Im so genannten Historikerstreit des Jahres 1986 stritten namhafte Historiker über die historische Interpretation des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen und ihrer politischen Bedeutung für das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Es ging bei der Auseinandersetzung, die an Vehemenz bisherige Kontroversen zur deutschen Zeitgeschichte überstieg, um eine Neubewertung der Verfolgung und Ermordung der Juden Europas und eine Neubestimmung des Ortes des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte.
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit sollen die Positionen stehen, die sich in der Debatte um die Neubestimmung gegenüberstanden. Um zu klären, worin sich der Historikerstreit qualitativ von anderen zeitgeschichtlichen Kontroversen unterschied und die Heftigkeit der Auseinandersetzung begründet lag, soll in einem einleitenden Kapitel auf den wissenschaftlichen und politischen Umgang mit dem NS bis zu den achtziger Jahren eingegangen werden (2.1). In diesem Zusammenhang soll auch der politische Kontext umrissen werden, in dem der Historikerstreit stattfand (2.2). Auf dieser Grundlage werden anschließend, die Positionen vorgestellt, mit denen eine Neubewertung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen versucht wurde (3.1 - 3.4). Hierbei sind die Positionen nicht nach ihrer chronologischen Entwicklung in der Auseinandersetzung, sondern nach inhaltlich-systematischen Gesichtspunkten geordnet. Im darauffolgenden Schritt werden in der gleichen Weise die Gegenpositionen und deren Argumentationslinien dargestellt (4.1 - 4.4). Abschließend bleibt die Frage nach den Maßstäben der Kritik zu untersuchen, das heißt, wie fundiert die Argumente der Kritiker waren und was dies für die Gesamtbewertung der Kontroverse bedeutet (5).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit dem Nationalsozialismus
2.1 Interpretationsansätze im politischen Kontext bis Anfang der achtziger Jahre
2.2 Im Vorfeld des Historikerstreits: Die „geistig-moralische Wende“
3. Inhaltliche Positionen und Argumentationslinien
3.1 Andreas Hillgruber: Identifikation mit der kämpfenden Ostfront
3.2 Günther Gillessen, Joachim Hoffmann: Die Präventivkriegsthese
3.3 Ernst Nolte: Auschwitz als „asiatische Tat“
3.4 Michael Stürmer: Sinnstiftung durch Geschichte
4. Kritik
4.1 Kritik an Hillgrubers Thesen
4.2 Kritik an Gillessen und Hoffmann
4.3 Kritik an Nolte
4.4 Kritik an Stürmer
5. Die Reichweite der Argumente der Kritik
6. Zusammenfassung
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den sogenannten Historikerstreit des Jahres 1986, um zu analysieren, wie in dieser Debatte um die Neubewertung des Nationalsozialismus konkurrierende geschichtswissenschaftliche Positionen und politische Interessen aufeinandertrafen und inwiefern diese Vermischung die wissenschaftliche Kontroverse prägte.
- Wissenschaftlicher Umgang mit dem Nationalsozialismus bis zu den achtziger Jahren
- Die politische Instrumentalisierung von Geschichte im Kontext der „geistig-moralischen Wende“
- Inhaltliche Positionen von Hillgruber, Gillessen, Hoffmann, Nolte und Stürmer
- Die methodische und politische Kritik an den revisionistischen Tendenzen
- Das Verhältnis von historischer Forschung und kollektiver Sinnstiftung
Auszug aus dem Buch
3.1 Andreas Hillgruber: Identifikation mit der kämpfenden Ostfront
Im Frühjahr 1986 erschien ein Buch von Andreas Hillgruber mit dem Titel „Zweierlei Untergang“19. Seit Anfang der sechziger Jahre hatte Hillgruber sich bei der Erforschung der Geschichte des Zweiten Weltkrieges - insbesondere auf seinem Schwerpunktgebiet, Politik und Strategie der nationalsozialistischen Kriegsführung - einen angesehenen Namen gemacht20. Zwei unabhängig voneinander entstandene Aufsätze Hillgrubers21 aus den Jahren 1984/85 wurden in diesem Band unter dem Untertitel: „Die Zerschlagung des Deutschen Reiches und das Ende des europäischen Judentums“ zusammengestellt. Den inhaltlichen Zusammenhang sah Hillgruber darin, daß es sich bei dem „Mord an den Juden im Machtbereich des nationalsozialistischen Deutschland in den Jahren 1941-1944“ 22 einerseits und der „unmittelbar folgende[n] Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa“23 und der „Zertrümmerung des preußisch-deutschen Reiches 1944/45“24 andererseits um „zwei nationale Katastrophen“25 handele, die zusammengehörten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den Historikerstreit von 1986 als eine Auseinandersetzung um die Neubewertung des Nationalsozialismus dar und skizziert das methodische Vorgehen der Arbeit.
2. Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit dem Nationalsozialismus: Dieses Kapitel erläutert die Entwicklung geschichtswissenschaftlicher Interpretationsansätze zum Nationalsozialismus und den politischen Kontext der achtziger Jahre.
3. Inhaltliche Positionen und Argumentationslinien: Hier werden die Kernthesen der beteiligten Historiker, darunter Hillgruber, Gillessen, Hoffmann, Nolte und Stürmer, im Detail dargestellt.
4. Kritik: Dieses Kapitel fasst die fachwissenschaftliche und methodische Kritik an den Thesen der in Kapitel 3 genannten Historiker zusammen.
5. Die Reichweite der Argumente der Kritik: Der Abschnitt reflektiert den Charakter der Debatte als eine Mischung aus fachwissenschaftlichem Disput und politischer Auseinandersetzung.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Hauptergebnisse der Untersuchung hinsichtlich der wissenschaftlichen und politischen Auswirkungen des Historikerstreits.
7. Literatur: Das Literaturverzeichnis listet die für die Arbeit herangezogenen Quellen und Sekundärwerke auf.
Schlüsselwörter
Historikerstreit, Nationalsozialismus, Revisionismus, Holocaust, Singularität, Identität, Geschichtswissenschaft, NS-Verbrechen, Antisemitismus, Politisierung, Erinnerungskultur, Zweiter Weltkrieg, Totalitarismus, Andreas Hillgruber, Ernst Nolte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die inhaltlichen Standpunkte und den Verlauf des Historikerstreits von 1986, einer zentralen Debatte über die historische Einordnung des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die wissenschaftlichen Interpretationsansätze des Nationalsozialismus, die Frage nach der Singularität des Holocausts und die Politisierung der Geschichte zur Identitätsstiftung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Historikerstreit qualitativ einzuordnen und zu klären, wie sich wissenschaftliche Argumente und politische Motive innerhalb der Debatte vermischten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen inhaltlich-systematischen Ansatz, indem sie die Positionen der Historiker sowie die Gegenpositionen der Kritiker thematisch ordnet und ihre Argumentationslinien analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Thesen von Historikern wie Hillgruber, Nolte und Stürmer und stellt diesen die fachwissenschaftliche Kritik gegenüber, die vor allem auf methodische Mängel und politische Instrumentalisierung hinweist.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Historikerstreit, NS-Verbrechen, Singularität, Revisionismus und die politische Instrumentalisierung der Geschichte.
Welche Bedeutung maß Ernst Nolte dem Begriff der „asiatischen Tat“ bei?
Nolte versuchte damit, den Holocaust als eine Reaktion oder Kopie auf die Schrecken der russischen Revolution und des Bolschewismus umzudeuten, um die Einzigartigkeit des NS-Mordsystems zu relativieren.
Warum kritisierte Jürgen Habermas die Position von Michael Stürmer?
Habermas sah in Stürmers Wunsch nach einer geschichtsgestützten Sinnstiftung die Gefahr, dass die NS-Vergangenheit für eine neue nationale Identitätsbildung funktionalisiert und damit „normalisiert“ wird.
- Quote paper
- Jessica Holldack (Author), 1997, Positionen im Historikerstreit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43507