Schweigen im Netz. Die Theorie der Schweigespirale auf Facebook


Hausarbeit, 2017
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Schweigespirale als theoretischer Analyserahmen
2.1 Das Konzept der Öffentlichkeit
2.2 Die Grundannahmen der Theorie
2.3 Kritik

3. Soziale Medien
3.1 Facebook - ein Phänomen unter den sozialen Netzwerken
3.2 Kritik

4. Die Schweigespirale auf Facebook
4.1 Isolationsfurcht und Schweigen
4.2 Meinungsklimawahrnehmung
4.2.1 Gefahren für die Einschätzung des Meinungsklimas
4.3 Die Bildung einer Schweigespirale auf Facebook

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Wahl des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika war eine Sensation, denn: entgegen aller demoskopischen Vorhersagen zugunsten Hillary Clinton setzte sich Donald Trump als Siegerkandidat durch. Außerdem mobilisierte er Wähler durch seine ständige Präsenz auf sozialen Medien und seiner konträren Meinung zu den Massenmedien. Weitere Gründe für das Scheitern der Wahlprognosen sind, unter anderem, dass die befragten Wähler für die entsprechenden Prognosen logen und eine andere, die sozial erwünschte Meinung angaben. Das Phänomen der sozialen Erwünschtheit beschreibt das Verhalten befragter Personen, die bei Meinungsforschungsumfragen eher die Antwort angeben, welche am ehesten sozial akzeptiert wird - aus Angst bei einer abweichenden Äußerung mit Sanktionen und Ablehnung in der Gesellschaft rechnen zu müssen (vgl. Hossiep, 2014, S.1552).

Die Angst von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, oder auch die Isolationsfurcht, ist eines der Kernelemente in der Theorie der Schweigespirale, welche in den 1970er Jahren von Elizabeth Noelle-Neumann, Publizistin und Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, erstmals aufgestellt wurde. Die Theorie versucht die Entstehung der öffentlichen Meinung zu erklären, einen Begriff, der schon von unzähligen Philosophen, Juristen, sowie Politologen geprägt wurde (vgl. Noelle­Neumann, 1989, s.84) und keine eindeutige und allgemeingültige Definition zulässt. Klar ist, dass die öffentliche Meinung ein Produkt kommunikativer Handlungen darstellt. Doch wie lässt sie sich bestimmen im digitalen Zeitalter mit den unterschiedlichsten Kommunikationsformen und der Entstehung sozialer Netzwerke im Internet, abseits realer, interpersonaler Kommunikation?

Betrachtet man die immer stärkere Entwicklung der heutigen Gesellschaft zu einer Online-Gesellschaft, so erkennt man den Trend zur Bildung virtueller Öffentlichkeit auf sozialen online Netzwerksseiten. Die größte und populärste Onlineplattform Facebook, mit der weltweit höchsten Nutzerzahl, stellt daher die ideale Plattform für die Analyse der Theorie der Schweigespirale in sozialen Medien dar. Das Ziel dieser Arbeit ist es auf Basis der zugrundeliegenden Theorie und der dazu vorhandenen Fallstudien der Problematik zur Entstehung öffentlicher Meinung auf Facebook nachzugehen und die Anwendbarkeit der Schweigespirale auf eben dieser Social-Media Seite zu untersuchen.

Diese Fragestellung ist insbesondere im Hinblick auf die steigende Anzahl von Fake News auf dieser Online Plattform interessant, da diese ein falsches Bild der Realität darstellen und die Meinung von Nutzern nachteilig beeinflussen können. Zur näheren Betrachtung werden ebenfalls die auf Facebook entstehenden Filter Blasen hinzugezogen, die dem Nutzer ausgewählte Inhalte anzeigen und eine reale Meinungseinschätzung stören können.

2. Die Schweigespirale als theoretischer Analyserahmen

Schon bevor Elisabeth Noelle-Neumann ihre Theorie der Schweigespirale aufstellte, prägte Paul Lazarsfeld den Begriff des bandwagon effects, welchen er in seiner The People's Choice Studie aus dem Jahre 1944 postulierte. ״Bandwagon beschreibt im Wesentlichen, dass der vermutliche Wahlgewinner als eine Reaktion auf Umfragen noch mehr Stimmen bekommt." (Hopmann, 2010, S.53) Doch während es bei dem bandwagon effect, zu deutsch Mittläufereffekt, primär darum geht einen Vorteil daraus zu erhalten auf der Siegerseite zu Stehen, ist es bei der Schweigespirale die ״Angst vor Isolation eher dem Sieger und nicht dem vermeintlichen Verlierer die Stimme [zu geben]" (Jäckel, 2011, S.253). Weiter ist eine der Kernaussagen Noelle-Neumanns, dass es dem Einzelnen wichtiger ist sich der Gesellschaft anzupassen, als seine eigene Meinung zu vertreten (vgl. Noelle-Neumann, 1974, S.43). Diese Aussage stützt sie auf das Konformitätsexperiment von Solomon Asch aus dem Jahre 1951. In diesem Experiment wurde die Urteilsbildung eines Individuums unter Einfluss einer Mehrheitsmeinung, vielmehr unter Gruppenzwang, untersucht und festgestellt, dass der Einzelne seine Wahrnehmung an die Gruppe anpasste um sich nicht zu isolieren (vgl. Noelle-Neumann, 1989, S.60).

Die Theorie der Schweigespirale entstand nach Untersuchungen und Befragungen von Wählern zu den Bundestagswahlkämpfen und Wahlen in den Jahren 1965 und 1972 durch das Demoskopische Institut in Allensbach. Ziel war es herauszufinden, wie sogenannte Last-Minute-Swings, das heißt, die kurzfristigen Meinungsumschwünge in der Gesellschaft, möglich sein konnten.

Zusammengefasst besagt die Theorie also, dass Individuen einer Gesellschaft ihre Umwelt verfolgen, unter anderem mithilfe der vorherrschenden Massenmedien, und sich ein Urteil darüber bilden welche Meinung die Mehrheitsmeinung ist. ״Sehen sie sich bei moralisch relevanten Themen mit ihrer Meinung im Widerspruch zur wahrgenommenen Mehrheitsmeinung, verschweigen sie ihre Meinung in der Öffentlichkeit um sich nicht zu isolieren." (Kepplinger, 2016, S.173) Dies führt dazu, dass sich die Minderheit mit ihrer Meinung gesellschaftlich weniger akzeptiert fühlt und daher ihre eigene Meinung verschweigt. Daraus resultiert der Prozess der Schweigespirale (vgl. Kepplinger, 2016, S.177).

In den folgenden Seiten wird der Begriff der Öffentlichkeit und der öffentlichen Meinung, sowie die zentralen Grundannahmen der Theorie der Schweigespirale näher diskutiert und dargestellt. Ferner wird die Rolle der Massenmedien beleuchtet. Das Kapitel endet mit den relevantesten Kritikpunkten an der Theorie.

2.1 Das Konzept der Öffentlichkeit

Das Interesse am Konzept der Öffentlichkeit entstand schon in der Antike mit wichtigen Vertretern der Philosophie wie Sokrates. Noelle-Neumanns Interpretation dieses Konzepts ist beeinflusst durch Denker wie Locke, Hobbes oder Rousseau. Abzugrenzen ist ihre Definition jedoch von Jürgen Habermas idealtypischer Vorstellung einer normativen Öffentlichkeit (vgl. Jäckel, 2011, S.267) und des Standpunkts Niklas Luhmanns, wonach die Öffentlichkeit ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellt und die Reflexion an eben diese zurückwirft (vgl. Jäckel, 2011, S.271).

Für Noelle-Neumann definiert sich der Begriff Öffentlichkeit durch ״Meinungen, die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren." (Noelle-Neumann, 1989, S.91) Allerdings unterscheidet sie hierbei zwischen zwei Formen der Öffentlichkeit in denen die Schweigespirale auftreten kann. Der erste Zustand trägt sich dann zu, wenn sich Meinungen noch nicht verfestigt haben. Sind jedoch schon versteifte Traditionen und Sitten erkennbar und hat sich eine Meinung als die vorherrschende konstituiert, so kann die Schweigespirale nur auftreten, wenn eben jene Traditionen oder Normen verletzt wurden und man nun dazu gezwungen ist, das heißt es besteht ein Muss, sich öffentlich zu äußern, wenn man nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder isoliert werden will (vgl. Noelle-Neumann, 1989, s.91-92). Dieser Zustand ist vor allem bei emotional aufgeladenen Themen der Fall, die in der Gesellschaft eine hohe Resonanz finden und dabei nur zwei Lager, entweder dafür oder dagegen, entstehen.

Des Weiteren prägt Noelle-Neumann den Begriff des Meinungsklimas. Diese Bezeichnung ist vor allem auf die zweite Formulierung der Öffentlichkeit anwendbar, und zwar dann, wenn sich Meinungen als feste und herrschende Auffassungen etabliert haben und von der Mehrheit in der Gesellschaft vertreten werden.

2.2 Die Grundannahmen der Theorie

Die erste Grundannahme der Theorie ist das zuvor erklärte Motiv der Isolationsangst des Menschen. Daher orientieren sich Personen in der Gesellschaft an dem vorherrschenden Meinungsklima um nicht ausgeschlossen zu werden. Um festzustellen welche Meinungen gerade von der Mehrheit vertreten werden, beobachtet das Individuum seine Umwelt mit Hilfe seines quasi-statistischen Wahrnehmungsorgans (vgl. Scherer, 1990, S.20). Durch dieses Organ stellt eine Person Veränderungen in der anonymen Öffentlichkeit fest. Dabei bezieht sie sich auf die eigene personale Umwelt, sowie auf Informationen aus den Medien.

Menschen, die einen gesellschaftlichen Rückhalt erhalten, da die Meinung konform mit dem Meinungsklima ist, sind auch eher Bereit diese in der Öffentlichkeit auszusprechen, als Menschen, die sich nicht im Einklang mit der Mehrheitsmeinung befinden (vgl. Kepplinger, 2016, S.177). Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Größe der unterschiedlichen Meinungslager und es entsteht ein höherer Isolationsdruck für diejenigen, die sich nicht mit dem Meinungsklima identifizieren, was schließlich den Prozess der Schweigespirale in Gang setzt (vgl. Ebd.).

Die Theorie der Schweigespirale unterstellt den Massenmedien eine starke Medienwirkung und geht davon aus, dass Menschen sogar von diesen abhängig sind um sich am Meinungsklima orientieren zu können (vgl. Noelle-Neumann, 1974, S.51). Des Weiteren unterstellt Noelle-Neumann den Massenmedien Konsonanz, das heißt eine weitestgehend identische Berichterstattung, Kumulation, die häufige Wiederholung eines Themas in den Medien, sowie einen Öffentlichkeitseffekt, der besagt, dass alle Rezipienten davon wissen dass nicht nur sie, sondern auch andere Personen in der Gesellschaft die Medieninhalte empfangen (vgl. Meitz, 2014, S.1479).

2.3 Kritik

Obwohl die Theorie der Schweigespirale eine der bekanntesten deutschen sozialwissenschaftlichen Theorien darstellt und international eine hohe Resonanz erhielt, formte sich zunehmend Kritik an ihren Grundannahmen. So wird die Annahme, dass Medien eine konsonante Berichterstattung produzieren, bezweifelt. Wenn diese

These der Wahrheit entspräche, so müsste dadurch die Meinungsklimaeinschätzung demnach leichter fallen, da alle Rezipienten in der Gesellschaft die gleiche Meinungsverteilung erkennen müssten (Schulz & Rössler, 2013, S.28).

Des Weiteren entstand Kritik an der von Noelle-Neumann postulierten quasi­statistischen Wahrnehmung, denn ״Skepsis besteht zum einen dahingegen, ob der Mensch überhaupt in der Lage sei, eine akkurate Meinungsklimaeinschätzung vorzunehmen." (Schulz & Rössler, 2013, S.29)

Ein weiterer Kritikpunkt an der Theorie der Schweigespirale ist, dass sie sich in ihrer Entstehung in den 70er Jahren auf das damals wichtigste Massenmedium, dem Fernsehen bezog. Aus heutiger Betrachtung zählt das Fernsehen zwar immer noch zu einem der wichtigsten Massenmedien, allerdings beinhaltet es mittlerweile unzählige private Sender und ist nicht mehr auf nur zwei öffentlich-rechtliche Programme beschränkt. Darüber hinaus muss das Fernsehen zunehmend dem Internet als Massenmedium und Quelle der neuesten und aktuellsten Informationen weichen. Aus diesem Grund widmet sich der zweite Teil dieser Arbeit der Betrachtung sozialer Netzwerksseiten im Internet, speziell der Social-Media Plattform Facebook. Zusätzlich wird im Folgenden die Öffentlichkeitsbildung durch die online vermittelte Kommunikation auf dieser Plattform erklärt und diskutiert, inwieweit die Schweigespirale hierbei entstehen kann.

3. Soziale Medien

Soziale Medien und das Internet sind in unserer heutigen modernen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Es lässt sich sogar behaupten, ״dass das Internet als eine der größten Veränderungen unserer Informationskultur seit Erfindung des Buchdrucks gilt" (Weichert et. al., 2010, S.20). Durch ihr Entstehen bildeten sich nicht nur neue Kommunikationsmöglichkeiten, sondern auch ganz neue Beschäftigungsfelder und Berufe, aber auch Herausforderungen für die Gesellschaft, sowie neue Forschungsfelder für Medien-, Sozial-, und Politikwissenschaftler.

Insbesondere Soziale Medien greifen auf eine ganz neue Art und Weise in das Leben des Individuums, der Politik und der Öffentlichkeit ein und ermöglichen eine neue Form der Interaktion aller dreier Ebenen. Dabei geht es primär nicht um die Mediatisierung-denn die Technik ist nur die Bedingung für die Entstehung von Sozialer Netzwerke im Internet;

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Schweigen im Netz. Die Theorie der Schweigespirale auf Facebook
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V435378
ISBN (eBook)
9783668764453
ISBN (Buch)
9783668764460
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Facebook, Schweigespirale, Medien, Noelle-Neumann, Theorie, Internet, Kommunikation, Soziale Erwünschtheit, bandwagon effect
Arbeit zitieren
Julia Kirilyuk (Autor), 2017, Schweigen im Netz. Die Theorie der Schweigespirale auf Facebook, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435378

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schweigen im Netz. Die Theorie der Schweigespirale auf Facebook


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden