Anthony Downs Scheitern an der Erklärung der Höhe der Wahlbeteiligung

Eine Überprüfung der Rational Choice-Theorie anhand der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016


Hausarbeit, 2017

12 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rational Choice-Theorie nach Anthony Downs
2.1. Die Eckpfeiler des sozialwissenschaftlichen Erklärens nach Hartmut Esser
2.2. Der rationale Wähler
2.3 Das Parteiendifferential
2.4 Die Wahlbeteiligung des rationalen Wählers

3. Präsidentschaftswahl 2016 als deduktive Überprüfung der Wahlbeteiligung

4. Downs Überlegungen zur Auflösung des Wahlparadoxons

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich grundlegend mit dem Wahlverhalten des „rationalen Wählers“ nach Anthony Downs. Dieser beschäftigte sich erstmals in seiner Studie: „An economic theory of democracy“ aus dem Jahr 1957 mit dem Verhalten eines jeden Menschen, eine Entscheidung vor dem Treffen rational abzuwiegen. Somit basiert das Modell des rationalen Wählers auf einer Rational Choice-Theorie, mit der sich Downs über die Jahre auseinandergesetzt hat. Im Wesentlichen beschäftigt sich die Rational Choice-Theorie nach Downs damit, für welche politische Partei ein rationaler Wähler stimmt, wann und warum er sich demnach dazu entschließt, sie zu wählen. Bei logischer Umsetzung der oben genannten Rational Choice-Theorie wird schnell klar, dass bei dem Thema „Wahlbeteiligung“ ein Widerspruch entsteht. Man stößt auf das sogenannte „Wahlparadoxon“, was im Groben besagt, dass eine Beteiligung an Wahlen nicht lohnenswert für die Nutzenmaximierung des einzelnen Individuums ist. Dieses wird aber im Verlauf der Arbeit noch genauer anhand eines Beispiels erläutert.

Zuvor aber beschäftige ich mich mit der Rational Choice-Theorie nach Downs selbst, verschiedener soziologischer Erklärungsgrundlagen nach Hartmut Esser (siehe Kapitel 2) um den Rahmen für das folgende Beispiel zu setzen, was sich konkret mit den Ergebnissen der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 auseinandersetzt. Diese Wahl wird als empirischer Beleg und Erläuterung des Wahlparadoxons nach Karl Popper zur Hilfe gezogen (siehe Kapitel 3). Im vierten Kapitel setze ich mich mit dem Modifikationsversuch von Downs selbst auseinander. Schließlich folgt im fünften Kapitel das Fazit sowie die Darstellung von Kritik des vorangestellten Lösungsansatzes und dazu ein Ausblick auf weitere Lösungsansätze des zuvor angesprochenen Wahlparadoxons.

2. Die Rational Choice-Theorie nach Anthony Downs

Anthony Downs‘ Rational Choice-Theorie gilt unter einigen Vertretern „als Ansatz auf die Analyse und Erklärbarkeit aller menschlichen und sozialen Handlungsweisen“ (vgl. Kunz 2004: 7). Diese beschäftigt sich, wie oben schon grob angerissen, mit der Erklärbarkeit verschiedener sozialer, wirtschaftlicher aber auch natürlich politischer Handlungsmuster von Individuen und ist somit Vorreiter auf dem Gebiet der Politik. In diesem Buch übertrug Downs „die Methodik und die zentralen Annahmen der Ökonomie auf die Politik“ (Arzheimer/Schmitt 2005: 250). Downs beschreibt im Wesentlichen drei Kernannahmen, die Einfluss auf das menschliche Handeln nehmen. Erstens richtet sich jedes menschliche Handeln nach einem bestimmten Interesse beziehungsweise der Verfolgung eines Ziels aus. Die zweite Annahme besagt, dass das menschliche Handeln immer bestimmten Einschränkungen oder Restriktionen unterliegt, welche das Verhalten somit auch grundlegend beeinflusst. Dazu kommt die dritte Annahme, die beschreibt, wie der Mensch die Handlungsalternativen rational in Bezug auf das sogenannte Kosten-Nutzen-Kalkül abwiegt. Sinn dieses Kosten-Nutzen-Kalküls ist, das angestrebte Ziel zu erreichen und dafür möglichst wenig Aufwand zu betreiben (vgl. Kunz 2004: 36). Aufwand ist in diesem Fall ein breit gestreuter Begriff. Dieser beinhaltet zum einen Kosten in Geld oder Zeitform oder eben Arbeitsaufwand, den eine Person leisten muss, um das Ziel zu erreichen. Daraus lässt sich ableiten, dass sich die oben beschriebene Rationalität ausschließlich auf die aufgewandten Mittel bezieht, die das Individuum bei der Verfolgung des Ziels genutzt hat, nicht aber auf das Ziel selbst. Nun müssen aber bestimmte Bedingungen erfüllt sein, um einen Akteur überhaupt als rational zu bezeichnen. Dazu gehört, dass der Akteur stets in der Lage ist, „sich für eine von mehreren Handlungsoptionen zu entscheiden“ (Arzheimer/Schmitt 2005: 252)

Des Weiteren muss der Akteur diese Handlungsoptionen in eine transitive Rangfolge bringen und wird sich schließlich für die Möglichkeit entscheiden, die er am höchsten präferiert, weil sie für ihn den größten (Netto-)Nutzen einbringt. Dieser Nutzen kann aber auch ein Nachhaltiger oder ebenfalls ein Altruistischer sein. Zuletzt wird sich der Akteur auch, solange er sich noch in der identischen Situation befindet, immer für dieselbe Handlungsoption entscheiden (vgl. Arzheimer/Schmitt 2005: 252). Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, spricht man von einem rational handelnden Akteur, einem „Homo Oeconomicus“. „Für einen Homo Oeconomicus zählen nur die Folgen, die sein Handeln im konkreten Einzelfall hat, und die Maximierung seines subjektiven Nutzens ist seine einzige Motivation“ (Baurmann 1996: 293)

2.1. Die Eckpfeiler des sozialwissenschaftlichen Erklärens nach Hartmut Esser

Hartmut Esser stellt in seinem Werk „Soziologie – Allgemeine Grundlagen“ drei grundlegende Schritte vor, die die Eckpfeiler einer sozialwissenschaftlichen Erklärung bilden. Esser rekonstruierte diese Schritte anhand eines vorliegenden Explanandum, anhand dessen er sich zu den Randbedingungen vorarbeitete.

Der erste Schritt beinhaltet die „Rekonstruktion der sozialen Situation, der sich die Akteure ausgesetzt sehen.“ (Esser 1993: 94) Diese Beziehung zwischen Akteur und der Logik der Situation ist im Grunde nichts anderes als die Möglichkeiten, beziehungsweise die Mittel, die dem Akteur zur Verfügung stehen, um seinen Handlungsgrund zu realisieren. Um diese Situation an der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 zu verdeutlichen; Der Akteur lebt in einer Massendemokratie mit ca. 231 Millionen Wahlberechtigten. Er besitzt genau eine Stimme. Diese Stimme ist gleichwertig mit allen anderen Stimmen (latente Gruppe). Seine Handlungsoptionen sind Wahlbeteiligung und Nichtwahl. Der Akteur muss sich zwischen zwei Parteien entscheiden. Wenn der Akteur sich für eine Stimmabgabe entscheidet, entstehen bestimme Kosten, die es auch zu berücksichtigen gilt. Ein Beispiel für die Kosten wäre der Gang zur Wahlurne oder die aufgewendete Zeit um zu selektieren, welche Partei den größtmöglichen Eigennutzen einbringt. Genau das leitet auch den zweiten von Esser aufgestellten Schritt ein.

Dieser nennt sich „Die Logik der Selektion“ (Esser 1993: 94). In der jeweiligen Situation und unter Einfluss der gegebenen Bedingungen muss das Handeln beziehungsweise das Entscheiden zwischen den Alternativen des Akteurs erklärt werden. Vorerst bewertet der Akteur seine Alternativen nach Eigennutzen und Präferenz (Werterwartungstheorie). Anschließend wiegt er ab, inwieweit absehbar ist, dass durch seine Handlungen bestimmte Folgen auch eintreten. Der Akteur wählt somit seinen Möglichkeiten entsprechend die Alternative mit der größten Nutzenmaximierung für ihn selbst.

Der dritte Schritt Essers (Die Logik der Aggregation) beschäftigt sich mit der Auswirkung des individuellen Handelns auf das Makrogeschehen. Jeder Akteur orientiert sich bei seinen Handlungen an bereits vorgegebenen Strukturen, die wiederum eine Struktur für andere Akteure bilden. Somit kann das Handeln an sich aggregiert und zu einem kollektiven Phänomen werden, was wiederum Einfluss auf andere Akteure nehmen kann.

2.2. Der rationale Wähler

Downs sieht das Hauptziel von Wahlen darin, eine Regierung zu bestellen. Ein Handlungsgrund für die Stimmabgabe bei einer Wahl ist schließlich der erhoffte Sieg der Wunschpartei des Akteurs. Diese Partei würde ihm rational gesehen den größten Eigennutzen bringen. Von dieser Handlungsmotivation ist bei allen Akteuren ausnahmslos auszugehen. Es gibt jedoch noch einen zweiten zentralen Handlungsgrund des rationalen Wählers. Wenn der wahrscheinliche Nutzen des individuellen Beitrags, also der Stimmabgabe zur Herbeiführung des Wahlsiegs der favorisierten Partei geringer ist als die Kosten, dann wird der Akteur eben diesen Beitrag nicht leisten. Das bedeutet eben, dass der Akteur Kosten sparen möchte, wenn es nicht lohnenswert ist, den Beitrag zu leisten. Dazu aber in Kapitel drei mehr. Downs kombiniert im Kern von „An economic theory of democracy“ den ökonomischen Markt mit der Politik. Die Parteien versuchen gewissermaßen ein Angebot zu schaffen, das auf die Nachfrage der Bürger abgestimmt ist. Mit Blick auf die Wahlbeteiligung der Bürger steht der Terminus des „Nutzeneinkommens“, welcher „die Vorteile, die [für] die Bürger […] aus der staatlichen Tätigkeit entspringen“ (Downs 1968: 35) bezeichnet, im Fokus der Rational Choice-Theorie. Darunter zählen beispielsweise Polizeischutz oder der Ausbau der Infrastruktur. Diese Vorteile werden „auf einen gemeinsamen Nenner gebracht“ (Downs 1968: 36) Dieser Nenner wird von Downs als Nutzen oder der Einfachheit halber als „U“ bezeichnet. Zur besseren Darstellung arbeitet Downs mit mathematischen Gleichungen. Weitere Abkürzungen sind „A“, was für die aktuell regierende Partei steht, „B“ für die dazugehörigen Oppositionsparteien und „t“ als herausgegriffene Regierungsperiode. Zur Verdeutlichung wird mit „Ua“ das „Nutzeneinkommen [beschrieben], das während einer bestimmten Periode [der regierenden Partei] tatsächlich empfangen wird“ (Downs 1968: 38). Weiterhin existieren die Abkürzungen „I“, was in Verbindung mit „U“ für das hypothetisch höchste Nutzeneinkommen bei idealtypischer Regierungspartei steht. Im nachfolgenden Unterpunkt „Das Parteiendifferential“ wird die Abkürzung „E“ berechnet. „E“ steht für einen Erwartungswert.

2.3 Das Parteiendifferential

Um zu selektieren, für welche Partei sich ein Bürger bei einer Wahl entscheidet, muss er große Mengen an Informationen über die Parteien sichten und auswerten. Nur so ist sichergestellt, dass der Wähler weiß, welche der gegebenen Parteien ihm den größten persönlichen Nutzen über die gesamte Wahlperiode bringt. Der rationale Wähler oder „Homo Oeconomicus“ handelt folgenorientiert. Er wählt also die Handlungsmöglichkeit (Partei), die in der gegebenen Situation am besten geeignet ist, seine Handlungsgründe zu realisieren. In einem Zweiparteiensystem wie den USA errechnet er für die nächste Wahlperiode das hypothetisch erwartete Nutzeneinkommen für sich. Dazu subtrahiert er das Nutzeneinkommen der Oppositionspartei von der aktuell amtierenden Regierungspartei. Ein Problem bei der Gleichung ist dennoch, dass der Wähler nicht wissen kann, ob die Oppositionspartei ihre Versprechen in der Zukunft auch halten wird. Somit kann sich der Wähler als Alternative nur auf die gegenwärtige Situation beziehen. Es bleibt aber zu sagen, dass man lediglich die Leistung der amtierenden Regierungspartei mit Sicherheit feststellen kann. „Ist es [Das Parteiendifferential] positiv, dann stimmt er für die gegenwärtige Regierungspartei; ist es negativ, dann stimmt er für die Opposition; ist es Null, dann enthält er sich der Stimme“ (Downs 1968: 38). Die Formel dafür sieht wie folgt aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese beschriebene Differenz beschreibt Downs als „erwartetes Parteiendifferential“.

Da, wie oben schon festgestellt, das erwartete Parteiendifferential ziemlich theoretisch und realitätsfern zu sein scheint, modifiziert Anthony Downs seine Theorie mit „zukunftsorientierten Modifikatoren“ (Downs 1968: 39). Der „Trendfaktor“ bewertet die Leistung der Regierungspartei in der laufenden Wahlperiode. Das heißt, der Wähler wiegt ab, ob die Regierungspartei am Anfang der Legislaturperiode einen großen Nutzen eingebracht hat und gegen Ende nicht mehr zur Nutzenmaximierung beigetragen hat oder andersrum (Trend). Der Wähler geht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

Der zweite Modifikator, die „Leistungsbewertung“ nutzt der Wähler, wenn es aufgrund fast identischer Wahlprogramme keinen offenkundigen Unterschied zwischen den beiden Parteien mehr gibt. Wenn der Eigennutzen bei der aktuellen Regierungspartei im Vergleich zu den Vorgängern angemessen hoch ist, wird der Wähler keinen politischen Wandel riskieren und für die amtierende Partei stimmen. Im Umkehrschluss wäre eine politische Veränderung für ihn positiv und er wird deswegen für die Oppositionspartei stimmen (vgl. Downs 1968: 38-45).

2.4 Die Wahlbeteiligung des rationalen Wählers

Die Rational Choice-Theorie besagt, dass das Hauptziel des rationalen Wählers ist, der Partei, die für ihn selbst den größten Nutzen hat, zum Wahlsieg zu verhelfen. Allerdings geht ein rationaler Wähler nur dann zur Wahl, wenn der Nutzen, den er davon hat, die aufzubringenden Kosten übersteigt. Geht man aber nun davon aus, dass ein Wähler nur eine von Millionen Stimmen abgibt, jeder nur eine Stimme besitzt und alle Stimmen gleich viel zählen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass diese eine Stimme eine ausschlaggebende Wirkung auf das Wahlergebnis hat. „Der Stimmzettel des einzelnen [ist] nur ein Tropfen in einem Ozean“ (Downs 1968: 238). Um zu überprüfen, ob es sich überhaupt lohnt, an der Wahl teilzunehmen, muss der rationale Wähler die Wahrscheinlichkeit berechnen, wie hoch die Chance ist, dass ausgerechnet seine Stimme

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Details

Titel
Anthony Downs Scheitern an der Erklärung der Höhe der Wahlbeteiligung
Untertitel
Eine Überprüfung der Rational Choice-Theorie anhand der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V435609
ISBN (eBook)
9783668765450
ISBN (Buch)
9783668765467
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anthony, downs, scheitern, erklärung, höhe, wahlbeteiligung, eine, überprüfung, rational, choice-theorie, präsidentschaftswahl
Arbeit zitieren
Eugene Schwarz (Autor), 2017, Anthony Downs Scheitern an der Erklärung der Höhe der Wahlbeteiligung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435609

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