Gretchen in Goethes Faust. Ein Opfer sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Verhältnisse!?

Eine Unterrichtsstunde unter besonderer Berücksichtigung postrukturalistischer Methoden


Unterrichtsentwurf, 2017
13 Seiten, Note: 10 Punkte

Leseprobe

Klasse: 13 Thema der Stunde: Johann Wolfgang von Goethe: „Faust“- „Die ganze Welt Ist mir vergällt“ Gretchen - Ein Opfer sozialer Strukturen bzw. der gesellschaftlichen Verhältnisse!? Eine Unterrichtsstunde unter besonderer Berücksichtigung postrukturalistischer Methode.

Thema der Unterrichtsreihe: Faust – ein Abbild des modernen Menschen?! Einbettung der Stunde in die Unterrichtsreihe:

1. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.“ – Zitate als Türöffner zu den Hauptthematiken (Vorschaltstunde)
2. „Es irrt der Mensch, solang er strebt“ – Eine schicksalsträchtige Wette im Himmel
3. 28. Szenen? – Ein Überblick über das ungewöhnliche Drama
4. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ Eine Annäherung an Fausts bipolaren Charakter
5. „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ – Mephisto: Ein armer Teufel?
6. „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft“ - Der Pakt/Die Wette um Fausts Seele
7. Gretchen: Ein Gegenpol zu Mephisto
8. „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?“ - Fausts Werben
9. „Die ganze Welt Ist mir vergällt“ Gretchen - Ein Opfer sozialer Strukturen bzw. der gesellschaftlichen Verhältnisse!?
10. „Du, Hölle, musstest dieses Opfer haben!“ Der Mittel- und Wendepunkt
11. „Nur einen Schritt, so bist du frei!“ Gretchens Rettung (?) - Die Theodizee-Frage
12. Alles nur geklaut? - Der historische Faust
13. „Auch ein gelehrter Mann Studiert so fort, weil er nicht anders kann.“ – Faust II
14. Faust verfilmt – Gründgens Inszenierung

Leitziel:

Die SuS erkennen Gretchen einerseits als Opfer sozialer Strukturen (beispielsweise durch ihre zunehmende soziale Isolation, Einsamkeit und Trauer; den zunehmenden Druck der Gesellschaft und ihre Demütigungen; kaum Zukunftsoptionen), anderseits ihre Mitschuld am Kindsmord (da jeder für sein Handeln verantwortlich ist und sie mögliche Alternativen wie eine Hochzeit, Adoption oder das selbstbewusste Aufziehen des Kindes nicht nutze), indem sie die Handlung des Dramas aktualisieren und letztendlich ihre eigene Lebenswelt bezüglich anderer gesellschaftlicher Strukturen des 21. Jahrhunderts hinterfragen.

Teillernziele:

Kognitiv:

Die SuS erkennen…

1. , dass die gesellschaftlichen Verhältnisse außerhalb Deutschlands denen im Drama ähneln, indem sie ihre aktualisierte Handlung durch Schlagzeilen auf andere Gesellschaften übertragen (z.B. Mädchenmorde in China aufgrund der Ein-Kind-Politik und in Indien wegen der Mitgift, jungfräulich in die Ehe, Beschneidungen in Afrika)

2. Gretchen einerseits als Opfer sozialer Strukturen, andererseits als schuldig, indem sie ihre Alternativentwürfe hinsichtlich der Realisierbarkeit im Drama erproben (z.B. Kind zur Adoption freigeben, Faust heiraten, sich selbst umbringen,…)

3. , dass soziale Strukturen sich mit der Zeit wandeln und Gretchen in unserer Gesellschaft mehr Zukunftsoptionen hätte (z.B. Kindergeld- und Unterhaltsanspruch, keine soziale Ausgrenzung für alleinerziehende unverheiratete Mütter, ein höheres Selbstbewusstsein aufgrund der Emanzipation, weniger starre, christlich geprägte Moralvorstellungen etc.).

4. die Rolle von Gretchens Umfeld, (z.B. Mephistos, Marthes und Fausts materielle bzw. sexuelle Verführung, Fausts Mord an Gretchens Familie, Fausts Verschwinden, Valentins öffentliche Demütigung, etc.) und deren Konsequenzen (wie beispielsweise Gretchens zunehmende Isolation, Demütigung und ihr gesellschaftlicher Abstieg) als mögliche Ursachen für deren Mord an ihrem Kind.

5. Gretchens verzweifelte Haltung und den Druck, welchen ihre Umgebung erzeugt, indem sie das Bild (M1) beschreiben, analysieren und interpretieren.

Methodisch: Die SuS…

6. erweitern ihren poststrukturalistischen Fähigkeiten, indem sie zeitlich aktualisierte Handlungsentwürfe Fausts anfertigen.

Affektiv: Die SuS…

7. bauen ihre Imaginationsfähigkeit und Vorstellungsbildung aus, indem sie einen Teil des Dramas abändern und dessen Verlauf skizzieren.

8. erweitern ihre moralische Urteilsbildung, indem sie die Gesellschaft als mitschuldig entlarven.

9. erweitern ihre Selbstwahrnehmung, indem sie ihre eigene Umstände hinterfragen.

Verlaufsplan

Vorbereitende Hausaufgabe: Lest die Szenen 20 -23 (S.117-127).

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

1. Sachanalyse

Faust – der Tragödie erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe ist ein Drama, welches aufgrund seines langen Entstehungsprozesses von 1772 bis 1806 (bzw. bis 1831, wenn man Faust II miteinbezieht) wohl zu Recht als Goethes Lebenswerk bezeichnet werden kann. [1] Doch nicht nur diesem Prozess, sondern natürlich auch seinem Inhalt und seiner sprachlichen Form verdankt Faust seine fortwährende Popularität, die sich beispielsweise beim Werbeslogan von dm exemplarisch zeigen lässt „Hier bin ich Mensch – hier kauf ich ein!“, wobei über den Sinn solcher Veränderungen gestritten werden kann. Wirkungsvoll ist das Drama auch, da es diverse relevante Themen beinhaltet. Eines davon ist die Frage, inwieweit soziale Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse das Handeln des Individuums beeinflussen. Diese stellt sich besonders bei Gretchen, welche ihr neugeborenes Kind tötet. Der Mord taucht im Drama nicht explizit auf, wohl aber ist eine drastische Steigerung des gesellschaftlichen Drucks auf Gretchen erkennbar. So wird in der 20. Szene Am Brunnen durch ein Gespräch zwischen Lieschen und Gretchen spätestens am Beispiel einer Bekannten der beiden exemplarisch für Gretchen deutlich, dass die gesellschaftlichen Konsequenzen einer uneheliche Schwangerschaft Verachtung und soziale Isolation sind. Gretchen, die in der selben Lage ist, zeigt Mitleid, räumt aber ein, dass sie in der Vergangenheit selbst andere Mädchen verurteilte. Deutlich wird auch Lieschens Neid, da sie arbeiten musste oder von ihrer Mutter am Ausgehen gehindert wurde, während Bärbel sich mit ihrem Liebhaber traf. Auch dies scheint einer der Gründe für Lieschens Genugtuung bei der öffentlichen Reaktion zu sein. [2]

In der folgenden Szene Zwinger betet Gretchen Maria an. Diese Hinwendung zeugt einerseits von Gretchens tiefgreifende Religiosität, verdeutlicht andererseits aber bereits Gretchens zunehmende soziale Isolation und die Ausweglosigkeit ihrer Situation: [3] Statt sich mit Faust oder Marthe, ihren Vertrauten, über ihre Schwangerschaft zu unterhalten, sucht sie die Statue einer Heiligen auf, die selbst Frau und Mutter war und deren Sohn Jesus getötet wurde und beichtet dieser, dass sie die einzige sei, die ihr Leiden nachvollziehen könne und betet für eine Rettung vor der Schande und dem Tod. Auf jene Szene folgt ein weiterer Schicksalsschlag: Gretchens Bruder Valentin erscheint in der Szene Nacht erstmals im Drama, um ihr Treffen mit Faust zu verhindern und ihn zu töten. Offensichtlich hat er von ihrer Affäre erfahren. Bei der Auseinandersetzung wird Valentin von Faust erdolcht. Faust flieht daraufhin vor den gerichtlichen Konsequenzen aus der Stadt. Gretchen findet Valentin, der sie vor seinem Tod öffentlich verflucht, sie als Hure beschimpft und ihr eine düstere Zukunft prophezeit, bei der er die Option eines Kindsmordes erwähnt, ihren einen sozialen Abstieg, den Ausschluss aus der Kirche und ein Leben in Armut ausmalt. Auch macht er ihr ein schlechtes Gewissen, da er durch sie seine Ehre verloren habe und ihn ihr Verrat schwer treffe. [4] Im Dom, bei der Totenmesse hört Gretchen einen bösen Geist, der ihr ihren Wandel vom unschuldigen reinen Kind zur Mörderin ihrer Mutter aufzeigt und den Tod Valentins vor Gretchens Tür erwähnt. Er prophezeit, dass Gretchens Schwangerschaft an die Öffentlichkeit gelangen werde, klagt sie an und macht ihr Vorwürfe und nimmt ihr die Hoffnung auf eine Rettung. Gretchen bricht nun endgültig zusammen. [5]

Anhand dieser Szenen wird Gretchens zunehmende soziale Isolation deutlich. Sie ist einsam, hat keine Familie mehr und auch Faust scheint nicht erreichbar zu sein. Ihre Zuflucht zu Maria bleib ohne Antwort und auch im Dom findet sie keine Erlösung. Die Option wie zu Beginn des Dramas zu beichten, scheint ihr nicht in den Sinn zu kommen; vermutlich, da sie sich zu weit von den moralischen Regeln entfernt hat. Zudem lastet die Schuld auf ihr, indirekt für den Tod ihrer Mutter und das Ableben ihres Bruders verantwortlich zu sein, sowie das Wissen, deren und ihrem eigenen Ruf Schande bereitet zu haben. Durch Lieschens Spott über Bärbelchen und die Drohung, dass ihr bei der Hochzeit der Kranz vom Kopf gerissen werden würde und sie ihr Haus symbolisch durch Stroh markieren würde, muss Gretchen klar sein, dass sie gesellschaftlich geächtet wird, auch falls Faust sie noch heiraten sollte. Dass auch ihr Kind wahrscheinlich verstoßen werden würde, falls sie es aufziehen sollte, kann sich der Zuschauer, beziehungsweise Leser, vorstellen. Aufgrund der Religiosität der Menschen ist zudem deutlich, dass ein Mord oder ein Suizid schlimme Sünden und von der Kirche verboten und geächtet waren und auch im Jenseits keine Erlösung zuließen; den Betroffenen also keinerlei Ausweg zu bleiben schien. Man fragt sich, welche Optionen einer schwangeren Frau ohne Mann und Familie bleiben könnten. Zieht man die historischen Quellen zu Rate und bezieht Goethes biografische Bezüge mit ein, wird schnell deutlich, dass zu seiner Zeit ein solches Handeln durchaus vorkam: Susanna Margaretha Brand [6] , eine von Goethes Vorbildern für seine Figur, lieh Gretchen nicht nur ihren zweiten Namen und familiäre Ähnlichkeiten, auch ihr Kindsmord hat viele Parallelen zu Gretchens, wie beispielsweise der Wahn bei der Tötung, der Bezug zum Teufel und schließlich die freiwillige Annahme der Strafe. [7] Deutlich wird das strenge System der Regeln und Normen, die kontrastiv zu den spontanen Gefühlen der Menschen standen und welche häufig umgangen wurden, was auch Brands Schwester sagt und Goethe im Faust aufnahm: „Sie ist die Erste nicht.“ [8] Falls dies aber zu offensichtlich wurde, hatten die Frauen mit existenziellen Konsequenzen zu rechnen, die Männer aber blieben, wie bei Faust, unbehelligt.

Folgt man dieser Ausführung, wird deutlich, dass man das naive Gretchen als ein Opfer sozialer Strukturen beziehungsweise der gesellschaftlichen Verhältnisse sehen kann, die ihren Gefühlen folgte, sich verführen ließ und nun die gesellschaftlichen Konsequenzen tragen muss. Allerdings bleibt unklar, warum sie ihr Kind, nicht aber sich selbst, tötete; das Kind weggab und allein ausgegrenzt wurde oder heiratete. Vielleicht war dies auch eine „Kurzschlussreaktion“ Gretchens oder eine Art Schutz für das Kind, um nicht geächtet aufwachsen zu müssen. Dennoch sollte auch Gretchens Schuld thematisiert werden, da der Mord nicht allein durch ihr Umfeld gerechtfertigt werden kann. Gerade als religiös erzogene junge Frau sollte es Gretchen besonders schwergefallen sein, das fünfte Gebot der Bibel, welches besagt, dass man nicht töten soll, zu missachten, da zusätzlich zu der Schuld auf der Erde die Hoffnung auf das himmlische Paradies, und damit die Erlösung im Jenseits, schwindet. Weil jeder für sich selbst verantwortlich ist, kann Gretchen durchaus für ihr Handeln als (mit)schuldig bezeichnet werden. Vielleicht hätte Gretchen Faust oder einen anderen Mann heiraten und das Kind mit ihm aufziehen können, auch wenn, wie in Bärbelchens Fall deutlich wird, dies trotzdem gesellschaftliches Konsequenzen mit sich bringen kann.

Interessant ist, dass der Mord selbst, wie auch das Sterben der Mutter oder die Gerichtsverhandlung, nur angedeutet werden. Jene entscheidenden Elemente bleiben der Phantasie des Rezipienten überlassen und werden lediglich durch an- oder vorausgedeutet. Bemerkenswert ist des Weiteren, dass Gretchen dem Zuschauer trotz des Mordes an ihrem Kind als eine gute Figur in Erinnerung bleibt, welche als Gegenpol zum Bösen, also Mephisto fungiert. Goethe lässt ihr also trotz dieses Mordes die Möglichkeit, in den Himmel zu gelangen, indem sie sich ihrer weltlichen Verurteilung stellt, standhaft und ihrem tief religiösen Glauben treu bleibt.

Wie die Zitate zur Vertiefung der Stunde zeigen, ist das Thema des Kindsmordes im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Normen oder sozialen Strukturen auch im 21. Jahrhundert aktuell: Sei es die Beschneidung afrikanischer Frauen, die massiv in deren Körper eingreift, um ihre Jungfräulichkeit zu wahren, die strengen religiösen Vorgaben, die verschiedene Kulturen praktizieren, oder staatliche Einschränkungen wie Chinas Ein- beziehungsweise nun Zwei-Kind-Politik oder Indiens kulturelle Mitgiftregelung. Um am Beispiel von Gretchens Lage ein Verständnis für diverse Einflüsse zu erlangen, die bei solchen Entscheidungen eine tragende Rolle spielen, und dabei die eigenen zu hinterfragen, eignet sich Faust I besonders gut.

[...]


[1] vgl. Müller-Völkl, Claudia und Völkl, Michael: Einfach Deutsch – Faust, Der Tragödie erster Teil verstehen, Braunschweig/Paderborn 2017, S.101ff.

[2] vgl. Waldherr, Franz: Einfach Deutsch Unterrichtsmodell – Faust – Der Tragödie erster Teil, Braunschweig 2013, S.117ff.

[3] vgl. Faust, Der Tragödie erster Teil, S.119f.

[4] vgl. Faust, Der Tragödie erster Teil, S.120ff.

[5] vgl. Faust, Der Tragödie erster Teil, S.125ff.

[6] Oder auch Brandt oder Brandtin, hier sind sich die Quellen uneinig. (vgl. Müller-Völkl, Claudia und Völkl, Michael: Einfach Deutsch Unterrichtsmodell – Faust, Der Tragödie erster Teil Neubearbeitung, Braunschweig 2016, S.166, vgl. auch ( Müller-)Völkl: Faust verstehen, 2017. S.101)

[7] vgl. Waldherr, Einfach Deutsch - Faust, 2013, S.120.

[8] Faust, Der Tragödie erster Teil, S.146.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Gretchen in Goethes Faust. Ein Opfer sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Verhältnisse!?
Untertitel
Eine Unterrichtsstunde unter besonderer Berücksichtigung postrukturalistischer Methoden
Note
10 Punkte
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V435427
ISBN (eBook)
9783668772014
ISBN (Buch)
9783668772021
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faust, Opfer, Gretchen, soziale Verhältnisse, Gesellschaft, Poststrukturalismus, Kindsmord, Drama aktualisieren
Arbeit zitieren
Marie Welsche (Autor), 2017, Gretchen in Goethes Faust. Ein Opfer sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Verhältnisse!?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435427

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