Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers


Studienarbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung
1.1. Unterschied zwischen Alltagsberatung, Psychotherapie und sozialpädagogischer Beratung

2. Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers
2.1. Der Wegbereiter Carl Ransom Rogers - Ein biografischer Überblick
2.2. Entstehungsgeschichte
2.3. Das Menschenbild im personenzentrierten Ansatz
2.4. Die Theorie der Therapie
2.5. Beispiele für die non-direktive bzw. klientenzentrierte Gesprächsführung
2.6. Positive Veränderungen des Klienten
2.7. Fehler
2.8. Anwendung in der Praxis, Grenzen und Forschung – damals und heute

3. Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

1. Hinführung

Diese Arbeit behandelt das Thema „Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers“. Der Begriff „klientenzentriert“ wird in der Psychotherapie verwendet und stellt den Klienten, also den hilfesuchenden Menschen und dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt.[1]

Die klientenzentrierte Gesprächsführung wurde schon in der Mitte des 20. Jahrhunderts von Carl R. Rogers entwickelt und findet bis heute Anwendung in den verschiedensten Praxisfeldern – von der Wirtschaft über Politik bis hin zu diversen Einrichtungen der Sozialen Arbeit. Der ressourcenorientierte Ansatz ist geprägt von einer humanistischen Sichtweise, bei der der Mensch, seine Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten stets im Vordergrund stehen. Schon während meiner Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin hat mich diese Art der Beratungsmöglichkeit angesprochen. Bei jeder Art von Therapie wird den Menschen geholfen. Sie sollen dazu befähigt werden, ihr Leben durch den Aufbau von Selbstbewusstsein, Sicherheit und dergleichen selbst in die Hände zu nehmen. Doch bisher habe ich von keinem therapeutischen Ansatz gehört, der so sehr auf den hilfesuchenden Menschen achtet, wie dieser. Ich war zunächst überrascht, wie eine bestimmte Art der Gesprächsführung und eine durchweg positive Einstellung des Beraters derart positive Auswirkungen auf den Ratsuchenden und dessen Entwicklung haben können. Ich wollte mehr erfahren. So habe ich damals schon ein wenig mehr über dieses Thema recherchiert und bin zu der Überzeugung gelangt, dass die klientenzentrierte Gesprächsführung nicht nur eine sehr gute Möglichkeit der Beratungsform ist, sondern auch im privaten Umfeld, z. B. in der Erziehung der eigenen Kinder, eingesetzt werden kann.

In der folgenden Arbeit versuche ich, dem Leser diese Art der Beratung näherzubringen. Um einen Einblick zu verschaffen folgt zunächst eine Abgrenzung zwischen Psychotherapie und anderen Beratungs- und Therapieformen. Anschließend wird ein Überblick über Carl Rogers` Lebensstationen und die Entwicklung des klientenzentrierten Ansatzes gegeben, bevor ich auf dessen Menschenbild und Theorie, eingehen werde. Neben Beispielen zur Veranschaulichung werden die aktuellen Entwicklungen und Praxisanwendungen ebenfalls angeführt, gefolgt von einem persönlichen Résumé.

1.1. Unterschied zwischen Alltagsberatung, Psychotherapie und sozialpädagogischer Beratung

Gegenseitige Hilfe im Alltag, kommt oft vor, z. B. zwischen Freunden, Bekannten und Nachbarn, aber auch Friseure oder Taxifahrer bieten ab und an ihren Rat an. Man kann aber unter Umständen auch Medienbeiträge, wie z. B. die „Super Nanny“ oder Talkshows, wie „Britt“ und dergleichen zur Alltagsberatung hinzuzählen. Die Beratung findet hier meist aus subjektiver Sicht statt, das heißt, dass die Ratschläge, die an die Hilfesuchenden weitergegeben werden, meist durch persönliche Erfahrungen geprägt sind. Zudem fehlt oft der zur bestimmten Problemsituation gehörende Hintergrund. Hilft ein solcher Rat nicht aus oder ist nicht umsetzbar, könnte ein tieferliegendes Problem vorliegen. In diesem Fall kann man sich an eine fremde Fachkraft, wie z. B. in der Psychotherapie oder sozialpädagogischen Beratung, wenden.

In der Psychotherapie, oder auch klinische Beratung genannt, arbeiten u. a. Diplompsychologen, Psychiater, Neurologen und Psychotherapeuten sowohl in stationären als auch in ambulanten Einrichtungen. Da sich die Ausbildung der meisten von ihnen jedoch auf die Diagnostik wissenschaftlich anerkannter Krankheitsbilder und deren medikamentöse Behandlung beschränkt, sind sie ohne eine Zusatzausbildung in der Psychotherapie nicht für eine länger andauernde klinische Beratung qualifiziert. In unserer heutigen Gesellschaft sind psychische Probleme größer als man zunächst erwartet, denn es nehmen nur 0,2 Prozent statt fünf bis zehn Prozent der Menschen eine Psychotherapie in Anspruch. Ebenfalls interessant ist, dass beinahe ein Drittel der Patienten von Allgemeinmedizinern eine psychoneurotische oder psychosomatische Erkrankung haben, die allerdings nur bei drei bis vier Prozent erkannt wird. Der Großteil der Bevölkerung lehnt allerdings eine Psychotherapie ab, da in der Gesellschaft die vorherrschende Meinung besteht, dass Menschen, die sich Hilfe durch die klinische Beratung suchen, ein tiefgreifendes psychisches Problem haben oder gar verrückt sind. Aus diesem Grund scheint es vorerst einfacher, sich zunächst Rat in einer sozialpädagogischen Einrichtung zu suchen.

Wie bereits erwähnt greift die sozialpädagogische Beratung dort, wo die Alltagsberatung an ihre Grenzen stößt. Man findet sie in allen Bereichen des Sozial- und Gesundheitswesens. Durch sie wird sowohl Einzelnen, als auch Familien bei der selbstständigen Lösung ihrer Probleme geholfen. Da die sozialpädagogische Beratung über keine spezielle Vorgehensweise verfügt, greift sie auf Erkenntnisse und Methoden aus Psychotherapie, Psychologie und den Sozial-, Verwaltungs- und Rechtswissenschaften zurück. Die sozialpädagogische Beratung verfügt, im Unterschied zur Alltagsberatung, über Merkmale, wie Professionalität, Erreichbarkeit, Uneigennützigkeit, Nichtverstrickung und Vermittlungsmöglichkeiten zu weiteren Hilfsangeboten.[2]

Sozialpädagogische und klinische Beratung bedürfen ebenfalls einer Abgrenzung, doch da das Aufführen aller Merkmale den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werden im Folgenden nur ein paar genannt:

- Sozialpädagogische Beratung findet auch in sozialpädagogischen Einrichtungen, wie z. B. Kindergärten, Jugendhäusern und Jugendämtern (funktionale Beratung) oder in Erziehungs-, Drogen- und Schuldnerberatungsstellen (institutionelle Beratung) statt. Klinische Beratung erfolgt dagegen in psychotherapeutischen Praxen.
- Sozialpädagogische Beratung erfolgt in einem kürzeren Zeitraum und seltener als die Psychotherapie, die meist über Jahre andauert.
- Klinische Beratung blickt in die Tiefe der Persönlichkeit und setzt sich mit den psychischen Problemen, deren Linderung und Beziehungsfragen der Patienten auseinander. Im Gegensatz hierzu geht die sozialpädagogische Beratung mehr in die Breite, sie arbeitet nicht vorwiegend die Vergangenheit auf, sondern versucht, dem Ratsuchenden bei der Gestaltung seiner Gegenwart und Zukunft, also bei einer Veränderung der aktuellen Lebenssituation, zu helfen.[3]

2. Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers

2.1. Der Wegbereiter Carl Ransom Rogers - Ein biografischer Überblick

Carl Rogers wurde sehr von seiner Kindheit und Jugend beeinflusst. Er wurde 1902 in Oak Park in eine große Familie hineingeboren. Das Familienleben war geprägt von harter Arbeit, und einem konservativen, puritanischen Protestantismus. Seine Familie zog auf eine Farm auf dem Land als Rogers zwölf Jahre alt war, um sie vor den Gefahren der Stadt zu bewahren. Dort zeigte er früh Interesse an der Natur, naturwissenschaftlichen Fragestellungen und an den Agrarwissenschaften. So begann er, wissenschaftliche Bände über Ackerbau und Viehhaltung zu lesen. Daraus entwickelte sich in ihm ein nie nachlassendes Interesse vor der wissenschaftlichen Vorgehensweise als Mittel zur Problemlösung und Erkenntnisgewinnförderung. In der Schule gehörten die Fächer Physik, Biologie und Geschichte zu seinen Favoriten.[4]

Zunächst begann er an der Landwirtschaftlichen Hochschule Agrarwissenschaften zu studieren, doch brach das Studium nach zwei Jahren ab und wechselte zu einem Geschichtsstudium, später zur Theologie.[5]

Während seiner Jugend trat er dem CVJM, dem Christlichen Verein junger Menschen, bei. Hier fand er erstmals Freunde und konnte sogar über Persönliches sprechen, was in seinem bisherigen Leben, das von großer Distanziertheit, die er von seinen Eltern übernommen hatte, geprägt war, gefehlt hatte. Zudem war er Leiter eines Sommerlagers für benachteiligte Jungen und machte in Konflikt- und Problemsituationen seine ersten Erfahrungen mit mehr oder minder zweifelhaften Versuchen, eine hilfreiche Beziehung zu ihnen aufzubauen.[6]

1922 unternahm er eine sechsmonatige Studienreise nach China, wo er der World Student Christian Federation Conference beiwohnte. Hier trafen sich Menschen unterschiedlichster religiöser Auffassungen, die ihn letztendlich dazu brachten, anderen Menschen gegenüber offener zu begegnen. Hier spaltete er sich erstmals von den strengen religiösen Ansichten seines Elternhauses ab, was seine Beziehung zu ihnen sehr belastete. Dennoch befasste er sich zunehmend mit seinen religiösen Wurzeln und lernte, sich von der strengen Hand seiner Eltern zu lösen. Dort traf er auch seine Jugendliebe wieder und heiratete sie nach dem Hochschulstudium im Alter von 22 Jahren gegen den Willen seiner Eltern.[7]

Mit der Zeit setzte sich in ihm das Bedürfnis fest, Menschen ohne strikte religiöse Lehre zu helfen, weshalb er sich dazu entschied, Psychologie an der Columbia University zu studieren. Daraufhin arbeitete er zwölf Jahre lang in einer heilpädagogischen Beratungseinrichtung in Rochester, New York, wo er verhaltensauffällige Kinder betreute.[8] Er verglich die Arbeit der dort angestellten Sozialarbeiter mit einer Autowerkstatt: Man bringt ein Auto, das nicht mehr ganz funktionstüchtig ist, in die Werkstatt, wo eine fachmännische Diagnose durchgeführt wird und erhält anschließend einen Rat, wie das Problem behoben werden kann.[9] Trotz schlecht bezahlter Arbeit und der Tatsache, dass er von der Forschung und fachlichem Kontakt größtenteils abgeschottet war, ergab sich für ihn die Chance, zu den Themen wissenschaftlich zu arbeiten, die sein größtes Interesse weckten. Er suchte nach einer Art Schema, die in seinen Erlebnissen bei der Arbeit mit den Klienten bestand.[10]

Rogers nannte als Grund für die Entwicklung seines Konzeptes immer wieder den Fall einer Mutter und ihres Sohnes, ein Schlüsselereignis für ihn:

Grund für ihr Erscheinen ist das Fehlverhalten ihres Sohnes. Rogers fand heraus, dass das zentrale Problem in der frühen Ablehnung seiner Mutter liegt und versuchte, der Mutter dies selbst sehen zu lassen. Als er letztendlich aufgibt und die Mutter gehen will, fragt sie vorsichtig, ob er auch Erwachsene beraten würde. Als Rogers dies bejaht, setzt sie sich wieder und erzählt von den Schwierigkeiten zwischen ihr und ihrem Mann, ihrem Gefühl des Versagens und der Verwirrung, die sie heimsucht. Es wird deutlich, dass nicht die Mutter-Kind-Beziehung oder der Sohn allein das Problem darstellt, sondern dass es die Mutter ist, die Hilfe benötigt. Zudem wird ihm bewusst, dass in dem Moment, in dem sie frei erzählen kann und er nur zuhört, die richtige Therapie beginnt. Einige Sitzungen später besserten sich sowohl die eheliche Beziehung, als auch das Verhalten der Mutter gegenüber ihrem Sohn und dessen Verhalten. Hilfe lässt sich nicht allein durch Fachwissen, Diagnosen und deren strikte Behandlung ergründen, Rogers wird immer mehr bewusst, dass nicht der Therapeut, sondern der Hilfesuchende das Gespräch führen muss, da er es ist, der nicht nur das Problem, sondern auch die Lösung mitbringt.[11]

Später entwickelte er die non-direktive Beratung, die Ursprung der Psychotherapie war. Schließlich erfüllte sich auch sein Wunsch, Gespräche im therapeutischen Kontext auf Band aufnehmen zu können. Dies half ihm herauszufinden, welche Auswirkungen die unterschiedlichsten Reaktionen des Therapeuten auf den Klienten haben.[12]

Er arbeitete u. a. als Dozent und Therapeut, hörte nie auf, zu forschen und seine Hypothesen zu untermauern. Zudem schrieb er mehrere Fachbücher und Artikel.[13] Er setzte sich auch dafür ein, z. B. die Rassendiskriminierung in Südafrika zu bezwingen, indem er dort den Dialog zwischen schwarzen und weißen Menschen förderte. 1987 wurde er dafür sogar für den Friedensnobelpreis nominiert, starb jedoch vor der Bekanntgabe im Alter von 85 Jahren.

2.2. Entstehungsgeschichte

Die klientenzentrierte Gesprächsführung wurzelt auf der Grundlage Rogers Erfahrungen im Psychologiekurs an der Pädagogischen Hochschule, wo streng wissenschaftliche Methoden, standardisierte Definitionen und Bestätigung bzw. Widerlegung der aufgestellten Hypothesen durch gegliederte statistische Vorgehensweisen im Zentrum standen. Zwischen 1940 und 1945 lässt sich die erste Entwicklungsspanne an seiner Zeit an der Ohio State University festmachen. Bis 1950 wurde sie während seiner Arbeit in der Beratungsstelle der Chicago University weiter ausdifferenziert. Rogers nahm seine Therapiegespräche auf Tonband auf, um sie als Ausbildungsgrundlage zu nutzen. So entdeckte er, dass die verschiedenen Reaktionen des Therapeuten auch unterschiedliche Auswirkungen auf die therapeutische Entwicklung der Klienten hatten. Außerdem kam er zu der Erkenntnis, dass sie selbst die Lösung fanden, wenn er jede Expertenhaltung niederlegte und versuchte, ihre Empfindungen und Gedanken zu verstehen und ihnen weder urteilend noch lenkend gegenübertrat.

Zu dieser Zeit verstand Rogers seine Art der Gesprächsführung noch als Beratungs- und Therapiemethode und bezeichnete sie als „nicht-direktiv“. Grundlegende Annahme dieser Beratung war, dass derjenige, der um Hilfe bat, stets als Experte seiner Selbst galt. Zudem ersetze er den Begriff „Patient“ mit „Klient“, um sowohl eine neutrale Basis für die Beziehung zwischen Therapeut und Klient zu schaffen als auch die Selbstbestimmung der Klienten zu verdeutlichen. Diese Methode stieß auf große Begeisterung, was zur Folge hatte, dass sie sehr in den Vordergrund gerückt wurde. Als schließlich Theorie und Forschung weiter vorangeschritten waren wurde der Begriff „klientenzentrierte Psychotherapie“ eingeführt. Damit wurde deutlich gemacht, dass der Klient im Vordergrund steht. Wegweisend für die Entwicklung der klientenzentrierten Gesprächstherapie war die Tatsache, dass Rogers nie nur einen bestimmten Mentor besaß, sondern von vielen wichtigen Persönlichkeiten diverser Denkweisen beeinflusst wurde und sich somit nie gegenüber einer bestimmten Doktrin oder dergleichen verantwortlich fühlte. Die klientenzentrierte Orientierung wurde somit zwar von verschiedenen Denkrichtungen beeinflusst, aber verdankt ihre Entwicklung dennoch größtenteils der ständigen Kontrolle, der sich Rogers und seine Mitarbeiter im Wandlungs- und Wachstumsprozess mit den Klienten unterzogen.[14]

2.3. Das Menschenbild im personenzentrierten Ansatz

Laut Rogers ist der Aufbau einer hilfreichen Beziehung eine wichtige Grundlage für den therapeutischen Prozess. Dieses Verhältnis entsteht dann, wenn der Therapeut nicht der Symptombehandlung Vorrang gewährt, sondern die inneren Ressourcen und die Persönlichkeitsentwicklung des Klienten in den Mittelpunkt stellt, da somit auch eine Minderung oder sogar Lösung des Problems folgt.[15]

Rogers stellte die These auf, dass jeder Mensch eine innere Tendenz besitzt, die nach Entwicklung seiner Fähigkeiten und nach der Erhaltung des Organismus strebt, dass also jegliches Verhalten auf Selbststeigerung und -reproduktion ausgelegt ist. Diese innere Kraft bezeichnete er als Aktualisierungstendenz. Jeder Mensch besitzt somit die Fähigkeit, Veränderungsprozesse aus eigener Kraft heraus in Bewegung zu setzen. Rogers kam so zu dem Schluss, dass die klientenzentrierte Beratung nur dann erfolgreich sein kann, wenn man als Therapeut die notwendigen Voraussetzungen, wie z. B. eine hilfreiche Beziehung, für die Aktualisierungstendenz schafft, die wiederum eine positive Veränderung, Wachstum und Problemlösung ermöglicht.[16]

Wie bereits erwähnt, geht dieser Ansatz davon aus, dass der Klient selbst weiß, worin sein Problem besteht und auch in der Lage ist, die Lösung hierfür zu finden.[17]

Die klientenzentrierte Gesprächsführung ist von diesem humanistischen Menschenbild, in dem großes Vertrauen in die Entwicklung des Menschen, die ihm innewohnende Kraft zur Selbstentfaltung und seine Selbstbestimmung tief verankert liegt, stark geprägt.[18]

Dem humanistischen Menschenbild liegen fünf Thesen zugrunde:

1. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile, er ist einzigartig.
2. Der Mensch kann ohne zwischenmenschliche Beziehungen nicht existieren.
3. Ein weiteres Wesensmerkmal des Menschen und Grundlage für das Verstehen ihrer Erlebnisse ist die Tatsache, dass er bewusst lebt.
4. Da der Mensch bewusst lebt, kann er sein Leben aktiv mitgestalten und ist somit auch in der Lage zu wählen und eigene Entscheidungen zu treffen, um so seine Lebenssituation zu verbessern.
5. Grundlage der Identität des Menschen ist seine Ziel- bzw. Wertgerichtetheit.[19]

Aus diesen Gründen steht der Mensch im Rahmen der humanistischen Psychologie stets im Mittelpunkt und ist als forschendes und erlebendes Wesen immer selbst Teil der Forschung über den Menschen. Zudem werden Fragen und Forschungsmethoden nach ihrer Sinnhaftigkeit und Bedeutung ausgewählt. Theoretisches Wissen, Methodik und das Verhalten in Hinsicht auf das Erleben der Person werden als zweitrangig betrachtet, also untergeordnet. Jedes Wissen und jede Erkenntnis hat eine relative Bedeutung. Zur Erweiterung dieses Wissens müssen demnach alle Möglichkeiten der menschlichen Vorstellungskraft und Kreativität mit einbezogen werden. Die humanistische Psychologie will andere Richtungen nicht verdrängen, sondern versuchen, sie innerhalb einer ganzheitlichen Konzeption des menschlichen Seins zu ergänzen.[20]

2.4. Die Theorie der Therapie

Rogers stellte 1957 sechs Bedingungen auf, die erfüllt sein müssen, damit sich ein therapeutischer Prozess entwickeln kann:

1. Zwei Personen, Klient und Therapeut, befinden sich in Kontakt, sie nehmen also eine Beziehung zueinander auf.
2. Der Klient ist verletzlich oder ängstlich. Er befindet sich in einem Zustand der Inkongruenz, was bedeutet, dass sein Selbstbild nicht mit seinen aktuellen Erlebnissen übereinstimmt. Können also nicht alle Erfahrungen, die er erlebt, in dieses Bild eingegliedert werden, entsteht der Zustand der Inkongruenz. Erweitert der Klient nun sein Selbstbild, indem er auch unangenehme Erfahrungen zulässt, kann die Inkongruenz beseitigt werden.
3. Der Therapeut ist kongruent in der Beziehung zum Klienten. Er muss dem Klienten gegenüber echt sein, er selbst sein und alle Erfahrungen, die der Klient in ihm auslöst, zulassen können. Lässt der Therapeut dies nicht zu, würde er bewusst oder unbewusst eine Fassade aufbauen, da er sich dem Klienten gegenüber verstellt. Er muss ihm aber eben ohne jegliche Fassade und Expertenattitüde gegenübertreten.

[...]


[1] Vgl. http://www.duden.de/rechtschreibung/klientenzentriert

[2] Vgl. Belardi, N. (1999). Beratung – Eine sozialpädagogische Einführung (S. 34-40). In Müller, C. W. (Hrsg.), Berufsfelder Sozialer Arbeit (S. 32-44). Weinheim und Basel: Beltz (Band 10).

[3] Vgl. Belardi, N. a. a. O. (S. 40-41).

[4] Vgl. Rogers, C. (2009). Eine Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen (S. 14). In Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e. V. – GwG (Hrsg.), Personenzentrierte Beratung und Therapie (S. 14-92). München: Reinhardt (Band 8); Rogers, C. (2000). Entwicklung der Persönlichkeit. Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten (13. Aufl., S. 21-22). Stuttgart: Klett-Cotta.

[5] Vgl. Rogers, C. (1977). Entwicklung und gegenwärtiger Stand meiner Ansichten über zwischenmenschliche Beziehungen (S. 11). In Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e. V. – GwG (Hrsg.), Geist und Psyche. Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie (S. 11-24). München: Kindler; Rogers, C. a. a. O. (2009, S. 14); Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 22).

[6] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (1977, S. 11-12).

[7] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 23).

[8] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 24-26); Rogers, C. a. a. O. (2009, S. 15).

[9] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (1977, S. 15).

[10] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 25-26); Rogers, C. a. a. O. (2009, S. 15).

[11] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 26-28); Rogers, C. a. a. O. (1977, S. 16-17).

[12] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (1977, S. 17).

[13] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 24-31); Rogers, C. a. a. O. (1977, S. 13-22).

[14] Vgl. Rogers, C. (2012). Therapeut und Klient – Grundlagen der Gesprächspsychotherapie (21. Aufl., S. 18-21). Frankfurt am Main: Fischer.

[15] Vgl. Nohner, S. (2005). NLP und Gesprächsführung nach Rogers im Kontext der ergotherapeutischen Arbeit in der klinischen Geriatrie – sinnvolle Kombinationsmöglichkeit oder unvereinbarer Gegensatz? (S. 6) Diplomarbeit. O. O. o. J.; Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 47-48).

[16] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2012, S. 41 & 136).

[17] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2000, S. 26-28).

[18] Vgl. Rogers, C. a. a. O. (2012, S. 136-138).

[19] Vgl. Quitmann, H. (1996). Humanistische Psychologie: Psychologie, Philosophie, Organisationsentwicklung (3. Aufl., S. 14-15). Göttingen u. a.: Hogrefe.

[20] Vgl. Quitmann, H. a. a. O. (1996, S. 15-16).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers
Hochschule
SRH Hochschule Heidelberg
Note
1,8
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V435194
ISBN (eBook)
9783668762275
ISBN (Buch)
9783668762282
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Arbeit zitieren
Tamara Yvonne Kurz (Autor:in), 2016, Die klientenzentrierte Gesprächsführung nach Carl Rogers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435194

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