Das Motiv des Lustmordes bei Krafft-Ebing und Heinrich Mann


Referat (Ausarbeitung), 2016
7 Seiten, Note: 1,0
Jacqueline Reinisch (Autor)

Leseprobe

Referatsausarbeitung

Seminarthema:

Körper, Krankheit, Klinik

– Der medizinische Diskurs in der Literatur des 18. bis 21. Jahrhunderts

Sitzungsthema:

Medizin & Gender Studies I –

Das Motiv des Lustmordes bei Krafft-Ebing und Heinrich Mann

Texte:

Heinrich Mann: Pippo Spano (1903)

Kraft-Ebing: Psychopathica Sexualis (1886) (Auszug)

Die folgende Ausarbeitung beschäftigt sich mit dem Motiv des Lustmordes in Heinrich Manns 1905 erschienener Erzählung „Pippo Spano“ mitsamt einem Fokus auf der These einer darin enthaltenen weiblichen Lustmörderin. Hierzu wurden vordergründig Krafft-Ebings sexualpathologische Schrift „Psychopathia sexualis“ wie auch Auszüge weiterer kriminologischer Studien herangezogen.

I.

Verschiedene Ereignisse gegen Ende des 19.Jahrhunderts förderten den Aufstieg des Lustmörders zum kriminologischen Erfolgsmodell und in der Literatur zum modernen Antihelden.

Zunächst habe die Erscheinung von Krafft-Ebings 1886 erschienener Schrift „Psychopathia sexualis“ einen großen Teil dazu beigetragen, da die Sexualpathologie hier als wissenschaftliche Disziplin begründet wurde.[1] Die erste Fassung umfasste ca. 110 Seiten mit 45 Krankengeschichten, die jedoch zumeist aus älteren Publikationen übernommen wurden[2] und nicht aus der eigenen Praxis des Autoren stammten. Obwohl erst in der sechsten Ausgabe durch Krafft-Ebing Begriffe wie Sadismus oder Masochismus eingeführt und von ihm definiert wurden, wird ihm die Erfindung des Lustmörders bereits seit der Ur-Ausgabe zugeschrieben.[3] Die Ausgabe des Jahres 1903 umfasste zuletzt 437 Seiten mit 238 Fallgeschichten. Zu beachten sei jedoch, dass Krafft-Ebing auch an Überzeugungen festhielt, für die jedoch keine wissenschaftlichen Belege zu Grunde lagen. So zeigt sich im folgenden Zitat seine Definition von Perversität, nach der jede sexuelle Handlung, die nicht dem Ziel der Fortpflanzung diene, als pervers zu beschreiben sei.[4]

„Als pervers muss […] jede Aeusserung(sic!) des Geschlechtstriebes erklärt werden, die nicht den Zwecken der Natur, i.e. der Fortpflanzung entspricht.“ [5]

Obwohl das Werk zumeist eine Zusammenstellung sexualpathologischer Bestandsaufnahmen darstellt und weniger theoretische Ausführungen und Reflexion enthält, hatte dies für die Kriminologie einen zunehmend großen Wert.[6]

Ein weiterer Faktor zur Förderung der Lustmord-Faszination war die Erscheinung der „Jack-the-Ripper“-Morde im Jahr 1888 in London. Die Morde fanden in der entstehenden Massen- und Boulevardpresse fast täglich durch detailreiche Beschreibungen der Mordopfer und teilweise fotografische Abdrucke Beachtung. Die Art und Weise der Ausführung wie auch die Opfer selbst (Prostituierte) deuteten auf ein Verbrechen mit sexueller Motivation hin.

Obwohl für die Morde kein direktes Motiv vorlag und der Täter nicht mit Sicherheit festgestellt werden konnte, entwickelte sich „Jack the Ripper“ in gesellschaftlicher Ansicht zum Prototyp des Lustmörders. Gerade dieser Entzug des Mörders habe Phantasien gefördert und die Faszination für das Mysteriöse vergrößert. Da dies eine Schnittstelle zwischen kriminologischem und medizinisch/psychopathologischem Wissen darstellte, fand die Phantomerscheinung „Jack the Ripper“ auch Eingang in medizinische Fachzeitschriften oder kriminologische Studien, wie die von Krafft-Ebing, in der er in Beobachtung Nr.17 aufgeführt wurde.[7]

II.

Im folgenden Teil soll zunächst die Definition des Lustmordes mit besonderem Hinblick auf einen weiblichen Lustmord nach Erich Wulffen herausgearbeitet werden. Daraufhin soll Heinrich Manns „Pippo Spano“ auf Hinweise für einen weiblichen Lustmord genauer untersucht werden.

Erich Wulffen unterscheidet in seiner kriminologischen Studie „Der Sexualverbrecher“ aus dem Jahr 1910 einen echten, scheinbaren und vorgetäuschten Lustmord. Dem männlichen Geschlecht werden hier die echten und scheinbaren Lustmorde zugeschrieben. Ein scheinbarer Lustmord sei gemäß seiner Definition ein Mord, der durch Zufälle wie ein Lustmord erscheine, jedoch aus anderen Motiven, wie Totschlag oder Zeugenbeseitigung, geschehe.[8] Ein vorgetäuschter Lustmord könne ausschließlich durch das weibliche Geschlecht, das bereits laut Krafft-Ebing ein geringes Maß an Sexualität besitze[9], bewusst hervorgerufen werden, da Verbrechen dieser Art durch ein Übermaß an Sexualität und damit der Annäherung an den männlichen Typus verschuldet seien.[10] Obwohl der Lustmord durch seine Definition dem männlichen Geschlecht zugeordnet werde, könne die Bezeichnung eines weiblichen Lustmordes jedoch dann stattfinden, wenn eine „Irritation in der herrschenden Geschlechterordnung“ [11] herrsche und damit die Hervorhebung von untypisch weiblichen Begehrensformen stattfinde[12].

Betrachtet man Heinrich Manns Erzählung „Pippo Spano“, wird deutlich, dass der Protagonist Mario Malvoto die männlichen Genre- und Gesellschaftskonventionen nicht erfüllt, da er die Lebensweise des asketischen Künstlers lebt, die beinhalte, dass dem Leben zu Gunsten der Kunst entsagt werde und die soziale Isolation die Voraussetzung des Dichtens sei.[13] Auf Grund dessen beschreibt er sich selbst als zerbrechlich und schwach und sieht in dem Gemälde des Pippo Spano das männliche Ideal, das er anstrebt, um seinen Wunsch nach Stärke, Macht und Beherrschung des Lebens zu erfüllen.[14] Für Gemma hingegen findet sich für eine Frauenrolle eher untypisch die Beschreibung einer „Seele aus Fleisch“ [15] mit besonderer Leidenschaft, was gemäß der Definition Krafft-Ebings eine Abweichung vom typisch Weiblichen bedeuten würde.

Weiterhin kann man an verschiedenen Stellen im Text erkennen, dass Gemma die aktive Kraft der Handlung ist. Dies zeigt sich bereits zu Beginn im Auftreten auf Malvotos Anwesen, wodurch die Beziehung beginnt und sie sich gegenüber dem gesellschaftlichen Ansehen keinerlei Gedanken zu machen scheint.[16] Ihren großen Einfluss auf Marios bisher zurückgezogenes Künstlerdasein zum Leben wird in folgenden Zitaten erkennbar:

„Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo Gemma's kleine, willkürliche Hand noch nichts umgewendet hatte.“ [17]

„Gemma hatte ihn aus einem Komödianten zum Menschen gemacht.“[18]

Besonders zeigt sich Gemmas Stärke und Willenskraft im letzten Abschnitt der Erzählung. Insgesamt fordert sie Mario sechs Mal dazu auf den gemeinsamen Tod zu vollziehen. Mario hingegen versucht weitere Lösungswege zu finden, um Gemmas Ruf wiederherstellen zu können. Mehrfach lässt sich ihre Zielstrebigkeit zum gemeinsamen Tod in der Handlung wiedererkennen. „Sie machte sich schließlich los, […] stützte sich darauf und lächelte ihm zu: »Ich bin bereit.«“ [19]

Ebenfalls zeigt sich die für sie ermessene Wichtigkeit darin, dass sie erst nach Marios Zustimmung zum gemeinsamen Suizid tiefe Gefühle für ihn aussprechen kann, indem sie sagt: „Mir scheint ja, jetzt lieb ich dich erst!“ [20]

Während Mario also zunächst immer wieder Zweifel anbringt, vertritt Gemma erneut den weiblich eher untypischen aktiven und treibenden Part, der gewissermaßen die Regeln festsetzt. Die endgültige Aufhebung der typischen Geschlechterrolle und die Erhebung Gemmas auf eine höhere Position der Macht vollzieht Mario mit den Worten: „«Ich kann doch nicht! Du bist stärker, Gemma–»“[21]

Ein weiterer Hinweis auf einen weiblichen Lustmord findet sich im Glück für Gemma: „»Ich liebe dich so […] daß es kein Glück mehr für mich gibt, als durch dich zu sterben!«“ [22]

[...]


[1] Vgl. Arne Höcker. Epistemologie des Extremen. Lustmord in Kriminologie und Literatur um 1900, München 2012, S. 55.

[2] Georges Bataille, Richard von Krafft-Ebing. Psychopathia sexualis, München 1997, S. 11.

[3] Vgl. Arne Höcker. Epistemologie des Extremen. Lustmord in Kriminologie und Literatur um 1900, S. 59.

[4] Vgl. Georges Bataille, Richard von Krafft-Ebing. Psychopathia sexualis, S. 59.

[5] Ebd., S. 68.

[6] Vgl. Arne Höcker. Epistemologie des Extremen. Lustmord in Kriminologie und Literatur um 1900, S. 61f.

[7] Ebd., S. 55ff.

[8] Vgl. Irina Gradinari. Genre, Gender und Lustmord. Mörderische Geschlechterfantasien in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa, Bielefeld 2011, S. 45.

[9] Vgl. Georges Bataille, Richard von Krafft-Ebing. Psychopathia sexualis, S. 73.

Die genaue Definition des Lustmordes nach Krafft-Ebing wurde im Referat durch eine Kommilitonin genauer erläutert.

[10] Vgl. Irina Gradinari. Genre, Gender und Lustmord. Mörderische Geschlechterfantasien in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa, S. 46.

[11] Ebd., S. 50.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Barbara Thums: Die Macht der Bilder oder der Kampf ums Dasein in Heinrich Manns Künstlernovelle Pippo Spano, in: Gesund oder krank?, hg. von Thomas Anz, Stuttgart (1989), S. 45–60.

[14] Auch der Bereich des asketischen Künstlertums wurde im Referat durch eine Kommilitonin genauer betrachtet und in deren Ausarbeitung erläutert.

[15] Heinrich Mann, Heide Eilert. Künstlernovellen, Stuttgart 1987, S. 21.

[16] Vgl. ebd., S. 37.

[17] Ebd., S. 33.

[18] Ebd., S. 32.

[19] Ebd., S. 45.

[20] Ebd., S. 43.

[21] Ebd., S. 45.

[22] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Das Motiv des Lustmordes bei Krafft-Ebing und Heinrich Mann
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
7
Katalognummer
V436275
ISBN (eBook)
9783668770959
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pippo Spano, Heinrich Mann, Krafft-Ebing, Psychopatica sexualis, Lustmord, Lustmordmotiv, Literaturanalyse, Jack the Ripper, Literaturwissenschaft, Analyse, Deutsche Literatur, Literaturmotiv, Literarisches Motiv, 20. Jahrhundert, Psychopathologie, Mord
Arbeit zitieren
Jacqueline Reinisch (Autor), 2016, Das Motiv des Lustmordes bei Krafft-Ebing und Heinrich Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/436275

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