Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Der Erziehungsauftrag im Jugendstrafvollzug


Bachelorarbeit, 2018

44 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Jugendstrafrecht
2.1 Historische Entwicklungen
2.2 gesetzliche Regelungen
2.3 Kriminalitäts- , Strafverfolgungs- und Rückfallstatistik

3. Anpassungsverhalten in Totalen Institutionen
3.1 Totale Institutionen
3.2 Anpassungsverhalten

4. Das Erziehungsdilemma im Jugendstrafvollzug
4.1 Widersprüche im Erziehungsgedanken der Jugendstrafe
4.2 Anpassungsverhalten im Jugendstrafvollzug

5. Folgen der Inhaftierung – die Perspektive der Inhaftierten
5.1 Studie: „Straf-Erfahrungen“
5.2 Studie: „Gefängnis und die Folgen“

6. Soziale Arbeit in Zwangskontexten

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Referat

Die Bachelorarbeit setzt sich mit dem Zwangskontext des Jugendstrafvollzugs und den sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Grenzen von Erziehung auseinander. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Anpassungsprozessen inhaftierter Jugendlicher und Heranwachsenden an das repressive System der Jugendstrafvollzugsanstalt.

Die aufgestellte Forschungshypothese wird anhand intensiver Literaturrecherche und der Auseinandersetzung mit Gesetzen, Statistiken und Forschungsstudien untersucht.

1. Einleitung

„Es ist offensichtlich schwieriger, mit freiheitsentziehenden Sanktionen junge Menschen wieder auf den ‚geraden Weg‘ zu bringen. In den Anstalten passt man sich an oder wird angepasst. Wenn eine Änderung, eine positive Änderung in der Einstellung und im Verhalten erreicht wird, hält diese bei neuen Konfliktsituationen in Freiheit häufig nicht an“ (Ostendorf 2011, S.103). Dieses Zitat verdeutlicht meine Motivation, diese Arbeit zu schreiben. In Gesprächen mit ehemaligen jungen Inhaftierte stellte ich oft fest, dass die Jugendstrafe kaum einen gelingenden Beitrag zum ihrem sogenannten Erziehungsauftrag leisten konnte. Es wurden von den Jugendlichen und Heranwachsenden vielmehr Anpassungsprozesse an die Haftbedingungen geschildert. Sie beschrieben ebenso Hoffnungen auf ein geregeltes und straffreies Leben, die sie aus den Erfahrungen in Haft und den verschiedensten pädagogischen Angeboten generierten. Diese Hoffnungen schlugen nach der Entlassung aber schnell in Enttäuschung um, wenn sie bemerkten, dass sich für sie letztlich nichts geändert hat.

Ich arbeite in einem offenen Kinder- und Jugendhaus. Die Einrichtung befindet sich in einer Plattenbausiedlung. Die Bevölkerungsdichte ist hoch, ebenso die Anzahl der Familien mit Multiproblemlagen. Viele Besucher*innen des Kinder- und Jugendhauses sind Kinder, Jugendliche und Heranwachsende, die in prekären Lebensverhältnissen auswachsen. Einige von ihnen haben bereits Straftaten begangen und einige mussten eine Jugendstrafe verbüßen. In Gesprächen, nach der Entlassung, erzählten sie, wie sie in der Haftanstalt an verschiedenen Programmen, wie beispielsweise Drogenberatung oder sozialen Trainingskursen teilnahmen. Sie absolvierten diese freiwillig, obwohl sie nie Alkohol oder andere Drogen konsumierten, in dem Wissen, hierdurch ihre Zeit im Jugendstrafvollzug verkürzen zu können. Sie schilderten mir, wie sie sich in Beratungsangeboten offen und reumütig zeigten und versuchten die Sozialarbeiter*innen, in der Hoffnung auf eine positive Resonanz und Prognose, zu manipulieren. Da die meisten von ihnen bereits Erfahrungen mit verschiedensten Hilfeangeboten des Jugendamtes gemacht haben, glauben sie zu wissen, was Sozialarbeiter*innen hören möchten und wie eine Intervention erfolgt. Einige der entlassenen Jugendlichen und Heranwachsenden wurden nach kurzer Zeit wieder straffällig. Sie kehrten in ihr altes Umfeld zurück und ihr Leben verlief wieder nach dem alten Muster. Einen Beitrag hierzu leisteten auch die Stigmatisierungen und Vorurteile, mit denen viele konfrontiert wurden. Anerkennung und Wertschätzung erfuhren sie nur durch den Freundeskreis, der ebenfalls aus delinquenten Jugendlichen und Heranwachsenden besteht. Sie schilderten aber auch positive Veränderungen, die ihnen der Jugendstrafvollzug ermöglichte. Die Möglichkeit, eine Ausbildung zu beginnen und, in den meisten Fällen, auch abzuschließen, nahmen alle in Anspruch. Nach der Entlassung fanden aber nicht alle eine Arbeit. Auch die Suche nach einer Wohnung war für sie problematisch. Ein Jugendlicher erzählte mir, dass sein Bewährungshelfer überfordert wäre und er sich selbst um Wohnung und Arbeit kümmern müsse. Ein Anderer schilderte, dass ihn keiner einstellen wolle, da er bereits im Gefängnis gewesen wäre und ihn nun alle für kriminell halten würde. Daher wolle er wieder zu seiner alten Clique zurück. Ich führte ebenso Gespräche mit Sozialarbeiter*innen, die im Strafvollzug tätig sind. Einige schilderten, dass sie oft das Gefühl haben, ein Angebot durchzuführen, weil es Teil ihrer Arbeit ist, sie letztlich aber weder Sinn noch Erfolg in diesem sehen. Sie bemerken durchaus den Bedarf an alternativen Angeboten. Aufgrund mangelnder Gelder oder ihrer geringeren Stellung als Sozialarbeiter*innen in der Hierarchie des Jugendstrafvollzugs werden ihre Belange abgewiegelt.

Aus allen diesen Erzählungen heraus, stellte ich mir die Frage, ob der Erziehungsauftrag im Strafvollzug erfüllt werden kann. Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich klären, was der Erziehungsauftrag im Jugendstrafvollzug bedeutet und ob Erziehung im Kontext von Strafe und Zwang erfolgen kann. Die zentrale Hypothese lautet hierbei: Der Zwangskontext des Jugendstrafvollzugs fördert Anpassungsprozesse und erschwert die Erfüllung des Erziehungsauftrags. Die Überprüfung der Forschungshypothese erfolgt mittels Literaturrecherche, Analyse von Statistiken und Gesetzen sowie der Darstellung verschiedener Forschungsprojekte. Dieser Hypothese folgend wird in den nachfolgenden Kapiteln aufgezeigt, inwiefern sie verifiziert oder falsifiziert werden kann.

Kapitel zwei setzt sich mit der historischen Entwicklung und den gesetzlichen Regelungen der Jugendstrafe auseinander, anschließend werden die Kriminalitäts-, Strafverfolgungs- und Rückfallstatistiken näher beleuchtet. In Kapitel drei erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Theorie Ervin Goffmanns über totale Institutionen und inwiefern diese Anpassungsprozesse fördern. Kapitel vier verdeutlicht die Widersprüche im Erziehungsauftrag und welche Hemmnisse bei der Aufdeckung von Anpassungsprozessen entstehen. Kapitel fünf widmet sich den Forschungsprojekten zum Thema Jugendstrafvollzug. Hierbei wurden Studien ausgewählt, die die Perspektive der Inhaftierten im Fokus des Erkenntnisinteresses haben. Nachfolgend wird in Kapitel sechs die Rolle Sozialer Arbeit in Zwangskontexten diskutiert.

2. Das Jugendstrafrecht

Die Gesetze, die heute das Jugendstrafrecht bestimmen, wie das Jugendgerichtsgesetz, sind im Laufe des letzten Jahrhunderts entstanden. Die Grundlage, auf der die Urteile über junge Menschen gefällt werden, hat demnach eine lange Tradition. Ebenso wie die Vorstellung, dass es der Erziehung bedarf, damit Jugendliche und Heranwachsende sich in die Gesellschaft integrieren können. Im Folgenden zeigt die historische Entwicklung, wie der Erziehungsgedanke und die gesetzlichen Grundlagen des Jugendstrafrechts entstanden sind. Anschließend werden die für diese Arbeit wichtigsten Gesetze kurz dargestellt. Letztlich erfolgt ein Einblick in die aktuellen Kriminalitäts-, Strafverfolgungs- und Rückfallstatistiken über Jugendlichen und Heranwachsenden.

2.1 Historische Entwicklungen

Erziehung, Jugend und Jugendstrafe sind Begriffe, die erst in den letzten Jahrhunderten entstanden sind. Um ein tieferes Verständnis vom heutigen Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht zu erlangen, bedarf es einer Analyse des historischen Kontexts, in dem sich die Vorstellung vom heutigen Erziehungsauftrag entwickelte.

Das frühere Strafsystem diente primär der Vergeltung und der Abschreckung. Es gab kaum altersspezifische Sonderregelungen und keine vom allgemeinen Strafrecht abweichende eigenständige Gesetzgebung für Kinder und Jugendliche. Dies resultiert daraus, dass es bis ins 19. Jahrhundert keine Lebensphase Jugend gab. Auch Kinder wurden als junge Erwachsene wahrgenommen und behandelt. Es gab für sie keine Institutionen der Erziehung und Bildung, wie Schulen. Somit auch keinen geschützten Raum, innerhalb derer sie ihre altersspezifischen Entwicklungsaufgaben lösen konnten. Kinder nahmen weitgehend am Erwachsenenleben teil und erlernten durch einfaches Mitmachen ihre späteren beruflichen Tätigkeiten. Diejenigen, die dem nicht freiwillig nachkamen wurden oft mit Gewalt gezwungen. (Cornel 2011, S. 463f.).

Eine Sonderregelung im Strafrecht gab es hinsichtlich der Strafreife und dem Ansinnen auf milderer Bestrafungen. Im römischen Recht wurde die Strafreife auf 7 Jahre festgelegt. Im Mittelalter auf 7 bis 14 Jahre, ab 14 Jahren wurden die gleichen Sanktionen wie bei Erwachsenen verhängt (Laubenthal, Baier, Nestler 2010, S. 11). Deutlich wird hierbei, dass Kinder unter 7 Jahren nicht strafrechtlich verfolgt wurden. Sie wurden aber von ihren Eltern oder den Geschädigten hart bestraft. Erzieherische Aspekte des Strafens und weitere strafrechtliche Sonderbehandlungen waren nicht begründbar, da es solche Behandlungen im Alltagsleben auch nicht gab. Sie spielten zu dieser Zeit daher keine Rolle (Cornel 2011, S. 456f.).

Im 18. Jahrhundert gab es vermehrt pädagogische Diskurse zum Thema Erziehung. Die Sensibilität für die Lebensphase Kindheit wurde, durch herausbilden der Kleinfamilie und später auch die Einführung der Schulpflicht, stärker. Insbesondere durch die Schule erhielten Kinder eine Sonderbehandlung, indem sie dort weitgehend von der Außenwelt und dem Arbeitsleben abgegrenzt waren. Ende des 19. Jahrhundert etablierte sich schließlich auch die Lebensphase Jugend, mit einem eigenen Schonraum (ebd. S. 461f.).

Bedingt durch die zunehmende Sensibilisierung für die Lebensphasen Kindheit und Jugend und die damit einhergehenden Problemlagen dieser, entstanden neue Vorstellungen über Erziehung und Bildung, auch im Strafvollzug. In der Debatte um alternative Erziehungsmöglichkeiten und Strafen entstand das Erziehungsstrafrecht. Innerhalb der Fürsorgeerziehung konnte die Unterbringung von Kinder und Jugendliche, wenn deren Erziehung nicht gewährleistet werden konnte oder Verwahrlosung drohte, auch gegen den Willen der Eltern in Heime der Jugendfürsorge angeordnet werden (ebd. S. 465). Aus der Vorstellung heraus, Jugendliche und Kinder mit abweichendem Verhalten haben Erziehungsdefizite und diese müssten korrigiert werden, entstanden für diesen Zweck Heime und Erziehungsanstalten. In den Landesfürsorgeheimen, wie beispielsweise Torgau, wurde das neue Verständnis von Erziehung oft mit Repressionen und Gewalt durchgesetzt. Die pädagogischen Diskurse hatten auch unmittelbare Folgen auf die Strafmündigkeit. Im Reichsstrafgesetzbuch von 1871 wurde sie auf 12 Jahre festgesetzt, ab 18 Jahren galt man als voll straffähig. Jugendliche konnten bei mangelnder Einsicht frei gesprochen werden, wurden aber daraufhin oft in Erziehungs- und Besserungsanstalten untergebracht (Laubenthal, Baier, Nestler 2010, S. 11).

Großen Einfluss hatte auch die soziologische Strafrechtschule Franz von Liszts. Er verdeutlichte den Zusammenhang zwischen zweckrationaler Kriminalpolitik und der Notwendigkeit von Erziehung der delinquenten Jugendlichen. Der Staat sollte steuernd eingreifen und anstatt vergeltender Strafe stärker auf präventives Täterstrafrecht setzen. Als Ursachen abweichenden Verhaltens wurden allerdings nicht gesellschaftliche, ökonomische oder politische Verhältnisse thematisiert, sondern mangelnde Erziehung und die Verwahrlosung der Jugend (Cornel 2011, S. 465). Im Jahr 1908 entstanden die ersten Jugendgerichte. Sie arbeiteten mit der Jugendfürsorge zusammen, die den Beschuldigten im Strafverfahren beistanden, Berichte über Erziehungsverhältnisse und Vorschläge für Erziehungshilfen einbrachten. Aus diesem Beistand entwickelte sich nach und nach die Jugendgerichtshilfe. Ende des 19. Jahrhunderts wurden in den Strafvollzugsanstalten Erwachsene und junge Inhaftierte räumlich getrennt. Das erste Jugendgefängnis entstand 1912 in Wittlich. Die Erziehung erfolgte, gemäß der Erziehung im Kaiserreich, durch Exerzierübungen und militärischen Drill (Laubenthal, Baier, Nestler 2010, S. 13f.). Obwohl es bereits seit 1908 Jugendgerichte gab, wurden Urteile auf Grundlage des allgemeinen Strafrechts gefällt. Eine Änderung gab es erst in den Jahren 1922 und 1923 mit der Einführung eines dualistischen Systems des Jugendrechts. Einerseits wurde ein Sonderstrafrecht für Jugendliche etabliert, das deren pädagogische Bedürfnisse berücksichtigen sollte. Andererseits sollte die Jugendwohlfahrtspflege erzieherisch und helfend auf die Jugendlichen einwirken. Bis heute gibt es kein einheitliches Jugendrecht. Die Trennung zwischen Jugendkriminalitätsrechtspflege und Jugendhilfe besteht seit den 1920ern (ebd. S. 12). Im Jahr 1943 erfolgte eine Dreigliederung der jugendstrafrechtlichen Sanktionen in Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel und Jugendstrafe. Diese Gliederung wurde auch mit der Gesetzesreform 1953, innerhalb der das heutige Jugendgerichtsgesetz (JGG) entstand, beibehalten und hat bis heute Bestand. Zudem wurde, im Zuge der Reform, die Strafmündigkeit auf das vollendete 14. Lebensjahr festgesetzt (ebd. S. 17f.).

In den 1980er und 1990er Jahren gab es einige weitere Veränderungen des JGG. Es wurden beispielsweise ambulante Maßnahmen als Erziehungsmaßregeln festgelegt (Cornel 2011, S. 468). Hierzu gehören unter anderem der Soziale Trainingskurs, der Täter-Opfer-Ausgleich und die Betreuung und Aufsicht durch einen Betreuungshelfer (§10 Abs. 1 S. 3JGG).

Durch die Förderalismusreform 2006 erhielten die einzelnen Bundesländer die Kompetenz, eigene Landes-Strafvollzugsgesetze zu verabschieden. Seit 2008 haben die Bundesländer eigene Jugendstrafvollzugsgesetze. Im Jahr 2007 wurde im JGG der Erziehungsgedanke klar benannt und formuliert (Laubenthal, Baier, Nestler 2010, S. 23f.). Im § 2 Abs.1 JGG wird der Erziehungsgedanke wie folgt formuliert „Die Anwendung des Jugendstrafrechts soll vor allem erneuten Straftaten eines Jugendlichen oder Heranwachsenden entgegenwirken. Um dieses Ziel zu erreichen, sind die Rechtsfolgen und unter Beachtung des elterlichen Erziehungsrechts auch das Verfahren vorrangig am Erziehungsgedanken auszurichten“ (§ 2 JGG Abs.1 JGG).

Zusammenfassend zeigt sich, dass im Laufe der letzten Jahre ein Umdenken stattgefunden hat. Durch die Anerkennung der Lebensphase Jugend, finden Jugendliche und ihre altersspezifischen Entwicklungsaufgaben mehr Beachtung. Im Spannungsfeld zwischen Kindheit und Erwachsenenalter sehen sie sich Rollenkonflikten und unterschiedlichen Verhaltensanforderungen ausgesetzt. Im Laufe ihres Sozialisationsprozesses müssen sie sowohl Individuations-anforderungen, das heißt Bildung einer individuellen Persönlichkeitsstruktur, bewältigen, als auch den Integrationsanforderungen der Gesellschaft gerecht werden (Hurrelmann 2007, S. 67f.). Die Jugendphase ist daher oft geprägt von abweichendem Verhalten, dass im weiteren Lebensverlauf zumeist wieder endet. Hierbei handelt es sich jedoch in der Regel nicht um Erziehungsdefizite. Diese Vorstellung hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts allerdings festgesetzt und fand durch den Erziehungsgedanken auch Einzug im Strafrecht. Der Erziehungsgedanke impliziert, dass mittels erzieherischer Maßnahmen delinquentem Verhalten entgegengewirkt und gesellschaftlich konformes Verhalten hergestellt werden kann. „Mittels jugendstrafrechtlicher Reaktionen auf Normbrüche junger Menschen soll eine Steigerung der Bereitschaft zur Normbefolgung durch Vermittlung der Fähigkeit, weiteres normwidriges Verhalten zu vermeiden, erreicht werden. Angestrebt wird somit eine Beeinflussung der straffällig Gewordenen dahin gehend, dass sie zukünftig Entscheidungen treffen, die konform mit den Normen der Gesellschaft sind, in die sie integriert werden sollen.“ (Laubenthal, Baier, Nestler 2010, S. 3f.).

Es zeigt sich ebenso, dass die Vorstellung von Erziehung statt Strafe, wie sie in pädagogischen Diskursen oft erfolgte, sich nicht durchsetzen konnte. Viele Gesetze und Reformen sind teilweise 100 Jahre alt und beinhalten die damaligen gesellschaftlichen Werte und Vorstellungen über Strafe, Kontrolle und Erziehung. Die Vorstellung, delinquentes Verhalten mit Strafen, wie einer Inhaftierung, zu ahnden, haben sich nicht großartig verändern können. Noch immer steht der Gedanke des Strafens vor dem der Erziehung. Ein Umdenken, ist ein Prozess, der wohl noch einige Jahre der Aufklärung bedarf.

2.2 gesetzliche Regelungen

Das Ziel der Jugendstrafe ist, wie in Kapitel 2.1 dargestellt, die Legalbewährung. Das heißt durch die Jugendstrafe soll mit erzieherischen Maßnahmen weiteren Straffälligkeiten entgegen gewirkt werden.

Das JGG unterscheidet zwischen sachlichem und persönlichem Geltungsbereich. Laut §1 Abs. 1 JGG umfasst der sachliche Geltungsbereich die begangenen Verfehlungen, die nach allgemeinen Vorschriften bestraft werden. Gemeint sind hierbei das Strafgesetzbuch und alle anderen strafgesetzlichen Nebengesetze. Der persönliche Geltungsbereich umfasst Jugendliche und Heranwachsende, wobei das JGG hier eine Legaldefinition für diesen Personenkreis vorgibt „Jugendlicher ist, wer zur Zeit der Tat vierzehn, aber noch nicht achtzehn, Heranwachsender, wer zur Zeit der Tat achtzehn, aber noch nicht einundzwanzig Jahre alt ist“ (§ 1 Abs. 2 JGG). Für Heranwachsende gibt es eine Einschränkung. Das Jugendstrafrecht wird bei Heranwachsende angewendet, wenn dieser zur Tatzeit „seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand“ (§ 105 Abs.1 JGG) oder wenn es sich bei der Tat um eine Jugendverfehlung handelt. Jugendliche sind bedingt strafmündig, dies ergibt sich aus § 3 JGG. Sie sind demnach nur dann für ihre Taten strafrechtlich verantwortlich, wenn sie, gemäß ihrer Entwicklung, die notwendige Einsichts- und Handlungsfähigkeit haben (§ 3 JGG). Dies impliziert, dass es im Zweifelsfall spezieller Gutachten bedarf. Die Entscheidung, ob ein Jugendlicher für seine Taten verantwortlich ist, fallen die Richter*innen und nicht die Gutachter*innen. Das JGG enthält drei Möglichkeiten der Sanktionen: Erziehungsmaßregeln, Zuchtmittel und Jugendstrafe (§ 5 Abs. 1 und 2 JGG). Die Jugendstrafe gilt hierbei, gemäß dem Ultima-Ratio-Prinzip, als letztes Mittel. Sie wird verhängt, wenn aufgrund schädlicher Neigungen Erziehungsmaßregeln und Zuchtmittel nicht ausreichen oder die Schwere der Schuld es erfordert (§ 17 Abs.2 JGG). Die Dauer der Jugendstrafe bemisst sechs Monate bis 5 Jahre. Insofern es sich bei der Tat um ein Verbrechen handelt, das im allgemeinen Strafrecht die Höchststrafe vorsieht, können Jugendliche zu einer Höchststrafe von zehn Jahren verurteilt werden (§ 18 Abs.1 JGG). Das JGG gibt zudem vor, dass die Dauer der Jugendstrafe so zu bemessen ist, dass in deren Verlauf die notwendige Erziehung erfolgen kann (§ 18 Abs.2 JGG). Für Heranwachsende beträgt die Höchstdauer zehn Jahre. Die Strafe kann bei Mord auf fünfzehn Jahre erhöht werden (§ 105 Abs.3 JGG). Bei einem Verfahren die dem Jugendstrafrecht unterliegen, muss die Jugendgerichtshilfe herangezogen werden (§ 38 Abs.3 Satz1 JGG). Sie betreuen die Beschuldigten vor und während des Verfahrens insbesondere in erzieherischen und sozialen Belangen. Sie unterstützen die Behörden bei Ermittlungen „Die Vertreter der Jugendgerichtshilfe bringen die erzieherischen, sozialen und fürsorgerischen Gesichtspunkte im Verfahren vor den Jugendgerichten zur Geltung. Sie unterstützen zu diesem Zweck die beteiligten Behörden durch Erforschung der Persönlichkeit, der Entwicklung und der Umwelt des Beschuldigten und äußern sich zu den Maßnahmen, die zu ergreifen sind.“ (§ 38 Abs. 2 Satz 1 und 2 JGG). Sie können demnach dem Gericht Vorschläge über angemessene Möglichkeiten der Bestrafung und weiterer Maßnahmen unterbreiten. Über die Art der Strafe und des Strafmaßes entscheidet der Richter. Die Jugendgerichtshilfe bringt in dem Verfahren die wichtige und notwendige Sicht der Sozialen Arbeit ins Spiel und hat die Möglichkeit regulierend zu wirken. Denn es gilt zu beachten, dass die Beteiligten im Verfahren, wie Richter*in, Staatsanwaltschaft und Anwält*innen Jurist*innen sind und keine Sozialarbeiter*innen.

Der Vollzugsablauf wird durch die Gesetze der Bundesländer geregelt. Sie sind mitunter unterschiedlich in ihren Formulierungen und Ausführungen, der Ablauf einer Jugendstrafe ist aber weitgehend gleich geregelt. Mit Haftantritt erfolgt ein Aufnahmeverfahren. Die Ergebnisse der Eingangsuntersuchung dienen der Erstellung des Vollzugsplans. Dieser wird in einigen Bundesländern auch als Erziehungsplan oder Förderplan bezeichnet (Laubenthal, Baier, Nestler 2010, S. 400). Nachfolgend sollen beispielhaft einige Gesetze des sächsischen Jugendstrafvollzugsgesetz (SächsGVBI) dargestellt werden.

Das SächsGVBI formuliert in seinem Erziehungsauftragn„Sie sind zur Ehrfurcht vor allem Lebendigen, zur Nächstenliebe, zum Frieden und zur Erhaltung der Umwelt, zur Heimatliebe, zu sittlichem und politischem Verantwortungsbewusstsein, zu Gerechtigkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des Anderen, zu beruflichem Können, zu sozialem Handeln und zu freiheitlicher demokratischer Haltung zu erziehen“ (§ 3 Abs.1 Satz 3 SächsGVBI). Eine Erläuterung, was Begriffe, wie „sittliches Verantwortungsbewusstsein“ oder „Heimatliebe“ bedeuten, gibt es nicht. Dem Gesetzestext zufolge sind Eigenschaften, wie Umweltbewusstsein, Ehrfurcht, Nächstenliebe und Achtung vor der Meinung anderer, Ziele von Erziehung und befähigen zu einem eigenverantwortlichen Leben in der Gesellschaft. Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, inwieweit andere Gesellschaftsmitglieder diese Eigenschaften in sich vereinen oder Erziehungsdefizite haben. Deutlich wird hierbei, dass die einzelnen Begriffe einer genaueren Definition bedürfen, wenn nicht sogar einer Überarbeitung.

Laut SächsGVBl ist der Jugendstrafvollzug so zu gestalten, dass er so weit wie möglich den allgemeinen Lebensverhältnissen entspricht und negativen Folgen der Haft abgewendet werden können (§ 3 Abs.4 Satz 1 und 2 SächsGVBl). Ob dies möglich ist, ist fraglich. Eine Inhaftierung bedeutet einen gravierenden Einschnitt in die Biografie der jungen Menschen. Zudem handelt es sich um eine Zwangsunterbringung. Innerhalb geschlossener Einrichtungen gelten Regeln und Verhaltensanforderungen werden gestellt, die nicht unbedingt mit den Lebensverhältnissen außerhalb der Haftanstalt konform sind. So formuliert das Gesetz „Die Belange von Sicherheit und Ordnung in der Anstalt sowie die Belange der Allgemeinheit sind zu beachten“ (§ 3 Abs.4 Satz 3 SächsGVBl). Dies lässt vermuten, dass Sicherheit und Ordnung wichtige, wenn nicht sogar die wichtigsten, Prämissen für den Umgang mit Inhaftierten sind.

Die Erziehung soll, abgestimmt auf individuelle Bedarfe, durch verschiedene Maßnahmen und Programme erfolgen, wie beispielsweise schulische Bildung, berufliche Qualifizierung und soziale Integration (§ 5 SächsGVBl). Die Jugendlichen und Heranwachsenden müssen am Vollzugsziel mitwirken. Diese Mitwirkung soll dabei mittels Motivation, Belohnung und Anerkennung erfolgen (§ 4 SächsGVBl). Allerdings stellt sich hierbei die Frage, inwieweit eine Mitarbeit in diesem Zwangskontext möglich ist. Laut § 82 Abs.1 können Disziplinarmaßnahmen verhängt werden, wenn gegen die auferlegten Pflichten verstoßen wird (§ 82 SächsGVBl). Um diesen Maßnahmen zu entgehen, werden von den jungen Inhaftierten oft Anpassungsstrategien angewendet.

Pflichtverstöße werden in erzieherischen Gesprächen aufgearbeitet und erzieherische Maßnahmen, wie Weisungen, Beschränkungen und Entzug einzelner Gegenstände können folgen. (§ 81 SächsGVBl). Sind die erzieherischen Maßnahmen nicht ausreichend, dürfen Disziplinarmaßnahmen verhängt werden. Diese sind unter anderem: Beschränkung oder Entzug des Fernsehens, Beschränkung oder Entzug von Gegenständen bis zu zwei Monaten, Beschränkung oder Entzug von Gruppenaufenthalten und Freizeitbeschäftigungen bis zu zwei Monaten, Beschränkung oder Entzug des Hausgeldes und der Einkaufsmöglichkeiten (§ 82 SächsGVBl).

Die Besuchszeit ist zumeist auf vier Stunden monatlich festgelegt. Weitere Besuchsmöglichkeiten werden gewährt, wenn es der Erziehung oder Eingliederung förderlich ist (§ 47 SächsGVBl). Die Besuche finden unter Aufsicht statt (§ 49 Abs.2 SächsGVBl). Im Einzelfall dürfen Gespräche überwacht werden, insofern es dem Erziehungsziel oder der Sicherheit und Ordnung der Haftanstalt dient (§ 50 SächsGVBl). Die Inhaftierten, ihre Sachen und die Hafträume dürfen vom Personal durchsucht werden (§ 65 Abs.1 SächsGVBl). Es werden Arbeitstherapeutische Maßnahmen, Arbeitstrainings, schulische und berufliche Qualifizierungsmaßnahmen angeboten. Ziel ist die Aufnahme einer Arbeit nach der Entlassung. (§ 37 SächsGVBl).

2.3 Kriminalitäts- , Strafverfolgungs- und Rückfallstatistik

Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik gibt einen Überblick über Art und Häufigkeit der begangenen Straftaten von Jugendlichen und Heranwachsenden. Bei dieser Statistik muss beachtet werden, dass nur Straftaten im Hellfeld erfasst werden. Das heißt, Delikte die aus verschiedenen Gründen nicht angezeigt und aufgeklärt werden oder gegen die nicht ermittelt wird, finden keine Beachtung. Es ist zu vermuten, dass die Straftaten im Dunkelfeld wesentlich höher sind. Diese Daten können durch Befragungen der Jugendlichen und Heranwachsenden erfasst werden. Eine statistische Erfassung angezeigter Delikte und Tatverdächtiger erfolgt auch erst nach Abschluss der Ermittlungen, wenn der Fall an die Staatsanwaltschaft übergeben wird. Fälle, denen die Polizei, trotz Anzeige, nicht nachgeht, werden nicht erfasst (BMI 2017, S. 5). Die Statistik erfasst zudem keine Verurteilungen. Es ist demnach möglich, dass Tatverdächtige in der Kriminalstatistik erfasst werden, in einem Verfahren aber frei gesprochen werden. Eine nachträgliche Revidierung der Deliktarten erfolgt auch nicht, so ist es möglich, dass vor Gericht die Tatvorwürfe umgedeutet werden oder von einer weiteren Strafverfolgung abgesehen wird. Im Jahr 2016 wurden insgesamt 2.360.806 Tatverdächtige registriert. Der Anteil Jugendlicher betrug davon 8,9%. Im Gegensatz zu 9,2 % im Vorjahr 2015 ist die Zahl leicht gesunken (ebd. S. 10). Die häufigsten Straftaten waren in dieser Altersklasse: Körperverletzung, Ladendiebstahl, Straßenkriminalität und Sachbeschädigung (ebd. S. 17). Der prozentuale Anteil Heranwachsender betrug sowohl 2016 als auch 2015 9,8% (ebd.). Die Mehrheit der Tatverdächtigen war männlich. Die häufigsten registrierten Straftaten waren: Körperverletzung, Diebstahl und Betrug (ebd. S. 18). Insgesamt wurden im Berichtsjahr 2016 28,1% der Jugendlichen und 29,2% der Heranwachsenden mindestens zweimal polizeilich erfasst (ebd. S. 61).

Die Grundlage der Strafverfolgungsstatistik bilden die Verwaltungsdaten der Strafvollstreckungsbehörden aller Bundesländer. Schwerpunkte der Statistik sind unter anderem: demografische Merkmale, Art der Strafe und Art der Sanktionen. Nicht erfasst werden Strafverfahren, die eingestellt wurden (Statistisches Bundesamt 2017a, S. 5 f). Im Jahr 2015 erfolgten insgesamt 65.342 Verurteilungen nach dem Jugendstrafrecht, dies betraf 31341 Jugendliche und 34001 Heranwachsende. (ebd. S. 93). Zu einer Jugendstrafe wurden davon 10.550 Personen 16 verurteilt. (ebd. S. 16). Die Mehrheit der Verurteilten, insgesamt 49% der Jugendlichen und Heranwachsenden, erhielten eine Jugendstrafe bis zu einem Jahr. Weitere 36% der Verurteilte erhielten eine Jugendstrafe in Höhe von ein bis zwei Jahren und 15% eine Strafe bis zu zehn Jahren (ebd. S. 289). Die häufigsten Straftaten, die zu einer Jugendstrafe führten waren 2015: Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit, Diebstahl und Unterschlagung, Raub und Erpressung, Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz (ebd. S. 294ff.). Laut einer Zählung der Justizvollzugsanstalten zum Stichtag 31. August 2017 befanden sich 3613 Jugendliche und Heranwachsende im Jugendstrafvollzug. Die Anzahl ist zu den Vorjahren 2016 mit 3682 Personen und 2015 mit 3945 Personen gesunken (Statistisches Bundesamt 2017b, S. 6, 16, 31). Die Diskrepanz zwischen den Verurteilungen und der dagegen geringeren Belegung der Jugendstrafanstalten hat verschiedene Ursachen. Die Zählung umfasst alle inhaftierten Personen, die sich zu diesem Zeitpunkt in den Jugendstrafvollzugsanstalten befanden. Inhaftierte, die Haft- oder Wochenendurlaub hatten und Personen, die kurz zuvor entlassen wurden, wurden demzufolge nicht erfasst (ebd. S. 4).

Die amtliche Rückfallstatistik aus dem Bezugszeitraum 2010-2013 belegt den Zusammenhang zwischen Rückfallrate und der Schwere der verhängten Strafe. Das heißt, je härter die Strafe, desto höher die Rückfallrate. Insgesamt wurden 69% der Jugendlichen, die zu einer Jugendstrafe verurteilt wurden und 64% der Heranwachsenden erneut straffällig. Bezieht man alle Verurteilungen nach dem Jugendstrafrecht ein, liegt die Rückfallrate bei 41%, davon werden in der Folge 3% erneut zu einer Jugendstrafe verurteilt (Jehle, Albrecht u.a. 2016, S.47). In diesem Fall scheinen sich die verhängten Maßnahmen zu bewähren. Betrachtet man jedoch die Anzahl der zu einer Jugendstrafe Verurteilten und denjenigen, die nach einer erneuten Straftat wieder eine Jugendstrafe verbüßen müssen, liegt diese bei 30% (ebd. S.62). Zu beachten ist hierbei, dass Heranwachsende, die nach Verbüßen einer Jugendstrafe erneut straffällig wurden und anschließend nach allgemeinem Strafrecht verurteilt wurden, in dieser Statistik nicht einbezogen sind. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass alternative Maßnahmen zur Jugendstrafe einen positiven Effekt haben und die Rückfallraten geringer sind. Hingegen bedingen freiheitsentziehende Maßnahmen ein höheres Rückfallrisiko. Die Rückfallstatistik registriert nur Straftaten, die zu einer erneuten Verurteilung führten. Die Straftaten, die nicht angezeigt oder aufgeklärt wurden, werden nicht berücksichtigt. Es ist demnach möglich, dass nach Verbüßen einer Jugendstrafe erneut Straftaten begangen werden, aber keine Verurteilung erfolgt. Die Rückfallrate im Dunkelfeld kann also wesentlich höher sein.

3. Anpassungsverhalten in Totalen Institutionen

Totale Institutionen, wie der Jugendstrafvollzug, sind geschlossene Systeme, innerhalb derer es eine eigene Organisationstruktur mit eigenen formale Regeln gibt. Die Gestaltung des Alltags kann nicht selbstbestimmt werden, er wird von anderen weitgehend vorgeplant. Die Inhaftierung erfolgt aufgrund einer Verurteilung. Sie ist nicht freiwillig und erfolgt unter Zwang. Welche Auswirkungen das Leben in einer totalen Institution haben kann, soll im Folgenden auf Grundlage von Erving Goffmanns Ausführungen dargestellt werden.

3.1 Totale Institutionen

Goffmann definiert totale Institutionen, wie Gefängnisse, folgendermaßen „Eine totale Institution läßt sich als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen“ (Goffmann 1973, S. 11). In modernen Gesellschaften sind, so Goffmann, die Lebensbereiche Arbeiten, Schlafen und soziale Interaktionen örtlich voneinander getrennt. Typischerweise unterstehen Personen in den einzelnen Bereichen unterschiedlichen Autoritäten, interagieren mit verschiedenen Personen und haben keinen umfassenden rationalen Plan, der ihr Handeln bestimmt. In Gefängnissen ist diese Trennung jedoch aufgehoben (ebd. S. 17). In Jugendstrafvollzugsanstalten sind alle Lebensbereiche ortsgebunden und finden innerhalb der Institution Gefängnis statt. schlafen, arbeiten und lernen. Auch Soziale Hilfen, wie soziale Trainingskurse, Drogen- und Suchtberatung, die zumeist von freien Trägern angeboten werden, finden in der Vollzugsanstalt statt. Personen, mit denen soziale Interaktionen erfolgen können, sind Mitgefangene, Justizvollzugsbeamt*innen, Sozialarbeiter*innen und weitere Personen, die innerhalb der Vollzugsanstalt arbeiten. Diesen Interaktionen können die Inhaftierten nur schwer entgehen. Sie sind, anders als außerhalb der Institution, diesen oft ausgesetzt. Besuche durch Familie, Freunde, Ehe- und Lebenspartner*innen sind zwar möglich, aber sie finden in der Anstalt zu bestimmten Zeiten statt. Die Inhaftierten unterstehen einer Autorität. Der Tagesablauf unterliegt strikten Regeln und das Leben im Jugendstrafvollzug folgt einem rationalen Plan, die Ziele der Institution, Resozialisierung und ein Leben ohne weitere Straftaten, zu erreichen. Die bürokratische Organisation einer großen Menschengruppe und damit auch die Regelung vieler ihrer menschlichen Bedürfnisse ist ein zentrales Merkmal totaler Institutionen (ebd. S. 18). Daraus ergibt sich, dass eine fundamentale Trennung und hierarchische Beziehung zwischen der großen Gruppe der jungen Inhaftierten und den weniger zahlreichen Justizvollzugsbeamt*innen entsteht. Die Aufgaben der Beamt*innen sind insbesondere Kontrolle und Überwachung der Inhaftierten und der innerhalb der Institution gültigen (Verhaltens)Regeln. Die Beamt*innen sind in der Außenwelt integriert, in die sie täglich, nach ihrer Arbeitszeit zurückkehren. Die Unterschiede beider Gruppe zeigen sich auch in gegenseitigen Vorurteilen und Stereotypen. Die Inhaftierten werden von den Beamt*innen häufig als verbittert, verschlossen und kaum vertrauenswürdig beurteilt, während die Inhaftierten die Beamt*innen als herablassen und hochmütig wahrnehmen. Die Kommunikation zwischen beiden Gruppen ist sehr formell und stark eingeschränkt. Die Vollzugsbeamt*innen haben zudem einen Informationsvorsprung, die Institution aber auch die Inhaftierten betreffend. Diese sind, ob wissentlich oder nicht, sofern sie nicht kommuniziert werden, ein Machtinstrument, das die Distanz verstärkt und die herrschenden Stereotypen aufrechterhält. Es entstehen zwei unterschiedliche kulturelle und soziale Welten, die nebeneinander existieren und sich kaum durchdringen (ebd. S. 19f.).

Der Tagesablauf der Inhaftierten ist weitgehend vorgeplant. Hierzu gehören auch individuellen Maßnahmen, wie schulische Bildung oder berufliche Qualifikation, Beratungen und soziale Trainings. Den Jugendlichen und Heranwachsenden werden verschiedene Anreize als Motivation geboten, um ihre Teilnahme an den Programmen sicherzustellen. Diese Anreize haben allerdings nicht die gleiche Funktion, wie sie sie in der Außenwelt haben (ebd. S. 21).

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Details

Titel
Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Der Erziehungsauftrag im Jugendstrafvollzug
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Soziale Arbeit)
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V435288
ISBN (eBook)
9783668782921
ISBN (Buch)
9783668782938
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendstrafe, Jugendstrafvollzug, Ervin Goffmann, Anpassung, Erziehungsgedanke
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Der Erziehungsauftrag im Jugendstrafvollzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435288

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Titel: Soziale Arbeit in Zwangskontexten. Der Erziehungsauftrag im Jugendstrafvollzug



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