Mein Lerntagebuch in Verbindung mit dem Dortmunder Modell. Lernförderung sprachliche Kompetenz für Schüler mit Migrationshintergrund


Studienarbeit, 2018

51 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG ... 3
II. DARSTELLUNG DER AUSGANGSSITUATION ... 4
1.
K
URZE
B
ESCHREIBUNG DER
S
CHULE
... 4
2.K
URZE
B
ESCHREIBUNG DER
F
ÖRDERGRUPPE
... 6
3.
K
URZE
B
ESCHREIBUNG UND
B
EGRÜNDUNG DER
P
LANUNG DER ERSTEN
F
ÖRDERWOCHE
... 7
III. DIAGNOSE UND INDIVIDUELLE FÖRDERUNG ­ DAZ IM FACH ... 9
1.
D
IAGNOSE
... 9
2.
D
IE NATÜRLICHE
S
PRACHENTWICKLUNG
... 9
3.
P
ROFILANALYSE NACH
W
ILHELM
G
RIEßHABER
... 12
4.
A
BLEITUNG VON
F
ÖRDERUNGSMAßNAHMEN
... 17
5.
B
EWERTUNG VON
F
ÖRDERUNGSMAßNAHMEN
... 19
6.
E
RMITTLUNG DES
I
ST
-S
TANDES
... 20
7.
W
ELCHE
G
RUNDKENNTNISSE BENÖTIGE ICH ÜBER MEINE FACHLICHEN
K
ENNTNISSE HINAUS
? . 31
IV. MEIN EIGENER KOMPETENZGEWINN ­ DAZ IM FACH ... 39
V. SCHULFORMSPEZIFIK ... 43
VI. SCHLUSSWORT ... 47
LITERATURVERZEICHNIS ... 50
INTERNETQUELLEN... 51

3
I. Einleitung
,,Es ist keine Schande, nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen." ­ Sokrates (grie-
chischer Philosoph)
Aber was bedeutet lernen eigentlich? Zuerst bedeutet lernen für mich, sich durch Unterricht
von Experten, Selbststudium und Fleiß bzw. Übung Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen.
Lernen bedeutet aber auch, gesellschaftliche und individuelle Erfahrungen im Leben zu sam-
meln. Mein Ziel ist es daher, mein Leben lang zu lernen und Bildung in den verschiedensten
Bereichen zu genießen. Denn dies birgt für mich beruflich, privat sowie für meine Persön-
lichkeitsbildung und -entwicklung große Chancen. Zugegeben: Lebenslänglich klingt eher
bedrohlich als spaßig, aber das liegt in erster Linie an den negativen Assoziationen mit dem
Wort und daran, was wir mit dem Begriff Lernen verbinden - und zwar eher Anstrengung,
Ausdauer und teilweise auch Langeweile. Wenn überhaupt, ist das aber nur eine Seite der
Medaille. Meist gerät in Vergessenheit, was Lernen auch sein kann: Spaß, Unterhaltung, Zu-
friedenheit und der Motor für jede berufliche Karriere und eine unglaubliche Persönlichkeits-
entwicklung. Vor allem bezüglich meines Berufslebens ist es meiner Meinung nach notwen-
dig umzudenken, denn lebenslanges Lernen ist längst Notwendigkeit. Die Globalisierung, der
rasante technische Fortschritt und der demographische Wandel bedingen, dass wir uns in im-
mer kürzerer Zeit zunehmend mehr Wissen aneignen müssen. Ich weiß, dass Wissen mich
glücklich und erfolgreich macht und gebe mein Wissen gerne weiter. Dies war unter anderem
ein Grund, mich für diesen Beruf und dieses Projekt zu entscheiden. Ich verstehe es als meine
Aufgabe, mein Wissen und meine Erfahrungswerte weiter zu geben, denn andere können
eventuell daraus lernen und diese im Idealfall in ihrem Sinne weiterentwickeln.
Ich möchte Sie in Form dieses Lerntagebuchs auf meinen Weg des Lernens mitnehmen. Mein
Ziel ist es, stetig neue Kompetenzen zu erhalten und bestehende Kompetenzen weiterzuentwi-
ckeln. Ich möchte meinen zukünftigen Unterricht so aufbauen, dass meine Schülerinnen und
Schüler leichter und besser lernen als sie es ohne meine Hilfe täten. Aber ich sehe es auch als
meine Aufgabe an, die soziale Interaktion meiner Schülerinnen und Schüler zu steuern und zu
gestalten. Außerdem nicht nur das soziale Lernen zu fördern, sondern auch gesellschaftlich
wichtige Normen und Verhaltensweisen vorzuführen.
Ich als angehende Lehrerin bin also nicht nur das, sondern auch Motivatorin, Expertin, Wis-
sensvermittlerin, Moderatorin und Vorbild.

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II. Darstellung der Ausgangssituation
1. Kurze Beschreibung der Schule
Ich durfte im Rahmen meiner Tätigkeit als Studentische Förderlehrerin das Gisbert-von-
Romberg Berufskolleg der Stadt Dortmund kennen lernen, welches sich als regionales Quali-
fizierungszentrum für die berufliche und allgemeine Bildung versteht. Zu den Schwerpunkten
der Bildungsarbeit zählen die Bereiche Gesundheit, Erziehung, Soziales, Pflege sowie das
Ernährungs- und Versorgungsmanagement. In diesem Spektrum bedarfs- und zukunftsorien-
tierter Bildungsgänge hat die Schule es sich zur Aufgabe gemacht, den Schülerinnen, Schü-
lern, Auszubildenden und Studierenden eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu ermögli-
chen. Innovative und individuelle Förderkonzeptionen im Unterricht, sowie in zahlreichen
Kursen und Projekten bieten den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zur Bereiche-
rung des eigenen Lernprozesses und zum Erwerb beruflich bedeutsamer Zusatzqualifikatio-
nen. Eine fördernde und fordernde Schulatmosphäre ermöglicht es allen an ihrer individuellen
Leistungsbereitschaft und Persönlichkeitsentwicklung zielstrebig zu arbeiten, handwerkliche,
kulturelle und soziale Interessen und Begabungen zu entfalten sowie Freude am und Bereit-
schaft zum lebenslangen Lernen zu entwickeln. Je nach individuellen Interessen, Schulab-
schlüssen und Begabungen offeriert die Schule attraktive Qualifizierungsmöglichkeiten. Die
Verknüpfung von allgemeiner und beruflicher Bildung in nahezu 30 verschiedenen Bildungs-
gängen eröffnet die Möglichkeit, einen Berufsabschluss, eine berufliche Orientierung
und/oder den nächst höheren allgemeinbildenden Abschluss bis hin zur Allgemeinen Hoch-
schulreife zu erwerben.
Sowohl die Schülerschaft als auch das Kollegium zeichnen sich durch große Heterogenität
aus. Bei den Lernenden sind verschiedenste Altersklassen und Bildungsziele vorzufinden.
Auch das Lehrerkollegium weist Lehrerinnen und Lehrer mit unterschiedlichen Bildungslauf-
bahnen auf, von Quereinsteigern, über Gymnasial- und Gesamtschullehrerinnen und -lehrer
bis hin zu Berufsschullehrerinnen und -lehrern von Beginn an. Für Probleme sowohl in der
Schule, als auch im Alltag steht den Schülern ein Team von Sozialarbeitern für Fragen und
Hilfestellungen zur Verfügung. Das Leitbild der Schule setzt sich vor allem aus angenehmer
Lernatmosphäre, einem großen Bildungsangebot und kultureller Vielfalt in einem gleichbe-
rechtigten Miteinander zusammen. Durch die Nutzung moderner Medien wirkt der Unterricht
motivierend für Schülerinnen und Schüler. Das Lernen erscheint für die Lernenden, aufgrund

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der Umsetzung der Modernisierung und der Anpassung an die sich wandelnde Medienland-
schaft, abwechslungsreicher und ,,zeitgemäßer".
Ziel des umfangreichen Bildungsangebotes ist es, den Lernenden einen qualifizierten Einstieg
in den Beruf oder auch in das Studium in einer sich stetig wandelnden, globalisierten Wirt-
schafts- und Arbeitswelt zu ermöglichen. Das gesamte Kollegium des Gisbert-von-Romberg-
Berufskollegs stellt sich diesen Herausforderungen mit großem Engagement und viel Kreati-
vität. Deren Arbeit ist geprägt von einem Geist der Offenheit, des gegenseitigen Respekts und
der Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem. Für alle Beteiligten sind besonders konstruktive,
gleichberechtigte und aggressionsfreie Formen des Zusammenlebens für alle am Schulleben
Beteiligten wichtig, damit das Schulmotto ,,gemeinsam leben und lernen" erfolgreich umge-
setzt wird.
(vgl. Gisbert-von-Romberg-Berufskolleg der Stadt Dortmund, Klaus Krutmann)
Die Schule unterstützt die Lernenden außerdem indem sie mit Betrieben, Bildungsträgern und
weiteren Partnern in der Region kooperiert und den Unterricht dementsprechend praxisnah
gestaltet. Auch die didaktische Jahresplanung wird mit den Ausbildungsbetrieben abge-
stimmt. Es gibt Klassen zur Berufseinstiegsqualifizierung, Ausbildungsvorbereitung und ein
breit gefächertes Angebot im Bereich ,,Deutsch als Zweitsprache". Im Fachbereich Nahrungs-
und Gastgewerbe, in dem ich eine Klasse kennengelernt habe und dort hospitieren durfte,
werden folgende Bildungsgänge angeboten:
Bäckerin/Bäcker
Konditorin/Konditor
Fachverkäuferin/Fachverkäufer Bäckerei/Konditorei
Köchin/Koch
Fleischerin/Fleischer
Fachverkäuferin/Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, Schwerpunkt
Fleischerei
Fachkraft im Gastgewerbe
Fachfrau/Fachmann in der Systemgastronomie
Hotelfachfrau/Hotelfachmann
Restaurantfachfrau/Restaurantfachmann
Hotel- und Restaurantfachfrau/-mann und Fachhochschulreife
(vgl. Gisbert-von-Romberg-Berufskolleg der Stadt Dortmund, Nahrungs- und Gastgewerbe)

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2.Kurze Beschreibung der Fördergruppe
Ich habe mich intensiv mit einer Klasse beschäftigt, die die einjährige Berufsfachschule, mit
dem Ziel einen Hauptschulabschluss nach Klasse 10 zu erlangen, besucht. Die Berufsfach-
schule 1 bietet also in nur einem Jahr die Möglichkeit den Hauptschulabschluss nach Klasse
10 und eine berufliche Grundbildung im Berufsfeld Ernährungs- und Versorgungsmanage-
ment zu erreichen. Im Rahmen der beruflichen Grundbildung können die Schülerinnen und
Schüler testen, ob sie für eine Berufsausbildung in den Berufsfeldern des Gastgewerbes, des
Nahrungsmittelhandwerks und der Hauswirtschaft geeignet sind, um
·
später beruflich Gäste zu versorgen und zu betreuen,
·
später Menschen in ihrer häuslichen Umgebung, in Krankenhäusern und Seniorenheimen
zu versorgen und zu pflegen,
·
später beruflich z.B. als Bäcker/in, Konditor/in, Fleischer/in, Koch/Köchin, Verkäufer/in
im Lebensmittelhandwerk oder als Hauswirtschafter/in tätig zu sein.
Mit dem Erwerb des Hauptschulabschlusses nach Klasse 10 kann dann die einjährige Berufs-
fachschule 2 besucht werden, um dort den mittleren Schulabschluss (FOR) zu erwerben. Die
berufliche Grundbildung ist für die Ausbildungsberufe, die dem Berufsfeld ,,Ernährung und
Hauswirtschaft" zugeordnet sind, Grundlage einer folgenden Fachausbildung mit den
Schwerpunkten Gastgewerbe und Hauswirtschaft, Nahrungsmittelhandwerk und Fleischver-
arbeitung.
Im berufsbezogenem Lernbereich werden Fächer wie Dienstleistung, Produktion und Be-
triebsorganisation unterrichtet. Dazu gehören sowohl praktische als auch theoretische Anteile
wie zum Beispiel Nahrungszubereitung, Textilverarbeitung, Haus-und Wäschepflege, Ernäh-
rungslehre, Hygiene, Gerätekunde, Arbeits-und Gesundheitsschutz. Zum berufsübergreifen-
den Lernbereich gehören die Fächer Deutsch/Kommunikation, Religionslehre,
Sport/Gesundheitsförderung und Politik/Gesellschaftslehre.
Bei dieser Klasse handelt es sich um 29 Lernende im Alter von ca. 16-25 Jahren. Viele dieser
Lernenden sind erst vor kurzer Zeit aus politischen Gründen mit ihren Familien oder sogar
allein nach Deutschland gekommen und haben dementsprechend keine überragenden
Deutschkenntnisse. Die Klasse ist insgesamt eher unruhig und oft unkonzentriert, allerdings
sehr motiviert Neues zu erfahren und zu lernen. Die Mitarbeit ist ausgeprägt, wobei es sich

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nicht auf einzelne Lernende beschränkt, die sich regelmäßig melden, sondern es vielmehr die
gesamte Klasse ist, die sich beteiligt. Einige Lernende sind hochmotiviert und teilen sich so-
gar mit, ohne aufgezeigt zu haben. Dies führt aufgrund des harmonischen Klassengefüges
zwar nicht zu Unruhen, trotzdem ist die Lehrkraft dazu angehalten, Wortmeldungen ohne
vorheriges Aufzeigen zu unterbinden, um allen Lernenden gerecht zu werden und Wortmel-
dungen zur Bildung der Benotung der sonstigen Leistungen zu erhalten.
Aus dieser Klasse resultierte dann meine Fördergruppe von 6 Personen mit 6 Nationalitäten.
Da war mir sofort klar, das richtige Verhalten gegenüber dieser neuen Diversität im Klassen-
zimmer erfordert einige Kompetenzen und die gilt es für mich die nächste Zeit zu erwerben.
3. Kurze Beschreibung und Begründung der Planung der
ersten Förderwoche
Ich kannte meine Schülerinnen und Schüler schon aus dem Regelunterricht und wusste also,
welche ihre Muttersprachen sind. So suchte ich mir für die erste Förderstunde Begrüßungen
in den Sprachen Arabisch, Persisch, Marokkanisch, Französisch und Spanisch heraus. Ich
werde auf jeden Fall sehr früh im Raum sein und meine Teilnehmer in ihrer Muttersprache
begrüßen, damit sie sich sofort wohl fühlen. Ich stelle die Stühle in einen Stuhlkreis, sodass
wir uns alle ansehen können. Um eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen, beschließen
wir gemeinsam nachdem ich mich nochmals vorstellen werde, dass wir uns in den Förder-
stunden duzen. Mir ist es dann wichtig, eine Balance zu finden: Ich muss streng genug sein,
damit die Lernenden Respekt vor mir haben, darf aber nicht so streng sein, dass sich Druck
und Angst entwickeln. Angst blockiert das Lernen! Außerdem werde ich mit guter Laune und
positiver Stimmung unterrichten und mit viel Geduld die Freude am Sprachenlernen fördern.
Damit wir uns näher kennen lernen können, wird jeder von uns 3 Sätze über sich erzählen,
wovon einer aber unwahr ist. Der Sitznachbar muss dann erraten, welcher von den 3 Sätzen
die Lüge war. Das sorgt für erstaunliche Erkenntnisse über alle Personen und oft für viele
Lacher. Ich werde außerdem eine Weltkarte mitbringen und wir werden gemeinsam alle Län-
der darauf markieren aus denen wir alle herkommen. Jeder Teilnehmer sollte dann etwas über
seine Heimat und Kultur erzählen. Wichtig ist, dass ich meine Lernenden von Anfang an aktiv
werden lasse und darauf achte, dass sie einen möglichst hohen Redeanteil haben. Neuer Wort-
schatz wird meiner Meinung nach am besten behalten, wenn man ihn oft in verschiedenen
Situationen gebraucht. Auch das Sprechen lernt man nur durch ­ Sprechen! Da die Schülerin-

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nen und Schüler immer neue Wörter kennen lernen werden finde ich es sinnvoll, wenn sie
eine Mappe haben, in der sie sich jedes neu gelernte Wort aufschreiben und in ihrer Mutter-
sprache übersetzen. So hat jeder Teilnehmer in der Fördergruppe am Ende eine volle Mappe
mit seinem erworbenen Wortschatz und sieht am Ende eines Schuljahres, was er alles ge-
schafft hat. Die Schülerinnen und Schüler erfahren das Gefühl, Erfolg zu haben.
Da mir bekannt war, dass das Sprachniveau meiner Schülerinnen und Schüler sich bei A1.1
oder auch A1.2 befand, ist es mir wichtig, dass sie sich auch im Alltag verständigen können.
Aber wie bekommt man die Teilnehmer zum Sprechen? Ich denke, das ist eine große Hürde
im Fremdsprachenunterricht und daran entscheidet sich auch sein Erfolg oder Misserfolg.
Allein viele Wörter zu kennen, reicht nicht aus. Mein Ziel ist es daher, die Schülerinnen und
Schüler zu befähigen, mit und in der für sie neuen Sprache zu agieren. So werden wir immer
wieder Dialoge führen über alltägliche Themen wie Nachrichten, Einkaufen, Verkehr, Aktivi-
täten und über Ähnliches sprechen. Dazu werde ich einen Stadtplan von Dortmund mitbrin-
gen und einen einfachen Text mit Fakten über Dortmund und Bildern gestalten. Sicher wissen
meine Schülerinnen und Schüler noch nicht alles über die neue Stadt, in der sie jetzt leben. So
mache ich die Lernenden mit ihrer Umgebung vertraut. Ich freue mich sehr auf meine erste
Förderunterrichtsstunde und bin gespannt, wie interessiert und aktiv meine Schülerinnen und
Schüler sein werden.

9
III. Diagnose und individuelle Förderung ­ DaZ im Fach
1. Diagnose
Der Wandel in unseren Klassenzimmern ist unübersehbar: Die Anzahl der Schülerinnen und
Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, wächst beständig. Damit bieten sich für den
Unterricht ganz neue Bereicherungen, aber auch Herausforderungen. Denn diese Schülerin-
nen und Schüler sind entweder aus ihrer ursprünglichen Heimat geflüchtet, teilweise aber
auch in Deutschland geboren oder leben zumindest seit dem Kleinkindalter hier, sie erlernen
die deutsche Sprache jedoch als Zweitsprache, da in der überwiegenden Anzahl der Familien
zu Hause die Muttersprache gesprochen wird. Dieses hat zur Folge, dass sie im sprachlichen
Bereich erhebliche Schwierigkeiten haben: geringer Wortschatz, fehlende Lesekompetenz,
Schwierigkeiten im mündlichen und schriftlichen Bereich den grammatischen Regeln ent-
sprechend zu formulieren oder auch Texte und Aufgaben zu verstehen.
Differenzen zu erkennen, die Behebung von Defiziten zu unterstützen und Vielfalt gewinn-
bringend in den Regelunterricht zu integrieren ­ das sehe ich als neue Aufgabe aller Lehrerin-
nen und Lehrer. Denn mangelnde Deutschkenntnisse haben gravierende Folgen für die schuli-
schen Leistungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und stellen Lehr-
kräfte vor große Herausforderungen im Unterricht. Nur wenn man die sprachlichen Fähigkei-
ten und Fertigkeiten seiner Schülerinnen und Schüler einschätzen kann, ist eine individuelle
Unterstützung und Forderung möglich.
Deshalb ist es unheimlich wichtig zuerst die Kenntnisse der Schülerinnen und Schüler in
Deutsch als Zweitsprache zu erfassen. So können Lehrerinnen und Lehrer feststellen, ob und
welche Fördermaßnahmen notwendig sind.
2. Die natürliche Sprachentwicklung
Der Erwerb der Muttersprache ist bei den meisten Kindern mit Vollendung des fünften Le-
bensjahres abgeschlossen. Einige Lernprozesse, wie beispielsweise der Erwerb neuer Voka-
beln, dauern jedoch das ganze Leben an.
Der Spracherwerb durchlauft verschiedene Entwicklungsphasen. Im ersten Lebensjahr äußern
Säuglinge unterschiedlichste Laute, aus denen sich zuerst sprachtypische Rhythmen und Into-

10
nationsmuster und schließlich Vokale und Konsonanten entwickeln. Die ersten verständlichen
Wörter werden ungefähr im Alter von einem Jahr produziert. Im zweiten Lebensjahr folgen
Zweiwortkombinationen und dann allmählich Kombinationen von drei und vier Wörtern.
Drei- und vierjährige Kinder sind bereits in der Lage zunehmend komplizierte und lange Sat-
ze zu bilden. Die Fortschritte beim Vokabelerwerb sind beachtlich. Verwenden Kinder im
Alter von 18 Monaten durchschnittlich knapp 50 Wörter aktiv, so verfügen Fünfjährige be-
reits über einen Wortschatz von mehreren tausend Wörtern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass
jedes Kind sich anders entwickelt und daher können die Altersangaben in der folgenden de-
taillierten Beschreibung der einzelnen Phasen nur Zirka-Angaben sein. Sie sollen lediglich
den Abschluss einer Phase zeitlich ungefähr markieren.
Bis zum sechsten Lebensmonat artikulieren sich Kinder über Gurgel- und Sprudellaute,
Schmatz- und Zischlaute, Vokallaute und erste Silben in der ersten Lallphase. Die zweite
Lallphase ist bereits vom Hören gesteuert und es werden erste Silben verdoppelt, z. B.
babababa.
Zu Beginn ihres Spracherwerbs haben Kinder eine Vorliebe für Nomen. Nomen beziehen sich
auf konkrete Dinge, die leicht identifizierbar sind. Andere Wortarten werden vernachlässigt,
obwohl Verben häufig in ihrer Gegenwart gebraucht werden.
In der nächsten Phase, die bis zu einem Jahr andauert, sucht das Kind bereits Gegenstände,
wenn diese benannt werden. Das Kind reagiert auf seinen eigenen Namen und versteht kleine
Aufträge. Mittlerweile produziert es eine große Vielfalt von Lauten und ahmt neue nach, auch
kann es bis zu zehn Wörter artikulieren, wie z.B. ,,Papa" und ,,Mama".
Bis zum Alter von 18 Monaten werden einfache Aufforderungen und Fragen verstanden. Der
aktive Wortschatz wird um weitere einzelne Wörter aufgestockt, z. B. ,,Ball", ,,wauwau".
Laute der ersten Artikulationszone (Laute, die mit den Lippen gebildet werden -b, p, m, w-)
werden ausprobiert. Erste Laute werden gezielt zur Wortbildung eingesetzt. Was die Gram-
matik und den Satzbau betrifft, so werden nun zunächst Einwortsätze, z. B. ,,haben" mit un-
terschiedlicher Betonung gebildet.
In der Zeit bis zum zweiten Lebensjahr ist der passive Wortschatz bereits größer als der akti-
ve. Der aktive Wortschatz besteht aus bis zu 50 Wörtern und primär aus Nomen sowie ersten
Verben und Adjektiven. Einige Körperteile können bereits benannt werden. Die Laute der
zweiten Artikulationszone, die mit den Zähnen gebildet werden (w, f, t, d) kommen hinzu.

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Das erste Fragealter mit der Frage ,,Was ist das?" setzt ein. Zwei- und Dreiwortsätze, die
grammatikalisch noch nicht richtig sind, werden gebildet.
Bis zum Alter von dreißig Monaten kann ein Kind das Meiste verstehen. Der Wortschatz wird
weiter ausgebaut, es finden Wortneuschöpfungen (Wörter werden kombiniert) und Wort-
schatzexplosionen statt. Der Gebrauch von Personalpronomen und der erste Gebrauch von
,,Ich" beginnt. Die Laute der dritten Artikulationszone, d. h. die Laute, die in Gaumen und
Rachenraum gebildet werden (g, k, ch, r), kommen hinzu. Die Bildung von Mehrwortsätzen
nimmt zu. Die Endungen von Verben und Nomen werden verwendet, wenn auch noch nicht
richtig.
Im Alter von drei Jahren haben Kinder noch teilweise Probleme bei dem Verständnis von
Gegensätzen. Der Wortschatz nimmt weiterhin stark zu. Personalpronomen, Hilfsverben und
Präpositionen werden eingesetzt. Die ersten schwierigen Konsonantenverbindungen werden
gebildet. Das zweite Fragealter mit ,,Wer?" ,,Wie?" ,,Was?" ,,Warum?" setzt ein. Einfache
Sätze werden richtig gebildet und der Einsatz von Nebensätzen wird erprobt.
Bis zum Alter von vier Jahren kann das Kind im Rahmen seiner Entwicklung alles verstehen.
Der Wortschatz nimmt stetig zu, es kommen Farben, Fürwörter (Pronomen) und Einzahl- und
Mehrzahlbildung hinzu. Die Laute der Muttersprache, bis evtl. auf Zischlaute (s, z, sch) und
schwierige Konsonantenverbindungen (kl, gl, dr, br), werden beherrscht. Lange Sätze werden
gebildet und schwierige, teilweise noch nicht normgerechte Konstruktionen. Nebensätze wer-
den gebraucht. Bei der Flexion der Nomen können vereinzelt Kennzeichnungen für den Ak-
kusativ beobachtet werden. Dativformen werden meist erst nach dem 3. Lebensjahr benutzt,
Genitivformen erst im Alter von fünf Jahren. Kenntnisse für die Bildung von Gegenwart, Zu-
kunft und Vergangenheit sind vorhanden.
Wenn das Kind das sechste Lebensjahr erreicht hat, beherrscht es seine Muttersprache ge-
fühlsmäßig. Der Wortschatz ist für einen differenzierten Ausdruck groß genug. Abstrakte
Begriffe werden kindgemäß sicher verwendet. Das Kind kennt Vor- und Nachnamen. Die
Artikulation aller normgerechten Laute wird beherrscht. Grammatik und Satzbau sind voll-
ständig. Gedankengänge können beschrieben werden. Die Zeit- und Pluralformen werden
beherrscht. Das Kind kann Geschichten nacherzählen und über Erlebnisse berichten.
Zwischen dem Erstsprachenerwerb und der nachzeitigen Aneignung einer fremden Sprache
gibt es Parallelen. Auch Erwachsene durchlaufen ähnliche Entwicklungsstadien beim Zweit-
Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Mein Lerntagebuch in Verbindung mit dem Dortmunder Modell. Lernförderung sprachliche Kompetenz für Schüler mit Migrationshintergrund
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Reflexionsseminar für Sprachförderlehrer/innen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
51
Katalognummer
V435074
ISBN (eBook)
9783668761674
ISBN (Buch)
9783668761681
Dateigröße
1241 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mein, lerntagebuch, verbindung, dortmunder, modell, lernförderung, kompetenz, schüler, migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Kim Lisa Markmann (Autor), 2018, Mein Lerntagebuch in Verbindung mit dem Dortmunder Modell. Lernförderung sprachliche Kompetenz für Schüler mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435074

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