Der Schlieffenplan bietet heute noch ein breites Forschungsfeld im Bereich der Militärgeschichte, das zu Diskussionen einlädt. So gibt es in jüngster Zeit die breite Debatte darüber, ob es den militärisch-dogmatischen Plan General Schlieffens tatsächlich gab, oder ob dies nur eine Legende ist. Diese militärhistorische Analyse behandelt folgende Fragen: Was hat General Schlieffen zu Ende des 19. Jahrhunderts wirklich geplant und taktisch geprobt? Was haben seine Nachfolger aus den Erkenntnissen des Generals zu Beginn des 20. Jahrhunderts gefolgert? Baute Moltke auf die militärpolitische Analyse seines Lehrmeisters Schlieffen auf, oder kam er zu ganz anderen Schlussfolgerungen? Wie agierten die potentiellen Kriegsgegner und Verbündeten der Deutschen Großmacht? Und wie operierte Deutschland zu Beginn des Ersten Weltkrieges wirklich?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Modernität und die Military Revolution
1. Die dynamische Moderne und das Kriegswesen
2. Der industrielle Faktor als militärisches Fundament
3. Die geostrategische Lage am Beispiel Großbritanniens zwischen Transformation und Modernität
4. Technologische und administrative Strukturveränderungen und das Aufkommen halbhegemonialer Großmächte
5. Rußlands frühe strukturierte Schwächen
6. Die Form des totalen Krieges als Vorbote des 1. Weltkrieges als echte Military Revolution
7. Die geopolitische Frage in Zeiten des aufkommenden multipolaren Systems
8. Die geopolitische Lage zwischen 1890 und 1914 als Ausfluss der strategischen Bündnispolitik im multipolaren System
III. Die theoretische Begriffserklärung von Taktik, Strategie und Operation zum Verständnis des militärhistorischen Diskurses
1. Das operative Denken
2. Der Begriff der Taktik
3. Der Strategiebegriff zwischen Clausewitz und Jomini
4. Die Zusammensetzung von Strategie- Taktik und Operation
5. Raum- Zeit und Kräftezusammenführung als Teil der Operationsführung
IV. Der Schlieffenplan zwischen der Ritter-Diese und Zuber-These
1. Das strategische Problem des Zweifrontenkrieges aus Sicht Schlieffens
2. Das diskutierte Problem der Westfront zwischen 1885 und 1914 aus der Sicht der deutschen Militärführung um Schlieffen
3. Schlieffen und das Problem militärischen Kräfteaufteilung
4. Moltke und das Bestehen des strategischen Problems des Deutschen Kaiserreiches
5. Die allgemeine Feindlagebeurteilung auf Seiten des Deutschen Kaiserreiches
6. Moltke und die Fortführung des schlieff'schen Gedankens in Ost und West
7. Das Problem der Kartensichtung
V. Das Zarenreich in der strategischen Falle zwischen Stagnation und Fehlplanung
1. Das Fehlen einer russischen Military Revolution
2. Das Zarenreich unter strategischem Zugzwang gegenüber seiner Verbündeter
VI. Die Habsburger-Monarchie als schwacher Verbündeter des Deutschen Kaiserreiches
1. Die Doppelmonarchie zwischen Strukturproblemen und geostrategischer Krise
2. Die K. u. K.- Monarchie und die falsche dogmatisch-militärische Konzentration der Kräfte
VII. Frankreich und der dogmatische Joffre-Plan
1. Der französische Kult der Offensive
2. Die Offensivfrage und die Bündnispartner
3. Das operative Problem der neutralen Staaten Luxemburg und Belgien
VIII. Das lästige Problem der Neutralität Belgiens
1. Die Entstehung des Königreichs Belgien und die Garantie der bewaffneten Neutralität
2. Zwischen geostrategischer Realität und bewaffneter Neutralität
3. Die belgischen Verteidigungsplanungen und Szenarien und die damit verbundenen Probleme
IX. Schlussbetrachtung
X. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die militärhistorische Kontroverse um den sogenannten Schlieffenplan und das operative Denken von Helmuth von Moltke d.J. vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei wird analysiert, inwieweit militärische Operationsplanungen das Ergebnis soziopolitischer und industrieller Modernisierungsprozesse waren und ob diese zu einer strategischen Zwangslage führten, die eine friedliche Lösung der internationalen Spannungen verhinderte.
- Interdependenz zwischen moderner Transformation und Military Revolution vor 1914
- Analyse der Bündnispolitik im Kontext geopolitischer Veränderungen
- Theoretische Auseinandersetzung mit Taktik, Strategie und Operation
- Gegenüberstellung der Ritter-These und Zuber-These zum Schlieffenplan
- Einzelfallbetrachtungen der strategischen Situation von Russland, Österreich-Ungarn, Frankreich und Belgien
Auszug aus dem Buch
3. Die geostrategische Lage am Beispiel Großbritanniens zwischen Transformation und Modernität
Diese Problematik die am Beispiel des Deutschen Kaiserreiches dargestellt wird, muss jedoch auch ambivalent betrachtet werden, wenn von geostrategischer Lage gesprochen wird. Es ist schon darauf verwiesen wurden, dass mit den 40er Jahren des 19. Jh. eine stetige industrielle Veränderung in der Welt stattfand. Damit verbunden war sicherlich auch, ein stetig steigendes Wachstum, einer sich protoglobalisierenden Weltwirtschaft, die die Regionen des transozeanischen und transkontinentalen Gebietes, miteinander verband, und dadurch vervielfachte sich der Handel, wie auch sich das Finanzwesen, welches sein Epizentrum in Westeuropa hatte, allmählich über den Atlantik. Wenn von Westeuropa in jener Zeit gesprochen wird und die geostrategische Lage mit einem neuen „Spieler“ versehen wurde, so war das System zu Beginn des 19. Jh. erst auf eine Hegemonie konzentriert, welche in Großbritannien zu suchen ist. Wie schon deutlich wurde, war Großbritannien nicht nur traditionelle Seemacht, welche ihre Seemacht aufgrund der industriellen Entwicklung nicht nur erneuerte, sondern Großbritannien war es, die in den Jahrzehnten des 19. Jh. bis zum Ausbruch des 1. Weltkrieges auch der ökonomische Hegemonie war. Mit dieser ökonomischen Grundlage, konnte das Britische Empire nicht nur seine Infrastruktur schneller verbessern als andere europäische Staaten, sondern es war auch in der Lage einen viel rascheren Transfer, der modernen Technologien zu vollziehen, genauso wie es in der Lage war, das Produktionsvolumen schneller zu steigern, was wiederum bedingte, dass die agrarischen Regionen des Empires für die Rohstoffausnutzung effizienter gemacht wurden. Genauso nutzte es dem Empire und im Laufe des 19. Jh. wie auch anderen Staaten, dass die Zölle aus der merkantilistischen Ära wegfielen und der Freihandel, zwischen 1815 und 1914, eine Phase des friedlichen Zusammenlebens global betrachtet, ermöglichte. Diese wesentlichen Faktoren haben den einen Mächten mehr genutzt, als den Anderen, was sich zu Beginn des ersten globalen Krieges, dann auch zeigen sollte, und dies wird sich im Laufe der Analyse auch noch genauer darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit, das internationale System und das nationale Militärkonstrukt als untrennbare Einheiten zu verstehen, und führt in die Thematik der sicherheitspolitischen Herausforderungen vor 1914 ein.
II. Die Modernität und die Military Revolution: Dieses Kapitel analysiert den Zusammenhang zwischen industrieller Transformation, technologischem Fortschritt und deren Auswirkungen auf die operative Kriegführung der europäischen Großmächte.
III. Die theoretische Begriffserklärung von Taktik, Strategie und Operation zum Verständnis des militärhistorischen Diskurses: Es werden die essenziellen militärischen Grundbegriffe definiert und deren Bedeutung für das operative Denken im historischen Kontext hinterfragt.
IV. Der Schlieffenplan zwischen der Ritter-These und Zuber-These: Dieser zentrale Teil stellt die wissenschaftliche Debatte um die Existenz und Bedeutung des Schlieffenplans dar und untersucht kritisch die Rolle Moltkes und die Feindlagebeurteilungen.
V. Das Zarenreich in der strategischen Falle zwischen Stagnation und Fehlplanung: Hier wird das Zarenreich als relative Macht analysiert, wobei infrastrukturelle Defizite und die fehlende Modernisierung der Streitkräfte im Fokus stehen.
VI. Die Habsburger-Monarchie als schwacher Verbündeter des Deutschen Kaiserreiches: Das Kapitel beleuchtet die innen- und außenpolitische Schwäche Österreich-Ungarns und die Schwierigkeiten bei der Koordination einer multiethnischen Streitkraft.
VII. Frankreich und der dogmatische Joffre-Plan: Hier wird der französische offensive Ansatz sowie dessen logistische und strategische Probleme im Vorfeld des Krieges untersucht.
VIII. Das lästige Problem der Neutralität Belgiens: Das letzte inhaltliche Kapitel analysiert die Rolle Belgiens und die strategischen Dilemmata, die sich aus seiner Lage zwischen den europäischen Großmächten ergaben.
Schlüsselwörter
Schlieffenplan, Moltke d.J., Militärgeschichte, Strategie, Taktik, Military Revolution, Modernisierung, Bündnispolitik, Zweifrontenkrieg, industrielle Überlegenheit, Geopolitik, Mittelmächte, Entente, operative Führung, Kriegsvorbereitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der militärhistorischen Debatte über die operativen Planungen der europäischen Großmächte, insbesondere des Deutschen Kaiserreiches, im Vorfeld des Ersten Weltkrieges.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Military Revolution, der Rolle der Industrialisierung in der Kriegsplanung, der Bündnisdynamik und der kritischen Analyse des Schlieffenplans.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die strategische Handlungsfähigkeit der Mächte zu untersuchen und zu klären, ob es den „Schlieffenplan“ als determinierenden Aufmarschplan tatsächlich in der historiografisch behaupteten Form gab.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine militärhistorische Analyse, die auf der Auswertung von Quellenmaterial, historischen Dokumenten und einer kritischen Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur (z.B. Zuber-These vs. Ritter-These) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen von Strategie und Operation, die industrielle Basis der modernen Kriegsführung sowie detaillierte Einzelfallanalysen der wichtigsten europäischen Akteure.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Schlieffenplan, operative Führung, Industrialisierung, Bündnispolitik, militärische Effektivität und geostrategische Mittellage.
Inwieweit spielte die Eisenbahninfrastruktur eine Rolle für die russische Armee?
Die Arbeit stellt fest, dass Russland aufgrund unzureichender Eisenbahninfrastruktur und logistischer Mängel nicht in der Lage war, sein militärisches Potenzial schnell und effektiv in großangelegten Operationen zur Geltung zu bringen.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Moltke d.J.?
Der Autor stellt dar, dass Moltke d.J. keine vorgefertigten, aggressiven Pläne Schlieffens starr ausführte, sondern auf eine defensivere Strategie setzte, die auf wirtschaftliche Erschöpfung und Verhandlungen abzielte, statt auf schnelle Entscheidungsschlachten.
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- Ilya Zarrouk (Autor), 2018, Der Schlieffenplan. Ein militärhistorischer Diskurs, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435373