Wie wird die Gleichzeitigkeit von Wahrnehmen und Sprechen in künstlerischen Arbeitsgesprächen realisiert? Über lautes Denken und das Schweigen beim Sehen


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Geteilte Wahrnehmung und Spracherwerbstheorien

3. Wahrnehmung des Kunstwerkes

4. Verbalisierung des Wahrgenommenen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick/ Beavin/ Jackson 2007 [1969]:53, Hervorhebungen im Original). Doch was ist Kommunikation? Wie entwickelt sie sich bei Kindern? Und wie können komplexe künstlerische Objekte verbal erfasst werden? Um diesen Fragen nachzugehen, werden als Basis der Arbeit Tomasellos Theorie einer geteilten Wahrnehmung von sich selbst und einer anderen Person vor einem Objekt und die Entwicklung der Kommunikation von Kindern skizziert, sowie zwei grundlegende Spracherwerbstheorien der Nativisten und Empiristen vorgestellt. Diese im Kindesalter erlernten Methoden dienen dann als Grundlage für die eigentliche Frage nach der Wahrnehmung von künstlerischen Objekten und ihrer Versprachlichung. Bereits Alquin unterschied in seinen Schriften Dinge, Vorstellungen und Wörter, um diese mitzuteilen:

„Ein Dreifaches ist es, was jede Unterredung und jede Auseinandersetzung ausmacht: Dinge, Vorstellungen, Wörter. Dinge sind das, was wir durch die Tätigkeit der Seele wahrnehmen; […] Vorstellungen sind das, wodurch wir uns die Dinge aneignen; Wörter sind das, wodurch wir diese Vorstellungen von den Dingen zum Ausdruck bringen. […]“ (849-854: 69)

Dinge sind in diesem Fall die betrachteten künstlerischen Objekte, Vorstellungen die Konzepte und Methoden, diese zu erschließen und dann durch Wörter zur Sprache zu bringen. Wie genau diese Verbalisierungen realisiert wurden, wurde im Rahmen von Arbeitsbesprechungen in einer Kunsthochschule dokumentiert und ausgewertet, um folgend in kurzen kontextlosen Beispielsätzen und -Wörtern das Erfasste exemplarisch belegen zu können. Darüber hinaus wird diese Analyse von Literatur über das Sprechen über Kunst im Allgemeinen unterstützt. Bei dieser Arbeit soll der Schwerpunkt auf der Sprache liegen, durch die Wahrnehmung ausgedrückt wird.

2. Geteilte Wahrnehmung und Spracherwerbstheorien

Tomasello bezeichnet den Menschen als Experten im Gedankenlesen. Dabei ist für ihn die Verbindung zwischen dem Lesen von Intentionen und der kulturellen Interaktion grundlegend. Letzteres wird dabei von dem ersten ermöglicht. Es stellt sich die Frage, wie Menschen dazu in der Lage sind, intentionale Aktionen zu verstehen und wie sie in Aktionen partizipieren, die „shared intentionality“ beinhalten (Tomasello 2005:675f.). Wenn mindestens zwei Personen zusammentreffen und dabei ein gemeinsames Ziel verfolgen und Handlungen ausführen, um dieses zu erreichen, entsteht geteilte Intentionalität. „Specifically, the goals and intentions of each interactant must include as content something of the goals and intentions of the other."[1] (Tomasello 2005:680). Geschieht dies in komplexen sozialen Gruppen wiederholt in bestimmten interaktiven Momenten, entstehen habituelle soziale Praktiken, die nur aufgrund des Konsenses der Gruppe existieren können (vgl. Tomasello 2005:680). Bereits zwischen 9-12 Monaten sind Kinder dazu in der Lage, gemeinsam mit einer anderen Person ihre Aufmerksamkeit auf ein Objekt zu richten (vgl. Tomasello 2005:682). In diesem Alter kommen auch Zeigegesten hinzu, durch welche die Kinder aktiv auf ein Objekt verweisen. Im 13.-14. Monat tritt Sprache nach der linguistischen Definition, auf. Das Sprechen selbst gilt als kollaborative Aktivität: Einerseits sind die linguistischen Symbole bidirektionale Koordinationsanweisungen für die Rolle des Sprechenden und Zuhörenden. Indem Kinder die Symbole nutzen, lernen sie, beide Rollen zu verstehen und zu beherrschen. Es wird eine geteilte Perspektive durch Sprache zugänglich gemacht. Zweitens wird das gemeinsame Ziel des Zuhörenden mit dem des Sprechenden in Einklang gebracht (vgl. Tomasello 2005:683). Deutlich wird bei Tomasellos Darstellung die Motivation der Heranwachsenden dargestellt, Intentionen, Ziele und Wahrnehmungen bereits im ersten Lebensjahr zu teilen und nachzuvollziehen (vgl. Tomasello 2005:690).

Die Wahrnehmung des anderen, das Verstehen von dessen Vorhaben und das Teilen von seiner Aufmerksamkeit sind wichtige Grundgerüste für Interaktion. Die Entwicklung von Sprache macht dann eine Verständigung erst im Detail möglich und wird zur Basis von Kommunikation. Doch wie wird diese erworben?

In der Spracherwerbsforschung stehen sich zwei grundlegende Positionen gegenüber, die sich mit der Frage beschäftigen, ob das menschliche Gehirn bereits Konzepte ausgebildet hat, bevor es Erfahrungen macht (vgl. Valian 2009:15).

Eine Position ist der Nativismus, der die Auffassung vertritt, dass zumindest einige syntaktischen Kategorien angeboren sind (vgl. Valian 2009:17) und nur die Verbindung zwischen den Kategorien und die Wörter erlernt werden müssen. Da jedes Kind jede Sprache lernen kann und somit ein omnipotenter Sprachlerner ist, müssten menschliche Gehirne nach dieser Auffassung Prinzipien und Strukturen beinhalten, die jede Sprache innehat und dann jene nutzen, die konkret in der eigenen Landessprache verwendet werden (vgl. Valian 2009:18f.). Nativisten gehen davon aus, dass im Alltag bestimmte sprachliche Strukturen nicht benutzt werden, was „poverty of the stimulus“ genannt wird. (Valian 209:20). Demzufolge beinhaltet der sprachliche Input ihres Umfeldes für Kinder zu wenige Informationen und ist nicht ausreichend, um das gesamte sprachliche System zu erfassen. Dennoch sind Kinder dazu in der Lage, eigene, bisher nicht gehörte, grammatikalisch korrekten Sätze zu bilden. Dies, so die Nativisten, belegt die sprachlichen Kategorien, welche sich im Gehirn des Kindes befinden. Demnach spielt bei jener Theorie die Gesellschaft gegenüber der Kognition eine untergeordnete Rolle. Konträr ist dies bei der empiristischen Auslegung:

Die Anhänger des Empirismus folgen einem erkenntnistheoretischen Ansatz, der davon ausgeht, dass Wissen einzig auf Sinneserfahrungen beruht. Das bedeutet, dass Kinder ihre Sprache durch Erfahrungen erwerben und schließt aus, dass sprachliches Wissen angeboren ist (vgl. Valian 2009:16ff.). Der Input der Gesellschaft ist hierbei der entscheidende Faktor beim Erstspracherwerb: Kinder lernen Sprache, indem sie von dem Gehörten sprachliche Muster, Strukturen und Routinen erkennen und nachbilden: „Pattern finding“ (vgl. Tomasello 2009:71). Hierbei werden komplexe Lernprozesse angenommen. Welchem Ansatz man auch folgt, klar ist bei beiden, dass Sprache ein Grundbedürfnis der Menschen zu sein scheint, um deren subjektiven Eindrücke der Welt zu verbalisieren und damit seine Sicht auf die Dinge zu öffnen.

Eine ähnliche Diskussion zwischen dem Individuum und der Welt findet bei der Aushandlung der Semantik, also der Bedeutung von Aussagen, statt (vgl. Gärdenfors 2000: 165). Auch hier stellt sich die Frage: Ist die Bedeutung der Worte in der Welt verankert, oder in einem mir innewohnenden Model der Welt (vgl. Gärdernfors 2000:152)? Es gibt Assoziationen zwischen Wörtern und Bedeutungen, die beim Spracherwerb gelernt wurden. Die Realisten sehen die Bedeutung eines Wortes in der Welt, also mit realen Gegenständen verknüpft (vgl. Gärdernfors 2000:151). Die Kognitivisten hingegen fassen Bedeutungen als mentale Entitäten auf; Bedeutung wird durch Repräsentanten im Kopf erzeugt (vgl. Gärdernfors 2000:151,154). Die Theorie der Funktionalisten, dass manche Bedeutungsbereiche von Äußerungen nur durch den Äußerungskontext festgelegt sind, trifft auf die hier behandelte Thematik wohl am besten zu (vgl. Gärdernfors 2000:151f.). Wichtig ist aber bei allen Ansätzen die Frage nach einer individuellen Auslegung des Sprechenden oder einer usualisierten. Verständlich scheint, dass beim Sprachkontakt eine Annäherung und Abstimmung der individuellen Bedeutungen stattfinden muss. Sonst würde Sprache, die als kommunikativer Mittler dient, nicht funktionieren (vgl. Gärdernfors 2000:155). Bei Missverständnissen bezüglich der Bedeutung von Wörtern wird der Akteur, will er denn sprechen, gezwungen, entweder sein „semantisches Mapping“ oder seine konzeptuelle Struktur zu überarbeiten (vgl. Gärdernfors 2000:157). Laut Jackendoff muss es in der mentalen Repräsentation Ebenen geben, bei denen Informationen, die über Sprache vermittelt werden, mit anderen Informationen aus anderen Systemen wie Sehen, Riechen et cetera verknüpft werden. Sonst wäre es uns nicht möglich, über Gesehenes oder über andere Sinne Wahrgenommenes zu kommunizieren (vgl. Gärdernfors 2000:160).

3. Wahrnehmung des Kunstwerkes

Noch bevor das Sprechen über Kunst beginnt, wird das Werk mit den Sinnen erfasst und als solches klassifiziert (vgl. Hausendorf 2007:27). Nimmt man bei einer Arbeitsbesprechung ein Kunstobjekt wahr, treffen dieser Gegenstand und der Betrachter aufeinander und eine rezipierende Auseinandersetzung beginnt. Bei dieser ersten Begegnung mit dem Werk tritt Stille ein, die den Betrachter einen individuellen Zugang ermöglicht. „Daher ist die Bedingung des Sehenkönnens des Sich-Zeigens, dass man nicht spricht. Nicht darüber spricht, sondern darüber schweigt“ (Gebauer 2010:86, Hervorhebung im Original). In diesem wortlosen Moment sind alle Rezipienten auf das künstlerische Objekt fokussiert. In der Stille spricht das Werk. Es tritt mit dem jeweiligen Beobachtenden in einen Dialog ein. Dabei steht das Wahrnehmen durch das Sehen im Zentrum; jeder widmet sich den Worten in den eigenen Gedanken. Diese Perzeption kann laut Marin von einem mentalen „sprachlichen Gemurmel“ begleitet werden:

„Oder auch dieses >visuelle Geräusch<, fast ein Netzhautgeräusch, das ich im Auge habe, wenn ich Bilder anschaue und dabei diesem sprachlichen Gemurmel ausgesetzt bin […], und das bewirkt, dass in das jetzt und hier angeschaute Bild ein anderes geleitet und noch ein anderes, von jenem herbeigerufen, obwohl ich schon bedient bin, und alle nur das erstere verunklaren […]“ (1997:16).

Wahrnehmung kann also eine Reizüberflutung sein, die nicht nur im künstlerischen Objekt, sondern besonders im Kopf des Betrachters entsteht. Auf einen spontanen ersten Eindruck folgen diverse andere. Die Menge an mentalen Impulsen überfordert den Rezipienten, der sich wünscht, sich dieser Mannigfaltigkeit entziehen zu können. „Im Bild ist alles gleichzeitig.“ (Peez/Rathmann zitiert nach Adorno 2007:144), es stellt also eine Gesamtheit dar, die von allen Sinnen zeitgleich aufgenommen und verarbeitet wird.

4. Verbalisierung des Wahrgenommenen

Vielleicht um diesen Überfluss zu filtern, zu strukturieren und zu ordnen, verlangt es den Rezipienten nach jener ersten stillen Auseinandersetzung zu einem Mitteilen seiner Gedanken. Auf diesem Weg können die simultanen Eindrücke in Sequenzen zerlegt und linear versprachlicht werden. Das komplexe Ganze läuft durch einen Filter, um einen Diskurs zu ermöglichen und das (mental) Gesehene in Worte zu fassen. Auf diese Weise kann eine Systematik in die Wahrnehmung gebracht und durch das Verbalisieren strukturiert werden. Dieses wortlose Besinnen und Überlegen spiegelt sich in der Wortwahl wieder – sofern diese Gedanken im Nachhinein artikuliert werden. Sturm veranschaulicht das Durchbrechen der Stille durch die Stimme als eine Schere, die einen Einschnitt ins Schweigen bringt (vgl. 1996:266). Bei Arbeitsgesprächen im Kontext Kunst sind „[…] das Schweigen und das Nichtgesagte, die Löcher des Diskurs [sic] als ebenso kostbar wie das Gesagte […]“ anzusehen (Sturm 1996:267). Durch ein Gespräch über das Wahrgenommene und Erkanntes, Vorwissen, Urteilen und die Suche nach der Intention, Annäherung und Abgrenzung wird eine Beziehung hergestellt (vgl. Klotz 2007:77).

„Aus der Sicht des Betrachters läßt [sic] sich rekonstruieren, auf welche Weise und mit welcher individuellen und historischen Variationsbreite er das Bild im Wahrnehmungsprozeß [sic] abtastet, gliedert, identifiziert und in diesen Verarbeitungsvorgängen Bedeutungen und ästhetische Erfahrungen produziert.“ (Huber 1988:401)

Die subjektive Wahrnehmung wird versucht, zu verbalisieren, um mit anderen Rezipienten in einen Diskurs zu treten. „Nachträglich er/findet das Subjekt im Gespräch, was es vorher schweigend ahnte. Sich an die Zustände erinnernd, welche ihm vor dem Werk widerfuhren, beginnt es diese in Worten (und Gesten) zu symbolisieren […]“ (Sturm 1996: 267). Als Grundlage dient die geteilte Intentionalität Tomasellos, bei der man sich seiner selbst, dem, beziehungsweise den, anderen sowie dem Objekt der Betrachtung bewusst ist und gemeinsam ein Ziel verfolgt: Die Annäherung an das Kunstwerk und das Nachvollziehen von dessen Entstehungsprozess und Relevanz (2005:680). Auf diese Weise kann ein Verstehen von den subjektiven und historischen Annäherungen der Gesprächspartner vonstattengehen. Folgt man Hausendorf, ist das Kunstwerk als Gegenstand der Betrachtung der Auslöser für ein Gespräch. „Kommunikation durch Kunst (durch und mit Kunstwerken) [ist] […] immer auch Kommunikation über Kunst […]“ (Hausendorf 2007:25). Das darin Wahrgenommene wird zur Basis der Debatte. Von dieser ausgehend öffnet sich ein breiteres Spektrum, über das gesprochen werden kann. So kann man beispielsweise Präsentation, Komposition, Form, Inhalt erörtern und über Fragen nach dem Schaffensprozess hin zu weitläufigeren Gesprächen über Kunstgeschichte und –Gattungen sowie dem Gegenwartsbezug des Objekts gelangen. Dabei tritt der Urheber von seinem Objekt zurück und betrachtet seinen Schaffensprozess reflexiv. Das sogenannte „Gedankenlesen“ ist in diesem Prozess schwieriger, als in Dialogen zwischen zwei Personen, da es nicht nur von den Intention des Sprechenden ausgeht, sondern der Schwerpunkt auf die Inhalte gerichtet wird, die der Kunstschaffende in das Objekt der Wahrnehmung, das Kunstwerk, gebracht hat (Tomasello 2005:675). Dieses soll als stummes Gegenüber erfasst und verstanden werden. Sprachlich manifestiert sich dieser Vorgang durch das rhetorische Mittel der Personifikation, die verwendet wird, um leblosen Objekten menschliche Eigenschaften einzuverleiben (vgl. Schweikle et al. 2007:579). Aufgrund einer verbalen Behandlung der Kunstwerke, als ob sie menschlich wären, wird ihnen eine Gleichwertigkeit zum Sprecher zugeschrieben. Durch diesen sprachlichen Akt werden sie zu einem ebenbürtigen Subjekt. Dies geht damit einher, dass nicht mehr der Wille und die Ausführung des Kunstschaffenden im Vordergrund steht, sondern das künstlerische Werk, das möchte und braucht und damit Forderungen stellt, die von den Sprechenden wahrgenommen und ausgesprochen werden. Durch diese Nutzung der Personifikation tritt der Künstler in den Hintergrund des Gesprächs und wird nicht direkt adressiert. Die Rezeption liegt einzig auf dem künstlerischen Objekt, das im Raum präsent ist.

Vom Herstellenden werden mit dem Werk auch Gefühle verknüpft und teilweise Dialoge gehalten. So stellt eine Studentin während eines Arbeitsgespräches fest: Wir haben uns nicht so gemocht. Und erklärt durch diese emotionale Begründung, warum die Malerei nach ihrer Meinung nicht gelungen ist. Die Ablehnung ging dabei von beiden, der Schaffenden und dem Werk, aus und beruht nach ihrer Aussage auf Gegenseitigkeit.

„In jeder Bezugnahme auf Dinge oder Sachen wäre dann ein partizipatives Moment eingebaut, derart, dass wir, um die referenzielle Zuwendung überhaupt realisieren zu können, demjenigen, dem wir uns zuwenden, gewissermaßen ein partnerschaftliches du anbieten. Auch wenn wir bloß etwas meinen, bleibt dieser ursprüngliche Personalbezug erhalten“ (Hogrebe 2010:377).

Kunstbesprechungen handeln also von der Dreiecksbeziehung des Kunstobjekts als Ding, das durch Personifikationen den Status eines menschlichen Wesens erhält, dem Sprechenden selbst, sowie den Zuhörenden. Letztere versuchen, durch Sprache eine gemeinsame Sichtweise einzunehmen und sich, teilweise intuitiv, Zugang zum Werk zu verschaffen. Bei der Kommunikation über Kunst ist die Gleichzeitigkeit von Sehen und Sprechen über das Wahrgenommene essentiell. Das Sprechen im Sehen, oder auch Laut-Denken tritt dabei immer wieder auf. Wie die Bezeichnung schon beschreibt, artikuliert der Betrachter seine Assoziationen frei und direkt, während er das Kunstwerk vor sich rezipiert. Sprachlich äußert sich dieser Vorgang der unmittelbaren Reaktion auf Impulse durch Ellipsen, bei denen semantisch nicht obligatorische Satzteile ausgelassen werden. Der Hintergrund ist eine Sprachökonomie, bei welcher mit möglichst geringem Aufwand des Sprechenden eine möglichst große Wirkung beim Zuhörenden erzeugt werden soll (vgl. Schweikle et al. 2007:185). Eine andersartige Auslassung stellt das Stottern dar, welches Sturm in Bezug auf die Wissenschaft über Sprachhemmungen als einen unterbrochenen Redefluss und „übermäßigen Kontrollmechanismus“ darstellt (1996: 260). „Der Stotternde kämpft mit der Unmöglichkeit, sein Sprechen in einem adäquaten Verhältnis zur Komplexität der Welt einzurichten“ (Sturm 1996: 260). So wird die Schwierigkeit des Wahrnehmens und gleichzeitigen Beschreibens von den Sprechenden selbst thematisiert. Fragen wie Wie soll ich sagen? zeigen das Suchen nach passenden Worten. Der Denkvorgang wird verbalisiert und offensichtlich zum Teil des Gesprächs. Damit wird die Übertragung von Rezipiertem in Sprache als Vorgang genutzt, in dem paradoxerweise eben jene Unzugänglichkeit thematisiert wird (vgl. Hausendorf 2005:115). Dies kann als „rekursiver, spiralförmiger Prozess“ bezeichnet werden, bei dem es darum geht „wahrnehmend zu beschreiben und beschreibend wahrzunehmen“ (Klotz 2005:82). Oft wird sich der Sprechende beim lauten Denken erst über seine Aussagen bewusst und kann sie vertiefen.

[...]


[1] Eigene Übersetzung: „Besonders die Ziele und Intentionen von jedem Interagierenden müssen etwas von den Zielen und Intentionen der anderen beinhalten.“

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Wie wird die Gleichzeitigkeit von Wahrnehmen und Sprechen in künstlerischen Arbeitsgesprächen realisiert? Über lautes Denken und das Schweigen beim Sehen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V435414
ISBN (eBook)
9783668764477
ISBN (Buch)
9783668764484
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Sprache, Kunst, lautes Denken, Sehen, Neurologie, Nativismus, Empirismus, Tomasello
Arbeit zitieren
Marie Welsche (Autor), 2016, Wie wird die Gleichzeitigkeit von Wahrnehmen und Sprechen in künstlerischen Arbeitsgesprächen realisiert? Über lautes Denken und das Schweigen beim Sehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435414

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wie wird die Gleichzeitigkeit von Wahrnehmen und Sprechen in  künstlerischen Arbeitsgesprächen realisiert? Über lautes Denken und das Schweigen beim Sehen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden