Positionen im Historikerstreit


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit dem Nationalsozialismus
2.1 Interpretationsansätze im politischen Kontext bis Anfang der achtziger Jahre
2.2 Im Vorfeld des Historikerstreits: Die „geistig-moralische Wende“

3. Inhaltliche Positionen und Argumentationslinien
3.1 Andreas Hillgruber: Identifikation mit der kämpfenden Ostfront
3.2 Günther Gillessen, Joachim Hoffmann: Die Präventivkriegsthese
3.3 Ernst Nolte: Auschwitz als „asiatische Tat“
3.4 Michael Stürmer: Sinnstiftung durch Geschichte

4. Kritik
4.1 Kritik an Hillgrubers Thesen
4.2 Kritik an Gillessen und Hoffmann
4.3 Kritik an Nolte
4.4 Kritik an Stürmer

5. Die Reichweite der Argumente der Kritik

6. Zusammenfassung

7. Literatur

1. Einleitung

Im so genannten Historikerstreit des Jahres 1986 stritten namhafte Historiker über die historische Interpretation des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen und ihrer politischen Bedeutung für das Selbstverständnis der Bundesrepublik. Es ging bei der Auseinandersetzung, die an Vehemenz bisherige Kontroversen zur deutschen Zeitgeschichte überstieg, um eine Neubewertung der Verfolgung und Ermordung der Juden Europas und eine Neubestimmung des Ortes des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit sollen die Positionen stehen, die sich in der Debatte um die Neubestimmung gegenüberstanden. Um zu klären, worin sich der Historikerstreit qualitativ von anderen zeitgeschichtlichen Kontroversen unterschied und die Heftigkeit der Auseinandersetzung begründet lag, soll in einem einleitenden Kapitel auf den wissenschaftlichen und politischen Umgang mit dem NS bis zu den achtziger Jahren eingegangen werden (2.1). In diesem Zusammenhang soll auch der politische Kontext umrissen werden, in dem der Historikerstreit stattfand (2.2). Auf dieser Grundlage werden anschließend, die Positionen vorgestellt, mit denen eine Neubewertung des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen versucht wurde (3.1 - 3.4). Hierbei sind die Positionen nicht nach ihrer chronologischen Entwicklung in der Auseinandersetzung, sondern nach inhaltlich-systematischen Gesichtspunkten geordnet. Im darauffolgenden Schritt werden in der gleichen Weise die Gegenpositionen und deren Argumentationslinien dargestellt (4.1 - 4.4). Abschließend bleibt die Frage nach den Maßstäben der Kritik zu untersuchen, das heißt, wie fundiert die Argumente der Kritiker waren und was dies für die Gesamtbewertung der Kontroverse bedeutet (5).

2. Wissenschaftlicher und politischer Umgang mit dem Nationalsozialismus

2.1 Interpretationsansätze im politischen Kontext bis Anfang der achtziger Jahre

Bei der Erforschung und Interpretation des Nationalsozialismus (NS) hat es sich als grundsätzliches Problem für Historiker herausgestellt, eine angemessene Erklärung für den Nationalsozialismus zu finden. Die bisher unvereinbaren Interpretationsansätze weisen auf eine „eigene Brisanz“[1] der durch den NS aufgeworfenen Interpretationsprobleme hin. Diese Brisanz resultiert zum Teil aus der Unmöglichkeit, den Holocaust rational erklären zu können. Zum großen Teil resultiert sie auch daraus, daß die Erforschung des NS immer auch als Beitrag zur politischen Bewußtseinsbildung angesehen wird, daß sie dazu dienen soll, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen.

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sind nicht identisch mit der herrschenden Politik, jedoch hat sich gezeigt, daß aktuelle politische und geistige Strömungen die (Ausbildung der) ideologischen Prämissen beeinflussen, die den Rahmen der Geschichtsschreibung abstecken. Der folgende skizzenhafte Überblick der unterschiedlichen Forschungsansätze zeigt, daß methodische, politische und moralische Aspekte in der Geschichtsschreibung zum NS eng miteinander verwoben sind[2]. Die kontroversen methodischen Zugänge sollen insbesondere in ihrer Einbettung in den jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Kontext näher beleuchtet werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Geschichtsschreibung der Historismus fortgeführt, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidenden Einfluß auf die Geschichtsschreibung in Deutschland hatte. Der Historismus beruht auf zwei Grundannahmen: Zum einen wird der Staat als „positiver“ Faktor der Geschichte, das heißt als bestimmendes Subjekt des Geschichtsprozesses, definiert. Zentraler Gegenstand der Geschichtswissenschaft ist somit also das Handeln des Staates, dessen Wesen „Macht und Machtentfaltung“[3] ist. Daraus resultiert eine starke Konzentration des Historikers auf Kriegs- und Außenpolitik des Staates, der mit diesen Mitteln seinen Daseinszweck versucht zu erfüllen, also legitimen Interessen folgt[4].

Zum anderen geht der Historismus von der Vorstellung aus, daß menschliche „Ideen“ Ausgangspunkt und Determinanten geschichtlicher Prozesse seien. Die Ideen würden in Handlungen umgesetzt, die Rückschlüsse auf Intentionen und Motivationen der Menschen zuließen. Die Handlungen zu erklären ist nun Aufgabe des Historikers, was er versucht, indem er sich durch intuitives, einfühlsames Verstehen den hinter der Handlung liegenden Absichten und Beweggründen nähert[5]. Demnach wird in den Interpretationen historischer Fragen betont, wie stark der Wille eines einzelnen Menschen für den Verlauf der Geschichte ist. Außerdem wird aus dieser personen- und ideenzentrierten Herangehensweise die These der Einmaligkeit geschichtlicher Ereignisse und Persönlichkeiten abgeleitet[6].

Für die Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg stellte es angesichts der Verbrechen, die im Namen des nationalsozialistischen Staates verübt worden waren, ein Problem dar, den NS mit den Kategorien des Historismus zu erfassen. Das zweite Prinzip des Historismus, die These der Einzigartigkeit geschichtlicher Ereignisse, erlaubte jedoch die Distanzierung vom Unrechtsregime, indem der NS als singulärer Einbruch in eine positive nationale Entwicklung vor Hitler interpretiert und dargestellt wurde. Auslösung des Zweiten Weltkrieges, die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden wurden direkt aus den Absichten und Zielen Hitlers hergeleitet.

Durch die starke Betonung der Ideologie und der besonderen Antriebskraft des persönlichen Willens Adolf Hitlers, wurde Adolf Hitler zum einzig relevanten Subjekt der Handlung. Dieser methodische Ansatz wurde daher auch „Hitlerismus“ genannt. Die historistische Auffassung der Einmaligkeit geschichtlicher Ereignisse führte außerdem dazu, daß sich die Frage nach Kontinuitäten entweder zu vorangegangenen Etappen oder nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gestellt wurde.

In den fünfziger Jahren wurde das „Totalitarismusmodell“ als zentrales Konzept zur Interpretation des NS eingeführt und etabliert. Ziel war die Erforschung nicht nur des NS, sondern „totalitärer“ Systeme generell, insbesondere auch kommunistischer Systeme[7]. Dieser komparative Ansatz deckte sich nicht mit der These der Einzigartigkeit des NS. Zentraler Faktor der Beurteilung des NS neben anderen totalitären Regimen blieb jedoch auch im Totalitarismusansatz die Ideologie und die persönliche Antriebskraft Hitlers.

Die Forschungen konzentrierten sich auf politisch-institutionelle und ideologische Aspekte des Dritten Reiches, während soziale und ökonomische Ursachen und die Frage nach der Rolle von Kapital aus der Analyse des Herrschaftssystems ausgeklammert wurden[8]. Es entstanden bedeutende Arbeiten zur NS-Kriegs- und Außenpolitik, wohingegen die gesellschaftlichen Kräfte, die den NS-Staat getragen und die Politik durchgeführt hatten nicht Gegenstand der Forschung wurden.

Die Etablierung der Totalitarismusprämisse in der Geschichtswissenschaft entsprach der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg:

Die Forderungen nach Demokratisierung von Staat und öffentlichem Leben, der Gewährleistung politischer und sozialer Grundrechte sowie demokratischer Kontrolle von Staat und Wirtschaft, wurden unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von einem sehr breiten gesellschaftlichen und politischen Spektrum getragen, das von den Christdemokraten bis zu den Kommunisten reichte. Die Basis der Forderungen ging verloren durch den Übergang zur Politik der Konfrontation gegenüber der Sowjetunion. Konkrete Auswirkungen dieser Politik waren die Restauration alter Führungsschichten des NS auf der einen und die politische und gesellschaftliche Ausgrenzung der Kommunisten auf der anderen Seite. In der Verfassung, die Ausdruck des offiziellen Selbstverständnisses der Bundesrepublik war, schlug sich diese Politik in der explizit antitotalitären Ausrichtung, der faktischen Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Bolschewismus nieder: Als Zielsetzung der Verfassung wurde formuliert, die Schaffung nicht nur eines Systems zu verhindern wie es im Dritten Reich bestanden hatte, sondern auch eines solchen, wie es in der Sowjetunion existierte[9].

Das Bild der „gesunden“ nationalen Entwicklung vor Hitler wurde erschüttert, als Fritz Fischer 1961 eine Analyse über die Kriegsziele des Deutschen Kaiserreiches im Ersten Weltkrieg vorlegte[10]. Fischer wies nach, daß der Erste Weltkrieg von den gesellschaftlichen Eliten des Kaiserreiches von langer Hand geplant und mit expansionistischen Zielen verfolgt wurde. Abgesehen von dem Affront, den die etablierten Historiker durch die Infragestellung ihrer Forschungsergebnisse und -methode empfanden, eröffnete Fischers Beitrag neue Perspektiven für die Historiographie: Die Frage nach der Kontinuität vom Kaiserreich zum NS sowie nach Gesellschaftsstrukturen und traditionellen Eliten im NS[11].

Neben der so genannten „Fischer-Kontroverse“ gaben auch die Konkurrenz zur Politikwissenschaft und Soziologie Impulse zu einer Modernisierung und Neuorientierung der Geschichtswissenschaft: Weg von der Personen- und Ideengeschichte, hin zu einer Geschichte, die die sozial- und strukturgeschichtlichen Dimensionen geschichtlicher Prozesse erfassen sollte. In Bezug auf die Erforschung des NS bedeutete dies die Frage nach den sozialen Ursachen und Ausprägungen des NS[12].

Die Chancen für die Entwicklung eines neuen Forschungsansatzes und seiner theoretischen Fundierung waren günstig, da die Phase, in der sich der Historismus durch den neuen sozialgeschichtlichen Ansatz herausgefordert sah, von einem gesellschaftlichen und politischen Paradigmenwechsel begleitet war (Liberalisierung, Demokratisierung der Hochschulen). Bis Mitte der siebziger Jahre, also innerhalb eines Jahrzehnts, konnte sich der strukturgeschichtliche Ansatz etablieren[13].

Allerdings wurde auch die fachwissenschaftliche Diskussion von dem gewandelten politischen Klima und der Polemik gegen die „Kriegshistoriker“ überlagert. Vertreter des Historismus und des Totalitarismus warfen deshalb den Vertretern der neuen Richtung vor, ihren methodischen Zugang mit persönlichem politischen Engagement zu vermischen. Dabei negierten sie, daß auch ihre Geschichtsschreibung in einem bestimmten politisch-ideologischen Rahmen entstanden war. Erstmals wurde auch der moralische Vorwurf der Verharmlosung der Schrecken des NS im Zusammenhang mit einem bestimmten methodischen Zugang erhoben[14]. Vertreter des Historismus und der Totalitarismusthese wandten sich gegen eine Geschichte abstrakter Modelle, die die Antriebskraft der Ideologie vernachlässige und den NS in eine historische Kontinuität einordne und sich stärker auf die gesellschaftlichen Strukturen im NS konzentriere. Umgekehrt postulierten Vertreter der „progressiven“, auch „revisionistisch“ oder „strukturalistisch“ genannten, Geschichtswissenschaft, daß „politische Geschichte“ dem Konzept der „Gesellschaft“ untergeordnet werden müsse, da die „politische“ Geschichte allein keine Perspektiven mehr biete, um den NS umfassend zu erklären. Man wolle nicht, wie unterstellt, die politische und moralische Verantwortlichkeit Hitlers leugnen, sondern seine Funktion im diktatorischen Herrschaftssystem bestimmen, das ohne die Mittäterschaft breiter Teile der Gesellschaft nicht funktioniert hätte. Der hitleristische Ansatz lasse die gesellschaftlichen Ursachen des NS im Dunkeln und entlasse außerdem große Teile der nicht den Nationalsozialisten angehörenden Eliten aus Wehrmacht, Industrie und Bürokratie aus der Verantwortung.

Während die Entwicklung der Geschichte als historische Sozialwissenschaft von der allgemeinen Liberalisierung profitierte, bewirkte die politisierte Diskussion darüber auch entgegengesetzte Bestrebungen einer Revision des Geschichtsbildes des Dritten Reiches von rechtskonservativer Seite. In den siebziger Jahren wurde die so genannte „Hitlerwelle“, eine breit angelegte publizistische Kampagne in Form von Broschüren, Zeitschriften und Fernsehsendungen gestartet. Vor dem Hintergrund wiedergewonnener ökonomischer Kraft sollte sie einer „Vergangenheitsbewältigung“ und dem Aufbau eines neuen nationalen Bewußtseins den Weg ebnen. Tenor der Veröffentlichungen war, daß Hitler und das nationalsozialistische Regime auch seine guten Seiten, wie Wirtschaftsaufschwung und Vollbeschäftigung, gehabt hätten. Zudem wurde der Antibolschewismus als wesentlicher Maßstab der Beurteilung Hitlers und seiner Politik hervorgehoben[15], so daß der Zweite Weltkrieg neu bewertet wurde und sich ein Bild ergab, das das nationalsozialistische Regime zumindest teilweise für verteidigenswert erklärte. Diese Revisionsbestrebungen blieben allerdings ohne entscheidenden Einfluß auf die Geschichtswissenschaft[16].

Mit diesem Wissen um die Probleme bei der wissenschaftlichen und politischen Bewältigung des NS bis zu den achtziger Jahren soll nun das geistige und politische Klima umrissen werden, in dem der Historikerstreit begann.

[...]


[1] Zit. nach: Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek bei Hamburg 19943, S.14.

[2] Um grundsätzliche Unterschiede und Kontroversen in der Geschichtsschreibung zum NS zu benennen und hervorzuheben, benennt Ian Kershaw modellhaft drei Aspekte („drei Dimensionen“): Der erste betrifft die wissenschaftliche Herangehensweise / Methode („geschichtsphilosophische Dimension“), der zweit den Einfluß der politischen Verhältnisse auf die Herausbildung der ideologischen Prämissen der Geschichtsschreibung („politisch-ideologische Dimension“) und der dritte den moralischen Anspruch bzw. die moralische Verantwortung des Historikers, wenn er über den NS schreibt („moralische Dimension“). Kershaw, Ian, a.a.O., S.14.

[3] Zit. nach: Kühnl, Reinhard (Hrsg.): Vergangenheit die nicht vergeht. Die „Historiker-Debatte“, Dokumentation, Darstellung und Kritik., S.207.

[4] Kershaw, Ian: Der NS-Staat, a.a.O., S.21 und Kühnl, Reinhard: Vergangenheit..., a.a.O., S.207.

[5] Kershaw, Ian: a.a.O., S.21.

[6] Ebda.

[7] Kershaw, Ian: a.a.O., S.32.

[8] Kühnl, Reinhard: a.a.O., S. 202/203.

[9] Kershaw, Ian: a.a.O., S.31.

[10] Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht, Düsseldorf 1961.

[11] Kershaw, Ian: a.a.O., S.23und Kühnl, Reinhard: a.a.O., S. 211.

[12] Kühnl, Reinhard (Hrsg.): a.a.O., S.214.

[13] Kershaw, Ian: a.a.O., S. 24.

[14] Kershaw, Ian: a.a.O., S. 38.

[15] Kühnl, Reinhard: a.a.O., S.216.

[16] Kühnl, Reinhard: a.a.O., S.263.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Positionen im Historikerstreit
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
HS 15 432 Das nationalsozialistische Herrschaftssystem - Forschungsstand und Forschungskontroversen
Note
1,7
Autor
Jahr
1997
Seiten
31
Katalognummer
V43507
ISBN (eBook)
9783638412766
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gut - und besser.
Schlagworte
Positionen, Historikerstreit, Herrschaftssystem, Forschungsstand, Forschungskontroversen
Arbeit zitieren
Jessica Holldack (Autor), 1997, Positionen im Historikerstreit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43507

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