Willibalds Aufstieg. Widersprüchliche Moralvorstellungen in Jörg Wickrams "Knabenspiegel“


Hausarbeit, 2011

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorarbeit
Einleitende Worte
Wer schreibt Handlungen in der heutigen Zeit ihren moralischen Wert zu?

2. Hauptteil
Wer und was wird als moralisch gut oder moralisch schlecht dargestellt?
Wer ist in der Lage, Handlungen und Charaktereigenschaften moralisch zu bewerten?
Wie wird die Schuldfrage behandelt?

3. Fazit

1. Vorarbeit

Einleitende Worte

Im Vorwort zum „Knabenspiegel“ stellt Georg Wickram ein Moralkonzept vor, welches grundlegend für das Werk sein soll. Im Knabenspiegel soll als in einem spiegel vürgemalet werden, was jeder der im Vorwort beschriebenen Arten von Kindern aus ihrem fleiß erfolget, um so die Verführung der ehrlichen gemueter zu vermeiden.[1] Das Konzept sieht drei Typen von Kindern vor: 1. die sittlichen und tugendhaften Kinder, 2. deren Gegenteil, die bösen Kinder und 3. die formbaren Kinder, deren moralische Ausrichtung nicht von vornherein festgelegt ist.[2] Letzterer Typ ist als einziger beeinflussbar durch Erziehung und deshalb auch das Zielpublikum des „Knabenspiegel“ laut Vorwort. Forcht und scham werden als Fundament einer guten Erziehung genannt, denn aus ihnen erwachßet alle tugend. Die Erzieher in diesem Konzept sind Vatter / Muoter / leer und schuolmeister.

Schon eine erste Auseinandersetzung mit der Handlung des „Knabenspiegel“ lässt jedoch Widersprüche innerhalb dieser zum Moralkonzept des Vorworts erkennen. Anhand des sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Aufstiegs Willibalds werde ich im Folgenden ein Moralkonzept für die Handlung des „Knabenspiegel“ zu erstellen.

Mit ebenfalls einleitender Funktion stelle ich dem einen kurzen Überblick über bewertende Instanzen der heutigen Zeit voran. Diese werden im weiteren Verlauf mit den bewertenden Instanzen im „Knabenspiegel“ verglichen.

Wer schreibt Handlungen in der heutigen Zeit ihren moralischen Wert zu?

Handlungen werden heute durch eine Vielzahl verschiedener Institutionen moralisch bewertet, daneben bewertet jedes menschliche Individuum Handlungen auch selbst, ebenso wie dessen soziales Umfeld (Familie, Freunde). Einige bewertende Institutionen sind beispielsweise religiöse Einrichtungen (wie etwa christliche oder muslimische Würdenträger), Medien (Zeitungsverlage, Fernseh­sender, das Internet) und Gerichte. Ausgehend von der Antike kommen Gelehrten verschiedener Fachrichtungen (darunter nicht ausschließlich, aber unter anderem Philosophen, Juristen und Psychologen) hierbei für die Allgemeinheit wichtige beratende Funktionen zu.

2. Hauptteil

Wer und was wird als moralisch gut oder moralisch schlecht darge­stellt?

Aus dem Vorwort Wickrams geht hervor, dass der „Knabenspiegel“ belehrender Natur sein soll. Um Menschen davon zu überzeugen, bestimmten Richtlinien zu folgen, kann man ihnen zeigen, welche guten Konsequenzen das Befolgen für sie selbst hat. Ebenso kann man, wenn man sie dazu bringen will, bestimmtes Verhalten zu meiden, zeigen, welche für sie schlechten Konsequenzen daraus folgen. Vielfach hat Wickram diese Methode angewendet, um seinen Lesern im „Knabenspiegel“ moralisch den Weg zu weisen. Die Gesellschaft Lottarius' schon führt den Protagonisten Willibald in eine unangenehme Lage: er wird auß einem Edelmann / zum sewhirten.[3] Er hat weder zuo beissen noch zuo brechen und befürchtet, er moecht gehangen werden.[4] Um aus der Situation der Mittellosigkeit herauszukommen versucht er über einen Boten, seine Mutter um Geld zu bitten. Da diese aber inzwischen verstorben ist, bleibt der Erfolg aus, moralisch ist das also der falsche Weg. Auch die Bettelei ist erfolglos, weil die Gesellschaft der Ansicht ist, dass Willibald wegen seiner Jugend und Stärke in der Lage sei zu arbeiten und sich so aus eigenem Antrieb aus der misslichen Lage befreien könne.

Im selben Kapitel wird das Leben Willibalds dem Fridberts gegenübergestellt. Fridbert kumpt (…) von wegen seiner gehorsamkeit / und tugend zuo grossen ehren unnd wirden.[5] Fridbert scheint also den von Natur aus guten Menschen dazustellen, wie er im Vorwort beschrieben wurde.

Der durch Gehorsamkeit und Tugend erreichte soziale Stand ermöglicht ihm und Felix eine teure Doppelhochzeit, deren Schilderung viel Platz vom Erzähler eingeräumt wird. Man erfährt von einem großen jagen und beyssen, mit Hirschen / rehern / schwine / und beren werden verschiedene Arten Fleisch aufgetischt und die zukünftigen Gemahlinnen fahren in einem koestlichen vergulten wagen vor.[6] Diese Szenerie hebt sich deutlich von der zuvor geschilderten Armut Wilibalds ab und betont mit diesem Kontrast sowohl die Folgen schlechten moralischen Handelns, als auch die Folgen guten moralischen Handelns sehr stark.

Der eigentliche Aufstieg Willibalds beginnt, nachdem er eine Zeitlang an dem Hirten ampt gar wol und fleißig studiert hat.[7] Nun hebt der Erzähler das Können hervor, mit dem Willibalds Meister Sackpfeife spielt, ein Umstand, der vorher nicht thematisiert worden war. Das Sackpfeifespielen bringt der Meister Willibald dann bei, bis dieser den Meister übertrifft und bald selbst liedlein unnd rymen dichtet.[8] Das Benutzen der Verben „studieren“ und „lernen“[9] deuten zwar an, dass geistige Weiterbildung und das Erlangen von Wissen hier als moralisch gute Tätigkeiten erscheinen sollen, ich bin aber der Ansicht, dass eher das fleißige Handeln moralisch positiv hervorgehoben wird als die bestimmte Handlung. Für diese Theorie spricht das Kapitel, in dem Willibald wieder auf Felix und Fridbert trifft, welche ihm Essen und neue Kleidung zahlen und zuletzt beschließen, ihn an den Hof seines Vaters zu holen.[10] Erstens muss er das selbst gedichtete Lied zweimal vortragen. Der einmalige Vortrag hätte durchaus gereicht, um die erlernten Fähigkeiten Willibalds gegenüber Felix und Fridbert darzustellen. So wird aber der Vortrag als Handlung gegenüber dem Vorgetragenen in den Vordergrund gerückt. Die zweimalige Handlung zeugt vom Fleiß, woraus folgt, dass der Fleiß gegenüber der geistigen Leistung betont wird. Zweitens fragt Fridbert, ob Willibald das Lied von einem andren gelert, oder es selb gemacht hat. Willibald antwortet wahrheitsgemäß, dass er alles selbst erlebt habe, weshalb er das Lied auch selbst geschrieben hat. Er hat also selbst etwas geleistet, ist fleißig gewesen, statt sich fremdes Gedankengut durch Lernen anzueignen. Weil Willibald unter fremder Identität auftritt, kann diese Stelle aber auch so gelesen werden, dass Fridbert sich ohne Willibalds Wissen seiner Identität versichern möchte. Das gesamte Kapitel behandelt den Umstand, dass Fridbert seinen Bruder erkennt, aber nicht möchte, dass Willibald um dieses Erkennen weiß.

Fleiß spielt auch dann eine Rolle, wenn Willibald vor seinen Vater tritt und um Vergebung ersucht. Zuerst erzählt er in groben Zügen, was ihm widerfahren ist, seit er sein Elternhaus verlassen hat und nimmt die Schuld am Tod seiner Mutter auf sich.[11] Schon jetzt könnte der Vater seinem Sohn verzeihen, stattdessen äußert er den Wunsch, dass sein Sohn im Kindesalter gestorben wäre. Dann verspricht Willibald, sich aller arbeit / so niemans thuon will / zu unterziehen, er erklärt sich bereit, noch mehr Mühen und Arbeit auf sich zu nehmen.[12] Zudem zeigt er sehr große Demut, indem er auf das Schlafen in einem Bett verzichtet und vorschlägt, tagsüber bei den Pferden im Stall zu leben. Nach zusätzlichem guten Zureden von Seiten der übrigen Gäste in der Szenerie hat im der alt Ritter, der sein Vater ist, gentzlich verzeihen.[13] Hiermit habe ich drei Stellen aufgezeigt, die Schlüsselsituationen im Aufstieg Willibalds darstellen und denen gemein ist, dass in ihnen das Motiv des Fleißes auftritt. Daraus ergibt sich, dass es innerhalb des Moralkonzepts in der „Knabenspiegel“-Handlung wichtig ist, fleißig zu sein, um als moralisch guter Mensch bezeichnet werden zu können und fleißig ausgeführte Handlungen eher dazu beitragen, sich moralisch zu verbessern, als andere Handlungen.

Zuletzt bleibt zu vermerken, dass bestimmten Menschen scheinbar der Tod gewünscht werden kann, ohne dass dies als moralisch schlecht angesehen werden kann und Personen ebenso verstoßen werden dürfen. Dieser Eindruck ergibt sich zumindest dann, wenn man annimmt, dass der Vater eine moralisch gute Person ist. Aus dem Vorwort lässt sich erkennen, dass Eltern allgemein moralisch gute Personen sein müssen, denn sie und die Zuchtmeister müssen moralische Werte an die Kinder vermitteln. Und um diese Werte vermitteln zu können, indem sie das Befolgen verlockend oder das Nichtbefolgen schrecklich erscheinen lassen, müssen sie selbst wissen, was diese Werte sind. Außerdem fällt der Vater sein moralisches Urteil über Willibald später in der Handlung als Fridbert und ist somit eine Person, die Willibald mehr moralische Richtigkeit zusprechen kann als Fridbert.

Wer ist in der Lage, Handlungen und Charaktereigenschaften moralisch zu bewerten?

Die meisten moralischen Bewertungen von Handlungen und Charaktereigenschaften führt der Erzähler durch. Der Erzähler erklärt Willibalds schlechten Taten zur Ursache seine sozialen Abstiegs, er bewertet Willibalds geschlecht und stammen als guot und edel.[14] Darüber hinaus setzt sich der Erzähler in Kommentaren mit Menschengruppen auseinander, die in der Haupthandlung des „Knabenspiegel“ keinen Platz finden. Studenten zum Beispiel, denen man zuo allen zeiten gelt zuschicket und die dann offt ir Patrimonium gar verstudiren, werden als Gegensatz zu Fridbert und seinem sozialen Aufstieg genannt. Sowohl ihre Neigung zur Verschwendung, als auch die finanzielle Unterstützung durch ihre Eltern werden damit moralisch negativ dargestellt.

An Fridbert ist es, zu prüfen, ob Willibald auf dem Weg der Besserung ist, denn über ihn führt der Weg zum Vater, zum Hof und somit zur Spitze von Willibalds Aufstieg. Außerdem scheint Fridbert zu wissen, dass es beeinflussbare Kinder gibt und dass Willibald zu diesem Typ Kind gehört, denn er sagt dem Vater:

„Lottarius der schantbuob ist auch umb sein vilfalten boesen stück an dem galgen erworgen / wie dann allen Lotteren billich geschehen soll / darumb strenger lieber Herr nemmen zuo gnaden mein lieben Bruoder und gesellen / dann er mag euch in eüwerem schwachen alter noch zuo grossem statten kummen.“[15]

Seiner Ansicht nach ist also um die Gesinnung Willibalds nicht mehr zu fürchten, sobald der negative Einfluss Lottarius', des bösen Kindes, erloschen ist. Weiter wird diese Ansicht innerhalb der Handlung des „Knabenspiegel“ bestätigt.

Der Vater selbst gibt kurz hintereinander zwei unterschiedliche Bewertungen Willibalds ab. Zuerst wünscht er dessen Tod und bewertet ihn so ziemlich eindeutig als moralisch schlecht. Nachdem Willibald ihm Fleiß und Bescheidenheit zugesichert hat, verzeiht er ihm und bewertet ihn folglich als guten Menschen.

Lottarius erscheint Willibald als Geist und bewertet diebstal(s) / liegen(s) und betriegen(s) als moralische schlechte Handlungen.[16] An dieser Stelle ist unklar, ob Lottarius deshalb ihren moralischen Wert erkennen kann, weil er selbst ein schlechter Mensch war, oder weil er nun auf dem Weg der Läuterung ist.

Willibald identifiziert Felix und Fridbert fälschlicherweise als zwielichtige Gestalten, die nichts guots im sinn haben.[17] Gleichzeitig beginnt er im Laufe seines sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufstiegs zu erkennen, wie schlecht der Einfluss Lottarius' und die Erziehung seiner eigenen Mutter waren.

Eine weitere Person, der eine falsche moralische Einschätzung unterläuft, ist der Schweinehirte, dem Willibald unterstellt wird. Wäre ihm wissen gewesen, dass Willibald von adligem Geblüt ist, hätte er ihn nicht zu solichen ruohen arbeit haben kummen lassen.[18] Im Text wird aber immer wieder verdeutlicht, dass Willibald diese Arbeit verdient hatte, denn das oder ähnliches sind dem Text nach die Folgen schlechten Handelns.

[...]


[1] S. 6.

[2] Vgl. S. 5.

[3] S. 60.

[4] S. 59.

[5] S. 60.

[6] S. 71.

[7] S. 74.

[8] S. 75.

[9] „studieren“ wie oben zitiert, „lernen“ wird verwendet in: das begert der guot Wilbaldus auch von seinem Meister zuo leren (S. 74).

[10] Vgl. S. 80-88.

[11] Vgl. S. 94-95. Auf den moralischen Wert eines Schuldeingeständnisses werde ich im die Schuldfrage betreffenden Abschnitt näher eingehen.

[12] S. 96.

[13] S. 97.

[14] S. 60.

[15] S. 95.

[16] S. 76

[17] S. 89.

[18] S. 78.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Willibalds Aufstieg. Widersprüchliche Moralvorstellungen in Jörg Wickrams "Knabenspiegel“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V435393
ISBN (eBook)
9783668764279
ISBN (Buch)
9783668764286
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jörg Wickram, Moralvorstellungen der frühen Neuzeit, Knabenspiegel, Erziehung in der frühen Neuzeit, frühe Neuzeit, Literatur des 16. Jahrhunderts, Der jungen Knaben Spiegel
Arbeit zitieren
Tobias Tegge (Autor), 2011, Willibalds Aufstieg. Widersprüchliche Moralvorstellungen in Jörg Wickrams "Knabenspiegel“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435393

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