kritik übersieht jedoch, dass Leis­tungsbilanzüberschüsse mit Kapitalexporten einhergehen. Von diesen wieder­um haben zum Großteil die Staaten der Euro-Peripherie profitiert, da Erspar­nisse nicht mehr in Deutschland, sondern in diesen Staaten investiert wur­de (vgl. Sinn und Carstensen, 2010, S.7). Innerhalb Deutschlands profitierte nur der kleine, wohlhabende Teil der Bevölkerung, der höhere Renditen aus den Investments im Ausland erzielen konnte (vgl. Sinn, 2010, s. 15). Für den Rest Deutschlands bedeutete dies, dass notwendiges Kapital für Investitionen verloren ging. Deutschland erlebte eine reale Abwertung in der Euro-Zone. Dies führte zu einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, jedoch auf Kosten niedriger Steigerungsraten der Preise und Löhne und einer schwachen Binnen­konjunktur (vgl. Sinn und Carstensen, 2010, s. 7). Insofern ist die verbreitete Ansicht, Deutschland sei der größte Profiteur des Euros, da es sein Wachs­tum durch den Export auf Kosten anderer Euro-Staaten finanziert habe zwar einseitig, erklärt jedoch die wiederkehrende Kritik an Deutschlands Verhalten während der Euro-Krise[5].

Die EWU war ein deutsch-französisches Projekt, daher haben beide Staaten ein Interesse an der Stabilität dieser. Während Deutschland zugunsten des Eu­ros die D-Mark aufgab, welche stets als stabil galt, fürchtete Frankreich das durch die Wiedervereinigung größer gewordene Gewicht Deutschlands inner­halb der EU und war daher an eine feste Einbindung Deutschlands in der EWU interessiert (vgl. Breuss, 2011, s. 1). Angesichts der sich global verschiebenden Machtverhältnisse, insbesondere ausgelöst durch aufstrebende Volkswirtschaf­ten wie China, besteht für Deutschland ein Interesse an einer starken Position der EU. Die Euro-Zone hingegen profitiert von einer starken deutschen Wirt­schaft (vgl. Trichet, 2011, S.26). Ein Vorteil, den alle Euro-Staaten teilen, zeigte sich während der Finanzkrise. Die Staaten waren keinen schwankenden Wechselkursen ausgesetzt und die Inflationsrate verblieb niedrig (vgl. Sinn, 2010, s. 17).

Nachdem sich die Situation Griechenlands auf den Kapitalmärkten zugespitzt hatte und Ansteckungseffekte auf Irland, Spanien und Portugal drohten, fürch­teten die Staats- und Regierungschefs die möglichen negativen externen Ef­fekte. Da die aus diesen Externalitäten entstehenden Kosten durch alle Mit­gliedsstaaten zu tragen sind, verbessert sich jedoch die Verhandlungsposition des nach Unterstützung suchenden Staates. Dieser antizipiert, dass sich die an­deren Staaten darüber bewusst sind, dass sie in jedem Falle Kosten zu tragen haben. Wenn nicht die des Bail-Out, dann die externen Kosten (vgl. Fahrholz und Wójcik, 2010, S.5). Auf der einen Seite resultiert daraus eine Zahlungs­bereitschaft der finanzstärkeren Staaten für die Vermeidung von Instabilität in der EWU, da diese eine Verschlechterung für jeden Staat bedeuten würde (vgl. Fahrholz und Wójcik, 2010, S.6). Auf der anderen Seite besteht die Ge- fahr des Auftretens von Moral Hazard. Das Phänomen des Moral Hazard be­schreibt eine Verhaltensänderung in Folge einer Versicherung im Sinne einer Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht und dem Eingehen unverhältnismäßiger Risiken, da nicht selbst für entstehende Schäden gehaftet werden muss (vgl. Stiglitz, 2010, s. 45). Daher ist es notwendig bei der Implementierung von Me­chanismen, die neuerliche Entwicklungen dieses Ausmaßes verhindern sollen, Anreizwirkungen zu bedenken.

3 Die Anreizwirkungen von Eurobonds

3.1 Der Europäische Stabilitätsmechanismus als tem­porärer Eurobond

Am 27-/28. November 2010 wurde ein dauerhafter Europäischer Stabilitäts­mechanismus (ESM) durch die Eurogruppe und die EU-Finanzminister be­schlossen, welcher den bis Mitte 2013 befristeten ״Rettungsschirm“ von diesem Zeitpunkt an ersetzt (vgl. BMF, 2010). Das Prinzip beider Mechanismen ist gleich, daher beziehen sich die folgenden Ausführungen, sofern nicht explizit auf einen einzelnen Bezug genommen wird, auf beide Mechanismen.

Der ESM sieht eine Liquiditätsbereitstellung an bedürftige Mitgliedsstaaten der Euro-Zone in Form von Krediten vor. Zur Bereitstellung des Kapitals emittiert die European Financial Stability Facility (EFSF), eine durch die EU gegründete Zweckgesellschaft, Anleihen auf dem Kapitalmarkt, für welche die Euro-Staaten als Garantiegeber auftreten (vgl. Sinn, 2010, s. 1). Daher kann der ESM als Vorstufe der Eurobonds bezeichnet werden. Unter Eurobonds wird die Begebung von gemeinsamen Staatsanleihen durch die Euro-Staaten verstanden. Der Unterschied zum ESM besteht in dessen unregelmäßiger Inan­spruchnahme und darin, dass Unterstützung anfordernde Länder von vornher­ein von der Haftung für die Anleihen ausgenommen sind. Außerdem haften die im Rahmen des ESM garantiegebenden Staaten teilschuldnerisch, d.h. die ma­ximale Haftungssumme eines jeden Gläubigers ist auf einen zuvor bestimmten Anteil begrenzt (vgl. Ruhkamp, 2010, S.2). Bereits bei der erstmaligen Inan­ spruchnahme des Rettungsschirms wurde ein Konstruktionsfehler erkennbar. Damit die EFSF von den Ratingagenturen mit einem AAA-Rating ausgestattet werden konnte, musste die Menge der Garantiegeber auf die Länder reduziert werden, die selbst das Höchst-Rating besitzen. Von den 17 Euroländern blieben sechs als Garantiegeber für den ESM übrig [6]. Dies führte dazu, dass die poten- ziehe Kreditsumme in Flöhe von 440 Mrd. Euro auf 250 Mrd. Euro reduziert wurde (vgl. Wettach, 2011, s. 1). Um die Kreditsumme zu erhöhen, müsste entweder auf das AAA-Rating verzichtet werden oder die bisherigen Garan­tiegeber müssten sich bereit erklären ihren Haftungsanteil zu erhöhen. Erstere Option dürfte aufgrund der negativen Signalwirkung politisch unerwünscht sein, da der ESM die Stabilität der europäischen Gemeinschaftswährung de­monstrieren soll (vgl. Wettach, 2011, s. 2). Ausgestattet mit einem geringeren als dem Höchst-Rating würden Eurobonds an internationalem Ansehen ver­lieren und es würden Zinsaufschläge als Reaktion auf das höher ausgewiesene Risiko folgen. An dieser Stelle wird deutlich, dass eine künstliche Angleichung der Bonitätsunterschiede und damit der Zinsen nur über eine Transferleistung der finanzstärkeren an die finanzschwacheren Staaten gelingen kann.

Hinter den Forderungen nach einer Aufstockung des ESM sieht Sinn (2011) den Versuch Eurobonds über einen Umweg einzuführen. Denn das Volumen des ESM reiche aus, um Liquiditätskrisen weiterer Länder wie Portugal und Spanien zu verhindern. Daher bestehe die Gefahr, dass die zusätzlichen Mittel zur Übernahme von Altverbindlichkeiten der Schuldenländer genutzt würden (vgl. Sinn, 2011).

3.2 Die Anreizwirkung auf die Euro-Staaten

Im Rahmen der Überlegungen, welche Maßnahmen und Instrumente imple- mentiért werden sollten, um die zukünftige Stabilität des Euros zu gewähr­leisten, wird über die Begebung von gemeinsamen Staatsanleihen, den soge­nannten Eurobonds, diskutiert. Derzeit emittieren die einzelnen Staaten der Eurozone jeweils eigene Staatsanleihen. Entsprechend erhalten diese eigene Ratings, von denen die durch die Anleger geforderten Zinsen und damit die Refinanzierungskosten der Staaten abhängen. Für höhere Ausfallrisiken wol­len die Investoren durch höhere Renditen entschädigt werden (vgl. Perridon, Steiner und Rathgeber, 2009, s. 82).

In der Debatte um die mögliche Einführung der Eurobonds spalten sich die Euro-Länder in zwei Lager. Denn was die eine Seite, überwiegend Vertreter der Länder der Euro-Peripherie, als Vorteil sieht, lässt auf der anderen Seite Befürchtungen über zusätzliche Kosten und Fehlanreize aufkommen.

Die Emission von Eurobonds würde zu einem für alle Staaten einheitlichen Zinssatz auf dem Kapitalmarkt führen. Wie die Betrachtung der Zinsspreads von Anleihen vor und nach der Euro-Einführung erkennen lässt, hätte dies Vorteile für die PIGS-Staaten. Seit der Verabschiedung des SWP setzte eine zunehmende Konvergenz der Zinsspreads ein. Während der Zinsunterschied zwischen den PIGS-Staaten und Deutschland zuvor durchschnittlich 5 % be­trug, lag der durchschnittliche Zinssatz ersterer bis 2008 0,4% über dem von Deutschland (vgl. Sinn und Carstensen, 2010, S.2). Dies lag daran, dass die Käufer von Anleihen der PIGS-Staaten vor der Einführung des Euros dem Ri­siko einer Währungsabwertung ausgestzt waren und daher höhere Zinsen ver­langten (vgl. Krugman, 2011, s. 3). Folglich war es für diese Staaten teurer Geld auf dem Kapitalmarkt aufzunehmen. Durch die Euro-Einführung verschwand das Wechselkursrisiko und die Zinsen näherten sich an. Eine Rückkehr zu nied­rigen Zinsen hätte für die PIGS-Staaten den Vorteil, dass sich ihre finanzielle Situation entschärfte, da sich der zu erwartende Zinssatz senken würde.

Der gemeinsame Zinssatz, der sich durch die Einführung von Eurobonds er­geben würde, entspräche einem durchschnittlichen Zins aller Euro-Staaten. Jedoch sei damit zu rechnen, dass dieser über dem Durchschnittszins auf An­leihen der Euro-Zone ohne Existenz von Eurobonds läge (vgl. Sinn, 2010, s. 20). Dadurch ergäbe sich ein Zinssatz, welcher über dem, den Staaten mit guter Bo­nität zu zahlen hätten und unter dem, den Staaten mit schlechter Bonität zu zahlen hätten. Dies stellt de facto eine Subventionierung der finanzschwachen Euro-Staaten durch die finanzstarken Euro-Staaten dar. Auch eine Zinssen­kung über die Übersicherung von Anleihen, wie es auch beim ESM prakti­ziert wird, ginge zu Lasten der finanzstarken Länder, da sie einer höheren Bürgschaftssumme zustimmen müssten (vgl. Rullkamp, 2010, s.2). Kritiker der Eurobonds sind der Ansicht, dass dies das Entstehen von Moral Hazard fördere, denn auf diese Weise ginge die disziplinierende Wirkung höherer Zin­sen, die Anreize für eine geringere Verschuldung geben, verloren. Für die fi­nanzstärkeren Euro-Länder ergibt sich das Risiko, dass finanzschwachere Staa­ten die vergleichsweise niedrigen Zinsen nicht nutzen, um Haushaltskonsoli­dierungen vorzunehmen oder es versäumen durch antizyklische Wirtschaft­politik einer Überhitzung der Wirtschaft vorzubeugen (vgl. Petersen, 2011, S.59). Die Unruhen in Griechenland, die nach den Ankündigungen über Aus­gabenkürzungen und Steuererhöhungen aufkamen, zeigen wie unpopulär sol­che Maßnahmen bei der Bevölkerung sind. Da Politiker ein Interesse an ih­rer Wiederwahl haben, könnte die Entscheidung gegen mehr Haushaltsdis­ziplin getroffen werden, wenn keine negativen Konsequenzen folgen. Dieser Aspekt erhält umso mehr Gewicht, je größer die Einschnitte sind und je weni­ger der Wähler direkte positive Effekte für sich ableiten kann. Söllner (2001) untersucht Anreizwirkungen innerhalb eines Transfersystems am Beispiel des Länderfinanzausgleichs in Deutschland. Ergebnis ist, dass erstens wenig An­reize zur Erzielung von Steuermehreinnahmen bestehen, wenn diese im Rah­men des Länderfinanzausgleichs größten Teils für das entsprechende Nehmer­land verloren gingen und gleichzeitig Kosten eines effektiveren Steuervollzugs entstünden. Zweitens bestünde wenig Interesse an einer wachstumsfreundlichen Politik, die über die Ansiedlung von Unternehmen zu einem höheren Steuer­aufkommen führen würde. Begründet wird dies dadurch, dass die Kosten einer Investition in die Infrastruktur, die das entsprechende Bundesland in voller Höhe zu tragen hätte, lediglich anteilig im Bundesland verbleibenden Steuer­mehreinnahmen gegenüber stehen. Drittens seien diese Fehlanreize besonders hoch, wenn es sich um kleine Bundesländer handelte. Um die Chancen auf eine Wiederwahl zu steigern, seien Politiker bestrebt die finanziellen Ressour- een derart einzusetzen, dass die Wähler einen unmittelbaren positiven Nutzen daraus erkennen können. Da dies bei konsumptiven Ausgaben unmittelbar ge­geben ist, werden diese im Verhältnis zu investiven Ausgaben übergewichtet, da letztere einen Konsumverzicht in der Gegenwart bedeuteten und der aus ih­nen erwachsende Nutzen erst in Folgeperioden für den Wähler erkennbar wird (vgl. Söllner, 2001, s. 185).

[...]


[1] Zu den Ländern, deren BIP-Wachstum und Inflation und Inflation unterhalb des Durch­Schnitts lag gehörten Deutschland, Frankreich, Österreich, Belgien, Luxemburg und die Niederlande. Das Akronym PIGS steht für Portugal, Irland, Griechenland und Spanien.

[2] Davon unabhängig wird oft die grundsätzliche Eignung des SWP in Frage gestellt, seine Kriterien als unagemessen restriktiv, die Prozyklität der Sanktionsmechanismen und der fehlende Automatismus kritisiert (vgl. Bofinger, 2004, s. 15 f).

[3] Unter dem Pareto-Optimum wird ein Zustand verstanden, in dem es nicht möglich ist die Nutzensituation eines Individuums zu verbessern ohne die eines anderen Individu­ums zu verschlechtern (vgl. Fritsch, Wein und Ewers, 2003, s. 25 f).

[4] Für eine allgemeine Definition von positiven externen Effekten vgl. Fritsch, Wein und Ewers (2003, S.101).

[5] Dass diese Sicht nicht vollständig ist, zeigt auch die geringe Wachstumsrate Deutsch­lands nach der Euro-Einführung. Zudem konnten die Exporte die lahmende Binnen­nachtrage nicht vollständig kompensieren (vgl. Sinn, 2010, s. 16).

[6] Zu den garantiegebenden Ländern gehören Deutschland, Frankreich, Österreich, Finn­land, Luxemburg und die Niederlande.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Anreize von Bail–Out–Regeln und Moral Hazard
Hochschule
Universität Bremen  (Forschungsstelle Finanzpolitik)
Veranstaltung
Wirtschaftspolitik für Fortgeschrittene und Finanzwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V434816
ISBN (eBook)
9783668761025
ISBN (Buch)
9783668761032
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bail Out, Eurobonds, Europäischer Stabilitätsmechanismus, Lender of Last Resort, Externe Effekte, Pareto, European Financial Stability Facility, Moral Hazard, Währungsunion, Europäische Union, Länderfinanzausgleich, Zinsen, Kapitalmarkt
Arbeit zitieren
Kathrin Kass (Autor), 2011, Anreize von Bail–Out–Regeln und Moral Hazard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434816

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