Ambient Assisted Living zur Versorgung älterer Menschen. Seniorenhilfe und Versorgung in den eigenen vier Wänden


Fachbuch, 2018
74 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzdarstellung

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau und Zielsetzung

2 Gründe für den Einsatz ambienter, altersgerechter Technologien
2.1 Der demographische Wandel und der Fachkräftemangel
2.2 Gesundheitliches Befinden älterer Menschen
2.3 Sozialer Wandel - Autonomie und Leben im Alter
2.4 Chancen des technologischen Fortschritts

3 AAL- Ambient Assisted Living
3.1 Einordnung und Begriffsbestimmung
3.2 Einsatzbereiche
3.3 Fehlende Akzeptanz als zentrale Herausforderung
3.4 Anforderungen an die Entwicklung und Implementierung von AAL-Systemen

4 Seniorenhilfe in der Stadt Neu Ulm
4.1 Bevölkerungsstruktur in Neu Ulm
4.2 Pflegebedürftigkeit und Pflegestruktur in Neu-Ulm
4.3 Seniorenpolitisches Gesamtkonzept und AAL
4.4 Beratungsmöglichkeiten der Stadt Neu-Ulm

5 Empirische Untersuchung zur Akzeptanz ambienter Technologien
5.1 Methodologie der Umfrage
5.2 Ergebnisse der Umfrage und Hypothesenprüfung

6 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

Copyright © ScienceFactory 2018

Ein der Open Publishing GmbH, München

Druck und Bindung: Books on Demand GmbH, Norderstedt, Germany

Covergestaltung: Open Publishing GmbH

Kurzdarstellung

Im Zusammenhang mit der kontinuierlich steigenden Zahl älterer Menschen, deren stark heterogenen Bedürfnissen und der zunehmenden Digitalisierung, ist vor allem im Hinblick auf die pflegerische Versorgung der Bevölkerung immer öfter vom Konzept des Ambient Assisted Living (AAL) die Rede. Diese intelligenten, unterstützenden Technologien können durch die Fortschritte in den Bereichen der Mikrotechnik und der Informations- und Kommunikationstechnologie, welche die Basis für AAL-Systeme darstellen, diskret in das häusliche Umfeld Hochbetagter integriert werden und ihnen einen längeren, autonomen Verbleib in den eigenen vier Wänden ermöglichen. Neben dem Nutzen für die ältere Generation, eröffnen sich durch den Einsatz von altersgerechten Assistenzsysteme auch für den professionellen Pflegesektor, ebenso wie für Politik und Wirtschaft neue Chancen. Für intelligenten Assistenzsysteme bieten sich vielfältige Einsatzmöglichkeiten, die hinsichtlich ihres Nutzens in die Kategorien Sicherheit, Gesundheit, Kommunikation und Haushalt gegliedert werden können. Trotz der zahlreichen technischen Möglichkeiten, ist noch keine Marktdurchdringung gelungen. Zentrale Ursache ist die fehlende Akzeptanz durch Hochbetagte, die auf verschiedene Barrieren, wie dem Datenschutz, mangelnde Aufklärung und die ungeklärte Finanzierung, zurückgeführt werden kann.

Schlagworte: Ambient Assisted Living, alternde Gesellschaft, Technologie

Abstract

In connection with the steadily increasing number of old people, who have highly heterogeneous needs and the increasing digitalization, the concept of Ambient Assisted Living (AAL) is becoming more and more predominant, especially in terms of outpatient care for the elderly population. These smart, supportive technologies can be discretely integrated into the home environment of the elderly by advances in the fields of microtechnology and information and communication technology, which are the basis for all AAL-systems. These systems are drafted to give them a longer, autonomous life at their own homes. In addition to the benefits for the older generation, the use of age-equal assistance systems also opens up new opportunities for the professional nursing sector, as well as for politics and the economy. Intelligent Assistance systems offer a wide range of applications, which can be divided into the categories of safety, health, communication and household-activities. Despite the technical possibilities, no market penetration has yet been achieved. The main cause is the lack of acceptance by the elderly, which can be traced back to various barriers, such as data protection, lack of information and unresolved funding.

Keywords: ambient assisted living, aging society, technology

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Ranking der Informationsquellen zu AAL

Abbildung 2: Analyse zu Hypothese 3

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

In den vergangenen Jahren und oft auch heute noch, ist die Entwicklung und Gestaltung neuer, innovativer Produkte sehr technologiegesteuert. Bereits zu Beginn der 1990er Jahre äußerte Donald A. Norman, wie wichtig es sei, dass sich neue Technologien den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Gerade bei der Konzeption neuer Produkte, die eigentlich speziell auf die Belange ihrer hochaltrigen Nutzer ausgerichtet sein sollten, wird das zumeist außer Acht gelassen. Die Möglichkeiten der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie sind erstaunlich. Die Resonanz älterer Menschen hingegen ernüchternd.1

1.2 Aufbau und Zielsetzung

Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich mit dem Einsatz innovativer, altersgerechter Assistenzsysteme bei der häuslichen Versorgung älterer Menschen. Ziel ist es aufzuzeigen, weshalb trotz der zahlreichen technischen Möglichkeiten und der zunehmenden Relevanz bisher noch keine Marktdurchdringung gelungen ist und speziell die Akzeptanz durch Hochbetagte weitgehend aus bleibt.

Zunächst wird ein Überblick darüber gegeben, welche Herausforderungen der demographische Wandel, wie auch die sozialen und gesundheitlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre für eine adäquate Versorgung Pflegebedürftiger erzeugen, um aufzuzeigen warum der Bedarf an altersgerechten, unterstützenden Technologien immer mehr zunehmen wird. Zudem wird erläutert, welche Chancen sich im Zuge der zunehmenden Digitalisierung durch den technischen Fortschritt bieten, pflegerische Versorgungsleistungen insbesondere im häuslichen Umfeld technisch zu stützen.

Im darauffolgenden Abschnitt folgt eine Definition des Konzepts Ambient Assisted Living, sowie dessen Einordnungen in das Fachgebiet der Gerontechnologie. Des Weiteren wird auf die möglichen Einsatzbereiche altersgerechter Assistenzsysteme eingegangen. Folgend werden bestehende Herausforderungen bei der Entwicklung und Implementierung von AAL-Lösungen erläutert, um den bestehenden Handlungsbedarf für eine Akzeptanzsteigerung aufzudecken und die grundlegenden Anforderungen an die Konzeption, Beschaffenheit und Implementierung von altersgerechten Technologien darlegen zu können.

Da die Bachelorarbeit in Kooperation mit der Stadt Neu-Ulm geschrieben wurde, beschäftigt sich das vierte Kapitel mit der Seniorenhilfe Neu-Ulm. Zunächst wird kurz angeführt, weshalb und in welchem Rahmen das Thema Digitalisierung für den Raum Neu-Ulm bereits eine Rolle spielt. Zudem enthält dieses Kapitel einige statistische Daten zur aktuellen und zukünftigen Bevölkerungs- und Pflegestruktur der Stadt. Im Anschluss daran findet sich das sogenannte „Seniorenpolitische Gesamtkonzept“, welches in Kontext zu AAL-Technologien betrachtet wird und es werden zwei Projekte vorgestellt, die den technischen Wissenstransfer von Hochbetagten für Hochbetagte fördern. Des Weiteren wird auf ein paar bereits existierende Beratungs- beziehungsweise Informationsmöglichkeiten für Neu-Ulmer Senioren eingegangen, um einerseits festzustellen wie die Stadt Neu-Ulm bezüglich der Versorgung ihrer älteren Bürger bereits aufgestellt ist und andererseits, um Medien ausmachen zu können, die sich insbesondere für die Aufklärung über AAL-Systeme eignen könnten.

Im letzten Kapitel ist der empirische Teil der Bachelorarbeit zu finden. Dabei handelt es sich um eine in Form von eins-zu-eins-Befragungen durchgeführte Untersuchung Neu-Ulmer Passanten zu deren subjektiven Einschätzungen bezüglich des Einsatzes ambienter Technologien für ältere Menschen.

2 Gründe für den Einsatz ambienter, altersgerechter Technologien

Um den zukünftigen Bedarf unterstützender Technologien für alte Menschen möglichst konkret identifizieren zu können, müssen sowohl soziale, als auch demographische und gesundheitliche Entwicklungen umfassend respiziert werden. Diese Veränderungen haben maßgebend Einfluss auf die Anforderungen an das Sozial- und Gesundheitswesen, stellen neue Herausforderungen dar und müssen somit als Fundament sozialpolitischer Maßnahmen betrachtet werden.2 Die in den folgenden Abschnitten erläuterten Entwicklungen verdeutlichen das wachsende Ungleichgewicht zwischen Bedarf und Deckung pflegerischer Versorgungsleistungen und heben die Notwendigkeit hervor, zeitnah Versorgungsstrukturen zu schaffen, die diesen Veränderungen und den damit einhergehenden Herausforderungen gewachsen sind. Welches Potenzial der technologische Fortschritt der letzten Jahre aufweist, die begrenzten Möglichkeiten klassischer Pflegeleistungen, um neue innovative, technische Hilfeleistungen zu erweitern und damit das Defizit qualifizierter Fachkräfte zu mindern, wird ebenfalls aufgeführt.3

2.1 Der demographische Wandel und der Fachkräftemangel

Verschiedenen Vorausrechnungen zufolge, wird bereits im Jahr 2030 etwa 30% der deutschen Gesamtbevölkerung aus über 65-Jährigen bestehen. Zugleich zeichnet sich jedoch ein kontinuierlicher Rückgang jüngerer Altersgruppen ab.4 Deutschlands Bevölkerung wird sodann zur ältesten Europas.5 Zurückführen lässt sich diese Entwicklung hauptsächlich auf den Geburtenrückgang, sowie die in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich angestiegene Lebenserwartung in den Industrienationen, welche nicht nur auf dem Fortschritt in den Bereichen Medizin und Hygiene beruht, sondern auch auf den verbesserten allgemeinen Lebensumständen.6

Daher wird in den Sozialwissenschaften häufig von einem dreifachen Altern der westlichen Industrienationen gesprochen. Das bedeutet kurzgesagt, dass der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung nicht nur relativ und absolut zunimmt, sondern dieser Bevölkerungsteil zugleich auch immer älter wird. So positiv das auf den ersten Blick erscheint, so impliziert dies jedoch auch einen zunehmenden Bedarf an pflegerischen und medizinischen Versorgungsleistungen, der durch einen immer kleiner werdenden Teil junger Erwerbstätiger materiell, wie auch sozial sichergestellt werden muss.7

In Anbetracht des steigenden Lebensalters und der damit häufig einhergehenden kosten- und pflegeintensiven Multimorbidität, werden somit auch die Ausgaben der Versicherungssysteme weiter zunehmen. Das im Rahmen der solidarisch konstruierten Pflege- und Krankenversicherung umlagefinanzierte Sicherungssystem in Deutschland, das es vorsieht diese Ausgaben durch die Beiträge der erwerbstätigen Versicherungsnehmer zu decken, wird so nicht mehr ausreichend sein und macht es zunehmend unwahrscheinlicher, dass alte Menschen in Zukunft adäquate pflegerische Versorgungs- und Hilfeleistungen erhalten werden.8

Ein weiterer Parameter, der sich negativ auf die pflegerische Versorgung auswirkt, ist der bereits heute zu verzeichnende Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal, der sich den demographischen Entwicklungen zufolge weiter drastisch ausweiten wird.9 Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. rechnet innerhalb der nächsten zehn Jahre mit einem zusätzlichen Bedarf von 230.000 Pflegekräften.10 Der Fachkräftemangel in der Pflege ist jedoch nicht allein auf den demographischen Wandel zurückzuführen, sondern ebenso dem Fakt geschuldet, dass der Beruf des Pflegers, nicht zuletzt bedingt durch die abverlangenden Arbeitsbedingungen, sondern auch durch die schlechte Vergütung, wenig attraktiv erscheint und damit die Rekrutierung neuer Fachkräfte erschwert.11 Der Verdienst einer in Deutschland tätigen examinierten Pflegefachkraft, fällt durchschnittlich ein Fünftel geringer aus als der von Fachkräften im Bereich der Krankenpflege.12

Zukünftig wird es daher ein politisches Erfordernis sein die Attraktivität des Pflegeberufs zu erhöhen. Das erfordert zum einen eine Vergütung, die den Beruf des Pflegers mit Tätigkeiten komparablen Qualifikationsniveaus konkurrenzfähig macht und zum anderen Maßnahmen, die die Arbeitsbedingungen maßgeblich verbessern. In den letzten Jahren ist es zwar durch Entwicklungen, wie der Akademisierung in der Pflege, bereits gelungen den Arbeitsmarkt in der Pflegebranche attraktiver zu gestalten, diese Veränderung wird jedoch nicht ausreichen, um den Mangel an qualifizierten Fachkräften aufzufangen und auch mehr junge Menschen für die Pflegebranche zu gewinnen.13

Unabhängig von der Notwendigkeit neues Pflegepersonal zu gewinnen, sind Maßnahmen erforderlich, die das Belastungserleben von Pflegekräften mindern, um einem Berufsausstieg vor Eintritt des Rentenalters entgegenzuwirken. Denn die Mehrheit der Pflegekräfte weist eine starke berufliche Bindung, sowie das Interesse möglichst langfristig im Pflegeberuf tätig zu sein auf und verfügt somit über ein für Arbeitgeber hohes profitables Arbeitspotential. Allerdings hält es nur jede zweite Pflegekraft für möglich, den abverlangenden Anforderungen bis zur Rente gerecht zu werden.14 Dass die Belastung von Pflegekräften vor allem in der Bundesrepublik Deutschland enorm ist, verdeutlicht die Tatsache, dass die Patienten-Pflegekraft-Relation Deutschlands bereits heute die Schlechteste in ganz Europa ist.15

2.2 Gesundheitliches Befinden älterer Menschen

Ab wann ein Mensch „alt“ ist, wird oft unterschiedlich betrachtet. Im Fachgebiet der Gerontologie wird die Grenze zur Lebensphase Alter überwiegend zwischen 60 und 65 Jahren gesehen. Sie wird oftmals weiter in ein drittes und viertes Lebensalter untergliedert, wobei das vierte Lebensalter gewöhnlich mit dem Erreichen des 80 Lebensjahres beginnt. Der Berliner Altersstudie ist zu entnehmen, dass insbesondere die Untergruppen älterer Menschen, die primär aus Hochbetagten über 85 Jahren bestehen, einen hohen Grad an beträchtlichen Funktionseinbußen körperlicher, als auch kognitiver Natur aufweisen. Psychische, wie auch somatische Krankheitsbilder, die eine Einschränkung der Alltagskompetenz zur Folge haben, treten vornehmlich ab 80 Jahren auf und nehmen massiv zu.16 Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass ein hochbetagter Mensch nicht zwingend krank oder pflegebedürftig ist und somit nicht ab einem gewissen Lebensalter automatisch von einem geriatrischen Patienten ausgegangen werden kann.17 Besonders bei Älteren ist häufig zu beobachten, dass das biologische Alter und das subjektive Empfinden darüber stark differieren.18

Gewiss ist jedoch, dass Pflegebedürftigkeit bei einer Vielzahl von Fällen auf chronische Krankheiten oder Behinderungen zurückgeführt werden kann. Die Krankheiten, die am häufigsten eine Pflegebedürftigkeit zur Folge haben, sind unteranderem Frakturen (oft in Folge von Unfällen), Amputationen, Erkrankungen der Hirngefäße (zum Beispiel Schlaganfälle), rheumatische Krankheitsbilder, Erkrankungen des Bewegungsapparats, sowie psychische Krankheiten und Einschränkungen der Sinnesorgane. Insbesondere bei älteren Menschen mit Hilfebedarf überwiegen psychische und chronische Krankheiten, die zu meist in Verbindung mit kognitiven Beeinträchtigungen stehen.19 Der alte Pflegebedürftigkeitsbegriff wurde aufgrund seiner einseitigen Ausrichtung, insbesondere im Kontext mit der stark wachsenden Zunahme von Krankheitsbildern, die kognitive Einschränkungen zur Folge haben, stark kritisiert. Vor allem die Bedürfnisse von demenzkranken Pflegebedürftigen wurden dabei nicht ausreichend einbezogen und das obwohl psychische Verhaltensstörungen bereits seit mehreren Jahren eine der drei Hauptursachen für Pflegebedürftigkeit darstellen.20

Auch das Geschlecht ist charakteristisch für Pflegebedürftigkeit. So fallen etwa zwei Drittel aller Leistungen der deutschen Pflegeversicherung auf weibliche Leistungsempfänger. Bei den Pflegebedürftigen über 70 beläuft sich der Frauenanteil sogar auf ganze 75%. Dass der Umfang an in Anspruch genommenen Pflegeleistungen bei Frauen im Alter zudem auch markant schneller ansteigt, als bei männlichen Versicherungsnehmern, kann auf mehrere Zusammenhänge zurückgeführt werden. Eine Ursache stellt die prinzipiell höhere Lebenserwartung dar, mit welcher zugleich häufig Multimorbidität einhergeht und somit auch das Eintreten von Pflegebedürftigkeit wahrscheinlicher ist. Zusätzlich leiden Frauen öfter an chronischen Erkrankungen, welche zwar nicht geradewegs tödlich verlaufen, allerdings oftmals eine selbstständige Lebensführung erschweren und so langfristig einen Pflegebedarf erzeugen. Des Weiteren steht häufig im Diskurs, dass Frauen ihr gesundheitliches Befinden meist schlechter einschätzen als Männer und daher allgemein öfter auf gesundheitsfördernde Dienstleistungen zurückgreifen.21

2.3 Sozialer Wandel - Autonomie und Leben im Alter

Die Assoziation, die viele Menschen heute noch zu Hochaltrigen und deren Leben haben, entspricht schon länger nicht mehr der Realität. Gegenwärtig ist es geprägt von dem Wunsch nach einer möglichst aktiven und autonomen Gestaltung des alltäglichen gesellschaftlichen Lebens.22 Somit haben sich mit dem Anstieg der Lebenserwartung, zugleich die Anspruchs- und Erwartungshaltungen von Senioren verändert.23 Allerdings werden Senioren mit zunehmendem Alter bei der Bewältigung ihres Alltags immer öfter vor neue Herausforderungen gestellt. Tätigkeiten, die in der Vergangenheit noch selbstständig gemeistert werden konnten, wie der Besuch beim Hausarzt, der Einkauf im nächsten Supermarkt oder aber auch bereits einfache Haushaltstätigkeiten, können mit dem kontinuierlichen Abbau der kognitiven und körperlichen Fähigkeiten plötzlich zum Problem werden. Langfristig kann das zur Folge haben, dass sich diese Hochbetagten immer unsicherer fühlen, sich daraufhin zurückziehen und es zunehmend vermeiden ihr privates Wohnumfeld zu verlassen. Zwangsläufig droht dadurch wiederum der Verlust sozialer Beziehungen.24

Der Wunsch nach Selbstbestimmung geht oft einher mit dem Verlangen möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. In der Bundesrepublik Deutschland werden etwa 71% aller pflegebedürftigen Bürger in ihrem privaten, häuslichen Umfeld umsorgt.25 Die deutliche Präeminenz der häuslichen Pflegeform, gerade in Bedacht des erwarteten relativen und absoluten Zuwachses über 65-Jähriger, zeigt dass ein besonderes Augenmerk auf der häuslichen Pflege liegen sollte.26 Der im SGB XI enthaltene Grundsatz „ambulant vor stationär“, der das Ziel verfolgt den stationären Pflegebereich zu entlasten, deckt sich mit dem Wunsch nach einem möglichst langen Verbleib in den eigenen Häuslichkeiten.27

Ende 2014 waren in Deutschland laut Pflegeversicherungsgesetz 2,7 Millionen Bürger pflegebedürftig. Etwa 92% der Pflegebedürftigen in Deutschland, nehmen regelmäßig Hilfeleistungen von privaten Personen in Anspruch, die diese Unterstützung nicht beruflich ausüben. Diese Personengruppe Pflegender wird in Fachkreisen als „informell Pflegende“ betitelt, wobei diese Gruppe in der Mehrheit aller Fälle aus Verwandten und Bekannten des Pflegebedürftigen besteht. In Deutschland leben rund 70% dieser pflegenden Angehörigen, größtenteils Lebenspartner, mit dem Pflegebedürftigen gemeinsam in einer Wohnung beziehungsweise in einem Haus oder zumindest im näheren Umfeld, weshalb das System der informellen Pflege noch tragbar ist.28

Allerdings ist seit einigen Jahren ein struktureller Wandel zu beobachten, der die Möglichkeit einen bedeutenden Teil des Pflegebedarfs durch die informelle Pflege zu decken, stark gefährdet. Veränderungen, wie der Anstieg von Single-Haushalten und die Individualisierung, sorgen für veränderte Bedürfnisse der alternden Gesellschaft.29 In Anbetracht der Altersverteilung der deutschen Bevölkerung ist davon auszugehen, dass in Zukunft vor allem immer mehr hochbetagte Menschen alleine wohnen werden.30 Das wird insbesondere Frauen betreffen. Bereits heute liegt die Quote alleinlebender Frauen im Alter von 70 bis 84 Jahren mit 46,6% deutlich höher als bei Männern dieses Alters (14,7%).31 Auch der steigende Zuwachs erwerbstätiger Frauen und das höhere Renteneintrittsalter wirken sich folglich negativ aus.32 Ein weiteres Hemmnis ist die zunehmend große räumliche Distanz von Familien, die es Angehörigen oft unmöglich macht sich um ihre pflegebedürftige Verwandtschaft zu kümmern. Das hat zur Folge, dass speziell die pflegerische Unterstützung durch Angehörige in Zukunft weiter abnehmen, neue Bedarfskonstellationen erzeugen und zu einem steigenden Bedarf professioneller Pflege führen wird.33

Bereits seit dem Jahr 2001 ist eine kontinuierliche Abnahme der Pflege durch informell Pflegende zu verzeichnen, wohingegen die Inanspruchnahme vollstationärer Pflegeeinrichtungen leicht zugenommen hat.34 Das verdeutlicht, dass es zunehmend wichtiger sein wird das breite Spektrum an potenziell informell Pflegenden, wie Nachbarn, Freunden und Ehrenamtlichen zu unterstützen und nachhaltig zu fördern. Neben bereits bestehenden Angeboten, wie der erweiterten Beratung durch Pflegestützpunkte, dem Hausnotruf, speziellen Angeboten für die Betreuung Demenzkranker und weiteren Versorgungsangeboten, können auch unterstützende, intelligente Haustechnologien einen maßgebenden Beitrag dazu leisten den Grundsatz „ambulant vor stationär“ weiter zu stärken und in gewissem Maß auch eine Betreuung aus der Ferne ermöglichen.35

Das Bedürfnis möglichst lange in der eigenen Häuslichkeit wohnhaft zu bleiben, hat auch bemerkbare Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt.36 Versorgungsformen, wie betreute Wohngemeinschaften werden von Pflegebedürftigen zwar bereits heute grundsätzlich angenommen, dennoch bevorzugt der Großteil der Pflegebedürftigen das Wohnen in der eigenen Häuslichkeit.37 In diesem Kontext sind vor allem für Menschen ab 75 Jahren, die ab diesem Alter häufiger allein leben als jüngere Altersgruppen, Merkmale wie Barrierefreiheit, Ausstattung und Wohnumfeld, genauso wie greifbare, regionale Hilfeleistungen von immenser Bedeutung. Der Wunsch nach Autonomie und Sicherheit erfordert neue Wohnkonzeptionen, die die oftmals eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten alter Menschen fördern, ihr Sozialleben erhalten und zugleich der pflegerischen und medizinischen Versorgung dienen.38 Durch die Nutzung von AAL-Systemen ließe sich eine Art technisch betreutes Wohnen im eigenen Zuhause umsetzen.39

2.4 Chancen des technologischen Fortschritts

Der US-amerikanische Informatiker Mark Weiser hat bereits seiner Zeit mit dem Ausdruck „Ubiquitous Computing“, der oft als „Rechnerallgegenwart“ übersetzt wird, auf die allgegenwärtige Unterstützung von rechnergestützten Systemen zur Verarbeitung von Informationen verwiesen.40

In den vergangenen Jahren konnte der zunehmende Hype technische Systeme und Produkte möglichst klein und kompakt zu gestalten gut beobachtet werden. Laptops, MP3-Player und andere Technologien haben im Vergleich zu ihren Anfängen deutlich an Größe verloren und die Miniaturisierung ist heute aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Auch in der Medizin konnten dadurch erhebliche Verbesserungen erzielt, neue Durchführungsmöglichkeiten geschaffen und nebenbei noch Energie- und Materialkosten gesenkt werden.41 Maßgebend für die vorangetriebene Forschungsarbeit im Bereich der Mikrosystemtechnik sind die Herausforderungen des demographischen Wandels.42

Auch Technologien aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, kurz IKT, sind in der Medizintechnik und vielen anderen Bereichen vorzufinden. Gemeinsam haben diese Produkte dabei alle ein intelligentes und stabiles Steuerungssystem.43

„Unter Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) fassen wir all diejenigen technischen Geräte und Einrichtungen zusammen, die Informationen aller Art digital umsetzen, verarbeiten, speichern und übertragen können. Dazu gehören Sprachtelefonie, Datenkommunikation und Computer, Radio, Fernsehen und ähnliche Technologien.“44

Um technische Systeme möglichst latent in die individuellen Räumlichkeiten und heterogenen Lebensstile der Nutzer zu integrieren, bieten Technikanbieter vermehrt Powerline-Technologien und Funklösungen als Hintergrundtechnologien.45 Da sämtliche Aktivitäten entsprechender Konzepte dank den Möglichkeiten der IKT und Mikrotechnik nicht von eng positionierten und klar erkennbaren Geräten ausgerichtet werden, ist die technische Infrastruktur als solche kaum erkennbar.46

Auch im Bereich der Bedienung von technischen Produkten und Systemen hat sich viel getan. Gegenwärtig zeichnet sich bei Bedienkonzepten mobiler Produkte aus dem Fachgebiet der Informations- und Kommunikationstechnologie ein Trend zur gestenbasierten Interaktion ab. Generell stoßen innovative Userkonzepte, wie auch die sprachliche Steuerung von Systemen, bestens erkennbar bei Amazons „Alexa“, derzeit auf großes Interesse. Seit geraumer Zeit wird daran gearbeitet, das Steuern und Kontrollieren von mobilen Endgeräten auf Basis des technologischen Paradigmas „Ambient Intelligence“, zu Deutsch Umgebungsintelligenz, noch natürlicher und damit einfacher zu gestalten. Damit wird die persönliche Umgebung selbst zu einer omnipräsenten Nutzerschnittstelle, die eigenständig auf die Verhaltensweisen des sich darin befindenden Nutzers reagiert und sich automatisch an dessen individuellen Gewohnheiten anpasst.47

Bereits heute werden Produkte aus dem IKT Bereich dazu eingesetzt die Dokumentation in der Pflege zu verbessern und auch viele andere Tätigkeitsfelder im Pflegebereich eignen sich für den Einsatz innovativer Technologien.48 So ist es aktuell realisierbar mittels Entwicklungen der IKT, die physische Anwesenheit von Pflegekräften zu minimieren und teils sogar zu ersetzen. Auch der gefährdete Bereich der informellen Pflege wird durch visuelle Systeme, wie dem Monitoring, welche eine Betreuung auch über eine größere räumliche Distanz ermöglichen, gefördert. Nebenbei können entsprechende Innovationen dazu beitragen die Autonomie der Pflegebedürftigen zu stützen und ihre Lebensqualität erhöhen.49

Aktuell ist aufgrund unterschiedlicher Barrieren, auf die im späteren Verlauf noch genauer eingegangen wird, allerdings nicht vollständig absehbar, welchen Stellenwert intelligente Technologien in der Pflegebranche, insbesondere im häuslichen Bereich, einnehmen werden.50 Es kann aber davon ausgegangen werden, dass alte Menschen in Zukunft nicht nur höhere Ansprüche bezüglich der Gestaltung ihres Alltags haben, sondern im Zuge der Digitalisierung eine gesteigerte Affinität und ein höheres Interesse gegenüber Technik aufweisen, was den Einsatz neuer Technologien erleichtern könnte.51

Rein technisch betrachtet besteht in diesem Sektor in jedem Fall enormes, größtenteils noch ungenutztes Potenzial dem drohenden quantitativen Ungleichgewicht zwischen dem Bedarf an Pflegedienstleistungen und den dafür vorhandenen personellen und materiellen Ressourcen entgegenzuwirken. Die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften könnten durch Technikeinsatz erleichtert und insbesondere die Bereiche der ambulanten und informellen Pflege unterstützt werden.52,53

Diese Systeme sind mittlerweile nicht nur selbstlernend, sondern auch dazu in der Lage Fehlalarme eigenständig zu erkennen. Gerade das selbstständige Erkennen eines Fehlalarms ist im Medizin- und Pflegebereich essentiell, da diese nicht nur zu enormen Kosten führen können, sondern auch dazu, dass sich die Nutzer aus Angst vor der erneuten Auslösung eines Fehlalarms in ihren Alltagsaktivitäten einschränken.54

Zudem bietet die zunehmende Digitalisierung auch Chancen für die Wirtschaft und Politik. Die erhöhte Lebenserwartung und die heterogenen Interessen Älterer können genutzt werden, um die Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungsangeboten zu steigern und eine höhere Beschäftigung zu erzielen.55 Durch neue Technologien könnten weitere Beschäftigungsfelder für Menschen im Vorruhestand geschaffen werden. Zum Beispiel in Form von Wartungstechnikern.56 Werden technische Assistenzsysteme und Versorgungsangebote mit regionalem Bezug bei der Konzeption neuer Betreuungsformen ausreichend berücksichtigt, eröffnet sich Kommunen die Möglichkeit die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Professionen und Organisationen übersichtlicher zu gestalten und zu erleichtern und damit die Qualität pflegerischer Dienstleistungen zu erhöhen.57

[...]


1 vgl. Aumayr/Moser-Siegmeth (2011), S. 81 f.

2 vgl. Pieper u.a. (2001), S. 12.

3 vgl. Görres u.a. (2016), S. 14.

4 vgl. Elsbernd u.a. (2015), S. 31.

5 vgl. Haubner (2012).

6 vgl. Pieper u.a. (2001), S. 12 f.

7 vgl. Manzeschke u.a. (2013), S. 10.

8 vgl. Brukamp (2011), S. 105.

9 vgl. Munstermann/Luther (2015), S. 1.

10 vgl. Uhlig (2012), S. 62.

11 vgl. Nemec/Fritsch (2013), S. 119.

12 vgl. Bogai u.a. (2016), S. 107.

13 vgl. Kälble/Pundt (2016), S. 46.

14 vgl. Höhmann u.a. (2016), S. 81.

15 vgl. Höhmann u.a. (2016), S. 73.

16 vgl. Böhm (2009), S. 10.

17 vgl. Hoffmann/Nachtmann (2008), S. 4.

18 vgl. Hogreve u.a. (2011), S. 32.

19 vgl. Kuhlmey/Bühler (2015), S. 5.

20 vgl. Holzhause/Schnabel (2016), S. 139.

21 vgl. Hoffmann/Nachtmann (2008), S. 10 ff.

22 vgl. Bieber (o.J.).

23 vgl. Hoffmann (2016).

24 vgl. Kulenkampff (2000), S. 6.

25 vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2013).

26 vgl. Gräßel/Behrndt (2016), S. 169.

27 vgl. Wackerbarth (2015), S. 225.

28 vgl. Gräßel/Behrndt (2016), S. 169 ff.

29 vgl. Bieber/Schwarz (2011), S. 7.

30 vgl. Gaugisch u.a. (2012), S. 14.

31 vgl. Hoffmann/Nachtmann (2008), S. 10 ff.

32 vgl. Gaugisch u.a. (2012), S. 14.

33 vgl. Görres u.a. (2016), S. 4 f.

34 vgl. Gaugisch u.a. (2012), S. 13.

35 vgl. Görres u.a. (2016), S. 14 f.

36 vgl. Gaugisch u.a. (2012), S. 13.

37 vgl. Uhlig (2012), S. 62.

38 vgl. Banse u.a. (2016), S. 68 f.

39 vgl. Uhlig (2012), S. 62.

40 vgl. Wackerbarth (2015), S. 228.

41 vgl. Jähnichen (o.J.), S. 7.

42 vgl. Bieber/Schwarz (2011), S. 7 f.

43 vgl. Jähnichen (o.J.), S. 8.

44 Niebel u.a. (2013), S. 6.

45 vgl. Eifert (2016), S. 116.

46 vgl. Decker (2012), S. 319.

47 vgl. Decker (2012), S. 319.

48 vgl. Schnabel/Eifert (2015), S. 194.

49 vgl. Görres u.a. (2016), S. 14

50 vgl. Görres u.a. (2016), S. 14

51 vgl. Gaugisch u.a. (2012), S. 28.

52 vgl. Sträter (2011), S. 1.

53 vgl. Görres u.a. (2016), S. 14

54 vgl. Eifert (2016), S. 116.

55 vgl. Schneiders u.a. (2011), S. 115.

56 vgl. Eifert (2016), S. 115.

57 vgl. Görres u.a. (2016), S. 15.

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Ambient Assisted Living zur Versorgung älterer Menschen. Seniorenhilfe und Versorgung in den eigenen vier Wänden
Autor
Jahr
2018
Seiten
74
Katalognummer
V435634
ISBN (eBook)
9783956875991
ISBN (Buch)
9783956876011
Sprache
Deutsch
Schlagworte
AAL, Ambient Assisted Living, Gerontologie, Gerontechnologie, Demographischer Wandel, Pflegewissenschaften, Alterswissenschaften, Ambient Intelligence, IKT, alternde Gesellschaft, Technologien, Assistenzsysteme
Arbeit zitieren
Melanie Herrmann (Autor), 2018, Ambient Assisted Living zur Versorgung älterer Menschen. Seniorenhilfe und Versorgung in den eigenen vier Wänden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/435634

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