Mediale Verräumlichungen am Beispiel "Mitteldeutschland"

Regionale Identitäten und Medien


Seminararbeit, 2016
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Medien und Raum
1.1. Raum und Körperlichkeit
1.2. Verdinglichung des Raumes
1.3. Symbolische Aneignung des Raumes

2. Analyse am Beispiel Mitteldeutschland
2.1. Ausgestrahltes Material
2.2. Redaktioneller Prozess
2.3. Alltägliche Kommunikationssituationen

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

„Fremdheit existiert (…) nur insofern, als ihr durch Grenzziehung Bedeutung zugewiesen wird.“ Dieses einleitende Zitat aus Georg Glasze et al. (2005, 334) umreißt in groben Zügen den Kerngedanken dieser Arbeit, die sich mit Prozessen der Verräumlichung1 und medial vermittelten Raumsemantiken auseinandersetzen wird. Dem Verhältnis von Raum und Medien, möchte ich mich durch ein einleitendes Beispiel kurz annähern:

Bilder von Fremdheit sind derzeit wohl ein medialer Dauerbrenner und werden von diversen Sendeanstalten ad absurdum geführt. Wie selbstverständlich wird von einem räumlich gebundenen und intaktem „Wir“ gesprochen, dessen Außengrenzen gleichzeitig das unspezifisch „Fremde“ konstituieren. Das vorrangige Erkenntnisinteresse diverser Beiträge zu diesem Thema ist es wohl, den ZuseherInnen ebendiese „fremden“ Menschen, beispielsweise durch Interviews, ein Stück weit näherzubringen. Charmanterweise verpackt man dieses ambitionierte Ziel allzu oft in Fragen der Herkunft und knüpft es somit an territoriale Kategorien. Ehrlicher, wenngleich scheinbar plump, wäre es doch die Frage „Woher sind Sie?“ mit „Wer sind Sie?“ zu ersetzen - schließlich ist es doch meistens genau das, was wir tatsächlich von den anderen wissen wollen! Die Herkunft, und somit der Raum, dient hierbei als Platzhalter für Bedeutungszuweisungen die das tatsächliche Wesen unseres Gegenübers beschreiben sollen. Damit wird die Existenz von abgrenzbaren und homogenen Kulturräumen vorausgesetzt, die es uns erlauben aufgrund der Herkunft auf ebendiese spezifische Kultur oder kulturelle Identität2, die diesem Raum scheinbar inhärent ist, rückzuschließen. Diese Beobachtung stellt zwar keinen konkreten Verräumlichungsprozess dar, doch zeigt, wie unsere Sprache und damit unser alltägliches Handeln von räumlichen „Chiffren“ durchdrungen ist, die gleichzeitig soziale Wirklichkeiten transportieren. (vgl. Wille & Reckinger 2013)

Die einfache Frage „Woher sind Sie“ ist somit wohl in vielen Handlungskontexten ein gedankliches Relikt aus dem Weltbild traditioneller Regionalgeographie der 1940er Jahre, die ebendiesen natur- bzw. geodeterministischen Ansatz vertreten hat. Dieses traditionelle Forschungsinteresse, homogene Kulturräume erdräumlich differenzieren zu wollen, sieht sich aus heutiger (handlungstheoretischer-) Perspektive mit dem Einwand konfrontiert, dass „nur materielle Gegebenheiten erdräumlich lokalisiert und regionalisiert werden können, nicht aber (immaterielle) subjektive Bewusstseinsgehalte, soziale Normen und kulturelle Werte.“ (Werlen 2010, 92). Vielmehr als nach der Existenz oder gar der Abgrenzbarkeit von homogenen

Räumen zu suchen, kann lediglich nach dem Entstehungsprozess von Verräumlichungen gefragt werden. In seinem handlungs- und strukturationstheoretischen Entwurf verortet Benno Werlen den Entstehungsprozess in der sozialen Praxis und spricht dementsprechend von „alltäglichen Regionalisierungen“ (Werlen 1997, 408 ff.). Teil ebendieser sozialen Praxis ist natürlich auch Kommunikation, welche im Rahmen eines etwas engeren Theoriegebäudes vom Systemtheoretiker Niklas Luhmann als (wesentlicher-) „Baustein des Sozialen“ interpretiert wird (Glasze 2013, 27). Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich mich lediglich mit medialer Kommunikation beschäftigen und damit die These aufstellen, dass (auch) mediale Kommunikation eng mit Prozessen der Verräumlichung gekoppelt ist. Dass dies zumindest für das Fernsehen Geltung hat, stellt beispielsweise auch der renommierte Schriftsteller Umberto Eco fest: „Mit dem Fernsehen öffnet sich kein Fenster zur Welt, sondern ein Fenster zur unserer Kultur und Gesellschaft“ (Ziemann 2006, 63).

Aus dieser Annahme resultiert nun die grundlegende Frage dieser Arbeit, die darauf abzielt, den Prozess medialer Verräumlichungen nachzuvollziehen und dessen diskursive Bedeutung zu erörtern. Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich mich im ersten Schritt mit Medien und Raum beschäftigen, um anschließend, anhand des Beispiels Mitteldeutschland, konkrete sprachliche Verräumlichungen zu analysieren.

1. Medien und Raum

Spätestens seit Niklas Luhmanns berühmten Zitat: „Der größte Teil dessen, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ (1996, 9), hat sich auch abseits der Medienwissenschaften der allgemeine Diskus einer zunehmenden medialen Konstruiertheit unserer Welt etabliert. (vgl. Hickethier 2000) Erkennt man darin den wesentlichen Zusammenhang zwischen Medien und Sozialem und definiert räumliche Wirklichkeiten zudem als ein durch soziale Praktiken entstehendes Konstrukt, wird die Verflechtung von Medien und der Kategorie des Raumes evident. Folgt man zudem den Überlegungen von Marshall Mc Luhan (1995), dass Medien die Körpergebundenheit der Konstitution von Raum überbrücken, müssten sich demnach auch räumliche Wirklichkeiten im Gleichschritt mit der fortschreitenden Mediatisierung verändern.

1.1. Raum und Körperlichkeit

Um nun die Rolle der Körperlichkeit für die Konstruktion räumlicher Wirklichkeiten nachzuzeichnen, möchte ich kurz auf die zwei grundlegendsten Phasen medialer Entwicklung eingehen: Die erste Phase der Medienentwicklung ist von einer unmittelbaren, sogenannten face-to-face Kommunikation geprägt und verlangt demnach körperliche Präsenz bzw. „räumliche Nähe und Gleichzeitigkeit.“ (Werlen 2010, 164). Die Besonderheit der aktuellen Medienentwicklungsphase besteht in der Überwindung von körperlicher und kommunikativer Distanz, durch die Möglichkeit, ebendiese Gleichzeitigkeit über ein Medium zu vollziehen. Während sich also in einer ersten Phase räumliche Wirklichkeiten in erster Linie über das unmittelbare Erleben konstruieren, ermöglicht die Aneignung räumlicher Wirklichkeit über medial geteilte Informationen eine ungleich vielfältigere Interpretation regionaler Kontexte. Damit sei bereits auf das erste Paradoxon medialer Raumangebote verwiesen, die trotz der Tendenz zur globalen Homogenisierung, vor allem für den Raum der körperlich erlebt wird, regional sehr vielfältige symbolische Aneignungen bedingen. Anders ausgedrückt, werden persönliche „Lebensräume“ medial mit einer fremden Sinngebung versehen, die zwar vom Sender als konsensual geteilte Wirklichkeit dargestellt werden, doch dennoch sehr unterschiedlichen Interpretationen der Rezipienten unterliegen. (vgl. Werlen 2010) Auf globalem Maßstab hingegen können Medien, in Anlehnung an Mc Luhan (1995), als starker Treiber räumlicher Entankerung definiert werden, da das Erleben des Raumes an keine Körperlichkeit mehr gebunden ist. Daraus resultiert laut Benno Werlen ein „problematischer Hang räumlicher Kategorisierung kultureller und sozialer Gegebenheiten sowie die Konstitution kultureller Gegebenheiten als räumliche Wirklichkeiten.“ (2010, 166).

1.2. Verdinglichung des Raumes

Um die gegenwärtige Medienentwicklungsphase zu beschreiben, entwirft Götz Großklaus in seinem Werk Medien-Zeit Medien-Raum (1997) den Begriff der „Medienrealität“, der eine neue „Raum-Zeitordnung“ der modernen- bzw. postmodernen Welt beschreibt. Seine Überlegungen folgen dabei unter anderem dem Prinzip der Verdinglichung des Raumes. (vgl. Großklaus, 1995) Werden also Zuschreibungen wie beispielsweise „eigen“ und „fremd“ (durch mediale Kommunikation-) am „Objekt“ des Raumes festgemacht, wird eine untrennbare Einheit von Sinn und Materie vorgetäuscht, die als Verdinglichung bzw. Reifikation bezeichnet wird. (vgl. Werlen, 2010) Daraus wiederum resultieren sogenannte „Raumsemantiken“, also Räume, die spezifische Bedeutungen und Sinngehalte implizieren.

1.3. Symbolische Aneignung des Raumes

Die kollektive symbolische Aneignung von solchen Raumsemantiken, kann wohl nach Foucault (1996) als diskursive Handlung3 bezeichnet werden. „Aneignung“ ist dabei als identitätsstiftender Prozess zu verstehen. Wird Raum als scheinbar unveränderbare Größe (medial-) kommuniziert, kann diesem Prozess insofern eine identitätsstiftende Bedeutung beigemessen werden, als dass es dabei um das „sich-identifizieren“ mit diesem Raumausschnitt und den implizierten Semantiken geht. Die mediale Kommunikation räumlicher „Entitäten“ liefert somit eine Strukturierungsleistung, also ein „sich-einordnen können“, welche die Komplexität der Wirklichkeit reduziert und damit Anhalts- und Fixpunkte liefert, die, in einer paradoxerweise ebenso medial- enträumlichten Welt, dankend angenommen werden. Auf diesem zweiten Paradoxon der Medienrealität fußt unter anderem Benno Werlens Erklärungsansatz zur Renaissance von Regio- und Nationalismen4, die die durch Globalisierungstendenzen aufgerissenen Lücken räumlicher- und zeitlicher Entankerung zu schließen versuchen.

Ziel der handlungsorientierten Sozialgeographie ist es nun solche räumlichen Wirklichkeiten zu dekonstruieren, weswegen ich im Folgenden versuchen möchte den Prozess medialer Verräumlichung am Beispiel des MDR (Mitteldeutscher Rundfunk) nachzuzeichnen und zu analysieren. Der Sozialgeograph Benno Werlen (1997, 387 ff.) warnt allerdings davor, rein kausalen Erklärungslogiken zu verfallen. Laut seinen Überlegungen, kann mediale Information höchstens als Voraussetzung für Verräumlichungen gedeutet werden, da sowohl Medienwirkung als auch räumliche Wirklichkeiten stets kontingent, instabil und veränderbar sind. (vgl. Werlen 1997)

2. Analyse am Beispiel Mitteldeutschland

Mitteldeutschland ist ein Toponym, dass in seiner Begriffshistorie mit sehr unterschiedlichen Semantiken beladen wurde. Während in der Wissenschaft bis 1945 eine weitgehend „breiten- parallele Deutung“ (Abb. 1) vorherrschend war, dominierte in den Nachkriegsjahren, in Anlehnung an die DDR, eine „Längen-parallele Deutung“ (Abb. 2) (Schlottmann 2007, 300- 301).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1) (Abb. 2)

Im Zuge der Studie von Schlottmann et al. (2007) soll nun erforscht werden, ob die „neue Region“ Mitteldeutschland, wie sie etwa seitens der Sendeanstalt des MDR kommuniziert wird, „tatsächlich kollektiv sinnstiftend ist - wie das hypothetisch vermutet werden kann.“ (Schlottmann et al. 2007, 300-301). Eine Hypothese die vor allem deswegen naheliegt, da gerade in jüngster Zeit zahlreiche Studien aus der Sozial- und Kulturgeographie, auf der Basis von Textanalysen, klare Zusammenhänge zwischen bestimmten Images von Regionen und der „regelmäßigen Verknüpfung sprachlicher Elemente“ festgestellt wurden (Glasze 2013, 29). Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass spätestens seit dem sogenannten linguistic turn in den Sozialwissenschaften, Sprache und Kommunikation als wesentliche Konstituenten gesellschaftlicher Räumlichkeit gelten (Felgenhauer 2013, 47). Die Forschungsergebnisse zur medialen Verräumlichung Mitteldeutschlands wurden ebenfalls zum größten Teil aus Sprachanalysen gewonnen, die das ausgestrahlte Material, den redaktionellen Prozess sowie alltägliche Kommunikationssituationen betreffen.

2.1. Ausgestrahltes Material

Um das Sendematerial des MDR einer Textanalyse zu unterziehen, wurde ein Moderatorentext exemplarisch transkribiert.

Mit der Festsetzung der Oder-Neiße Linie als östliche Grenze rückt Mitteldeutschland nun wieder - wie schon vor 1000 Jahren - an den östlichen Rand. In den vier Besatzungszonen werden die Länder neu geordnet. In Mitteldeutschland betrifft das Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt, die drei Jahre nach der Gründung der DDR in Bezirke aufgeteilt werden. (Schlottmann et al. 2007, 308)

Die Verwendung von Begriffen wie „Grenze“ oder „Rand“ implizieren ein traditionelles Raumverständnis, welches die „Region“ Mitteldeutschland als Entität bzw. als „Container“ versteht. Dementsprechend ist dieser Raumausschnitt auch in der Lage, „seine Position innerhalb einer übergeordneten territorialen Ordnung zu verändern.“ (Schlottmann et al. 2007, 309).

[...]


1 Verräumlichung: Ein Begriff der aus einer praxistheoretischen Perspektive stammt, da Räumlichkeit über „soziale Praxis“ und somit aus dem „Zusammenwirken von Körpern, Materialitäten und Wissensbeständen“ entsteht (Kajetzke & Schroer 2013, 11).

2 zum Begriff „kultureller Identität“ vgl. Werlen (2010, 92).

3 "eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören" (Foucault 1969, 156)

4 siehe dazu: Identität und Raum - Regionalismus und Nationalismus (Werlen, 2010)

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Mediale Verräumlichungen am Beispiel "Mitteldeutschland"
Untertitel
Regionale Identitäten und Medien
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Geographie und Wirtschaftskunde)
Veranstaltung
Seminar zur Regionalen Geographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
12
Katalognummer
V434959
ISBN (eBook)
9783668763241
ISBN (Buch)
9783668763258
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raum, Verräumlichung, Regionalisierung, Regionale Identität, Diskurs, Mitteldeutschland
Arbeit zitieren
Mag. Antonio Salmeri (Autor), 2016, Mediale Verräumlichungen am Beispiel "Mitteldeutschland", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/434959

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