Der 11. September 2001 im Fernsehen - Analyse und Vergleich der Nachrichtensendungen von ARD und RTL im Zeitraum vom 11.09. bis 25.09.2001


Diplomarbeit, 2005
151 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung
2.1. Korpus
2.2. Literaturlage
2.3. Vorgehensweise

3. Öffentlichkeit und öffentliche Meinung
3.1. Die Theorie einer diskursiven Öffentlichkeit
3.2. Die Akteure der Öffentlichkeit
3.2.1. Das Publikum
3.2.2. Die Sprecher
3.2.3. Die Massenmedien
3.3. Der Begriff der öffentlichen Meinung

4. Nachrichtensendungen - Das beliebte Fernsehformat
4.1. Die Erzählstruktur von Nachrichten
4.2. Die serielle Struktur von Nachrichtensendungen
4.3. Die Konvergenzhypothese
4.4. Existiert eine Konvergenz in Fernsehnachrichten?
4.5. Nachricht ist nicht gleich Nachricht - „Hard-News“ und „Soft-News“

5. Medial vermittelte Krisenereignisse in der Kritik
5.1. Die Medienkritik an der Berichterstattung über Golf- und Kosovokrieg
5.1.1. Abhängigkeit von Fremdmaterial
5.1.2. Mangelnder Informationsgehalt
5.1.3. Offizielle Sprache und Rollenzuteilung
5.1.4. Emotionalisierung der Berichterstattung
5.1.5. Der Beginn des Krieges als Countdown

6. Der 11. September 2001: Live dabei?
6.1. Die Katastrophe in Echtzeit? - Was war wirklich „live“?
6.2. Elemente der Liveness in der Berichterstattung am 11. September 2001
6.2.1. Vermischung von Live-Bildern mit Aufzeichnungen
6.2.2. Korrespondentenschaltungen
6.2.3. Expertenbefragungen

7. Die Bilder der Katastrophe – Terror in der Wiederholung
7.1. Die wiederholte Verwendung der Anschlagsbilder vom 11. September 2001
7.2. Die Wiederholungen im Kontext der Tageschau-Ausgaben
7.3. Die Wiederholungen im Kontext der RTL-aktuell-Ausgaben
7.3.1. Der Terror als Kulisse - Bilder in der Endlosschleife
7.3.2. Die Verwendung der Anschlagssequenzen in Filmbeiträgen
7.3.3. Der Sprung aus dem Turm – Im Fokus der Kameras

8. Quantitative Analyse der Nachrichtenformate
8.1. Zusammensetzung der Sendungen
8.2. Themenspezifische Struktur der Berichtanteile in den Nachrichtensendungen
8.3. Aufschlüsselung der Filmbeiträge in Hard-News und Soft-News

9. In Erwartung einer Vergeltung - Berichte über militärische Aspekte
9.1. Militärische Aspekte - Analytischer Abschnitt
9.2. Der 11. September 2001 - Eine Kriegserklärung?
9.3. Countdown zum Krieg: Das Warten auf den Gegenschlag
9.4. Bush im Capitol: Vergleich der Beiträge vom 21.09.2001 von Tagesschau und RTL-aktuell
9.5. Struktur der Berichte vom 21.09.2001
9.6. Darstellung der Unterschiede
9.6.1. Unterschiede in der Struktur
9.6.2. Inszenierung versus Transparenz
9.7. Kein Einzelfall: Vermischung von politischem Inhalt mit emotionalen Elementen
9.8. Krieg in Schlagzeilen
9.9. Eine Katastrophe ohne Geschichte - Die fehlende Vermittlung von Hintergründen

10. Der 11. September im Boulevard - Inszenierung von Emotionen

11. Im Schatten des 11. Septembers: Verdrängung anderer Themen

12. Schlussbetrachtung

13. Literatur und Bildmaterial

14. Anhang
14.1. Chronologie vom 12.09.2001 bis 25.09.2001
14.2. Transkription Tagesschau-Bericht vom 15.09.2001
14.3. Transkription RTL-aktuell-Bericht vom 15.09.2001
14.4. Transkription Tagesschau-Bericht vom 21.09.2001
14.5. Transkription RTL-aktuell-Bericht vom 21.09.2001
14.6. Einschaltquoten ARD und RTL

2. Einleitung

„Am 11. September 2001 ereignete sich eine Katastrophe, die auf beispiellose Weise die alte Weltordnung veränderte. Zwei entführte Verkehrsflugzeuge rasten in das World Trade Center in New York, ein drittes bei Washington ins Pentagon und ein viertes entführtes Flugzeug stürzte auf ein Feld in Pennsylvania.“[1]

Meldungen wie diese wurden unzählige Male gehört. Der 11. September 2001 ist mittlerweile zu einem symbolischen Datum geworden. Ein Tag voller Bilder. Bilder der Anschläge in Amerika. Ein Medienereignis. Oder war es ein Medienspektakel?

Bereits eine Stunde nach dem ersten Einschlag eines Flugzeuges in den Nordturm des World Trade Centers (im Folgenden WTC) wissen 70% der deutschen Bevölkerung über die Ereignisse in den USA Bescheid. Bis zum späten Abend werden es weit über 90% sein.[2]

Das Fernsehen wird dabei von der Mehrheit der deutschen Zuschauer als das wichtigste Informationsmedium angegeben.[3]

Nur wenige Minuten nach dem ersten Einschlag berichten ab 15.00 Uhr deutsche Fernsehsender wie ARD, ZDF, RTL und Sat.1 in Extraausgaben ihrer Nachrichtensendungen von den Terrorakten in den USA. Der 11. September 2001 - ein Medienereignis, über das auch in den Folgetagen rund um die Uhr berichtet wird. Hätte es auch ohne die einschlägig bekannten Bilder dieselbe Wirkung auf die Zuschauer ausgeübt?

Die Terrorakte stellen ein visuelles Katastrophenereignis ohnegleichen dar. Beim Betrachten der Bilder ergeben sich Assoziationen mit bekannten Actionfilmen. Was geschieht erscheint zunächst zu fiktional, als dass es Wirklichkeit sein könnte. Nachrichtenmoderatoren wie Ulrich Wickert (ARD), Steffen Seibert (ZDF) oder Peter Kloeppel (RTL) kommentieren die Geschehnisse in New York und Washington über Stunden live und ohne jegliche Vorbereitung.

Das gewohnte Layout der Nachrichtensendungen offenbart hingegen, dass es sich um keinen Film, sondern um bloße Realität handelt.

Die Anschläge in den USA dominieren die Nachrichtensendungen über Tage hinweg. Es scheint nur noch ein Thema zu geben: Der sprichwörtlich aus heiterem Himmel sichtbargewordene Terrorismus, der Massenmord an über 3000 Menschen.

Niemand konnte sich der Berichterstattung entziehen. So gut wie alle Sender änderten ihr Programm. Auch ich verfolgte das Geschehen seit etwa 15.00 Uhr im Fernsehen. Es wurden Bilder gesendet, die zunächst nicht richtig einzuschätzen waren. Bald schon stellte sich das Verlangen ein, die Szenen des Terrors immer wieder zu sehen, um das Geschehene verstehen zu können. So schaltete ich von einem Sender zum nächsten, wobei ich oft auf das Programm von RTL zurückkam.

Erst im Nachhinein stellte ich mir die Frage, warum es mir nicht möglich war, kontinuierlich eine Sendung zu verfolgen, sondern unerlässlich versucht war, von einem Sender zum nächsten zu schalten. Der 11. September als Zapping-Orgie? Auf der Suche nach neuen Bildschnipseln? Warum erweckte gerade RTL mein Interesse? Weil der Sender mir Informationen lieferte, die ich von anderen Programmen nicht erhielt? Oder weil mir die schockierenden und dennoch faszinierenden Bilder immer wieder aufs Neue dargeboten wurden? Gab es etwa einen gravierenden Unterschied in der Berichterstattung der jeweiligen Nachrichtformaten, der mich dazu verleitete den Sendungen eines Senders den Vorzug vor den anderen zu geben? Wie wurde informiert, öffentlich gemacht, berichtet?

Nicht selten heftet den privaten Fernsehsendern der Ruf an, sie seien effekthascherisch und besonders auf die Darstellung von Sensationellem und Emotionalem fixiert. Aber ist dies wirklich der Fall?

Inwiefern unterscheiden sich die Nachrichtensendungen von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern tatsächlich bei der Vermittlung von Nachrichten im Angesicht dieser Katastrophe? Gibt es verschiedene Herangehensweisen in der Darstellung der Informationen, der Darbietung der Bilder?

Aber nicht nur an diesem Tag wurde berichtet, sondern der 11. September war beherrschendes Thema über Wochen hinweg. Am Tag nach den Terrorakten überwiegt zunächst die Trauer über die Opfer der Anschläge. Doch schon zur gleichen Zeit wird in den Nachrichtensendungen bereits nach mutmaßlichen Tätern gesucht. Schnell ist der islamistische Terrorist Osama Bin Laden als vermeintlicher Drahtzieher ausgemacht. Der Fokus der deutschen Fernsehberichterstattung verlagert sich nach einigen Tagen auf die Suche nach Verantwortlichen der Terrorakte, vor allem aber auf eine zu erwartende Reaktion der amerikanischen Regierung.

In dieser Arbeit sollen die Hauptnachrichtenausgaben von Tagesschau (ARD)[4] und RTL-aktuell (RTL)[5] im Hinblick auf die Berichterstattung der Ereignisse in Amerika analysiert und miteinander verglichen werden. Die Wahl fällt auf diese beiden Formate, da so das jeweils quotenstärkste Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Tagesschau) und der privaten Anbieter (RTL-aktuell) vertreten ist.[6]

2.1. Korpus

Die Grundlage dieser Arbeit stellen die Mitschnitte der Hauptnachrichtensendungen von ARD (Tagesschau) und RTL (RTL-aktuell) dar, die aus dem Zeitraum vom 11.09.2001 bis einschließlich 25.09.2001 stammen. Es handelt sich dabei um insgesamt 15 Ausgaben der Tagesschau sowie 15 Ausstrahlungen der Sendung RTL-aktuell.

Zu den jeweiligen Hauptausgaben der Nachrichten kommen bei beiden Sendern die Live-Berichterstattungen vom 11. September 2001 hinzu, wobei ich mich auf einen zweistündigen Aufzeichnungszeitraum beschränke, der die Anfänge der Berichterstattung von etwa 15.00 Uhr (MEZ) bis 17.00 Uhr (MEZ) umfasst. Diese Ausschnitte habe ich zum einen gewählt, um die Berichterstattung beider Sender auf einer zeitlichen Ebene vergleichbar zu machen, zum anderen, weil die gewählte Mitschnittlänge die wesentlichen Ereignisse, nämlich die Einschläge der Flugzeuge in das WTC in New York und in das Pentagon in Washington sowie das Einstürzen der Zwillingstürme beinhaltet.

Dieser Arbeit liegt Bildmaterial im Umfang von circa 760 Minuten zu Grunde.

Bei der Analyse der Nachrichtensendungen habe ich mich auf einen zweiwöchigen Zeitraum beschränkt, um so eine tiefgehende und detaillierte Untersuchung der beiden Formate zu gewährleisten. Der gewählte Zeitrahmen bietet so die Möglichkeit sowohl eine quantitative Auswertung der Nachrichtenausgaben zu gewährleisten, als sie auch qualitativ eingehend zu verifizieren.

Jeder deutsche Fernsehsender besitzt einen Mitschnittservice, von dem Kopien einzelner Sendungen kostenpflichtig bezogen werden können.

Durch zahlreiche Schreiben und Anträge erklärten sich die Nachrichtenredaktionen von ARD und RTL bereit, das Material unentgeltlich zur Sichtung und Kopie zur Verfügung zu stellen. Beiden Redaktionen möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich für ihr Entgegenkommen danken.

Alle im Anhang aufgeführten Mitschnitte liegen beim Verfasser dieser Arbeit als VHS-Kopie vor.

2.2. Literaturlage

Die Literaturlage zum 11. September 2001 kann als äußerst umfassend angesehen werden, da zahlreiche Publikationen zu Chronologie, politischen Auswirkungen und Deutungen der Anschläge existieren. In Bezug auf das Thema dieser Arbeit, der medialen Vermittlung dieser Ereignisse, stellt sich die Materiallage allerdings wesentlich differenzierter dar, was in der schweren Zugänglichkeit der Fernsehdokumente begründet liegt.

So existieren bisher nur Untersuchungen, die sich entweder ausschließlich auf die Berichterstattung am 11. September 2001 selbst beziehen, oder in wenigen Fällen auch den Folgetag in die Betrachtungen integrieren.

Hierzu sei an dieser Stelle vor allem die Arbeit von Christoph Weller Die Massenmediale Konstruktion der Terroranschläge am 11. September 2001 angeführt, die sich ausführlich mit der empirischen Analyse von Deutungsmustern während der ersten Stunden der Live-Berichterstattung von ARD, ZDF und RTL beschäftigt, sowie der Publikation Bilder des Terrors – Terror der Bilder von Michael Beuthner, deren Gegenstand unterschiedlichste Betrachtungen der Fernsehberichterstattung am 11. September umfasst.

2.3. Vorgehensweise

In Bezug auf das Thema dieser Arbeit, der Analyse und dem Vergleich der zwei unterschiedlicher Nachrichtenformate von ARD und RTL, soll zu Beginn zunächst auf die Rolle der Massenmedien zur Herstellung einer (politischen) Öffentlichkeit und der Erzeugung einer öffentlichen Meinung eingegangen werden. Hierzu bildet vor allem die Theorie einer diskursiven Öffentlichkeit von Jürgen Habermas den Ausgangspunkt der Betrachtungen. Dabei soll nicht die vollständige Darstellung dieses Konzeptes im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die Hervorhebung der Massenmedien als entscheidender Akteur in der Herstellung von öffentlicher Kommunikation.

Die Glaubwürdigkeit und Erzählstruktur von Fernsehnachrichten soll im darauf folgenden Kapitel 4 (Nachrichtensendungen – Das beliebteste Fernsehformat) thematisiert werden. Hier bilden besonders die Texte von Knut Hickethier die theoretische Grundlage der Ausführungen. Im Zuge dessen sollen Eigenheiten der Nachrichtendarstellung im Fernsehen aufgezeigt werden, mit dem Ziel zwischen unterschiedlichen Nachrichtentypen (entweder gekennzeichnet durch einen sachlichen und der Darstellung von politischen Aspekten verpflichteten Charakter, oder Meldungen mit stark gefühlsbetonter Tendenz) unterscheiden zu können.

Anhand der Darstellung der Medienkritik an der Berichterstattung während des Golfkrieges 1991 und über den Kosovokrieg 1999 sollen zum Abschluss des Grundlagenteils die wichtigsten Kritikpunkt in Bezug auf die mediale Vermittlung dieser ausgewählten Krisenereignisse aufgezeigt werden. Diese Thematik soll nur am Rande erwähnt werden, da sie nicht zum zentralen Gegenstand dieser Arbeit gehört.

Sie soll aber dazu dienen, dem Leser eine Parallelenziehung zur Berichterstattung über die Ereignisse des 11. Septembers 2001 zu ermöglichen, auch wenn die gewählten Beispiele mit den Terrorakten in den USA nur bedingt vergleichbar sind (wie in Kapitel 5 Medial vermittelte Krisenereignisse in der Kritik ausgeführt wird).

Sinn des Grundlagenteils soll es sein, besonders das Format der Fernsehnachrichten genauer zu betrachten und dessen Vermittlungsstrategien zu verstehen und als Basis für die eigentliche Analyse und Untersuchung der Nachrichtensendungen von Tagesschau und RTL-aktuell zu dienen. In dieser Analyse soll dann folglich nur noch vereinzelt auf die Ausführungen des Grundlagenteils eingegangen und verwiesen werden.

Den Beginn der Untersuchung der Berichterstattung beider Nachrichtenformate im Zusammenhang mit dem 11. September 2001 bildet die in Kapitel 6 (Der 11. September 2001: Live dabei?) gestellte Frage, was an diesem Tag tatsächlich in Echtzeit zu sehen ist. Darüber hinaus soll ausgeführt werden, welche Mittel die Sender anwenden, um eine Live-Struktur während der Übertragung zwischen 15.00 Uhr und 17.00 Uhr zu erzeugen.

Daran soll sich eine Analyse der Verwendung der Szenen der Anschläge (den Einschlägen der beiden Flugzeuge sowie den Einstürzen der Türme des WTC) in den jeweiligen Nachrichtensendungen in dem hier verglichenen 14-tägigen Zeitraum anschließen (Kapitel 7: Die Bilder der Katastrophe – Terror in der Wieder-holung).

Das Ziel der quantitativen Aufschlüsselung der Filmbeiträge aller Tagesschau- und RTL-aktuell-Ausgaben in Kapitel 8 (Quantitative Analyse der Nachrichten-formate) ist es, die Themenstruktur der jeweiligen Nachrichtensendung aufzuzeigen.

In Kapitel 9 (In Erwartung einer Vergeltung – Berichte über militärische Aspekte) wird sich darauf aufbauend ausführlich mit der qualitativen Darstellung der Unterschiede in der Vermittlung von Aspekten, die im Zusammenhang mit einer Mobilisierung der amerikanischen Streitkräfte und einem drohenden Vergeltungsschlag seitens der USA stehen, zu beschäftigen sein.

Die Strategie, im Zusammenhang mit den Anschlägen in den USA, auch stark emotionalisierende Berichte, die sich nicht mit politischen Aspekten der Ereignisse auseinandersetzen, sondern vielmehr das menschliche Schicksal in den Vordergrund zu rücken, soll in Kapitel 10 (Der 11. September im Boulevard – Inszenierung von Emotionen) dargestellt werden. Zusätzliches Ziel ist es aufzuzeigen, wie die Ereignisse in Amerika auch auf völlig sachfremde Nachrichtenfelder bezogen werden (wie zum Beispiel im Rahmen von Sportmeldungen), um die Aufmerksamkeit des Publikums zu steigern.

Den Abschluss der Analyse soll die Untersuchung bilden, wie stark andere politische Themen durch die Berichterstattung über den 11. September 2001 und militärische Vorbereitungen seitens der USA in den beiden Nachrichtenformaten verdrängt werden (Kapitel 11: Im Schatten des 11. Septembers: Verdrängung anderer Themen).

In der Schlussbetrachtung werden nochmals die prägnantesten Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst, um die gravierendsten Unterschiede aufzuzeigen.

3. Öffentlichkeit und öffentliche Meinung

In den folgenden Kapiteln sollen die Definitionen der Begriffe Öffentlichkeit und öffentliche Meinung vorgestellt sowie ein theoretisches Konzept zur Entstehung und Funktion einer politischen Öffentlichkeit dargestellt werden, um den besonderen Stellenwert der Massenmedien innerhalb dieser Prozesse und ihre Rolle in einem demokratischen System bei der Herstellung von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung herauszustellen.

Der Begriff „Öffentlichkeit“, im politischen Sinne betrachtet, wird als jener gesellschaftliche Bereich definiert, „der über den privaten, persönlichen, relativ begrenzten Bereich hinausgeht, für die Allgemeinheit offen und zugänglich ist.“[7] Für Friedhelm Neidhardt erscheint er somit „als ein offenes Kommunikationsforum für alle, die etwas sagen oder das, was andere sagen, hören wollen.“[8]

Das Prinzip der freien Meinungsäußerung ist dabei als die entscheidende Voraussetzung für die Entstehung einer gesellschaftlichen und politischen Öffentlichkeit anzusehen. Durch das im Grundgesetz verankerte Recht auf freie Meinungsäußerung kann erst das entstehen, was Neidhardt mit einem offenen Kommunikationsforum meint, in dem verschiedene Ansichten ausgesprochen und gegenübergestellt werden können. Dem Text des Artikels 5 des Grundgesetzes ist dabei die Wichtigkeit der Medien in Bezug auf die Herstellung einer solchen Öffentlichkeit zu entnehmen:

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“[9]

Personen haben also demnach das garantierte Recht, ihre Ansichten und Meinungen frei zu äußern und sich frei zu informieren. Damit wird auch eine freie Meinungs- und Willensbildung garantiert.

Die so ermöglichte Entstehung einer Öffentlichkeit stellt ein „konstitutives Element der Demokratie“[10] dar, da sie der Ort ist, „an dem die politische Kommunikation sichtbar wird.“[11]

Durch den öffentlichen Diskurs über (politische) Ansichten entsteht darüber hinaus Transparenz über die dort verhandelten Themen, womit das Prinzip der Öffentlichkeit zudem „eine wichtige Voraussetzung der öffentlichen Kontrolle politischer Macht“ darstellt.[12] Politische Entscheidungen werden durch die Massenmedien beobachtet, sichtbar gemacht und kommentiert und damit der Öffentlichkeit vergegenwärtigt.

3.1. Die Theorie einer diskursiven Öffentlichkeit

Jürgen Habermas formuliert in seiner Theorie über eine diskursive Öffentlichkeit eine Idealvorstellung, wie die Entstehung von Öffentlichkeit dazu dient, Themen und Meinungen in einer Gesellschaft sichtbar zu machen.[13] Darüber hinaus besteht das Ziel darin, dass es nicht allein bei dieser Transparenzfunktion bleibt, sondern dass durch einen Ort und Prozess freier und öffentlicher Meinungs- und Willensbildung eine Verständigung über Angelegenheiten von allgemeinem Interesse stattfindet und so eine weitergehende Demokratisierung der Gesellschaft erreicht werden kann.

Dies bedeutet für ihn in der Praxis, dass in einem demokratischen System die Legitimation der politischen Akteure durch die Bevölkerung nicht nur durch reguläre Wahlen gewährleistet wird, sondern durch einen öffentlichen Diskussions-, Verständigungs- und Konsensprozess eine bestmögliche Entscheidungsvorbereitung und Interessenvermittlung von unten (den Bürgern) nach oben (zu den politischen Akteuren) entsteht. Die politischen Akteure sollen so besser an den „Output“ öffentlicher Meinungsbildungsprozesse gebunden werden und bleiben,[14] da sie sich so die Legitimation durch die Bürger verschaffen. Andrea Gourd stellt dazu in ihren Ausführungen über Öffentlichkeit fest, dass „erst solche diskursiv, mit rationalen Argumenten geführten öffentlichen Diskussionsprozesse mit dem Ziel der bestmöglichen Entscheidungsvorbereitung und -findung (...) die Grundlage für demokratisch legitimierte Entscheidungen“ bilden.[15] Indem die politischen Akteure auf diesen öffentlichen Diskursverlauf eingehen und ihn bei ihren Entscheidungen mit einbeziehen, erlangen sie auch zwischen regulären Wahlen eine Legitimierung durch das Volk.

Diesen Diskussionsprozess hat Habermas in mehrere Stufen unterteilt: Zunächst müssen aufgestellte Behauptungen und Forderungen ausreichend dargelegt und begründet werden, um die Öffentlichkeit von diesen Vorstellungen zu überzeugen. Der zweite Schritt besteht darin, dass sich alle Teilnehmer an diesem öffentlichen Diskurs auf die jeweils geäußerten Forderungen beziehen und ihnen argumentativ begegnen. Aus der resultierenden Diskussion um die besseren Argumente und Vorstellungen soll zuletzt ein übergreifender Kompromiss entstehen. Hierdurch erhebt Habermas die Forderung, dass eine Diskussion stets konsensorientiert geführt werden müsse.[16]

Dahinter steht die Vorstellung, dass durch einen ausreichenden Diskurs eine größere Chance auf einen qualitativen Konsens besteht. Die Kommunikationsflüsse sollen dabei so gesteuert werden, „dass sie sich zu themenspezifisch gebündelten öffentlichen Meinungen verdichten.“[17]

Ein wichtiges Element dieser Theorie stellen für Habermas dabei die Massenmedien dar, da sie der Mittler zwischen einzelnen Sprechern und dem Publikum sind. Denn ohne diese können die Meinungen nicht an ein zahlenmäßig großes Publikum herangetragen und wahrgenommen werden. Andrea Gourd führt dazu an, dass Habermas nicht nur massenmediale Öffentlichkeit in sein Modell mit einschließe, sondern diese „vielmehr strukturelle Voraussetzung diskursiver öffentlicher Kommunikation“ seien.[18]

Damit stellen die Massenmedien einen wichtigen Akteur in der Herstellung von Öffentlichkeit dar, neben einem Publikum und den Sprechern, die sich an dieses richten.

3.2. Die Akteure der Öffentlichkeit

Vor allem Friedhelm Neidhardt hat auf der Theorie von Habermas aufgebaut und sie durch bestimmte Definitionen erweitert und bereichert. Für ihn entsteht Öffentlichkeit dort, „wo ein Sprecher vor einem Publikum kommuniziert, dessen Grenzen er nicht bestimmen kann.“[19]

Für Neidhardt gibt es dabei zwei Formen der Öffentlichkeit. Bei einer sogenannten „Kleinen Öffentlichkeit“[20] tritt neben einem Sprecher selbstverständlich ein Publikum auf. Bildlich kann man sich dies zum Beispiel bei einer Kundgebung oder Versammlung vorstellen, bei der verschiedene Redner ihre Worte an das im Saal versammelte Publikum richten.

Für die Herstellung einer großen Öffentlichkeit ist aber die Vermittlung durch Kommunikateure unerlässlich. Diese bestehen für Neidhardt aus den Massenmedien. Durch sie ist es für die Sprecher möglich, ein größeres Publikum zu erreichen. Neidhardt bezeichnet diese Massenmedien als die „dritte Größe“[21] im Prozess zur Schaffung einer Öffentlichkeit. Allerdings weist er zugleich darauf hin, dass durch sie Sprecher und Publikum ihren interaktiven Zusammenhang verlieren: „Dies aber steigert die Reichweite der Sprecher, und die Größe des Publikums kann erheblich steigen. Öffentliche Kommunikation wird zur Massenkommunikation.“[22]

Für eine große Öffentlichkeit sind also drei Faktoren nötig: Das Publikum, die Sprecher und die Massenmedien als Kommunikateure.

3.2.1. Das Publikum

Für das Publikum kennzeichnend ist seine „prinzipielle Unabgeschlossenheit“[23]. Dies bedeutet, dass immer wieder neue Zuhörer zur laufenden Kommunikation hinzukommen können. Das Publikum stellt den Adressaten für Sprecher und Kommunikateure dar. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die gesamte Bevölkerung, sondern nur um jenen Teil, der sich durch Sprecher und Medien zur Teilhabe am Kommunikationsprozess motivieren lässt. „Publikum“ ist also keine feststehende und klar definierbare Größe. Vielmehr unterliegt es Schwankungen in Größe und Zusammensetzung. „Im Regelfall ist Publikum alles andere als bevölkerungsrepräsentativ.“[24] Denn das Publikum ist immer interessengeleitet, entscheidet also, welche Sprecher es wahrnimmt und wem es zuhört. Somit kann nicht im Voraus abgeschätzt werden, wie groß ein zu erreichendes Publikum ausfallen wird.

3.2.2. Die Sprecher

Bernhard Peters unterscheidet in seinem Aufsatz „Der Sinn von Öffentlichkeit“ verschiedene Arten von Sprechern[25], zu denen unter anderem so genannte Repräsentanten, also Vertreter von Parteien, Vereinen und Bewegungen zählen. „Experten“ sind jene Sprecher, die mit „wissenschaftlich-technischen Sonderkompetenzen“[26] auftreten. Als weitere Sprechertypen kennzeichnet er „Intellektuelle“, die sich mit Fragen von Moral und gesellschaftlichem Sinn beschäftigen und „Kommentatoren“, also Journalisten, die sowohl berichten als auch Gesehenes und Geschehenes kommentieren und werten.

Hier zeigt sich, dass es eine Überschneidung zwischen den Akteurskategorien „Sprecher“ und „Massenmedien“ geben kann, denn Journalisten und Kommentatoren können einerseits als Sprecher in eigener Sache auftreten, indem sie ihre Meinung kundtun, andererseits sind sie gleichzeitig Akteure der Massenmedien, da sie auch in ihrem Auftrag über Sachverhalte berichten.

3.2.3. Die Massenmedien

Wie bereits geschildert spielen die Massenmedien als Kommunikateure zwischen Sprechern und Publikum eine wichtige Rolle bei der Erzeugung von Öffentlichkeit. Nur durch sie ist es möglich, Ideen und Meinungen Einzelner an ein möglichst großes Publikum zu transportieren.

Erst sie können eine kleine in eine große Öffentlichkeit transformieren und die Kommunikation zwischen wenigen (zum Beispiel bei einer Versammlung) zur Massenkommunikation steigern. Diese Vergrößerung des Publikums als augenscheinlichen Vorteil birgt aber auch den Nachteil in sich, dass eine direkte Kommunikation zwischen Sprecher und Publikum, aber auch zwischen einzelnen Sprechern in der Regel nicht mehr möglich ist, sondern eben über die Medien als Mittler zwischen einzelnen Positionen und Akteuren kommuniziert wird.

Auch das Publikum wird durch die Massenmedien eine fast unsichtbare und kaum zu definierende Größe. Es kann vorher kaum abgeschätzt werden, wie viele Bürger sich beispielsweise eine Rede im Fernsehen anhören und wie genau das Publikum zusammengesetzt ist. Neidhardt vergleicht dies mit dem Bild einer Arena, dessen Galerien für das Publikum prinzipiell frei zugänglich sind und daher im Vorfeld ungewiss ist, aus welchen und wie vielen Personen dieses besteht.[27]

Die Massenmedien spielen eine paradoxe Rolle, indem sie zum einen Meinungen und ihre Meinungsträger quasi frei Haus liefern, ohne dass sich das Publikum selbst in einen physischen Raum der Öffentlichkeit bewegen müsste. Auf der anderen Seite wird die Interaktivität (wie zum Beispiel bei einer Versammlung) zwischen Sprechern und Publikum unterbrochen, da eine direkte Kommunikation zwischen diesen beiden Akteuren nicht mehr möglich ist. Damit steigt im Gegenzug aber die Reichweite des Gesagten.

Sprecher, Publikum und Kommunikateure in Gestalt der Massenmedien sind somit die Akteure, die eine Entstehung von Öffentlichkeit überhaupt erst ermöglichen. Dabei lässt sich der Theorie Habermas` entnehmen, dass das Ziel eines wie zuvor geschilderten diskursiven Meinungsbildungsprozesses das Herauskristallisieren einer öffentlichen Meinung ist, die die politischen Akteure bei ihren Entscheidungen einbeziehen sollen. Öffentliche Meinung soll daher im Idealfall das Ergebnis eines öffentlich geführten Diskurses darstellen.

3.3. Der Begriff der öffentlichen Meinung

Doch beim Begriff der öffentlichen Meinung gibt es unterschiedliche Interpretationen darüber, woraus öffentliche Meinung letztendlich besteht.

„Öffentliche Meinung, Begriff der sich auf Meinungsbildung in Räumen, die allen Bürgern zugänglich, also weder privat noch geheim sind, bezieht.“[28] An dieser Definition aus dem Lexikon der Politikwissenschaft ist zu ersehen, wie sehr sie mit der Habermas´schen Theorie von Öffentlichkeit korrespondiert. Allerdings legt diese Auslegung nahe, dass alles, was in einem frei zugänglichen, öffentlichen Raum geäußert wird, automatisch Anspruch auf öffentliche Meinung erheben könnte. Darüber hinaus wird im Lexikon der Politikwissenschaft darauf hingewiesen, dass „ein geschlossenes Konzept der öffentlichen Meinung“ nicht existiert, „vielmehr begegnen wir einem Panorama von Deutungen, bei denen sich ideengeschichtliche, theoretische, empirische und normative Elemente verweben.“[29]

Babara Pfetsch und Dieter Fuchs stellen zwar fest, dass über den Stellenwert der öffentlichen Meinung in einer Demokratie eine „weitgehende Übereinstimmung“ bestehe, führen gleichzeitig aber an: „Um so erstaunlicher ist deshalb die Unklarheit darüber, was öffentliche Meinung denn eigentlich sei.“[30]

Auch andere Autoren verweisen auf dieses Problem, wenn sie auf die „große Unsicherheit bei der Verwendung des Konzeptes“[31] öffentliche Meinung hinweisen oder sie sogar als mysteriösen Begriff bezeichnen.[32]

Zwei unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Öffentliche Meinung“ sollen hier skizziert werden, um den Stellenwert der Massenmedien in Bezug auf Öffentlichkeit und die Entstehung von öffentlicher Meinung aufzuzeigen.

Bei der ersten Definition handelt es sich um eine empirische Herangehensweise an den Begriff der „Öffentlichen Meinung“. Die Sichtbarmachung von Meinungen durch empirische Befragungen der Bevölkerung liefert eine quantitative Erhebung über die Einstellungen von allen Befragten zu einem bestimmten Thema.[33] Das bedeutet, dass eine Vielzahl von gesammelten Daten sich zu einem Gesamtbild ergänzen, dessen Entstehung durch repräsentative Befragungen für jeden nachvollziehbar erscheint. Die üblichen Meinungsumfragen zu Wählerpräferenzen vor Wahlen, aber immer häufiger auch in der Zeit dazwischen sind ein gängiges Mittel geworden, um die politische Stimmung in der Bevölkerung festzustellen. Damit bedeutet öffentliche Meinung in diesem Zusammenhang eine zu jeder beliebigen Zeit und Situation, aber auch zu jedem denkbaren Thema empirisch abzurufende Datenmenge, die ein Gesamtbild der Meinung der Öffentlichkeit ergibt.

Kritiker dieser Auslegung des hier diskutierten Begriffs wenden sich nicht gegen die Methode, Strömungen und Ansichten in der Bevölkerung durch Umfragen verifizierbar zu machen. Sie gehen aber gerade nicht davon aus, dass das Ergebnis dieses rein empirischen Verfahrens tatsächlich öffentliche Meinung genannt werden kann.[34] Der Hauptkritikpunkt liegt hierbei in der Tatsache begründet, dass es sich bei einer Umfrage, bei der Menschen einzeln, geheim und privat befragt werden, es sich eben nicht um einen öffentlichen Vorgang handelt. Im Sinne der Theorie von Jürgen Habermas fehlt hier das bewusste Heraustreten aus dem privaten Bereich, um in einem öffentlichen Raum seine Meinung darzustellen.

In seiner Definition von öffentlicher Meinung muss dieser Schritt folglich zuerst vollzogen werden. Damit also etwas als öffentlich gelten kann, muss aus dem privaten Raum herausgetreten werden, um sich in den Arenen der Öffentlichkeit einem Publikum zu stellen.[35] Erst nach dieser Stufe können in diesen öffentlichen Arenen durch Publikum, Sprecher und Kommunikateuren (sprich Massenmedien) Meinungen gehört, argumentativ untermauert oder angegriffen werden und so Menschen von anderen Meinungen überzeugt und für sie gewonnen werden. Für Habermas kann demnach nur als öffentliche Meinung gelten, was genau diesen diskursiven Verlauf in der Öffentlichkeit genommen hat. Erst dieser Prozess, einen öffentlichen Diskurs über bestimmte Themen zu aktivieren, führt zu einer öffentlichen Meinung, an die sich die politischen Akteure – laut Habermas - gebunden fühlen sollen.

Ohne Zweifel stellt Habermas` normatives Modell einer diskursiven Öffentlichkeit eine sehr idealistische und anspruchsvolle Theorie in Bezug auf die Willens- und Meinungsbildung einer demokratischen Gesellschaft dar, in der aufgrund eines Diskursprozesses die politischen Akteure sich an den „Output“ einer solchen Diskussion gebunden fühlen sollen. Die Bildung einer öffentlichen Meinung steht hier am Ende einer diskursiv verlaufenden Diskussion in der Öffentlichkeit, die, weil sie konsensorientiert geführt werden soll, aus einem Kompromiss zwischen unterschiedlichen Ansichten besteht.

Die Vor- und Nachteile der Habermas`schen Theorie sowie der unterschiedlichen Definitionen von Öffentlichkeit sollen hier nicht diskutiert werden, da im Hinblick auf diese Arbeit lediglich entscheidend ist, dass bei allen hier dargestellten Definitionen die Massenmedien eine wichtige Rolle spielen, weil in einer bevölkerungsstarken Gesellschaft nur über sie ein zahlenmäßig großes Publikum erreicht werden kann.

Somit stellen die Massenmedien ein wichtiges Element in einem demokratischen System bezüglich der Vermittlung von Informationen dar. Als „Massenmedien“ werden hierbei im Allgemeinen jene Kommunikationsmittel beschrieben, die sich an ein größenmäßig nicht abgeschlossenes Publikum richten.[36]

Damit stellen sie in einem demokratischen System „das wichtigste Öffentlichkeitsforum dar, weil sie die Möglichkeit eröffnen, dauerhaft potenziell alle Bürger einer Gesellschaft zu erreichen.“[37]

Aufgrund dessen sind die Massenmedien „die zentrale Vermittlungsinstanz zwischen dem Bürger und dem politischen System.“[38] Ihre Rolle als Kommunikator zwischen den Sprechern, also zum Beispiel der politischen Akteure und dem Publikum, besteht dabei nicht nur in der Aufgabe der Verbreitung von Informationen über das politische und gesellschaftliche Geschehen, sondern auch in der Kontrollfunktion von Organisationen und Regierenden.[39] Ihnen kommt somit eine Transparenzfunktion im Prozess der Berichterstattung über Sachverhalte zu, auf die auch Habermas rekurriert, indem er den Massenmedien als Mittler zwischen Sprecher und Publikum die Rolle der Sichtbarmachung von Themen und Missständen zuweist.[40]

Die Massenmedien schaffen somit jenen Raum, den Neidhardt als Arena der Öffentlichkeit bezeichnet, indem sie Meinungen von Sprechern artikulieren und darstellen und sie an das Publikum weitertransportieren.

Die Medien stellen den für das Publikum unerlässlichen Garanten zur Übermittlung und Wahrnehmung von Informationen dar.

Das Fernsehen steht dabei „aufgrund seiner hohen Reichweite und Glaubwürdigkeit an erster Stelle.“[41]

Aufgrund der dieser Arbeit zugrunde liegenden Thematik, der Analyse und dem Vergleich der Nachrichtensendungen in Bezug auf die Ereignisse des 11. Septembers 2001 über einen zweiwöchigen Zeitraum, beschäftigen sich die folgenden Kapitel mit Fernsehnachrichten im Allgemeinen, ihrer durch das Publikum attestierten Glaubwürdigkeit sowie der Erzählstruktur von Nachrichtensendungen, um so eine theoretische Grundlage für die Darstellungen des eigentlichen Gegenstands dieser Arbeit zu bilden.

4. Nachrichtensendungen - Das beliebte Fernsehformat

„Wir sind an tägliche Nachrichten gewöhnt, aber man sollte sich trotzdem die evolutionäre Unwahrscheinlichkeit einer solchen Annahme vor Augen führen.“Niklas Luhmann[42]

Laut einer Studie von 1999 stellen für über 93 Prozent aller Deutschen ab 14 Jahren Nachrichtensendungen eine „wichtige“ Informationsquelle dar, was diese somit zum beliebtesten Fernsehformat macht.[43] Damit wird deutlich, dass sie in einer demokratischen Gesellschaft für die Vermittlung von (tagesaktuellen) Informationen eine herausgehobene Stellung besitzen, „da sie die größten Reichweiten von allen politischen Informationssendungen“ aufweisen.[44]

Auch wenn Niklas Luhmann Zweifel an der Flut von täglichen Neuigkeiten hat, so genießen Fernsehnachrichten eine hohe Glaubwürdigkeit,[45] wofür vor allem, die unter dem Namen „Seeing-Is-Believing“ bekannte These, eine Erklärung darstellt:[46] Aufgrund der Visualisierung von Ereignissen und der damit möglichen Überprüfbarkeit mit den eigenen Augen fällt es dem Zuschauer leichter, das Gezeigte als „wahr“ anzunehmen. Durch die Beobachtung am Bildschirm entsteht der Eindruck wie durch ein Fenster in die Welt zu blicken, eine Sache mit den eigenen Augen betrachten und einordnen zu können. Durch den Fernseher und die Fernsehnachrichten bekommt der Zuschauer quasi den Status eines Augenzeugen.[47] Er kann den Bildern und dem Bericht offensichtlich vertrauen, da eine weitere Person – nämlich der jeweilige Korrespondent – die Geschichte, von der er mit Worten und Bildern berichtet, gesehen und erlebt haben muss. Auch er erscheint als Augenzeuge, der sein Wissen, untermauert mit dem Beweis des Bildes, an den Rezipienten weitergibt. Seine Anwesenheit vor Ort gilt als Garantie dafür, dass das Berichtete wahr sein muss. Dies stellt den „Nimbus des Nachrichtenreporters“[48] dar. Auch Niklas Luhmann sieht diesen Glaubwürdigkeitsbonus der Fernsehnachrichten, der für ihn darin besteht, dass das Gezeigte offensichtlich in Realzeit mitgefilmt worden sein muss. Dies bedeutet wiederum, dass Augenzeugen anwesend gewesen sein müssen und nicht vor oder nach dem Ereignis gefilmt worden sein kann. Die Tatsache, dass etwas in dem Moment abgelichtet werden muss, in dem es geschieht - also die Gleichzeitigkeit von Geschehen und Beobachten - wird somit zum stärksten Indiz für Authentizität und Wahrheit.[49]

In einer Umfrage aus den 1960er-Jahren wurde das Fernsehen bereits als das glaubwürdigste Medium eingeschätzt, gefolgt von der traditionellen Tageszeitung. Bei den Nachrichtensendungen genießen dabei die Formate der öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber privaten Anbietern einen Glaubwürdigkeitsbonus, da ihnen von den Zuschauern ein höheres Maß an Vollständigkeit der Informationen und Verständlichkeit zugesprochen wird.[50]

Der Vorteil, Ereignisse und Geschehenes durch Bilder belegen und beweisen zu können, macht demnach die Beliebtheit und den Glaubwürdigkeitsbonus von Fernsehnachrichten aus. Doch noch ein anderer Punkt kommt hinzu, der die Nachrichten leicht rezipierbar macht: Die Erzählstruktur von Nachrichten.

4.1. Die Erzählstruktur von Nachrichten

Eine in einer Sendung verkündete Nachricht, sei es als Sprechermeldung oder als Filmbeitrag, stellt immer ein „dramaturgisch aufbereitetes Geschehen“[51] dar, das zudem auch eine Erzählung über Ereignisse in der Welt ist und über diese den Zuschauer informiert.[52] Eine Nachricht muss in Worte oder zusätzlich auch in Bilder gefasst werden. Dabei wird sie geordnet und strukturiert, damit sie für den Zuschauer leichter verstehbar wird. Das Neue, Unvorstellbare und von der Norm abweichende muss herausgearbeitet werden, damit ersichtlich wird, warum man die Nachricht überhaupt präsentiert.[53]

Dabei erheben die Nachrichtensendungen zwar den Anspruch, Realität unverstellt abzubilden, können dabei aber nie die Realität selbst sein.[54] Denn eine Nachricht ist ja nie das Ereignis an sich, sondern die Abbildung (sei es in Wort, Schrift oder Bild) eines Ereignisses.

Bei der Vermittlung von Meldungen spielt der Nachrichtensprecher eine wichtige Rolle für den Zuschauer: „Der Nachrichtenerzähler organisiert mit seinen Filmeinspielungen oder noch mehr mit seinen Live-Schaltungen das Weltgeschehen als eine einzige Erzählung, in der jeden Abend erneut die Welt in eine Form, in ein überschaubares Gefüge gebracht ist.“[55]

Damit ist der Nachrichtensprecher ein wichtiges Element einer Sendung, weil er das Geschehen sortiert und organisiert und den Zuschauer durch die Sendung begleitet.

Folglich spricht der Medienwissenschaftler Knut Hickethier im Bezug auf den Nachrichtensprecher auch vom Nachrichten erzähler, da er für ihn klassische Aufgaben des Erzählers übernimmt, wie im Folgenden kurz dargestellt werden soll.

Der Nachrichtenerzähler hat das Geschehen, laut Hickethier, für den Zuschauer vorsortiert und berichtet nur noch das „Wesentliche, woraus sich für den Zuschauer der Umkehrschluss ergibt, dass alles, was präsentiert wird, auch wichtig ist.“[56] Logischerweise muss er auch die Meldungen des Tages zeitlich raffen und darüber hinaus den Zuschauer auch an die Orte des Geschehens führen. Er erscheint damit als eine Art auktorialer Erzähler, der über die Vorgänge in der Welt den Überblick besitzt und diesen an die Zuschauer weitervermittelt. Durch sein Wissen scheint er über den Dingen zu stehen, was seine scheinbare Objektivität ausmacht.[57]

Meldungen, die in den jeweiligen Nachrichtenformaten ausgestrahlt werden, sollen dabei immer den Eindruck unmittelbarer Aktualität vermitteln. Niklas Luhmann geht auf diesen Umstand besonders ein, indem er darauf verweist, dass ein Stil erfunden werden musste, der etwas schon Passiertes als gerade erst Geschehenes erscheinen lässt.[58] Hickethier beschreibt dies mit dem „Wechsel vom epischen Präteritum zum berichteten Präsens“ um bei den Zuschauern „den Eindruck ungebrochener Realitätswiedergabe zu erzeugen.“[59] Etwas Vergangenes muss so in Worte gefasst werden, als ob es im Moment seiner Verkündung gegenwärtig sei. Durch diesen Sprachgebrauch entsteht für Luhmann eine „Andeutung der Kontinuität“[60], die vom letzten Stand der Dinge, also vom Gewesenen, ausgeht und über die Gegenwart, also dem Zeitpunkt des Berichts, in die nahe Zukunft zu reichen scheint, wodurch deutlich wird, warum die gezeigte Information interessant ist und deshalb gesendet wird.

Dies lässt sich durch ein Beispiel einer gängigen Berichterstattung erläutern: Im Bundestag findet am Morgen die Haushaltsdebatte statt. In mehreren Nachrichtensendungen, die zeitlich über den Tag verteilt sind, wird über dieses Ereignis berichtet. Die Debatte selbst ist gegen Mittag beendet und damit in einer Abendausgabe der Nachrichten (zum Beispiel Tagesthemen in der ARD oder heute-Journal im ZDF) keine Neuigkeit mehr, da bereits mehrmals im Verlauf des Tages darüber berichtet wurde. Doch in der Abendausgabe wird zusätzlich ein Live-Interview mit dem Finanzminister gesendet, in dessen Verlauf er aber höchstwahrscheinlich seinen Ausführungen im Bundestag am Morgen nichts nennenswert Neues hinzuzufügen hat. Dennoch aktualisiert dieses Interview anscheinend das Geschehen, da ihm eine neue Stellungnahme hinzugefügt wird. Außerdem werden die Entscheidungen im Bundeshaushalt vermutlich Auswirkungen auf die Zukunft des Landes und der Bürger haben, womit das Ereignis selbst auch bis in die Zukunft hineinreicht. Dabei ist es egal, ob diese Folgen zur Zeit der Abendnachrichten noch gar nicht eingetreten sein können. Dennoch ist ein Bogen von etwas Vergangenem über die Gegenwart in die Zukunft gespannt worden.

Aus dieser Beobachtung ergibt sich ein weiterer Punkt, der bei der Betrachtung von Nachrichtensendungen und ihrer Dramaturgie wichtig ist: Die serielle Struktur von Nachrichtensendungen.

4.2. Die serielle Struktur von Nachrichtensendungen

Die Nachricht, welche in einer Nachrichtensendung dargestellt wird, besitzt meist eine „offene Struktur“[61], da der Nachrichtensprecher und die jeweiligen Redaktionen nur das Geschehen an sich präsentieren können, aber dabei oftmals noch nicht vom Ausgang eines Ereignisses wissen. Im Falle einer Kriegsberichterstattung oder der zuvor geschilderten Haushaltsdebatte kann von den Journalisten nicht dargestellt werden, wie das Geschehen letztendlich ausgehen oder sich auswirken wird. Durch diese offene Struktur entsteht der Typus einer Meldung, dem auch über einen längeren Zeitraum immer wieder etwas hinzugefügt werden kann, da das Ereignis noch nicht abgeschlossen ist. Somit entsteht eine Struktur, die Knut Hickethier als „Nachrichtenerzählung“[62] bezeichnet.

Es kann hierbei zwischen verschiedenen Typen der Nachrichtenerzählung unterschieden werden. Es gibt Ereignisse, die durch „Teilerzählungen“ über wenige Tage strukturiert sind und verhältnismäßig kurz andauern. Jene Themen, die über einen langen Zeitraum fast jeden Tag thematisiert werden, gelten in diesem Sinne als „Langzeiterzählung“.[63]

Die aktuelle Lage im Irak stellt sich beispielsweise durch eine Kette von Ereignissen und Nachrichten als Langzeiterzählung dar. Vor dem Beginn des Krieges wird über die Vorbereitungen spekuliert und berichtet, danach wird täglich das Kriegsgeschehen dargestellt. Nach der offiziellen Beendigung des Krieges durch US-Präsident Georg W. Bush am 1.05.2003 richtet sich der Blick auf die Lage der Menschen im Irak und der Suche nach Saddam Hussein. Es folgen Unruhen im Land und Anschläge, die sich gegen die Bevölkerung und die Besatzer richten. Diese Serie von Nachrichten hält bis heute an und richtet ihren Blick in die Zukunft, auf die ersten freien Wahlen im Irak. Auch danach wird die Serie nicht abgeschlossen sein, da sich vermutlich die Frage stellen wird, wie sich das Land weiterentwickelt und ob die gewählte Regierung von allen Teilen der Bevölkerung akzeptiert werden wird.

Es gibt also Themen, über die über einen längeren Zeitraum immer wieder berichtet wird. Sei es tagtäglich, wie zu Beginn des Golfkrieges im Jahr 2003, oder vereinzelter, aber dennoch kontinuierlich. Wenn solche Themen bereits über eine längere Zeit in den Medien behandelt werden, entsteht auch bei Nachrichten ein Druck, das Interesse der Zuschauer an der jeweiligen Materie zu befriedigen, selbst wenn es keine neuen Erkenntnisse hinzuzufügen gibt.[64]

So kommt es gerade bei der Kriegsberichterstattung oft zu Korrespondenten-schaltungen, die in ihrem Bericht darauf hinweisen, dass die Lage „ruhig“ oder „stabil“ sei, also faktisch nichts Neues passiert ist und daher auch nichts vermeldet werden kann. Das Nicht-Ereignete wird damit selbst wieder zum Ereignis und folglich zur Nachricht. Dies trifft zum Beispiel auch auf Berichterstattungen von Verhandlungen der Tarifparteien zu, wenn berichtet wird, dass gerade noch verhandelt wird und daher kein Ergebnis vorliegt, also auch nichts Neues zu berichten ist.[65]

Diese Nicht-Ereignisse haben dennoch eine wichtige Funktion, denn „sie halten den Erzählfluss aufrecht“[66] und verweisen so darauf, dass ein Ereignis noch nicht abgeschlossen ist, sondern weiter andauert. Die Bedeutung des Ereignisses bleibt aber dennoch vorhanden, weil auf eine Entscheidung oder eine zu erwartende Aktion in der Zukunft verwiesen wird. Somit wird auch hier wieder der Bogen von etwas Vergangenem in die Zukunft gespannt.

Entgegen einer Nachricht, die, wie zuvor geschildert, Teil einer Nachrichtenerzählung sein kann und damit eine strukturell offene Form besitzt, handelt es sich bei der eigentlichen Nachrichtensendung hingegen um eine abgeschlossene Form, „die einem weitgehend standardisierten Aufbau folgt und Anfang und Ende hat.“[67]

In der Praxis kann dies gut bei den gängigsten Nachrichtensendungen wie Tagesschau (ARD), heute (ZDF) oder RTL-aktuell (RTL) beobachtet werden. Sie folgen täglich demselben Aufbau und damit auch derselben dramaturgischen Struktur: Das „Top-Thema“, also jenes, welches von den Redaktionen als wichtigstes Ereignis des Tages ausgewählt wurde, befindet sich stets am Anfang, in der Mitte der Sendung sind bei allen Formaten Kurzberichte und Kurzmitteilungen vorzufinden, zum Schluss folgt ein Block mit Sportereignissen, oft auch anderen nicht-politischen Themen. Das Ende bildet bei allen Formaten die Wettervorhersage.

Bei Nachrichtensendungen handelt es sich somit um ein Format, das in seiner eigentlichen Struktur, also dem Sendungsablauf, eine abgeschlossene Form besitzt. Hingegen unterliegen die in den jeweiligen Ausgaben vermittelten Ereignisse (wie bereits dargestellt) einer offenen Erzählstruktur, da auch die Verantwortlichen der Nachrichtenformate nicht um den Ausgang der meisten Ereignisse wissen können, womit sich ein serieller Charakter in Bezug auf ein einzelnes Thema ergeben kann.

Im Hinblick auf das Thema dieser Arbeit, der Untersuchung und Analyse zweier verschiedener Nachrichtenformate (Tagesschau und RTL-aktuell) ist es von besonderem Interesse zu untersuchen, welche Unterschiede es zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern im Bezug auf die jeweiligen Nachrichtenformate gibt.

Hierbei bildet die sogenannte „Konvergenzhypothese“ einen wichtigen Ausgangspunkt, weil sie sich mit spezifischen Merkmalen von öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern beschäftigt und auch auf Unterschiede bezüglich der Nachrichtenvermittlung in beiden Systemen eingeht.

4.3. Die Konvergenzhypothese

Bei der Konvergenzhypothese wird davon ausgegangen, dass durch das Auftreten neuer Fernsehsender keine erhöhte Programmvielfalt entsteht, sondern es im Gegenteil zu einer Angleichung der Programme von öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern kommt.

Die Konvergenzhypothese beruht auf einer Untersuchung der Programmstrukturen zwischen den Jahren 1985 bis 1988. Gegenstand waren die Kabelpilotprojekte, die am Duisburger Rhein-Rhur-Institut für Sozialforschung und Politikberatung durchgeführt wurden.[68] Aufgrund der neu eingeführten privaten Fernsehanbieter wie RTL oder Sat.1 wurde untersucht, ob es eine Angleichung zwischen den Programmen von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern gibt.

Die Analyse von Heribert Schatz konnte jedoch keine Konvergenz belegen, auch wenn es – laut Schatz - Hinweise dafür gab.[69]

Er stellte daraufhin 1989 seine Konvergenzhypothese vor, in der er die Kriterien und Annahmen der Hypothese konkretisierte: Schatz erwartete demnach eine Angleichung der unterschiedlichen Fernsehprogramme, stellte aber fest, dass er unter Konvergenz keinen einseitigen Niveauverlust des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verstehe, sondern vielmehr einen „Prozess des Sich-Aufeinander-Zu-Bewegens“[70] von öffentlich-rechtlichen und privaten Angeboten.

Die Vorraussetzung für Konvergenz sei – laut Schatz – das Vorhandensein von Konkurrenz, unter der es zwangsläufig zu einem Kampf um die Gunst des Publikums kommen müsse. Infolgedessen würden sich die Programme anpassen, um sich vom Mitbewerber keine Zuschauer abnehmen zu lassen, um andererseits aber neue hinzuzugewinnen. Das Ergebnis sei ein Gleichgewicht zwischen den Anbietern, die zwischen dem Angebot von Information und Unterhaltung die Mehrzahl der potenziellen Zuschauern abschöpften.[71]

Seit der Aufstellung dieser Hypothese gab es einige Untersuchungen, die versuchten diese Hypothese entweder zu belegen oder zu widerlegen.[72] Ein Schwachpunkt dieser Analysen bestand dabei allerdings in ihrem Vorgehen. Meist wurden Programmzeitschriften eines bestimmten Zeitraumes auf die jeweiligen Programmstrukturen hin untersucht.

Deutlich wird hieraus, dass es sich um rein empirische Untersuchungen handelte, nicht jedoch um qualitative Analysen des Inhalts der jeweiligen Programme und der jeweiligen Sendungen.[73]

4.4. Existiert eine Konvergenz in Fernsehnachrichten?

Zum Gegenstand inhaltlicher Konvergenz in Nachrichtensendungen gibt es bisher nur eine größere Untersuchung von Udo Michael Krüger aus dem Jahre 1998.[74] Krüger führt hier eigene Stichproben mit denen anderer Kollegen aus den Jahren 1985 bis 1996 zusammen und schafft eine durchgehende Betrachtung, die die verschiedenen Einzeluntersuchungen bisher nicht bieten konnten. In dem achtjährigen Beobachtungszeitraum wurden die Ausgaben der Hauptnachrichtensendungen von ARD (Tagesschau), ZDF (heute), RTL (RTL-aktuell) und Sat.1 (AFP-Blick, später dann 18:30-Sat.1-Nachrichten) untersucht und analysiert. Hierfür wurden 21 Untersuchungswochen im Zeitraum von 1985 bis 1996 betrachtet. Das Hauptaugenmerk fiel dabei auf die Themenbereiche Politik, Kriminalität/Katastrophen und Human Interest/Buntes (womit die Darstellung von Einzelschicksalen und stark gefühlsbetonten Geschichten gemeint ist).[75]

Im Bereich der Berichterstattungsanteile für Politik konnte dabei eine Angleichung der privaten Hauptnachrichten an die der öffentlich-rechtlichen Anbieter festgestellt werden. Von Angleichung spricht Krüger hier, weil eben keine Konvergenz im Sinne eines Sich-Gegenseitig-Aufeinander-Zu-Bewegens beobachtet werden konnte, sondern nur eine Angleichung von privaten zu öffentlich-rechtlichen Veranstaltern.

Die Berichterstattungsanteile sind folglich bei ARD und ZDF konstant (hoch) geblieben, wohin gegen die von RTL von einem Anfangswert von 19% (1985) auf 39% (1996) gestiegen sind. Dennoch stellt Krüger fest, dass die Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Nachrichten weiterhin als signifikant zu verstehen sind.[76]

Im Bereich der Berichterstattungsanteile über Kriminalität und Katastrophen wurde festgestellt, dass sich die privaten den öffentlich-rechtlichen Nachrichten leicht annähern, was bedeutet, dass diese Berichterstattungsanteile leicht abgenommen haben. Doch auch hier bleibt ein signifikanter Unterschied bestehen, womit wieder nicht eindeutig von einer Konvergenz gesprochen werden kann.

Auch beim letzten Bereich, der Anteile für Human Interest und Buntes in den Nachrichten bleiben große Unterschiede bestehen, auch wenn diese Berichterstattungsanteile bei allen untersuchten Sendungen „tendenziell rückläufig“[77] waren. Die Durchschnittswerte von ARD und ZDF liegen hier mit 3% und 4% deutlich unter denen von RTL und Sat.1 mit 13% und 10%. Der Rückgang dieser Themen ist am stärksten bei RTL vorhanden, der mit einem Anfangswert von 21% (1985) auf 7% (1996) klar zutage tritt.

Auch hier handelt es sich um eine einseitige Anpassung in Richtung der öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten und somit um keine Konvergenz.

Krüger hält insgesamt fest, dass es „einen Anpassungsprozess seitens der kommerziellen Sender an die öffentlich-rechtlichen Sender gegeben hat. Die Politikberichterstattung ist bei den privaten Sendern stärker und die boulevard-orientierte Berichterstattung ist schwächer geworden.“[78]

Dennoch kann festgehalten werden, dass der Trend der privaten Sender zu einer boulevardisierenden Berichterstattung weiterhin deutlich vorhanden ist und einen wichtigen Unterschied in der Art der Berichterstattung zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern darstellt. Die Boulevardisierung der Nachrichtensendungen der privaten Sender drückt sich dabei „durch eine stärkere Präferenz von Sport, Kriminalität, Katastrophen und Human-Interest-Beiträgen aus.“[79]

Bedeutend ist hierbei, dass die Konvergenzhypothese von Heribert Schatz in Bezug auf die verschiedenen Nachrichtenformate nicht nachweisbar ist. Im Gegenteil erscheinen die Unterschiede zwischen den öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern als noch immer signifikant, wie Krüger immer wieder betont.

Dies drückt sich, wie bereits geschildert, besonders in der Art und Weise der Berichterstattung aus: Während die öffentlich-rechtlichen Sender stärker auf die Vermittlung politischer Aspekte setzen, zeigt sich bei den privaten Anbietern ein Trend zur Boulevardisierung in den Nachrichtenformaten. Somit können zwei unterschiedliche Nachrichtentypen ausgemacht werden: Zum einen Nachrichten mit vorrangig politischem Inhalt und zum anderen Meldungen mit stark emotionalisierendem und unterhaltendem Charakter.

Diese zwei unterschiedlichen Nachrichtentypen sollen im folgenden Kapitel definiert und skizziert werden, da diese Unterscheidung im Hinblick auf das Thema dieser Arbeit, der Analyse und dem Vergleich der Nachrichtensendungen von ARD und RTL im Bezug auf den 11. September 2001, ein wichtiges Element in der Untersuchung dieser beiden Nachrichtenformate darstellt.

4.5. Nachricht ist nicht gleich Nachricht - „Hard-News“ und „Soft-News“

In dem vorangegangenen Abschnitt wurde aufgezeigt, dass sich die öffentlich-rechtlichen und privaten Nachrichtenformate in Bezug auf die Art von Nachrichten unterscheiden. Die öffentlich-rechtlichen Sendungen tendieren dabei zu einer Vermittlung von politischen Aspekten, während die privaten Formate einen größeren Anteil an boulevardisierenden Nachrichteninhalten besitzen (wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben).

Es handelt sich also um zwei unterschiedliche Nachrichtentypen, die als „Hard News“ und „Soft News“ bezeichnet werden.

„Hard News“ stellen dabei Nachrichten mit politischem und wirtschaftlichen Inhalt dar. Gegenstand sollen demnach objektive, sachliche Darstellungen von politischen und/oder ökonomischen Umständen und Ereignissen sein, die einen nachvollziehbaren faktischen Gehalt haben.[80]

Soft-News äußern sich im Gegensatz dazu in der Darstellung und Betonung von emotionalen und boulevardesken Aspekten. In ihrem Zentrum stehen die Schilderung von Einzelschicksalen sowie stark gefühlsbetonten Geschichten. Soft-News haben keinen politischen Inhalt.[81]

In diesem Zusammenhang wird von so genannten „Human-Touch-Themen“ oder auch „Human Interests“ gesprochen, die das menschliche Schicksal in den Vordergrund stellen.[82]

Auch kommt der Begriff Soft-News dem am nächsten, was weithin als „Infotainment“ verstanden wird. Hier ist zu beachten, dass es keine wissenschaftlich klare Definition des Infotainments gibt. Diesem Umstand ist es zu schulden, dass der Begriff oft zwei unterschiedliche Gegenstände beschreibt. Die eine Interpretation kommt, wie bereits erwähnt, dem Begriff der Soft News nahe, beschreibt also eine inhaltliche Ebene in Berichten und der Sprache. Die andere Sichtweise bezieht sich auf die formale Gestaltung einer Sendung und ist hier aus der amerikanischen Nachrichtenpraxis abgeleitet.[83] Sie bezieht sich zum einen auf die Mischung von Nachrichten und Unterhaltung in einer Sendung, zum anderen aber auch das Konzept einer sogenannten „News Show“[84], in der die Gestaltung des Studios eine besondere Rolle spielt, da die Moderatoren den Studioraum voll ausnutzen können, indem sie sich auch in ihm bewegen können.

Ein praktisches Beispiel stellt hierfür die Hauptnachrichtensendung RTL-aktuell (RTL) dar. Hier moderieren meist mehrere Akteure, sowohl am traditionellen Nachrichtenpult, als auch stehend vor animierten Hintergründen. Besonders deutlich wird dies im Vergleich zu einem verhältnismäßig starren Format wie der Tagesschau (ARD) in der wenige Kameraeinstellungen ausreichen und der Moderator seinen festen Platz hinter dem Sprecherpult hat, den er nie verlässt.

Auch wenn bereits dargestellt wurde, dass es keine zweifelsfrei belegbare Konvergenz zwischen den unterschiedlichen Nachrichtenformaten gibt, so sind dennoch einige Trends zu verzeichnen, die hier in Kürze dargestellt werden sollen.

Gerade die Thematik der „Human-Touch-Geschichten“, also der Soft-News, haben hierbei an Bedeutung gewonnen. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien Nordrhein Westfalen aus dem Jahr 2003, die in einem Zeitraum von 1992 bis 2001 durchgeführt wurde, ist ein deutlicher Rückgang der politischen Berichterstattung zugunsten von Human-Touch-Themen festzustellen. „Damit korrespondieren die Nachrichten mit einem Trend in der Gesellschaft zu mehr Spaß und Unterhaltung.“[85]

Hierbei ist zu beachten, dass es sich um einen allgemeinen Trend handelt, der sich auf alle Nachrichtenformate (also sowohl die der öffentlich-rechtlichen als auch der privater Anbieter) bezieht, bei dem die unpolitischen Meldungen bei den privaten Anbietern gegenüber Meldungen aus den Bereichen Innen-, Außen- und internationaler Politik stark zugenommen haben. In abgeschwächter Form ist dieser Trend auch bei den öffentlich-rechtlichen Anbietern zu verzeichnen.

Eine „zunehmende Orientierung an Sensationalismus und Emotionen“ ist allerdings vorrangig bei den privaten Fernsehsendern zu beobachten, womit „die Programmphilosophie der privaten Nachrichtensendungen“ aus einer „Entpolitisierung und Boulevardisierung“ besteht.[86]

5. Medial vermittelte Krisenereignisse in der Kritik

Im Hinblick auf die Themenstellung dieser Arbeit, dem Vergleich und der Analyse der Nachrichtensendungen von ARD und RTL im zweiwöchigen Zeitraum ab dem 11. September 2001, soll im Folgenden kurz auf andere ausgesuchte medial vermittelte Krisenereignisse eingegangen werden. Hier kann hier kein vergleichbares Ereignis wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA verwiesen werden. Anhand der Schilderung der Kritik an der Fernsehberichterstattung während des Golfkriegs 1991 und dem Kosovokrieg 1999 sollen die Probleme vergangener medial vermittelter Krisenereignisse dargestellt werden.

Diese beiden Ereignisse sind mit den Geschehnissen des 11. Septembers 2001 nur bedingt vergleichbar. Sowohl der Golf- als auch der Kosovokrieg boten den Fernsehschaffenden (zumindest theoretisch) ausreichend Zeit für eine journalistische und redaktionelle Vorbereitung.

Die Terrortaten des 11. Septembers 2001 brachen jedoch ohne Vorwarnung über die Medienlandschaft herein und nahmen so den berichtenden Journalisten jeglichen Informationsvorsprung vor den Zuschauern (vgl. dazu Kapitel 6: Der 11. September 2001: Live dabei?).

Die Ausgangslage der beiden Kriege von 1991 und 1999 und der Ereignisse vom 11. September 2001 in den USA ist somit unterschiedlich und entzieht sich einem einfachen schematischen Vergleich. Da es aber kein entsprechendes Ereignis in der bisherigen Fernsehberichterstattung gibt, das sich mit den Merkmalen des 11. Septembers 2001 vergleichen ließe, muss hier in Ermangelung einer vergleichbaren medialen Berichterstattung auf andere Krisenereignisse und ihre Vermittlung in den Medien zurück gegriffen werden.

Hierzu bieten sich der Golf- sowie der Kosovokrieg an, weil diese eine besondere Beachtung in den Medien (auch im Fernsehen) erfuhren und die Berichterstattung über beide Ereignisse vor allem im Nachhinein in den Blickpunkt eines medienkritischen Diskurses gerieten.

Dabei ist es nicht Absicht dieser Arbeit, die Kritik an der damaligen Fernsehberichterstattung allumfassend darzustellen. Vielmehr soll hier zusätzlich auf die wichtigsten Aspekte der Medienkritik bezüglich der beiden ausgewählten Ereignisse eingegangen werden, um gemeinsame Strukturen und Kritikpunkte während medial vermittelter Krisenereignisse herauszustellen.

5.1. Die Medienkritik an der Berichterstattung über Golf- und Kosovokrieg

Obwohl die Medienkritik, besonders aber die Kritik am Fernsehen in den Fällen des Golfkriegs Anfang der 1990er-Jahre und dem Kosovokrieg, sehr ähnlich ist, war die Ausgangslage jedoch unterschiedlich. In der Zeit nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, der friedlichen Wende und der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 zeigten sich die deutschen Fernsehsender, besonders aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen, äußerst schlecht auf die bevorstehende Krise vorbereitet. Ein großer Teil des deutschen (Fernseh-) Journalismus hielt den Ausbruch eines Krieges mit Intervention der einzig verbleibenden Weltmacht USA für nicht möglich. Nikolaus Bresser machte auf diese Ungläubigkeit der Fernsehjournalisten in einem Interview wenige Monate nach dem Golfkrieg aufmerksam: „Ich denke, wir haben weggeguckt, wir haben es verdrängt. Als es dann soweit war, waren wir technisch und mental unvorbereitet.“[87]

5.1.1. Abhängigkeit von Fremdmaterial

Dies hatte zur Konsequenz, dass auch die Vorbereitungen zur vermeintlich bevorstehenden Kriegsberichterstattung teilweise gar nicht oder nur schleppend in Gang kamen. Heinz-B. Heller, Professor für Medienwissenschaften, beschreibt, dass gerade die Printmedien das Fernsehen wegen dieses Umstands kritisierten und dass ARD und ZDF aufgrund der schlechten Vorbereitungen zwangsläufig im Vergleich zum amerikanischen Sender CNN technisch und personell ins Hintertreffen gerieten. Dies hatte zur Folge, dass eine Abhängigkeit von fremden Quellen und Bildmaterial „strukturell vorprogrammiert“ war.[88]

Diese Abhängigkeit von fremden Quellen und Bildmaterial zieht sich als roter Faden durch die Kritik an der damaligen Fernsehberichterstattung über den Golfkrieg. Um den eigenen Mangel an (Bild-) Material zu kaschieren, griffen die deutschen Fernsehsender vor allem auf vorproduzierte Nachrichtenbeiträge des amerikanischen Nachrichtensenders CNN zurück. Auch Bilder des amerikanischen Militärs wurden übernommen und so bereits im Vorfeld durch die Befehlshaber der US-Armee zensiertes Material gesendet.[89]

Das Paradoxon der damaligen Fernsehberichterstattung wird in der Medienkritik darin gesehen, dass es zu einem wahren Sendemarathon kam, obwohl es, wie geschildert, kaum eigenes Material gab.[90] Mit zahlreichen Sondersendungen, Expertenrunden und den Materialien von CNN und US-Behörden erreichte das Sendevolumen der Sondersendungen von ARD und ZDF in der Zeit des sechswöchigen Irakkriegs 34 Stunden. Hinzu kamen die regulären Nachrichtenausgaben, das Frühstücksfernsehen sowie zahlreiche Magazine und Reportagen.[91]

Dieses Missverhältnis von Sendeumfang und mangelndem Material und dem Umstand, erneut auf fremdes Material zurückgreifen zu müssen, wurde auch während und nach dem Kosovokrieg 1999 kritisiert.[92]

Gerade ARD und ZDF strahlten in den ersten Tagen des Krieges zusätzliche Sondersendungen aus, obwohl ihnen keine eigenen Bilder des Geschehens vorlagen und „sie außer Interviews mit Flüchtlingen und Studiogästen kaum Neues zu bieten hatten.“[93]

Trotzdem erreichte das Sendevolumen bei ARD und ZDF im April 1999 mehr als 20 Stunden Sendezeit pro Woche, wohingegen RTL und Sat.1 zwischen 6 und 8 Stunden für die Berichterstattung über den Kosovokrieg aufwendeten.[94]

Das Sendevolumen über beide Kriege wurde zudem von Kritikern in einem diametralen Verhältnis zu tatsächlich übermittelten Informationen gesehen.

5.1.2. Mangelnder Informationsgehalt

Trotz des Sendevolumens während des Golfkriegs 1991 wurde zunehmend der mangelnde Informationsgehalt in den Sendungen kritisiert, was sich auch an den zahlreichen Korrespondentenschaltungen von Ort zu Ort zeigte, die dazu dienten, die eigentliche Informationsarmut zu kaschieren:[95] „Der Informationsgehalt der unzähligen Live-Schaltungen nach Dehran, Riad, Bahrein, Tel Aviv, Jerusalem, Amman und so weiter, die auch von deutschen TV-Sendern getätigt wurden, lässt sich, sofern die Leitungen überhaupt zustande kamen, vermutlich in ein paar Sätze fassen.“[96]

Dies wird auch in Bezug auf den Kosovokrieg 1999 kritisiert, bei dem die Berichterstattung abermals aus zahlreichen Schaltungen von einem Korrespondenten zum anderen und damit von einem Ort zum nächsten bestand: „Moderatoren erwiesen sich eher als Meister des Zappings denn als Vermittler von Hintergrundinformationen.“[97]

Zudem war oftmals nicht ersichtlich, dass Korrespondenten nicht vor Ort berichteten, sondern aus einem Studio außerhalb von Jugoslawien sendeten und „lediglich“ die zensierten Bilder des Staatsfernsehens kommentierten. Ein Umstand, auf den nur eine Minderzahl von Verantwortlichen aufmerksam machten. Der Wahrheitsgehalt einer Meldung konnte von den jeweiligen Journalisten selbst nicht überprüft werden.[98]

Obwohl also die Korrespondentenschaltungen während beider hier angeführter Kriege ein viel genutztes Mittel während der Berichterstattung im Fernsehen darstellten, war ihr wirklicher Zutrag an Fakten nur sehr gering. Somit entstand eine Diskrepanz zwischen dem zeitlichen Aufwand dieser Schaltung und ihrem Nutzen in Bezug auf die Vermittlung von neuen Informationen.

5.1.3. Offizielle Sprache und Rollenzuteilung

Eine parteiübergreifende Mehrheit beschloss entgegen der öffentlichen Meinung in Deutschland am 11.06.1999 im Deutschen Bundestag den Kampfeinsatz deutscher Soldaten in Jugoslawien. Seitens der Bundesregierung, die ja für einen militärischen Einsatz in der Öffentlichkeit werben musste, fielen besonders die sprachlichen Regelungen auf, um dem Kriegseinsatz eine moralische Legitimation zu verleihen und ihn als unumgänglich darzustellen. Außenminister Joschka Fischer zog zu diesem Zweck mehrmals Parallelen zur deutschen Geschichte, indem er davor warnte, dass auch Hitler seinerzeit unterschätzt worden sei, so wie momentan der jugoslawische Staatspräsident Slobodan Milosevic.[99] Die Vertreibung der Serben aus dem Kosovo wurde zudem in einen Sinnzusammenhang mit dem Holocaust gestellt, insbesondere von Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der während einer Pressekonferenz von einem „Konzentrationslager“ in Pristina sprach, in dem angeblich Kosovo-Albaner gefangen gehalten würden. Auffallend oft war von Begriffen wie „Völkermord“, „Deportation“ und „KZ“ die Rede.[100]

Diese Begriffe wurden teilweise von den Medien, besonders aber vom Fernsehen übernommen, was den deutschen Presserat am 19.05.1999 dazu veranlasste, Journalisten aller Medien zu besonderer Sorgfalt aufzurufen. So sollten „beschönigende“ Ausdrücke wie „Kollateralschäden“ und „ethnische Säuberung“ vermieden werden: „Die Sprache des Militärs darf die Sprache der Medien nicht dominieren.“[101] Karl Prümm stellte diesbezüglich in einem Aufsatz über die Berichterstattung über den Kosovokrieg fest, dass das Fernsehen „in den ersten Kriegstagen zu einem Verlautbarungsorgan von Politik und Militär“ geworden sei.[102]

So wurden besonders zu Beginn der Berichterstattung Formulierungen übernommen, die der NATO-Pressesprecher Jamie Shea gebrauchte, um nicht direkt von einem Krieg zu sprechen. Wörter wie „Luftschläge“ oder „Friedenserzwingungsmission“ tauchten auch in den (Fernseh-) Berichten zahlreicher Journalisten auf.[103]

Bedingt durch diesen Sprachgebrauch der Politiker, aber auch seitens der Medien erschienen die Luftschläge der NATO als „ultima ratio, als letztmöglicher Ausweg und als sittliche Notwendigkeit“.[104]

In der Darstellung der Konfliktsituationen in Jugoslawien kam es von Seiten der Medien zu eindeutigen Rollenzuschreibungen. So wurde den Albanern schnell die Rolle der Opfer zuerkannt, wohingegen „die Serben“ als die Täter identifiziert wurden. Auch hier spielte die offizielle Sprache der Politiker und des Militärs eine entscheidende Rolle. So sprach Verteidigungsminister Rudolf Scharping, „bewusst von durch die Serben durchgeführte Selektionen“[105].

Insgesamt dominiert in der Kritik an der Berichterstattung zum Kosovokrieg der Vorwurf, dass über die Konfliktparteien zu einseitig berichtet, Rollenzuteilungen zu schnell und zu unreflektiert dargestellt und übernommen und die Hintergründe hinter den Konflikten nicht ausreichend ausgeleuchtet wurden.[106]

[...]


[1] Ahmed 2003, S. 7

[2] Vgl. Neverla 2003, S. 158

[3] Vgl. ebd.

[4] Ausstrahlung jeweils um 20 Uhr/ Durchschnittliche Dauer 15 Minuten

[5] Ausstrahlung jeweils um 18.45 Uhr/ Durchschnittliche Dauer 22 Minuten

[6] Vgl. dazu die Auflistung der Einschaltquoten im Anhang

[7] Schubert/ Klein 1997, S. 200

[8] Neidhardt 1994, S. 7

[9] Deutscher Bundestag 1990, S. 13

[10] Gourd 2002, S. 10

[11] Beierwaltes 2002, S. 58

[12] Vgl. Schubert/ Klein, 1997, S. 200

[13] Vgl. Habermas 1992, S. 399 – 467/Gourd 2002, S. 54 – 68/Scheyli 2000, S. 70 – 86/Stark/Lahusen 2002, S. 155 – 158

[14] Vgl. Gourd 2002, S. 55

[15] Ebd.

[16] Vgl. Gourd 2002, S. 56

[17] Vgl. ebd., S. 57

[18] Vgl. ebd., S. 60

[19] Neidhardt 1994, S. 10

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Vgl. Habermas 1990, S. 98/ vgl. Gourd 2002, S. 60/ vgl. Neidhardt 1994, S. 10

[24] Neidhardt 1994, S. 13

[25] Peters 1994, S. 56 - 58

[26] Neidhardt 1994, S. 14

[27] Vgl. Neidhardt 1994, S. 10

[28] Nohlen 2004, S. 600

[29] Vgl. ebd.

[30] Fuchs/Pfetsch 1996, S. 104

[31] Brettschneider 1995, S. 21

[32] Vgl. Neidhardt 1994, S. 25

[33] Vgl. Schubert/Klein 1997, S. 199

[34] Vgl. Neidhardt 1994, S. 26/ Brettschneider 1995, S. 22

[35] Vgl. Neidhardt 1994, S. 10

[36] Vgl. Jarren/Sarcinelli/Saxer 1998, S. 678

[37] Nasshauer 1998, S. 48

[38] Pfetsch 1994, S. 111

[39] Nasshauer 1998, S. 48

[40] Vgl. Gourd 2002, S. 55

[41] Pfetsch 1994, S. 111

[42] Luhmann 1996, S. 53

[43] Vgl. Fahr 2001, S. 7

[44] Vgl. Brosius 1998, S. 283

[45] Vgl. Fahr 2001, S. 7

[46] Vgl. Halff 1998, S. 129

[47] Vgl. ebd.

[48] Vgl. Halff 1998, S. 129

[49] Vgl. Luhmann 1996, S. 79

[50] Vgl. Halff, 1998, S. 127

[51] Hickethier 2000, S. 2

[52] Vgl. ebd.

[53] Vgl. ebd., S. 4

[54] Vgl. Hickethier 1998, S. 186

[55] Hickethier 2000, S. 3

[56] Hickethier 1997, S. 4

[57] Vgl. Hickethier 1998, S. 188

[58] Vgl. Luhmann 1996, S. 54

[59] Vgl. Hickethier 1997, S. 5

[60] Luhmann 1996, S 55

[61] Hickethier 1998, S. 191

[62] Hickethier 1998, S. 191

[63] Vgl. ebd, S.193

[64] Vgl. ebd.

[65] Hickethier 1998, S. 193

[66] Ebd.

[67] Ebd., S. 191

[68] Vgl. Schatz 1994, S. 67

[69] Vgl. ebd.

[70] Ebd.

[71] Vgl. Schatz 1994, S. 70

[72] Vgl. hierzu Bartel 1997, S. 29 - 30

[73] Vgl. ebd., S. 30

[74] Vgl. Krüger 1998, S. 80 - 84

[75] Vgl. ebd.

[76] Vgl. Krüger 1998, S. 82

[77] Ebd., S. 83

[78] Ebd., S. 84

[79] Pfetsch 1994, S. 114 - 115

[80] Vgl. Ohler 2004, S. 9

[81] Vgl. Brosius 1998, S. 286

[82] Vgl. Ruhrmann/Woelke/Maier/Diehlmann 2003, S. 2 + 9

[83] Vgl. Bartel 1997, S. 30 - 31

[84] Vgl. Wittwen 1995, S. 33 - 43

[85] Ruhrmann/Woelke/Maier/Diehlmann 2003, S. 9

[86] Pfetsch 1994, S. 114

[87] Löffelholz 1993, S. 171

[88] Vgl. Heller 1991, S. 60 - 61

[89] Vgl. Beham 1996, S. 116 - 117

[90] Vgl. ebd.

[91] Vgl. ebd., S. 116

[92] Vgl. Meyn 2004, S. 270

[93] Ebd., S. 271

[94] Vgl. Reljic 2002, S. 71

[95] Vgl. Beham 1996, S. 116

[96] Beham 1996, S. 116

[97] Meyn 2004, S. 271

[98] Vgl. ebd.

[99] Vgl. Herden 19999, http://64.233.183.104/search?q=cache:Vf_aCpVDN74J:www.freitag.de/1999/16/99160102.htm+Fischer+Hitler+Milosevic+Vergleich&hl=de

[100] Vgl. Jaecker 2003, S. 3/ Vgl. Prümm 2001, S. 14

[101] Meyn 2004, S. 271

[102] Vgl. Prümm 2001, S. 8

[103] Vgl. Meyn 2004, S. 270

[104] Prümm 2001, S. 7

[105] Jaecker 2003, S. 8

[106] Vgl. Meyn 2004, S. 271

Ende der Leseprobe aus 151 Seiten

Details

Titel
Der 11. September 2001 im Fernsehen - Analyse und Vergleich der Nachrichtensendungen von ARD und RTL im Zeitraum vom 11.09. bis 25.09.2001
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
151
Katalognummer
V43552
ISBN (eBook)
9783638413190
Dateigröße
2106 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
September, Fernsehen, Analyse, Vergleich, Nachrichtensendungen, Zeitraum
Arbeit zitieren
Tim Schomann (Autor), 2005, Der 11. September 2001 im Fernsehen - Analyse und Vergleich der Nachrichtensendungen von ARD und RTL im Zeitraum vom 11.09. bis 25.09.2001, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43552

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