„Als ich dann überlegt hatte, dass ich... lieber für mich Schluss machen wollte und ich also die Waffe in der Hand hatte, da hab‘ ich dann aber überlegt, dass ich... vielleicht mit der Waffe... zu meinem damaligen Chef gehen könnte, ne, und halt es selber richten könnte.“
Diese Aussage stammt von der Kindergartenleiterin Annegret Römer, die nach zwanzigjähriger einvernehmlicher Zusammenarbeit plötzlich von ihrem Chef, dem Bürgermeister des Ortes, schikaniert wurde. Das Gerücht, die Tochter des Bürgermeisters wolle Römers Posten übernehmen, sprach sich zu dieser Zeit bereits im Ort herum. Nachdem der Bürgermeister die Qualifikation Annegret Römers in Frage gestellt, Misstrauen in ihrer Arbeitsgruppe gestreut, Kompetenzen abgesprochen und ihr auferlegt hatte, ihren Tagesablauf minutiös aufzulisten, stand sie am Rand einer Verzweiflungstat. Diese konnte nur verhindert werden, da sie sich zuvor telefonisch ihrer Schwester anvertraute. Die fand Annegret Römer mit einer Pistole in der Hand vor. Nach monatelanger Krankschreibung und einer Rehabilitation in einer auf Mobbingopfer spezialisierten Klinik wagt die Kindergartenleiterin - mittlerweile unter einem neuen Bürgermeister - wieder die ersten Schritte zurück in den Berufsalltag.
„Mobbing“, „Bossing“ (Schikane durch den Vorgesetzten) oder „Psychoterror am Arbeitsplatz“ sind Begriffe, die in den vergangenen Jahren in Zusammenhang mit spektakulären Vorfällen durch die Medien gingen. Der wohl bekannteste Fall ist die Selbstmordserie von vier Polizisten einer Neusser Polizeiwache, die durch Kollegenmobbing in den Tod getrieben worden sein sollen. Viele Kommilitonen, Freunde und Bekannte, mit denen ich im Vorfeld der Arbeit gesprochen habe, hatten Kenntnis vom Mobbingphänomen. Ihre Aussagen reichten von „Die sogenannten Mobbingopfer sind doch selber schuld, die würden auch mobben, wenn sie könnten!“ bis hin zu „Ich bin mir sicher, dass ich auch schon gemobbt wurde“. Aus der epidemiologischen Untersuchung von Meschkutat u.a. im Jahr 2001 geht hervor, dass in Deutschland bereits jeder neunte Arbeitnehmer schon
einmal Opfer von Mobbing geworden ist.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Epistemologischer Ursprung des Begriffs Mobbing
1.2 Abgrenzung von verwandten Begriffen
1.3 Verbreitung von Mobbing
1.4 Durchschnittliche Dauer von Mobbing
1.5 Volkswirtschaftlicher Schaden
1.6 Thema und Fragestellung
1.7 Aufbau der Arbeit
2 Stand der Mobbingforschung
2.1 Die bisherige Mobbingforschung im Überblick
2.2 Mobbing am Arbeitsplatz
2.3 Mobbingforschung im deutschen Sprachraum
2.4 Definition von Mobbing
2.5 Subjektives und objektives Mobbing
2.6 Mobbingphasen
3 Opfer und Täter
3.1 Das hierarchische Verhältnis zwischen Opfer und Täter
3.2 Das Machtungleichgewicht zwischen Opfer und Täter
3.3 Geschlechtsspezifisches Mobbing
3.4 Mobbingrisiko differenziert nach Berufsgruppe und Status
3.5 Die Opfer
3.5.1 Alter und berufliche Position der Opfer
3.5.2 Opfer und Opfergruppen im Mobbingprozess
3.5.3 Mobbingauslösende Faktoren aus der Opferperspektive
3.5.4 Opfermerkmale
3.5.4.1 Die exponierte Stellung des Opfers
3.5.4.2 Opferpersönlichkeit
3.6 Die Täter
3.6.1 Alter und berufliche Position der Täter
3.6.2 Einzeltäter und Tätergruppen im Mobbingprozess
3.6.3 Die Mobbingintention
3.7 Mobbinghandlungen und deren Kategorisierung
3.7.1 Gewichtung der Mobbinghandlungen
3.7.2 Geschlechtsspezifische Mobbinghandlungen
3.7.3 Mobbinghandlungen nach Alter der Opfer und Täter
3.7.4 Motivation der Täter zu Mobbinghandlungen
3.8 Tätermerkmale
4 Organisationale und soziale Ursachen von Mobbing
4.1 Organisationale Ursachen von Mobbing
4.2 Soziale Ursachen von Mobbing
4.2.1 Die Rolle der Aggression
4.2.2 Die soziale Ursachen von Aggression
5 Psychodynamische Ursachen von Mobbing
5.1 Die Rolle der Institution
5.2 Die Gruppe und ihre Dynamik
5.3 Die Führung der Gruppe
5.4 Mobbingursachen in der Gruppendynamik
5.4.1 Die Gruppe und die Funktion des Sündenbock
5.4.2 Der eskalierende Konflikt
5.5 Psychodynamik in der Täterpersönlichkeit
5.5.1 Die intrapsychischen Abwehrmechanismen
5.5.2 Die interpersonale Abwehr
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die komplexen Dynamiken des Mobbing-Phänomens in der Arbeitswelt. Das primäre Ziel ist es, die Beziehungsstrukturen zwischen Opfer und Täter sowie die organisatorischen, sozialen und psychodynamischen Ursachen zu analysieren, die diesen Konfliktprozess prägen.
- Identifikation von Opfer- und Tätermerkmalen
- Analyse des Machtungleichgewichts im Mobbingprozess
- Untersuchung organisationaler und gruppendynamischer Ursachen
- Betrachtung der Tätermotivation und -intention
- Evaluierung der Auswirkungen auf die psychische und physische Verfassung der Betroffenen
Auszug aus dem Buch
1.1 Epistemologischer Ursprung des Begriffs Mobbing
Der englische Terminus „Mobbing“ stammt vom nominalisierten ebenfalls englischen Verbs „to mob”, welches „herfallen über, angreifen, attackieren“ bedeutet. Der Ursprung dieses Verbs ist das Substantiv „the mob”. Dieses Wort ist in verschiedenen Sprachen zu finden und bezeichnet den Pöbel, eine kriminelle Bande oder organisiertes Verbrechertum (letzteres nur im englischen Sprachraum). Es geht auf den lateinischen Begriff „mobile vulgus“ zurück. Dafür lautet die sinngemäße Übersetzung aufgewiegelte Volksmenge, Pöbel, unorganisierte soziale Massengruppierung mit sehr geringem oder völlig fehlendem Organisationsgrad, in der mit hoher Wahrscheinlichkeit aggressives, meist zerstörerisches Verhalten auftritt. Bereits 1905 klassifiziert der Soziologe Edward Alsworth Ross den „Mob“ im Rahmen der massenpsychologischen Forschung als unterste Stufe der gesellschaftlichen Hierarchie, an deren Spitze die organisierte, strukturierte Gruppe steht. Berndt Zuschlag bemerkt 1994 in der ersten Auflage seines Buches „Mobbing. Schikane am Arbeitsplatz“ zum Mobbingbegriff Folgendes:
„ ‚Mobbing‘ [...] wird neuerdings als Terminus Technikus benutzt zur Bezeichnung der Handlung von Menschen, die – vorwiegend am Arbeitsplatz – (unterstellte) Mitarbeiter/innen, Kolleginnen/Kollegen oder Vorgesetzte schikanieren.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Umrisse des Begriffs Mobbing, Abgrenzung von verwandten Phänomenen sowie Darstellung von Verbreitung und wirtschaftlichen Schäden.
2 Stand der Mobbingforschung: Überblick über die historische Entwicklung der Mobbingforschung, Definitionen und die Phasenmodelle von Leymann.
3 Opfer und Täter: Detaillierte Analyse des Machtverhältnisses, der Rollen von Tätern und Opfern, geschlechtsspezifischer Aspekte und der typischen Mobbinghandlungen.
4 Organisationale und soziale Ursachen von Mobbing: Untersuchung von Arbeitsstrukturen, Zeitdruck und der Rolle der Aggression als Auslöser für Mobbing.
5 Psychodynamische Ursachen von Mobbing: Analyse der Rolle von Institutionen, Gruppendynamiken, Sündenbock-Mechanismen und intrapsychischen Abwehrmechanismen bei Tätern.
6 Zusammenfassung: Synthese der wichtigsten Erkenntnisse über die Ursachen, den Verlauf und die Dynamiken des Mobbing-Prozesses.
Schlüsselwörter
Mobbing, Bossing, Psychoterror, Arbeitsplatz, Mobbingopfer, Mobbingtäter, Gruppendynamik, Organisation, Machtungleichgewicht, Aggression, Attribution, Sündenbock, Konflikteskalation, Arbeitswelt, Psychodynamik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen Mobbing am Arbeitsplatz, analysiert dessen Ursachen und erforscht das Beziehungsgeflecht zwischen Opfern und Tätern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der Erforschung der Rollen von Opfern und Tätern, den organisationalen Bedingungen, gruppendynamischen Prozessen sowie den psychodynamischen Ursachen von Schikanen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, welche Beziehungsdynamiken zwischen Täter- und Opferrolle im Mobbingprozess bestehen und wie diese durch Persönlichkeitsmerkmale sowie die institutionellen Rahmenbedingungen beeinflusst werden.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer umfangreichen Literaturanalyse sowie der Auswertung und Verknüpfung europäischer empirischer Studien zum Thema Mobbing am Arbeitsplatz.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufarbeitung des Forschungsstandes, eine detaillierte Charakterisierung von Opfern und Tätern, die Untersuchung organisationaler und sozialer Ursachen sowie eine tiefgehende psychodynamische Analyse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Mobbing, Bossing, Psychoterror, Gruppendynamik, Machtungleichgewicht, Aggression, Attribution und Sündenbock-Mechanismus.
Welche Rolle spielen Vorgesetzte bei der Entstehung von Mobbing?
Vorgesetzte nehmen in vielen europäischen Ländern eine zentrale Rolle ein, da sie häufig als Mobbingtäter agieren oder durch eine unzureichende Führungsstruktur und das Tolerieren von Schikane ein Klima schaffen, das Mobbing begünstigt.
Warum wird das Sündenbock-Phänomen als Mobbingursache angeführt?
Das Sündenbock-Phänomen dient in Gruppen oft der Stressabfuhr und der Aufrechterhaltung der Gruppenidentität, wobei eine Person isoliert wird, um Spannungen innerhalb der Organisation oder Arbeitsgruppe abzubauen.
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- Tanja Dietz (Author), 2003, Mobbing - Ausgrenzungsphänomene in der Arbeitswelt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43620