Heutzutage scheint der Begriff der Entfremdung nicht mehr als Zentralbegriff linker Gesellschaftskritik, sondern problematisch und beinahe unzeitgemäß. Doch gerade das wachsende Maß an Beunruhigung der heutigen Zeit, lässt sich mit dem Phänomen der Entfremdung in Verbindung bringen und speziell deshalb scheint das Problem der Entfremdung wieder allgegenwärtig. Dies wird primär beeinflusst durch die neuen ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, wie der immer stärker werdenden Dynamisierung und Beschleunigung der Gesellschaft und den großen Fortschritten im Bereich der maschinellen Entwicklung.
Das Ziel dieser Arbeit soll die Herausarbeitung der Entwicklung des Entfremdungsbegriffes von bekannten Soziologen und Soziologinnen und schließlich das Aufzeigen der heutigen soziologischen Relevanz der aufgestellten Theorien sein. Dabei stehen die Probleme des diffusen Begriffsverständnisses der Entfremdung, das Problem der normativen Setzung und der Systematisierung im Fokus.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Ausgangssituation
Begriffsdefinitionen
Entfremdungstheorien in der Vormoderne/Moderne
Karl Marx
Georg Simmel
Max Weber
Kritische Theorie (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse)
Horkheimer und Adorno
Marcuse
Entfremdungstheorien in der Postmoderne
George Ritzer
Richard Sennett
Hartmut Rosa
Rahel Jaeggi
Abgrenzungen und ein geschichtlicher Vergleich der Theorien
Arten von Kapitalismuskritik nach Boltanski und Chiapello
Abgrenzung der Entfremdungstheorien
Künstlerkritik
Sozialkritik
Geschichtlicher Vergleich der Entfremdungstheorien
Heutige Relevanz des Entfremdungsbegriffes für die Soziologie
Resümee
Wie hat sich der Entfremdungsbegriff seit Karl Marx (1844) in der Soziologie entwickelt?
Welche Relevanz haben die klassischen Entfremdungsbegriffe, welche in der Vormoderne/Moderne (1844 – 1900) herausgearbeitet wurden, heutzutage noch?
Welche Relevanz hat der Entfremdungsbegriff generell heutzutage noch für die Soziologie?
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit analysiert die geschichtliche Entwicklung soziologischer Entfremdungstheorien von 1844 bis 2016. Das Hauptziel ist die Herausarbeitung der Entwicklung des Begriffs durch verschiedene Soziologen, die Untersuchung von Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen sowie die Bewertung der heutigen soziologischen Relevanz dieser Theorien in einer dynamisierten und beschleunigten Gesellschaft.
- Historische Entwicklung des Entfremdungsbegriffs seit Karl Marx.
- Gegenüberstellung von Entfremdungstheorien der Moderne und der Postmoderne.
- Analyse der Kapitalismuskritik mittels der Kategorien "Künstlerkritik" und "Sozialkritik".
- Untersuchung der aktuellen Bedeutung von Entfremdung angesichts von Globalisierung und Flexibilisierung.
- Diskussion normativer Setzungen und der soziologischen Diagnostik des "guten Lebens".
Auszug aus dem Buch
Kritische Theorie (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse)
Horkheimer und Adorno führten generell Studien an der Schwelle zur Postmodern durch, übten polemische und harsche Kritik der entindividualisiernden, vermassenden, verdinglichenden Wirkung der Populärkultur bzw. der technischen Rationalität. Dabei bezogen sie sich auch auf die Kultur des Menschen, dabei ist die Kultur der heutigen Zeit von falscher Identität, von Ähnlichkeit und von Allgemeinem und besonderem durchzogen. Hier spielt auch Massenkultur eine erhebliche Rolle, denn durch diese brauchen sich der Rundfunk und ähnliches nicht mehr als Kultur auszugeben, sondern legitimieren sich, unter der Verwendung der Ideologie, dass sie nur Geschäfte sind, und nennen sich selbst Industrien. Diese speziellen Kulturformen (von den Autoren als „Kulturindustrie“ bezeichnet) weist einen speziellen Zirkel von Manipulation und rückwirkendem Bedürfnis auf, wobei so die ökonomisch Stärksten, durch technische Rationalität, die Macht über die Gesellschaft gewinnen (vgl. Horkheimer/Adorno 1969: 117f.). Diese Rationalität ist weiterführend, so die Autoren, „der Zwangscharakter der sich selbst entfremdeten Gesellschaft.“ (Ebd.: 118)
Die Kulturindustrie hat nun die Kunst in die Konsumsphäre transpositioniert und dem „Amüsement“ unterworfen. Die Bestimmung der Kulturindustrie über die Konsumenten ist durch eben dieses Amüsement vermittelt. Dabei stellt die Kulturindustrie durch das Prinzip der Immanenz (wie der Aufklärung) eine Totalität dar (vgl. ebd.: 131ff.).
Die Herrschaft entfaltet sich gesellschaftlich zur Arbeitsteilung, wo sie dem gesellschaftlichen Ganzen erhöhte Konsistenz und Kraft verleiht und gleichzeitig dem beherrschten Ganzen zur Selbsterhaltung dient. Je weiter nun der Prozess der Selbsterhaltung durch gesellschaftliche Arbeitsteilung verrichtet wird, umso mehr entäußern sich die Individuen von Leib und Seele, welche sich nach den technischen Apparaturen richten müssen, und somit von sich selbst (vgl. ebd.: 29ff.).
Adorno und Horkheimer setzten weiters den Begriff der „Entfremdung“ und „Vergesellschaftung“ gleich: „[r]adikale Vergesellschaftung heißt radikale Entfremdung.“ (Ebd.: 65) Diese beiden gleichzusetzenden Begriffe setzten aber die absolute Einsamkeit, welche nur in einem Raum erfahren werden kann, voraus (vgl. ebd.: 65ff.). Vergesellschaftung wird also deswegen zur Entfremdung, weil unter der gegenwärtigen pathologisch kapitalistischen Kultur dem entfremdeten Menschen ein Anderer nur als Feind oder als Instrument begegnet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Aktualität des Entfremdungsbegriffs als Reaktion auf moderne gesellschaftliche Entwicklungen und Definition des Rahmens.
Entfremdungstheorien in der Vormoderne/Moderne: Darstellung der klassischen Theorien von Marx, Simmel und Weber, die sich primär mit den Auswirkungen der Industrialisierung und Entzauberung befassen.
Kritische Theorie (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse): Analyse der Kritik an der Kulturindustrie, technischer Rationalität und dem eindimensionalen Menschen.
Entfremdungstheorien in der Postmoderne: Erläuterung neuerer Ansätze bei Ritzer, Sennett, Rosa und Jaeggi, die den Fokus auf Beschleunigung und Flexibilisierung legen.
Abgrenzungen und ein geschichtlicher Vergleich der Theorien: Einordnung der Theorien anhand der Kapitalismuskritik-Kategorien Künstlerkritik und Sozialkritik sowie Vergleich der Epochen.
Heutige Relevanz des Entfremdungsbegriffes für die Soziologie: Diskussion, inwiefern der Begriff angesichts moderner Phänomene der Flexibilisierung und Sinnverlustes weiterhin als Analysewerkzeug dient.
Resümee: Beantwortung der Leitfragen und Fazit zum Stellenwert der Entfremdungstheorie als kritisches Deutungsmuster für die Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Entfremdung, Soziologie, Kapitalismus, Entzauberung, Kulturindustrie, Beschleunigung, Rationalisierung, Authentizität, Verdinglichung, Moderne, Postmoderne, Sozialkritik, Künstlerkritik, Gesellschaftskritik, Individuum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die geschichtliche Entwicklung und die soziologische Bedeutung des Begriffs der Entfremdung von 1844 bis zur Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der geschichtliche Vergleich zwischen Frühmoderne und Postmoderne, die Analyse des Einflusses des Kapitalismus sowie die kritische Auseinandersetzung mit Entfremdungserscheinungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Herausarbeitung der Entwicklung des Entfremdungsbegriffs durch bedeutende Soziologen und die Aufdeckung seiner heutigen Relevanz als Instrument der Gesellschaftskritik.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt einen geschichtlichen Vergleich und analysiert die Theorien anhand der Kategorien der Kapitalismuskritik nach Boltanski und Chiapello.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entfremdungstheorien von Marx, Simmel, Weber, der Kritischen Theorie, Ritzer, Sennett, Rosa und Jaeggi.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Entfremdung, Kapitalismuskritik, Beschleunigung, Entzauberung und Authentizität.
Wie unterscheidet sich die Entfremdungssicht der Postmoderne von der Frühmoderne?
Während die Frühmoderne oft das Mystische und Sakrale im Blick hatte, fokussiert die Postmoderne stärker auf Zeitwahrnehmung, Beschleunigung und die Dynamisierung der Gesellschaft.
Welche Rolle spielt die "Kulturindustrie" bei Horkheimer und Adorno?
Sie wird als Totalität gesehen, die Kunst in Konsum transformiert und durch manipulative Rationalität zur Entfremdung der Individuen beiträgt.
Warum wird Hartmut Rosa als spätromantischer Gesellschaftskritiker bezeichnet?
Weil bei ihm die "Beschleunigung der Gesellschaft" im Vordergrund steht, die er als Ursache für die gestörte Weltbeziehung des modernen Subjekts identifiziert.
Ist der Begriff der Entfremdung laut Autor heute noch zeitgemäß?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass der Begriff zwar angepasst werden muss, als kritisches Deutungsmuster zur Diagnose gesellschaftlicher Bedingungen jedoch unverzichtbar bleibt.
- Citar trabajo
- Christoph Kemperle (Autor), 2018, Soziologische Entfremdungstheorien im geschichtlichen Vergleich, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434848